Soepchens Rezensionen

05.02.2012 um 16:20 Uhr

"Die alltägliche Physik des Unglücks" von Marisha Pessl

Der Roman „Die alltägliche Physik des Unglücks“ ist das Erstlingswerks der US-amerikanischen Autorin Marisha Pessl.

Pessl, die englische Literatur studierte und danach als Finanzberaterin tätig war, begann 2001 mit der Arbeit an ihrem Roman, der 2006 in Amerika veröffentlicht wurde und es in die Bestsellerliste der New York Times schaffte. Das Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt und erschien 2007 in Deutschland.

 

Der Roman beinhaltet die Geschichte eines verwitweten Politikprofessors, der mit seiner minderjährigen Tochter ständig umzieht. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive der jungen Blue, deren Sprachstil den Leser bereits in der Einleitung damit konfrontiert, es mit einer belesenen, überaus gebildeten, altklugen Jugendlichen zu tun zu haben, die einen dennoch in ihren Bann zieht. Man erahnt, dass diese charakteristische Eigenart auf die Erziehung durch ihren doch recht arroganten Vater, Prof. Dr. Gareth van Meer, zurückzuführen ist, dessen Anerkennung sie nur mit Intelligenz und Bildung gewinnen kann.

Da Blue bereits als Vorschulkind ihre Mutter durch einen Autounfall verlor, hat sie keine andere Bezugsperson mehr als ihren Dad. Da dieser zudem nie länger als ein Semester an einem Ort bleibt, kann Blue auch keine richtigen Freundschaften mit Gleichaltrigen schließen. Ihr bleiben nur ihr Vater und die vielen Bücher, die sie liest.

Als Blues letztes High-School-Jahr bevorsteht, eröffnet ihr ihr Vater, dass sie es komplett an einem Ort, nämlich Stockton in North Carolina, verbringen würden. Dort lernt sie die beeindruckende Hannah Schneider bei einem Einkauf in einem Supermarkt kennen, welche sich später als Lehrerin an ihrer Schule erweist. Hannah ist geheimnisvoll und hat einen kleinen Kreis Schüler um sich versammelt, zu denen bald auch Blue gehört. Sie treffen sich außerhalb der Schulzeiten immer in Hannahs Haus. Blue fühlt sich zunächst geschmeichelt, zu den sog. „Bluebloods“ zu gehören, merkt aber bald, dass es sich bei ihnen um einen von sich selbst sehr überzeugten Zirkel handelt, der sich für elitär hält, auf alle anderen jedoch herabsieht. Sie verehren Hannah, wissen aber eigentlich nichts Genaueres über sie.

Es dauert nicht lange, bis sich zwischen den „Bluebloods“ und Blue eine Distanz herstellt, die offensichtlich unüberbrückbar ist. Sie dulden sie nur in ihrem Kreis, weil Hannah darauf besteht. Und Blue interessiert sich eigentlich nur dafür, welches Geheimnis Hannah verbirgt.

Die Situation eskaliert, als Hannah mit den „Bluebloods“ einen Campingausflug in einem Nationalpark macht und plötzlich verschwindet. Blue findet sie schließlich erhängt an einem Baum im Wald und bekommt einen Schock. Sie kann nicht glauben, dass Hannah tatsächlich Selbstmord begangen hat, obwohl die polizeiliche Untersuchung nichts anderes ergibt. Zu Blues Trauma kommt auch noch die Ablehnung und Verurteilung durch die „Bluebloods“, die Blue die Schuld an Hannahs Tod geben, weil sie als Letzte mit ihr zusammen gewesen war.

Da Blue nicht an Hannahs Selbstmord glauben will, beginnt sie damit, alles über Hannah Schneider zu recherchieren und es stellt sich bald heraus, dass deren Leben auf einer großen Lüge basiert und sie darüber hinaus einst die beste Freundin ihrer verstorbenen Mutter war. Ebenso stellt sich heraus, dass auch das Leben ihres von ihr so verehrten Vaters kaum etwas anderes als eine Seifenblase gewesen ist, denn Blue findet heraus, was er und Hannah mit einer politischen Bewegung zu schaffen haben, von der man annimmt, sie sei seit Jahren nicht mehr existent. Die Folge davon ist, dass Prof. van Meer aus dem Leben seiner Tochter verschwindet, ohne sich von ihr zu verabschieden. Von all dem desillusioniert wird Blue mit einem Schlag erwachsen und ist gezwungen, die Verantwortung für sich allein zu tragen. Im letzten Kapitel überzeugt sie mit ihrer Abschlussrede auf dem High-School-Fest jedoch davon, dass sie dies ganz sicher bewerkstelligen wird und gibt Ausblick auf ihre weitere Zukunft, womöglich mit einem echten Freund.

 

Der Roman ist in einem flüssigen Stil geschrieben und die Protagonistin zieht den Leser sofort in ihren Bann. Man fühlt mit Blue, empfindet Mitleid mit ihrer Situation und kann durchaus nachvollziehen, wie anstrengend das Leben mit einem von sich selbst überzeugten Vaters ist, der viel von seiner Tochter verlangt, welche für ihr Alter viel zu reif wirkt. Die Beziehung zwischen den beiden scheint oberflächlich intakt zu sein, aber dennoch hat man beim Lesen immer den Eindruck, dass zwischen Prof. van Meer und seiner Tochter etwas Unausgesprochenes liegt.

Das Werk ist interessant und spannend, weil man genau wie Blue, natürlich wissen will, was sich wirklich hinter der geheimnisvollen Hannah Schneider und den „Bluebloods“ verbirgt. Die Erkenntnisse, die Blue dabei gewinnt, sind überraschend, fügen sich im Nachhinein jedoch zu einem gut nachvollziehbaren Gesamtbild zusammen.

Das Einzige, was den Lesefluss etwas stört, sind die ständig eingestreuten Zitate mit Quellenangaben, die die Belesenheit Blues dokumentieren sollen. Die Autorin hätte hier doch ein wenig Mitleid mit ihrer Protagonistin und der Leserschaft haben sollen. Weniger Zitate wären in dem Fall ein Gewinn gewesen.

30.12.2011 um 20:12 Uhr

Worum es hier geht

Hier werde ich meine persönlichen Eindrücke und Ansichten zu Büchern, Artikeln, Filmen und Serien etc. darlegen. Aber es geht erst im neuen Jahr damit los.

Also, auf ein gutes Neues Jahr 2012!!!

Verrückt