Musik: Edvard Grieg - In der Halle des Bergkönigs
Nach meiner Herumheulerei, wegen Angst im Keller und so, könnte möglicherweise der Eindruck entstanden sein, ich wäre ein Weichei. Das ist natürlich Quatsch, ich bin eigentlich ein ganz harter Kerl. Wollte ich nur so nebenbei mal gesagt haben. Im Grunde ist es mir ja auch völlig egal, was andere über mich denken. Lassen wir das am besten und kommen zu einem völlig anderen Thema...
Eventuell habe ich es bereits erwähnt - einmal im Monat fahre ich nach Italien, genauer gesagt zum Matterhorn. Ich bin ja leidenschaftlicher Bergsteiger, aber da es zu teuer ist, mehrmals im Jahr in den Himayala zu fliegen, begnüge ich mich eben mit kleineren Bergen, die in der Nähe sind. Von Chemnitz bis Aosta sind es natürlich trotzdem ein paar Kilometer, aber dank meines rassanten Fahrstils bin ich eigentlich doch recht schnell dort. Mein Karate-Trainer sagt zwar immer "In der Ruhe liegt die Kraft", aber das gilt sicherlich nicht für das Autofahren.
Gestern war es jedenfalls wieder soweit. Gegen neun Uhr am Morgen erreichte ich die Hauptstadt des Aostatals und wurde wie immer von den dort lebenden Kindern begrüßt, die fröhlich winkend neben dem Auto die Straße entlang rannten und "Il re di Monte Cervino è nella città" riefen, was so viel heißt wie "Der König des Matterhorns ist in der Stadt". Auch die alten Italiener, die auf dem Marktplatz standen, um mit den Verkäuferinnen flirten zu können, winkten mir fröhlich zu. - Übrigens, ganz nebenbei gesagt, an den alten Leuten in Italien sollten sich unsere Rentner mal ein Vorbild nehmen. Da sieht man keinen in weißen Socken und Sandalen, mit einem Gartenzwerg unter dem Arm, den sie für ihren Garten gekauft haben. Nein, italienische Rentner altern in Würde. Deren Kinder müssen sich nicht für sie schämen.
Aber wieder zurück zum eigentlichen Thema. Als ich am Markt vorbei fuhr, fiel mir etwas Interessantes auf. Der Zirkus war in der Stadt, und um sich scheinbar ein paar Euro nebenbei zu verdienen, hatten sie auf dem Platz einen kleinen Boxring aufgebaut, in dem mutige, junge Männer die Chance bekamen, gegen ein Känguru zu boxen. Da dachte ich mir so, daß das doch die perfekte Aufwärmübung für mein heutiges Vorhaben war und parkte sogleich das Auto am Marktplatz. Ich signalisierte dem Tierbesitzer meine Kampfbereitschaft. Gerade mal 5 Euro kostete mich der Kampf, und würde ich gewinnen, bekäme ich sogar 100 Euro als Siegespreis. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen und betrat hoch motiviert den Boxring. Als der Gong ertönte, stürmte das Känguru, wahrscheinlich genau darauf trainiert, sofort auf mich zu und verpasste mir mit seiner Pfote einen Schlag ins Gesicht. Den zweiten Schlag konnte ich jedoch geschickt ausweichen und nutzte die Gelegenheit, um dem Beuteltier eine harte Linke zu verpassen. Daraufhin wurde es richtig wütend und brügelte energisch auf mich ein. Ich mußte einige Treffer einstecken, bis ich endlich aus der Ecke, in die es mich gedrängt hatte, fliehen konnte. Als sich mein pelziger Gegner neu aufstellen wollte, um mich wieder schlagen zu können, stellte ich mich einfach auf seine langen Füße und schlug mehrfach auf seinen Kopf ein, der dabei wie ein Punching Ball hin und her wippte. Als ich merkte, daß ich das Tier weichgeschlagen hatte, stieg ich wieder von seinen Füßen herunter, holte weit aus und verpasste ihm mit aller Kraft einen weiteren Schlag. Das Känguru flog nach hinten und fiel dann regungslos zu Boden. Ich hatte es tatsächlich k.o. geschlagen. Das Publikum jubelte und zählte. "Uno, Due, Tre..." Noch einmal versuchte sich das Känguru aufzurichten, blieb aber dann doch erschöpft liegen. "...Nove, Dieci !" Die Menge schrie und klatschte. Ich verbeugte mich, winkte meinen Fans zu und ging danach fröhlich zum Besitzer des Tieres, um mir meine 100 Euro auszahlen zu lassen. Der war darüber natürlich gar nicht glücklich und drückte mir mit einer bitterbösen Miene das Geld in die Hand. Noch einmal winkte ich den Leuten zu, stieg dann ins Auto und setzte meine Reise fort.
