Solo zu zweit

29.10.2008 um 00:20 Uhr

Rettet das innere Kind?

Ganz ehrlich - mal eine kurze Zwischenfrage: Wie alt muss man eigentlich werden, um erwachsen zu sein? Ich persönlich will meistens in GENAU den Momenten erwachsen sein, in denen ich es defintiv NICHT bin, weil ich viel gerade viel zu naiv und gutgläubig durchs Leben renne.

Aber immer dann, wenn ich mir dessen bewusst werde, dass ich gerade naiv und gutgläubig bin, denke ich: Ich bin wohl annähernd erwachsen - ansonsten würde mir meine eigene Naivität wahrscheinlich nicht mal auffallen! Oder sie würde mich zumindest nicht stören.

Ist man aber denn nicht viel glücklicher, wenn man mit Gutgläubigkeit durch's Leben spaziert? - Auch wenn man damit nie richtig erwachsen wird. Kann mir das mal jemand beantworten? 

24.10.2008 um 20:38 Uhr

HILFE!! Mein Nachbar wohnt neben mir!

Immer, wenn Nachbar sich über einen längeren Zeitraum (sprich 2 bis 7 Wochen lang) nicht bei mir meldet -was regelmäßig ungefähr zwei Mal im Jahr vorkommt und dann eigentlich immer in den Phasen – in denen ICH ÜBERHAUPT gar nicht damit rechne, dass ER gerade jetzt allem Anschein nach wieder mal eine Auszeit von mir benötigt – werde ich wütend!

Ich werde nicht SOFORT wütend – die ersten Nicht-Melde-Tage meines Nachbarn verbringe ich eigentlich bloß damit, mich zu wundern. Ich wundere mich einfach – darüber, dass Nachbar sich Sonntagsabends plötzlich NICHT meldet, um mich zum Tatort gucken einzuladen, obwohl er das ja sonst fast immer tut. Ich wundere mich auch darüber, warum ÜBERHAUPT ich von einem auf den anderen Tag keine SMS mehr von ihm erhalte. (Nachbar verschickt grundsätzlich unheimlich gerne SMS mit weltbewegenden Neuigkeiten aus seinem interessanten Leben).

Ich wundere mich solange, bis ich an den Punkt komme, mich zu fragen, warum ein Mann, mit dem ich bei unserem letzten Treffen noch ausgiebig Sex hatte (und das ja nun auch nicht zum ersten Mal), es plötzlich von einem auf den anderen Tag nicht mehr für nötig hält, sich bei mir zu melden! Ich wundere mich darüber, dass ein Mensch, dem ich seit Jahren mit Verständnis, Respekt und Nettigkeit entgegentrete, mich mit völliger Nichtachtung einfach mal so kurzzeitig abserviert. Ist das nicht gemein?

Wenn Nachbars-Nicht-Melden so weit fortgeschritten ist, dass ich mir diese Fragen stellen muss, ist mein Gefühlsleben hin und her gerissen – einerseits möchte ich in solchen Momenten am liebsten weinen, weil ich mich so AUSGENUTZT fühle. Andererseits macht sich in mir eine große furchtbare, nicht zu unterschätzende Aggression breit, weil Nachbar scheinbar denkt, mich AUSNUTZEN ZU KÖNNEN.

Der innere Teufel in mir sagt: „Geh doch rüber und schmeiß dem hässlichen Schlappschwanz-Vollkonk ganz viele fiese Dinge an den Kopf, scheuer ihm anschließend eine und hau dann hoch erhobenen Hauptes (ohne vorher Sex gehabt zu haben) galant wieder ab.

Aber ich bin ja ein Engel – und so etwas Gemeines zu tun, liegt mir leider mehr als fern. Also, warte ich meistens ab. Ich warte und warte und warte… und dann resigniere ich – irgendwann. Und vergesse nach zwei bis drei Wochen manchmal sogar, dass ich einen Nachbarn habe – Bis ich ihm auf der Straße begegne! So wie heute, als er mit seiner bescheuerten Prollkarre an mir vorbeifuhr. Ich habe ihn und das Auto ignoriert! Genauso wie ich seine lächerlichen – Jetzt-Melde-Ich-Mich-Doch-Wieder-SMS der letzten Tage ignoriert habe.

