Das geheimnisvolle Blog ins zauberhafte Nichts

27.09.2006 um 06:22 Uhr

Partionis

von: Solus

Ganz interessant, sich einmal die Sektenkarte von Sekten-Sachsen.de anzuschauen. Im Erzgebirge spuken die Satanisten, in Leipzig treiben 16 und in Dresden sogar 19 Sekten ihr Unwesen, während in Chemnitz zusammen mit den überall existierenden Zeugen Jehovas gerade mal vier Sekten aktiv sind. Ich habe ja schon ab und zu erwähnt, was Chemnitz doch für eine öde, dahinsiechende Stadt ist, aber daß in der "Stadt, die niemals erwacht" nicht einmal irgendwelche Spinner und Abzocker wohnen wollen, obwohl es auf Grund des Sektenmangels und der allgemeinen schlechten Laune und Hoffnungslosigkeit hier ein riesiges Potential an neuen Sektenanhängern gäbe, hätte ich nun wirklich nicht gedacht.

Aber deren Bequemlichkeit soll mich nicht stören. Im Gegenteil, denn nachdem ich die Idee schon länger mit mir herumtrug, bin ich nun in meinem Vorhaben entgültig bestärkt. Und somit seit Ihr, liebe Leser, hiermit Zeuge eines großen Ereignisses. Ich möchte an dieser Stelle voller stolz und zielstrebigkeit verkünden, daß ich eine Sekte gründen werde, eine Sekte mit dem Namen Solusia !

Bevor Ihr Euch nun angewidert abwendet, weil dieser Begriff "Sekte" bei den meisten für berechtigte Magenschmerzen sorgt, möchte ich Euch beruhigen: Solusia wird anders sein - freier und toleranter, als alles bisher dagewesene, und bedacht, ehrlich und transparent. Es wird sich nicht um eine Sekte mit Kutten und Ritualen handeln, denn so etwas ist albern, und wer auf derartige Dinge steht, ist sowieso schon lange in einer Sekte oder Mönch in einem Kloster und damit für Solusia uninteressant.
Desweiteren werden jegliche Selbstmordaktionen verbeten, weder einzeln noch in Gruppen, denn Solusia verneint nicht die Wissenschaft, und aus wissenschaftlicher Hinsicht ist ein Selbstmord nun einmal vollkommen unproduktiv - Tot ist tot, als Leiche steigt man weder in eine höhere Bewußtseinsebene auf, noch in ein rettendes UFO ein.
Auch das dritte Klischee kann ich schon jetzt aus der Welt räumen. Ein Solusianer wird zu keiner Zeit gezwungen oder gebeten, sein gesamtes Hab' und Gut an das solusianische Oberhaupt, also mich, abzugeben. Natürlich möchte ich irgendwann nicht mehr arbeiten müssen, um mich voll und ganz darauf konzentrieren zu können, daß aus dem zarten Spross Solusia ein starker, weit in den Himmel ragender Baum wird, doch dies soll nicht durch eine unrechtmäßige Aneignung des Kapitals anderer Leute erreicht werden.
Und ich werde auch keinerlei Versprechen über die Zukunft abgeben. Vorhersagen über eine bessere Zukunft, über eine nahende Rettung, oder jegliche andere Art von Lügen, getätigt nur um leichtgläubige Menschen für eine Mitgliedschaft zu gewinnen - das alles wird es bei mir nicht geben.

Einzig das permanente Interesse an einer Expansion wird Solusia mit anderen Sekten gemein haben, denn Solusia möchte keine passive Sekte sein, die einfach nur in der Hoffnung existiert, daß sich nach und nach die Menschen für sie interessieren. Nein, ich als Oberhaupt hoffe, nicht befehle wohlgemerkt, daß ein jeder Solusianer daran interessiert ist, seinen Mitmenschen auf höfliche und unaufdringliche Art und Weise Solusia näher zu bringen.

