Neulich hat mein Nachbar sich
beschwert.
Wir verbrachten einen ziemlich
harmonischen Abend miteinander auf seinem Bett und tranken Bionade. Nachbar erzählte mir was -
sehr wahrscheinlich ging es um seine Arbeit. Nachbar kann stundenlang von seiner Arbeit erzählen. Seine Arbeit
betreffend ist Nachbar ein äußerst leidenschaftlicher Mensch.
Ich bin ja immer ganz froh, wenn Nachbar von seiner
Arbeit spricht. In seiner Arbeit geht
Nachbar nämlich so sehr auf, dass ihm kaum Zeit bleibt, den aktuellen Stand der
Bundesliga zu thematisieren. Außerdem
ist es so, dass Nachbar - solange er sich auf seine Arbeit konzentriert - meistens
vergisst, mich zu beleidigen.
Wie auch immer es an diesem harmonischen
Abend dazu kam, aber Nachbar fiel
plötzlich auf, dass ich mich selten bei ihm melde. Von einem auf den anderen
Moment - während wir da so friedlich nebeneinander Bionade schlürften - schien
Nachbar auf den Trichter gekommen zu
sein, dass in den vergangenen Monaten immer ER es war, der sich von uns beiden ZUERST
gemeldet hat.
Nachbar realisierte tatsächlich
auf einmal ein zwischenmenschliches
Grundprinzip zwischen uns, welches im Großen und Ganzen folgendermaßen
funktioniert: Nachbar schlägt ein Treffen vor und ich sage - fast immer - zu.
Ich war etwas überrascht über
Nachbars plötzlichen Geistesblitz. Und noch viel überraschter war ich, als
Nachbar anmerkte, dass er es schon durchaus für gut heißen würde, wenn auch ich
einmal die Initiative ergreifen würde. Ja, Nachbar beklagte tatsächlich den
Umstand, dass er sich immer bei mir melden muss, wenn es um Verabredungen geht.
Er sprach mir ziemlich ins Gewissen. Er beschwerte sich darüber, dass ich
angeblich immer nur auf ihn reagiere und viel zu selten agiere.
Womit Nachbar nicht ganz unrecht
hat. Natürlich war das nicht immer so. Aber für meine Zurückhaltung habe ich gute
Gründe. Nachbar gibt nämlich einfach sehr gerne den Ton an. Es bringt nichts,
wenn ich ihn nach einem Treffen frage: Entweder er hat keine Lust oder keine
Zeit. Genauso ist es! Dreieinhalb Jahre
Nachbarschaftserfahrung haben mich gelehrt, dass Nachbar es mich schon wissen
lässt, wenn er das Bedürfnis hat, mich zu sehen.
Dennoch habe ich mir Nachbars
Beschwerde zu Herzen genommen. Zwei
Wochen lang habe ich mit mir gehadert – in der Zwischenzeit hatten Nachbar und
ich uns schon dreimal auf seine Initiative hin getroffen. Letzten Sonntag war
es soweit. Ich hatte das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem Lilly
Piepenbrock endlich mal wieder ein
Treffen vorschlägt!
Sonntagabend ist ein guter Abend,
dachte ich. 85 Prozent aller Sonntagabende im Jahr verbringen Nachbar und ich
sowieso gemeinsam. In den letzten acht
Wochen (abgesehen von der Zeit, in der Nachbar sich im Ausland aufhielt) gab es
KEINEN Sonntagabend, an dem Nachbar und ich uns nicht getroffen haben.
Nachbar schlägt das
Sonntagabendtreffen in der Regel irgendwann im Laufe des Sonntagnachmittages
vor. Wenn Nachbar am Wochenende Kölsch in rauen Mengen konsumiert,
kann es auch passieren, dass mich freitags
oder samstags in der Zeitspanne zwischen halb eins nachts und fünf Uhr morgens eine meist fast gefühlvolle SMS erreicht, in der er mich nach dem Sonntagabendritual
-Tatort gucken- fragt. Ich sage eigentlich immer ZU.
Letzten Sonntag habe ich mir ein
Herz gefasst. Ich bin Nachbar zuvor gekommen. Ich habe ihn gefragt, ob wir
zusammen Fernsehen gucken wollen. Nachbars Antwort war kurz und ernüchternd.
Das erste Mal, das ICH seit sehr
seit langer Zeit die Initiative ergriffen habe. Und nach etlichen gemeinsamen
Tatort-Abenden in Folge - hat Nachbar mir vergangenen Sonntag ABgesagt. Er hatte weder Zeit, noch Lust mich zu
treffen. Er war schlicht und einfach zu müde.
Ich bin sehr schwer verärgert.