Hilfe, mein Nachbar wohnt neben mir.

15.10.2008 um 22:58 Uhr

Lieblings-Nachbar

Es ist ja nun mal so, dass man sich oft nur sehr schwer von den Dingen trennen mag, an die man gute Erinnerungen hat. Und im Großen und Ganzen ist ja vieles, an dem man dauerhaft hängt, mit einer besonders schönen Geschichte verbunden.

Man hebt einfach nicht jahrelang grundlos uralte Liebesbotschaften oder Fotos in irgendwelchen Kisten auf! Man hebt sie nur dann auf, wenn sie zu ihrer Zeit einmal eine große Bedeutung hatten.

Und mal ehrlich: Eine hässliche alte Jeans, die seit zehn Jahren ungetragen im Kleiderschrank liegt - unter anderem weil sie mittlerweile mindestens zwei Größen zu eng ist, obwohl man sie in ihren Hoch-Zeiten als Baggy getragen hat, landet doch auch nur aus einem einzigen Grund nicht im Müll: Weil sie vor langer Zeit einmal einen hohen Stellenwert im Leben inne hatte: Sie war nämlich NICHT irgendeine Jeans, sondern DIE Lieblings-Jeans. Mit der Lieblings-Jeans an den Beinen hat man einfach ziemlich gute Zeiten verbracht.

Jedes Mal, wenn man die Lieblings-Jeans Jahre später zufällig nochmal aus den hintersten Ecken seines Kleiderschranks hervorkramt, denkt man darüber nach, sie jetzt endlich in die Altkleidersammlung zu geben!

Man denkt darüber solange nach bis man plötzlich zögert: Weil doch eigentlich viel zu viele schöne Erinnerungen mit dieser Jeans verknüpft sind. Im schlimmsten Fall redet man sich in dieser entscheidenden Trennungs-Situation auch noch zusätzlich ein, dass genau diese Lieblings-Jeans irgendwann vielleicht doch wieder in Mode kommen könnte. Und wenn man bis dahin dann auch noch sechs Kilo abgenommen hätte …

Wahrscheinlich geht es mir persönlich mit meiner Lieblings-Jeans ähnlich wie mit meinem Nachbarn. Obwohl ich weiß, dass es völlig sinnfrei ist, ihn in meinem Leben zu horten, kann ich ihn nicht wegwerfen.

Denn auch das Verhältnis von meinem Nachbarn und mir ist mit einer schönen Geschichte verbunden, die ich nicht vergessen mag. Und mit meinem Nachbarn habe ich einfach ziemlich viele gute Zeiten verbracht – besonders damals, als alles begann.

10.10.2008 um 23:07 Uhr

Nachbars Lightshow

Nachbar und ich wohnen nicht im selben Haus, viel schlimmer - er wohnt mir schräg gegenüber. Von meinem Schlafzimmerfenster aus kann ich seinen Wohnbereich bestens überblicken.

Ich war jeher eher ein Sommermensch. Aber in den letzten Jahren, in denen die zwischenmenschliche Katastrophe zwischen Nachbar und mir ihren Lauf genommen hat, habe ich den Sommer auch über die geläufigen Vorzüge (Wärme, Sonne, Urlaub ...) hinaus lieb gewonnen. Und dafür gibt es einen triftigen Grund: Im Sommer verzichtet man ja weites gehend auf Licht in der Wohnung. Und genau das tut auch Nachbar - Stromsparen! Auch in seiner Wohnung ist es an Sommerabenden glücklicherweise so hell, dass er kein zusätzliches Licht benötigt. Und mir kommt genau das mehr als recht.