Und weil ich Chemnitz vorhin ansprach, möchte ich an dieser Stelle noch einmal klarstellen, daß Solusia im gesamten deutschsprachigen Raum aktiv sein möchte, und das auch nur vorerst, denn früher oder später sollen die Ideen hinter Solusia in jeder Sprache erhältlich sein und damit auf der ganzen Welt bekannt werden. Solusia kennt keine Grenzen !
Ich bin dennoch noch nicht sicher, ob es sich als nützlich erweisen könnte, wenn ich mich anfangs auf meine derzeitige Heimat konzentriere, denn ein persönliches Gespräch mit potentiellen Mitgliedern könnte sich als fruchtbarer erweisen, als an fremden Menschen PDF-Dateien zu versenden, die sich diese Präsentation gar nicht oder nur oberflächlich anschauen. Es wird sich in dieser Richtung erst zeigen müssen, wie mächtig das Internet ist, und wie offen die Menschen für meine Ideen. Sollte dies alles nicht der Fall sein, habe ich mit Chemnitz zumindest einen optimalen Standort, um auf weniger moderne Art und Weise meine Sekte zu gründen.


So bleibt jetzt nur noch die Frage übrig, welche Ideen und Ideale sich überhaupt hinter Solusia verbergen. Nun, das kann ich ehrlich gesagt noch gar nicht so genau erläutern. Solusia befindet sich ja erst im Entstehungsprozess und dieser kann und darf nicht in einer Nacht vollendet sein. Schließlich müssen die Grundpfeiler Solusias auch mit Bedacht formuliert werden, damit sie weder mißverstanden, noch durch eine falsche Interpretation mißbraucht werden. Nehmen wir z.B. an, ich erkläre, daß ein Solusianer tolerant gegenüber jeden Menschen und jede Idee zu sein hat, der oder die ihn nicht in seiner Freiheit einschränkt. Dann könnte plötzlich jemand sagen, daß ein Arbeiter, der in einem Nachbarland beheimatet ist, aber in Deutschland arbeitet, ihn in seiner Freiheit einschränkt, in seinem Land eine Arbeit zu finden, sodaß er diese Person im Umkehrschluß nicht toleriert. Oder ein anderer könnte diesen Grundpfeiler so auslegen, daß ihn der Staat auf Grund der geltenden Gesetze in seiner Freiheit begrenzt, und er deshalb den Staat nicht tolerieren und damit bekämpfen kann. Wenn ich meine Worte nicht ausführlich und weise formuliere, könnten sie also irgendwann dazu beitragen, daß vemeintliche oder auch gewissenhafte Solusianer Dinge tun, die mit meinen Ideen und Vorstellungen gar nichts zu tun haben. Daher werde ich hier in den nächsten Wochen und Monaten nach und nach den Inhalt Solusias formulieren, erklären und vielleicht sogar ab und zu korrigieren. Schließlich habe ich ja versprochen, daß Solusia eine transparente Sekte ist, und wie wundervoll ist es doch, wenn jedes Mitglied anhand dieser Dokumentationen jetzt oder auch später nachvollziehen kann, wie Solusia im einzelnen entstanden ist.

Damit möchte ich an dieser Stelle meine Ankündigung beenden. Alles weitere wird die Zukunft zeigen. Ich habe auf jeden Fall eine Vision, und diese Vision wird mit jedem hier niedergeschriebenen Wort realer.

Solusia - Gemeinsam, einsam.

25.09.2006 um 07:11 Uhr

Lost months

von: Solus

Musik: Sebastian Steger - Monkey Island Theme (PC Speaker Reggae Mix)

Wenn ich nur deswegen aufgeblieben wäre, hätte ich mich jetzt doch etwas geärgert. Die Rede ist vom Lost-Onlinespiel, das heute Nacht sein überraschend unüberraschendes Ende fand. Was das nun schon wieder ist ? Nun, vielleicht hat sich ja der eine oder andere schon mal auf Pro7 die großartige Serie "Lost" angeschaut. Ein Flugzeug stürzt auf einer einsamen Insel ab und die Überlebenden müssen sich nun nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit einem Rauchmonster, geheimnisvollen Fremden, einer verrückten Französin und ein Weltuntergangs-Bunker herumschlagen. Die zweite Staffel endete in den USA im Frühling und damit die Fans bis zum Start von Staffel 3 etwas zu tun haben, wurde ein Onlinespiel initiiert. Mit Hilfe von Webseiten, Videos, Podcasts, Mails und gegen Ende auf der ganzen Welt verteilte Schokoriegel wurden Fans auf eine Schnitzeljagd geschickt. Der Lohn der Arbeit sollten neue Informationen über die Hintergründe im Lost-Universum sein.

