Kaum ein Gegensatz liegt näher beieinander als Glück und Unglück.
Es ist doch tragisch. Da ist man gerade noch glücklich bis zum anderen Ende der
Welt und von jetzt auf gleich weicht jedes Glücksgefühl dem kompletten Unglück.
Im schlimmsten Fall hat man sich das spontane Unglücklichsein auch noch selbst
eingebrockt.
Es ist ja nicht so, als hätte Telefonfreund irgendetwas
falsch gemacht. Nö. Er hat in den vergangenen Wochen ernsthaft über eine Beziehung
mit mir nachgedacht. Hat er. Da bin ich sehr sicher. Denn er hat außerdem gehandelt! Er hat jeden Tag angerufen.
Und dann hat er alle telefonischen Barrieren gesprengt und ist
zu mir gekommen. Er hat mich ins Kino ausgeführt und zum Essen eingeladen, er
ist mit mir spazieren gegangen, er hat mich in den Arm genommen und er hat liebe
Sachen gesagt. Wir haben gelacht und geredet. Er hat nachts freiwillig auf eine
eigene Bettdecke verzichtet und sich bei der Aktion den Rücken verkühlt.
Hauptsache, ich hatte es schön warm. Mehr
braucht man nun wirklich nicht zum Glücklichsein. War ich ja auch – glücklich.
Bis ich mich vor drei Tagen selbst unglücklich gemacht habe.
Zu viel Glück scheint mir nicht gut zu bekommen. Ich habe Telefonfreund Sachen gesagt, die … ungünstig
waren. Meine Entschuldigung nützt nix. Telefonfreund meldet sich nicht.
Heute vor ein paar Jahren bin ich vom Hocker gestürzt. Heute
vor ein paar Jahren hat Telefonfreund mir zum ersten Mal aus der Patsche geholfen.
Ich weiß nicht, ob Telefonfreund sich dessen bewusst ist, dass er heute vor ein
paar Jahren in mein Leben getreten ist. Ich würde ihn gerne daran erinnern.
Aber das Telefon klingelt nicht.