Für jeden, der sich nicht in meiner Nachbarschaftssituation befindet, ist es vielleicht unverständlich. Aber meiner kleinen Seele schadet  es einfach ungemein, wenn ich dazu genötigt bin, meinem Nachbarn beim Fernsehgucken, Abendessen oder Telefonieren zuzugucken. Ich will auch gar nicht wissen, wann er schlafen geht. Ehrlich. Es interessiert mich nicht! Sein Alltag interessiert mich nicht. Und noch viel weniger interessiert es mich, ob er Besuch (wohlmöglich von fremden Frauen) hat. Dennoch kenne ich die Gewohnheiten meines Nachbarn mittlerweile ziemlich genau. Und daran ist der Winter Schuld. Im Winter eröffnet sich mir  regelmäßig irgendwann am Abend zwischen 18.00 und 21.00 Uhr die breite Nachbarschaftswelt. Licht an. Klappe fällt- Und bitttte: Nachbar wie er leibt und lebt! Und danke! Ich fühle mich an solchen Abenden wie eine neugierige, bekloppte Stalkerin, selbst wenn ich gar nicht mit Absicht aus dem Fenster gucke.

Sicherlich habe ich gelernt, dem Fenster zum Nachbarn so wenig wie möglich Beachtung zu schenken. Meine eigene Gewohnheit, genau aus diesem Fenster heraus abends vor dem Einschlafen noch eine Zigarette zu rauchen, habe ich aufgegeben. Was soll's? Seit ich Nachbar kenne, rauche ich halt eben am Küchenfenster. Und muss dazu jedes Mal zunächst das komplette Fensterbrett abtakeln. Diverse Terrakottatöpfe, mein Basilikum, zwanzig Minuten Vorbereitungszeit für eine Gute-Nacht-Zigarette. Kein Ding, alles besser, als sich wie eine nimmersatte Stalkerin zu fühlen. 

Heute Abend bleibe ich von Nachbars Lightshow scheinbar verschont. Drüben ist es dunkel. Eigentlich sollte ich mich jetzt freuen. Eigentlich könnte ich genau diesen herrlichen idealen Moment ausnutzen und mal wieder richtig schön großzügig mein Fenster zum Nachbarn öffnen, um genau dort die nächsten zwei Stunden Kette zu rauchen.  Dazu habe ich aber keine Lust, denn Dunkel finde ich heute Abend noch bescheuerter als jeden nervigen beleuchteten Nachbarschaftsfilm.  Dunkel impliziert nämlich, dass  Nachbar gerade unterwegs ist. Dunkel bedeutet, Nachbar treibt sich irgendwo rum. Was genau er dort tut, will ich lieber gar nicht wissen. Wieso hat Nachbar an diesem Freitagabend etwas vor, während ich schon seit über einer halben Stunde wieder brav zuhause sitze?

Licht oder Dunkel. Wie man es dreht, alles doof. Manchmal frage ich mich, ob Nachbar mir eigentlich überhaupt irgendetwas recht machen kann.  

08.10.2008 um 21:37 Uhr

Grundregel Nummer eins

Neulich hat mein Nachbar sich beschwert.

Wir verbrachten einen ziemlich harmonischen Abend miteinander auf seinem Bett und tranken Bionade. Nachbar erzählte mir was - sehr wahrscheinlich ging es um seine Arbeit. Nachbar kann stundenlang von seiner Arbeit erzählen. Seine Arbeit betreffend ist Nachbar ein äußerst leidenschaftlicher Mensch.

Ich bin ja immer ganz froh, wenn Nachbar von seiner Arbeit spricht. In seiner Arbeit geht Nachbar nämlich so sehr auf, dass ihm kaum Zeit bleibt, den aktuellen Stand der Bundesliga zu thematisieren. Außerdem ist es so, dass Nachbar - solange er sich auf seine Arbeit konzentriert - meistens vergisst, mich zu beleidigen.

Wie auch immer es an diesem harmonischen Abend dazu kam, aber Nachbar fiel plötzlich auf, dass ich mich selten bei ihm melde. Von einem auf den anderen Moment - während wir da so friedlich nebeneinander Bionade schlürften - schien Nachbar auf den Trichter gekommen zu sein, dass in den vergangenen Monaten immer ER es war, der sich von uns beiden ZUERST gemeldet hat.