Heute Nacht fand nun das große Finale statt, die Hackerin Rachel Blake würde im Verschwörungs-Onlineradio live die Bombe platzen lassen. Entsprechend war die Erwartung natürlich hoch, daß da mindestens ein großes Geheimnis der Serie gelüftet werden würde.

Nach über einer Stunde Radioprogramm, durchaus unterhaltsam, weil sogar mit echten Anrufern, hatte endlich Rachel ihren schüchternen Auftritt, gefolgt von einer "Liveübertragung" eines SWAT-Funkgespräches und dem Hinweis, daß auf abc.com ein wichtiges Video wartet. Und dieses Video löst jetzt gerade in den Fanforen doch recht heftige Reaktionen aus.

Der Grund: Die Hälfte des Videos besteht aus einem Orientierungsvideo, das schon seit zwei Wochen bekannt ist. Das liefert zwar tatsächlich ein paar Antworten, in welche Richtung die Serie "Lost" tatsächlich geht, aber man kennt es eben schon. Die zweite Hälfte zeigt ein Gespräch zwischen der schon erwähnten Rachel Blake, die aber nur im Onlinespiel, nicht aber in der Serie vorkommt, und Alvar Hanso, der zwar schon etwas mit Serie zu tun hat, nur leider anstatt Geheimnisse zu lüften lieber Darth Vader parodiert und Rachel hoch dramatisch mitteilt, daß er ihr Vater ist. - ENDE

Das ist also das Finale des fünfmonatigen Onlinespiels: Man erfährt, daß eine fiktive Frau, die für "Lost" keinerlei Relevanz hat, die Tochter eines Mannes ist, der für die Serie kaum Relevanz hat. Und richtig bitter ist das Ganze, weil sich das von Anfang schon an jeder gedacht hat. Das ging im Grunde schon als Fakt durch.

Ja, und warum ich das alles erzähle ? Weil ich gerne über Pro7-Serien schreibe. Popstars, Schlag den Raab und nun Lost. Und das ist erst der Anfang !

24.09.2006 um 19:33 Uhr

Schlag die Fernbedienung

von: Solus

Musik: Eels - Old shit/New shit

Wenn Stefan Raab zu einem seiner großen Live-Events bittet, weiß man als Zuschauer inzwischen ganz genau, was man zu erwarten hat: Eine unbeholfene Livesendung, die nach einem recht zähen Anfang zwar halbwegs in die Gänge kommt, aber doch zu keiner Zeit so spektakulär wirkt, wie es einem in den drei Monaten davor täglich versprochen wurde. Wer sich gestern auf Raabs vierstündige Selbstdarstellerei-Show einließ, wußte also eigentlich, was er zu erwarten hatte, und doch werden die meisten am Ende der Sendung enttäuscht gewesen sein, wenn sie nicht schon vorher weggeschaltet hatten.