Wenig später kam ich an meinem Ziel an; ein kleiner Bauernhof am Fuße des Matterhorns. Ich hatte dort vor drei Jahren einmal einen Wolf erlegt, im Grunde war er mir eigentlich eher zufällig ins Messer gelaufen, aber der Besitzer des Bauernhofes war darüber sehr froh gewesen, weil ihm der Wolf einige Schafe gerissen hatte. So durfte ich seitdem auf seinem Anwesen mein Auto abstellen, wo es vor garstigen Autodieben sicher ist.
Nun begann der Aufstieg. Natürlich besteige ich das Matterhorn immer über den Furggengrat (Schwierigkeitsstufe SS). Ich möchte dennoch allen Hobbybergsteigern dazu raten, den Berg lieber über den Hörnligrat zu besteigen, da inzwischen doch schon rund 400 Bergsteiger den Tod fanden, weil sie den Berg unterschätzt haben. Auch ich bin mir der Gefahr bewußt, wenn ich die ersten Seilhalterungen ins Massiv schlage, aber die Sucht nach dem Nervenkitzel ist einfach zu groß, als daß ich mich mit einer einfachen Route begnügen könnte.
Die nächsten Stunden waren im Grunde recht monoton. Ständig nach Halt suchend, kletterte ich langsam die steilen Felswände hinauf, immer höher und höher. Ab und zu hielt ich für einen kurzen Moment inne, blickte in das weit entfernte Tal hinunter oder atmete tief die frische Bergluft ein. Lang waren meine Pausen aber nicht, denn mein Rucksack war ziemlich schwer und es trieb mich natürlich auch immer weiter nach oben. Ich wußte, mit jeder neuen Stufe, die ich in den Fels schlug, kam ich dem Gipfel ein kleines Stückchen näher.
Nach 6 bis 7 Stunden erreichte ich schließlich das höchste Plateau, von dort aus war es nicht mehr weit bis zur Spitze des 4478 Meter hohen Berges. Ich verzichtete jedoch diesmal darauf, sie zu erklimmen und nahm mir stattdessen Zeit für etwas, was ich dort oben sehr gern tue. Ich zog mich splitternackt aus, nahm Anlauf und sprang kopfüber in den kleinen Gebirgsteich, der auf diesem Plateau seit Jahrtausenden tapfer jeder Kälte trotzt. Das heißt, diesmal ließ der Trotz doch sehr zu wünschen übrig, denn die Decke des Sees war schlichtweg zugefroren, sodaß ich mir eine schöne Platzwunde am Kopf zuzog. Aber einen echten Mann kann das natürlich nicht erschüttern. Ich griff zu meinem Eispickel und hackte den kleinen Teich so gut es ging auf, sodaß ich doch nicht auf meinen Badespaß verzichten mußte. Das Wasser war natürlich eisig kalt, aber wenn man ständig in Bewegung bleibt, stört das nicht weiter. Nach einer Stunde war aber dann doch erst einmal Schluß mit meiner Schwimmsession. Mein Magen knurrte inzwischen, sodaß ich mich anzog und damit begann, mir etwas Essbares zu suchen. Nachdem ich vor ein paar Monaten einmal meinen Proviant vergessen hatte und daraufhin eine Bergziege erlegen mußte, ist die Nahrungssuche neben dem Gebirgsteichbaden zu einer festen Tradition von mir geworden. Diesmal mußte ich mich aber mit zwei Murmeltieren begnügen, die ich in einer Felsspalte aufspürte. Eines aß ich roh, für das andere suchte ich mir ein paar Äste zusammen und machte mir ein kleines Lagerfeuer.