Nachbar realisierte tatsächlich auf einmal ein zwischenmenschliches Grundprinzip zwischen uns, welches im Großen und Ganzen folgendermaßen funktioniert: Nachbar schlägt ein Treffen vor und ich sage - fast immer - zu.

Ich war etwas überrascht über Nachbars plötzlichen Geistesblitz. Und noch viel überraschter war ich, als Nachbar anmerkte, dass er es schon durchaus für gut heißen würde, wenn auch ich einmal die Initiative ergreifen würde. Ja, Nachbar beklagte tatsächlich den Umstand, dass er sich immer bei mir melden muss, wenn es um Verabredungen geht. Er sprach mir ziemlich ins Gewissen. Er beschwerte sich darüber, dass ich angeblich immer nur auf ihn reagiere und viel zu selten agiere.

Womit Nachbar nicht ganz unrecht hat. Natürlich war das nicht immer so. Aber für meine Zurückhaltung habe ich gute Gründe. Nachbar gibt nämlich einfach sehr gerne den Ton an. Es bringt nichts, wenn ich ihn nach einem Treffen frage: Entweder er hat keine Lust oder keine Zeit. Genauso ist es! Dreieinhalb Jahre Nachbarschaftserfahrung haben mich gelehrt, dass Nachbar es mich schon wissen lässt, wenn er das Bedürfnis hat, mich zu sehen.

Dennoch habe ich mir Nachbars Beschwerde zu Herzen genommen. Zwei Wochen lang habe ich mit mir gehadert – in der Zwischenzeit hatten Nachbar und ich uns schon dreimal auf seine Initiative hin getroffen. Letzten Sonntag war es soweit. Ich hatte das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem Lilly Piepenbrock endlich mal wieder ein Treffen vorschlägt!

Sonntagabend ist ein guter Abend, dachte ich. 85 Prozent aller Sonntagabende im Jahr verbringen Nachbar und ich sowieso gemeinsam. In den letzten acht Wochen (abgesehen von der Zeit, in der Nachbar sich im Ausland aufhielt) gab es KEINEN Sonntagabend, an dem Nachbar und ich uns nicht getroffen haben.

Nachbar schlägt das Sonntagabendtreffen in der Regel irgendwann im Laufe des Sonntagnachmittages vor. Wenn Nachbar am Wochenende Kölsch in rauen Mengen konsumiert, kann es auch passieren, dass mich freitags oder samstags in der Zeitspanne zwischen halb eins nachts und fünf Uhr morgens eine meist fast gefühlvolle SMS erreicht, in der er mich nach dem Sonntagabendritual -Tatort gucken- fragt. Ich sage eigentlich immer ZU.

Letzten Sonntag habe ich mir ein Herz gefasst. Ich bin Nachbar zuvor gekommen. Ich habe ihn gefragt, ob wir zusammen Fernsehen gucken wollen. Nachbars Antwort war kurz und ernüchternd.

Das erste Mal, das ICH seit sehr seit langer Zeit die Initiative ergriffen habe. Und nach etlichen gemeinsamen Tatort-Abenden in Folge - hat Nachbar mir vergangenen Sonntag ABgesagt. Er hatte weder Zeit, noch Lust mich zu treffen. Er war schlicht und einfach zu müde.

Ich bin sehr schwer verärgert.

06.10.2008 um 18:43 Uhr

Lachen oder weinen

Grundsätzlich verbringe ich einfach unheimlich viel Zeit damit, mich über meinen Nachbarn zu ärgern. Wenn ich mich nicht gerade ärgere, bin ich meistens damit beschäftigt, den nächsten vorprogrammierten Ärger abzuwenden. Mein letzter Geburtstag ist ja das beste Beispiel:

Zweieinhalb Wochen habe ich in meine kräftezehrenden Bemühungen investiert, ihn an seine Aufgabe (mir zu gratulieren) zu erinnern. Und dabei habe ich nur ein großes Ziel verfolgt: Mich an meinem Geburtstag einmal nicht über Nachbar ärgern zu müssen.