Das Prinzip der Kandidatenauswahl erschien ja schon im Vorfeld eine recht unglückliche Idee zu sein. Fünf gecastete Kandidaten stellen sich mit kurzen Filmen vor, dann wählen die Zuschauer per Telefon ihren Favoriten aus, der für den Rest der Sendung gegen Raab spielen wird. Mit Zuschauervotings ist das aber natürlich immer so eine Sache, denn der durchschnittliche Zuschauer einer Unterhaltungssendung denkt nicht logisch nach, welcher Kandidat in der Sendung am meisten für Spannung sorgen könnte, sondern er ruft einfach für den dümmsten, witzigsten oder weiblichsten Kadidaten an. So hielt sich die Überraschung doch in Grenzen, als die einzig zur Wahl stehende Frau sich mit hohem Vorsprung gegen die anderen Kandidaten durchsetzen konnte. Und damit war auch schon klar, daß die 500000€ beim Sender bleiben würden, denn Esther, so hieß die vorerst Glückliche, machte ganz und gar nicht den Eindruck, zumindest in den sportlichen Disziplinen überzeugen zu können. Anstatt dem langweiligen und für die Sendung schädlichen Zuschauervoting wären zwei, drei kurze Ausscheidungskämpfe der Kandidaten untereinander sinnvoller gewesen. Aber dann hätte Pro7 natürlich auf die Einnahmen des Telefonierens verzichten müssen, und das geht ja nun wirklich nicht...

Inzwischen hatte man schon eine dreiviertel Stunde totgeschlagen, ohne das überhaupt etwas passiert war. Aber nun begann es endlich, das große Duell, und das erste Spiel hieß "Hochsprung". Dafür mußte man natürlich eine geeignete Kleidung tragen, und obwohl klar war, daß derartige Aufgaben bevorstanden, durften die Zuschauer noch ein paar Minuten länger warten, weil sich beide Kontrahenten erst einmal umziehen mußten. Um den Leerlauf zu überbrücken, wurde der erste Musikact eingesetzt - Juli, also hatte man scheinbar ernsthaft diese lange Umzieh-Pause eingeplant.

Nun aber, nach knapp einer Stunde, endlich die erste Action: Raab springt locker die vorgegebene Höhe, Esther hingegen versagt und ist nach drei Versuchen raus. Sie ärgert sich, er freut sich - und wieder ab in die Umkleidekabinen. Spätestens jetzt registrierte auch der letzte Zuschauer: So wirklich durchdacht war die Show ja nicht. Raab spürte natürlich, daß die Sendung unbedingt an Geschwindigkeit zulegen mußte und beeilte sich mit dem Umziehen, während Esther scheinbar erst einmal die Puderdose aus der Handtasche holte. So stand die Gute noch immer im Umkleidebereich, während Moderator Opdenhövel schon einmal das nächste Spiel vorstellte. "Stimmts ?" hieß es und hatte durchaus Unterhaltungs-Potential. Der Moderator würde knifflige Behauptungen aufstellen und die Kandidaten müßten entscheiden, ob das denn stimmt oder nicht - ein Ratespaß für die ganze Familie. Soweit die Theorie, und nachdem Esther endlich an das Ratepult gefunden, und Raab sich dicke Schweißtropfen von der Stirn gewischt hatte, weil das Scheinwerferlicht scheinbar etwas zu stark eingestellt war, konnte das Spiel beginnen.
Dummerweise hatte man für das Quiz wohl einen Autor von Kika abgeworben, denn Fragen wie "1000 kg sind eine Tonne - Stimmts oder nicht ?"  oder "Max Muzke hat achtmal den Grand Prix gewonnen - ja oder nein ?" bringen vielleicht einen Fünftklässler ins Schwitzen, sind aber für so eine "Erwachsenen"-Sendung vollkommen ungeeignet. Nachdem beide die fünfte Frage richtig beantwortet hatten, fragte Raab irritiert "Die Fragen werden noch schwieriger, oder ?". Es läßt sich nicht eindeutig sagen, ob Raab wirklich nicht wußte, daß Finnland zur EU gehört, aber auf jeden Fall ging diese Runde dann plötzlich recht schnell an Esther.

Die nächste Disziplin hieß "Burnout" und würde bestimmt die permanente Langeweile endlich durchbrechen. Raab und Esther saßen jeweils in einem Auto und sollten um die Wette auf der Stelle fahren, bis die Reifen kaputt sind. Doch auch dieses Spiel war nicht der Burner, denn Esther hatte vergessen den Gang einzulegen, dachte jedoch die ganze Zeit, sie würde fahren. So fuhr aber nur einer und gewann. Vielleicht hätte man das Spiel voher einmal ausreichend testen sollen.