Als die Sonne am Abend langsam unterging, wurde es Zeit für meinen Abstieg, bzw. Abflug, denn was ich da in meinem schweren Rucksack mit auf den Berg geschleppt hatte, war mein brandneuer Flächenfallschirm. Ich schaute mich noch einmal um, ob sich all meine Werkzeuge wieder im Rucksack befanden, dann packte ich das Fallschirmpaket aus, schnallte es mir um und griff nach der Leine. Da ich das noch nie gemacht hatte, laß ich noch einmal schnell die Bedienungsanleitung durch. Anlauf - Springen - Leine ziehen - Fallschirm nach links oder rechts steuern, eigentlich ganz einfach. Also nahm ich weit Anlauf, atmete noch einmal tief durch und rannte dann schreiend auf den Abgrund zu. Ich sprang, zog an der Leine und wurde sofort nach oben gerissen. Dabei hatte ich mich scheinbar gedreht, denn plötzlich sah ich mit Schrecken, daß ich genau auf die Felswand zu segelte. So stark, wie ich nur konnte, zog ich an der linken Steuerleine und drehte geradeso noch ab. Nun konnte ich den Flug endlich genießen. Während die Sonne als mattglühender Feuerball langsam in den Horizont eintauchte, flog ich sanft ins Tal hinab. Der Wind bließ mir schwach ins Gesicht. Ich war überrascht, wie präzise sich der Gleitfallschirm steuern ließ. So schaffte ich es doch tatsächlich genau in der Mitte des Bauernhofs zu landen, wo ich mein Auto abgestellt hatte. Nach meiner sicheren Landung wickelte ich den Fallschirm zusammen und verstaute ihn mitsamt meinen anderen Sachen im Kofferraum. Gerade, als ich zur Autotür gehen wollte, schlug vor meinen Füßen plötzlich ein Messer in den Boden ein. Ich blickte erschrocken nach oben und sah einen Mann, der mit zwei weiteren Messern jonglierte. "Gibe mier die einhundret Euro wiedeeer !" sprach der Fremde in gebrochenem Deutsch. Es mußte einer der Zirkusleute sein, wahrscheinlich ein Messerwerfer, der mir das Geld abnehmen wollte, was ich am Morgen gewonnen hatte. "Ich habe das Känguru ohne Tricks besiegt !" sagte ich trotzig. - "Gibe mir das Geeeld, sonste Du Messeeer ihm Bauch !" Der Mann sah so aus, als würde er seine Drohung tatsächlich ernst meinen. Aber so schnell gab ich nicht auf. "Also gut, Du bekommst das Geld wieder." sagte ich und griff in meine Jackentasche, um die Brieftasche herauszuholen. Diese ließ ich jedoch absichtlich fallen, und als ich mich bückte, um sie aufzuheben, griff ich stattdessen nach dem Messer, das noch immer im Boden steckte, und warf es in Richtung des Räubers. Es landete mit der Spitze genau in seinem linken Bein. Während er schreiend und fluchend zu Boden ging, nutzte ich die Gelegenheit und flüchtete ins Auto, startete den Motor und fuhr rückwärts an dem Messerwerfer vorbei. Als ich wendete, um das Grundstück endlich verlassen zu können, hörte ich den Verletzten rufen. "ICHE KRIEGE DISCH NOOOOCH!" schrie er mir hinterher, dann war ich aber schon auf der Landstraße und fuhr eilig in Richtung Aosta, um von dort ohne Verzögung nach hause zu fahren.
Bis auf das Ende war das jedenfalls ein sehr schöner Tag gestern gewesen. Solltet Ihr auch mal versuchen. Ist aber nichts für Weicheier...