Umso deprimierender das Ergebnis meiner Anstrengungen, als er sich schließlich - trotz all meiner Vorbereitungsarbeit - den ganzen Geburtstag lang nicht meldete!

Ja, wie fühlt man sich denn da? Allein der Umstand, seinem Nachbarn (oder dem Mann, mit dem man seit Jahren schläft) überhaupt wochenlang eintrichtern zu müssen, den Geburtstag in diesem Jahr bitte nicht zu vergessen, ist ja streng genommen schon ärgerlich. Aber wenn Nachbar deine vorsorglichen Bemühungen dann auch noch an ausgerechnet dem einem Tag, in den du zweieinhalb Wochen investierst hast, völlig ignoriert - das grenzt irgendwie ans Unverschämte. Natürlich habe ich mich geärgert!

An meinem Geburtstag - bis nachmittags um halb vier in etwa, habe ich gehofft, er würde sich melden. Anschließend habe ich angefangen, innerlich wütend zu werden. Zwei Stunden später nahm die Verzweiflung und Enttäuschung über sein ignorantes Verhalten überhand und als ich mich schließlich schlafen legte, hatte ich schon völlig resigniert. Umso erleichternder Nachbars erlösender Anruf und dieses zuckersüße Ständchen, als mein Geburtstag schon fast vorüber war.

Es sind genau diese Momente, in denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Ich weiß nicht, ob es mir lieber gewesen wäre, wenn er wie alle meine normal gestrickten Freunde im Laufe des Tages angerufen und drei Worte gesagt hätte: "Herzlichen Glückwunsch, Lilly." Dann hätte ich mich zumindest nicht ärgern müssen. Aber ist ein Geburtstagsständchen, auch wenn es fast zu spät kommt, nicht viel einzigartiger und schöner als jeder Null-Acht-Fünfzehn Glückwunsch?

Am Tag nach meinem Geburtstag hat Nachbar mich eingeladen. Wir haben zu zweit zusammen friedlich nebeinander auf seinem Sofa gesessen, Salzstangen und Schokolade gegessen und einen Film geguckt. Ein nachträgliches Geburtstags-DVD gucken, so hat Nachbar es ausgedrückt.

Ich weiß nicht, ob der ganze Ärger es wert ist - dafür, dass Nachbar im Endeffekt ganz manchmal für mich persönlich das ganz Besondere und das ganz Richtige tut.

02.10.2008 um 21:06 Uhr

Überwintern leicht gemacht

Überwintern leicht gemacht ist wieder da.

Kurzzeitig musste ich das Internetschreiben in einem leicht theatralisch-dramatischen Anflug von Panik aufgeben, da mein Nachbar mir beinahe auf die Schliche gekommen wäre.

Aber ab sofort schreibe ich meine Weihnachtsgeschichte weiter: Sie handelt von einem beinahe platonischen Freund namens Nachbar und von mir. Ich heiße Lilly Piepenbrock und ich bin ein Engel.

Und mein Nachbar - für all diejenigen, die ihn noch nicht kennen - der ist (um einmal mittendrin anzufangen) im Ungefähren folgendermaßen drauf:

Nachbar verdrängt meine Existenz nicht nur an Weihnachten. Er vergisst auch meinen Geburtstag.

Ich bin ja selbst kein Zahlenmensch und Daten kann ich mir ohne Kalender schlecht merken. Aber ausgerechnet Nachbars Geburtstag ist so ein Datum, an das ich mich wahrscheinlich in zwanzig Jahren ohne jegliche Hilfsmittel noch erinnern werde: Nachbar ist genau fünf Jahre und zwei Tage vor mir auf die Welt gekommen. Wenn ich Geburtstag habe, hatte Nachbar VORGESTERN. Logisch. Scheinbar nicht für Nachbar. Denn ihm ist zwei Mal in drei Jahren entfallen, dass er mir einfach nur ÜBERMORGEN gratulieren müsste.