Nach Nelly Furtados schlimmer Musik; der eine oder andere fand es sicherlich auch seltsam, daß nach Spiel 3 schon der zweite Musikact verbraten wurde, folgte ein Schmeck-Wettbewerb und damit, retrospektiv betrachtet, das Highlight des Abends. Die beiden Kontrahenten mußten erschmecken, was man ihnen in den Mund steckte - Raab gewann knapp, sodaß der Punktestand noch unspannender wurde. Aber für die Zeit während des Spiels war das Publikum zumindest wieder aufgewacht.

Wer bis jetzt das Gefühl hatte, Zeuge eines mißlungenen Kindergeburtstags zu sein, wurde mit dem nächsten Wettbewerb, Papierflieger bauen, keines Besseren belehrt. Man fragt sich in dem Moment natürlich auch, welche Leute da in der Redaktion sitzen, die Monate Zeit haben, sich für diese Sendung interessante und witzige Disziplinen auszudenken, und denen dann so etwas einfällt. Und speziell ich fragte mich, warum diese Leute auch noch Geld damit verdienen, während jemand wie ich zu hause herumsitzt, der sich aus dem Stehgreif ein zehnmal besseres Spiel aus der Nase popeln könnte ?! - wie wäre es denn z.B. mit...einer Unterwasser-Tortenschlacht ?
Noch peinlicher wurde das Ganze jedenfalls, als die Technik versagte und man kostebare Sendezeit damit verbrachte, die sensorgesteuerte Uhr zum Laufen zu bringen. Raab gewann übrigens auch diese Runde, aber das war inzwischen auch völlig egal, weil der Entertainer mit jedem gewonnen Spiel mehr in Fahrt kam und Esther hingegen immer passiver wurde. Auch sie wußte scheinbar inzwischen, daß der Gewinner schon lange feststand.

Wieder am Ratepult startete nun ein heiteres "Musikraten". Mal was ganz Neues: Aus einzelnen, eingesungenen Tönen wurden Melodien zusammengesetzt, die man erraten mußte. Hat man noch nie im deutschen Fernsehen gesehen. Und schon das nächste technische Problem: Die Buzzer funktionierten nicht. Raab stellte sich blöd, damit die vollkommen überforderte Gegnerin überhaupt mal wieder etwas sagte, aber letztendlich gewann er auch dieses Spiel.

Es folgte Tischtennis und "Ich habe vor Ewigkeiten das letzte Mal gespielt"-Raab gewann erneut, bis beim Bowling endlich auch Esther mal wieder zu Punkten kam. Aber damit zögerte sie natürlich nur das Unvermeidliche heraus und inzwischen wünschte sich wohl doch jeder, daß die Sendung so schnell wie möglich ihr Ende finden möge. Um dem Show-Elend noch die Krone aufzusetzen, durfte auch noch Nena auftreten, dann folgte mit einem Geografie-Spiel die nächste Möglichkeit, für Raab zu punkten.

Daß nun folgende Elfmeterschießen ließ einige Zuschauer die Hoffnung schöpften, daß auch die Herausforderin endlich mal wieder zu Punkten kommen würde, denn schließlich besaß sie ja eine Hallenfußballanlage. Leider hatte sie aber wohl scheinbar nie darin selbst gespielt. Beim "Kartenduell" folgte die nächste Panne - eine falsche Einblendung irritierte den Moderator, der erst einmal beim Notar nachfragen mußte, ob die Anzeige richtig war oder Raab tatsächlich verloren hatte. Scheinbar handelte es sich nicht nur bei den Technikern, sondern auch bei den für die Bedienung der Technik Zuständigen um überbezahlte Dilletanten. Vielleicht waren sie aber auch nur inzwischen schlichtweg müde, denn die Show ging ja nun schon drei geschlagene Stunden.