Im dritten Jahr hatte ich genug davon. Ich wollte nicht noch einmal meinen ganzen Geburtstag lang vergebens darauf warten, dass Nachbar sich endlich meldet, um drei Worte zu sagen: „Herzlichen Glückwunsch, Lilly!“ Ich war mit meiner Geduld am Ende. Also habe ich zweieinhalb Wochen vor meinem Geburtstag damit begonnen, ihn auf die anstehende Gratulation vorzubereiten. Ich habe ihn täglich daran erinnert, dass nicht nur er, sondern auch ich in Kürze Geburtstag feiern werde. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass ich es begrüßenswert fände, wenn nicht nur ich ihm vorgestern, sondern auch er mir übermorgen alles Liebe und Gute wünsche würde.

Ich bin soweit gegangen, dass ich ihn in größerer Runde an meinen Geburtstag erinnert habe. Wir saßen mit seinen Kumpels in einer Kneipe, tranken Kölsch und guckten Fußball. Ich drohte, ihm einen Knigge zum Geburtstag zu schenken, wenn er meinen vergäße. Er drohte mir im Gegenzug mit einen Topf Schweinskopfsülze. Die Fußballjungs fanden unseren Dialog amüsant. Ich langweilte mich.

Damals befanden Nachbar und ich uns gerade in einer reinen Freundschaftsphase ohne Geschlechtsverkehr. Wenn wir den rein platonischen Umgang miteinander pflegen, neigt Nachbar dazu, mich zum Fußball gucken mitzuschleppen. Er dürfte wissen, dass ich mich für Fußball außerhalb der großen Events (WM, EM) nicht interessiere. Ich habe es ihm häufig genug gesagt. Dennoch macht er mich in platonischen Phasen automatisch immer zu seiner Fußballfreundin. Ich verzeihe ihm das. Ich hätte ihm vielleicht auch meinen Stadionbesuch verschweigen müssen. Ich denke, Nachbar hat dieses – mein Stadionerlebnis - missverstanden.

Der einzige Stadionausflug meines Lebens hatte nicht viel mit Fußballleidenschaft zu tun. Er war vielmehr eine Gefälligkeit unter Kollegen. Kollegialität wird in meiner Firma groß geschrieben. Ich bin damals spontan für Dauerkarten-Besitzer Kollege Bernhard eingesprungen. Bernhard befand sich in der Bredouille. Er musste ins Krankenhaus. Seine Frau Rita hatte die Geburt des dritten gemeinsamen Kindes schwierig getimt. Die Wehen setzten ein, als Bernhard gerade in sein Fanoutfit schlüpfte. Kind oder Dauerkarte! Bernhard war verzweifelt. Ich hatte schlicht und einfach Mitleid.

Weder schenkte ich Nachbar einen Knigge, noch er mir einen Topf Schweinskopfsülze. Wir schenkten uns gar nichts. Ich schrieb Nachbar zu seinem Geburtstag eine hübsche Postkarte mit ausgesprochen lieben Geburtstagswünschen. P.S: Vergiss nicht, mir übermorgen zu gratulieren. Zwei Tage später wartete ich vergebens auf Nachbars Glückwünsche. Ich feierte mit meinen anderen Freunden und wartete - nebenbei. Ich erhielt etliche E-Mails, Anrufe und SMS – nur nicht von Nachbar. Der meldete sich nicht.

Als mein Geburtstag schon fast vorbei war und ich erschöpft – vom Feiern und vielen Warten - ins Bett fiel, rief Nachbar an und sang mir ein Geburtstagsständchen. Er sang „Wie schön, dass Du geboren bist“ - drei Strophen und den Refrain. Er ließ sich nicht unterbrechen. Ich wurde am Telefon rot.„Wenn ich nicht der erste sein kann, dann will ich wenigstens der letzte sein“ sagte er.