Spiel 12 trug den bekannten Namen "Blamieren oder Kassieren", was man ja schon aus TVTotal kennt, sofern man sich diese Sendung hin und wieder antut. Die Fragen stellte wie erwartet "Showpraktikant" Elton, der vom Publikum mit übermäßig lautem Applaus begrüßt wurde. Einige schienen tatsächlich zu denken "Endlich, der Elton - jetzt wird doch noch alles Gut !". In der größten Not kann es eben schon einmal zu einem kompletten Realitätsverlust kommen. Aber es ist natürlich auch klar, daß wenn man teuer Geld bezahlt hat, um bei diesem "Show-Event des Jahres" live dabei sein zu können, man nach jedem Strohhalm greift, um sich hinterher nicht tagelang ärgern zu müssen, auf den Werbespuk hereingefallen zu sein.

Raab gewann übrigens, genauso wie den Wettbewerb, wer sich am längsten an eine Stange hängen kann. Auf Grund des uneinholbaren Punktestandes war er damit der entgültige Sieger des Abends, und dem Zuschauer blieben zumindest zwei weitere Spiele erspart, wobei wahrscheinlich sowieso schon jeder auf ARD umgeschalten hatte. Mit dem spannenden Boxkampf, in dem Arthur Abraham mit gebrochenem Kiefer über 12 Runden ums Überleben kämpfte, fand dieser grausame Abend zumindest noch ein versöhnliches Ende. Aber eines ist klar; die bis zu 5.52 Millionen Zuschauer wird "Schlag den Raab" nie wieder an den Bildschirm fesseln können. Zu hoch wird die allgemeine Enttäuschung und Unzufriedenheit gewesen sein, als daß den meisten bei nächsten Mal nicht garantiert etwas Interessanteres einfallen wird, was man an einem Sonnabend Abend machen könnte. Fusseln vom Teppich aufsammeln, der Frau vom Cover der Fernsehzeitung ein Bärtchen malen...da gibt es ja viele Möglichkeiten.
"Schlag den Raab" war jedenfalls zu keiner Zeit eine spannende, professionelle Samstag-Abendsendung, sondern bot neben peinlichen Pleiten, Pech und Pannen viel Leerlauf und alberne Kinderspiele aus den Denkkonserven einfallsloser Show-Autoren. Viel war natürlich von Anfang an nicht zu erwarten, aber einen gewissen Qualitätsstandard hatte sicherlich jeder vorrausgesetzt. So könnte sich diese Sendung für Raab sogar zum Bumerang entwickeln, denn wenn Pro7 nächstes Jahr tatsächlich TVTotal aus dem Programm nimmt und Raab daraufhin bei einem anderen Sender unterkommen möchte, wird er es mit so einer Show-Gurke als Werbung für sein Können doch recht schwer haben, ein neues Zuhause zu finden.

18.09.2006 um 08:41 Uhr

I wanna be Daylight in your Charts

von: Solus

Musik: The Decemberists - Of angels and angles


"Neue Engel braucht das Land" heißt es zur Zeit ganz vollmundig, wenn man Donnerstag Abends ProSieben einschaltet. Die fünfte Staffel von Popstars ist im vollen Gange und die Erwartungen sind hoch, nachdem es in den letzten Jahren für die dort geschmiedeten Plattenkaufgründe ja ganz und gar nicht gut lief. Wir erinnern uns zurück; im Jahre 2000 kam mit Popstars die erste Musik-Castingshow ins deutsche Fernsehen und schlug ein wie eine Bombe. Unzählige Zuschauer verfolgten gespannt mit, wie die MTV-Holländerin Simone Angel und zwei vollkommen unbekannte Typen die deutschen Spice Girls kreierten, die dann von einem fiesfreundlichen Tanzlehrer namens Detlef "D" Soost zu engagierten Bühnenhopsern namens "No Angels" getrimmt wurden. Entsprechend verkaufte sich die erste Single "Daylight in your Eyes" - übrigens eine Coverversion, und das gleich darauf folgende Album "Elle'Ments" wie geschnitten Brot.

Während Kritiker das für derartige Plastik-Kompos typische, baldige Ende prophezeiten, konnten die fleißigen Produzenten über die auch ein Jahr später noch allseits beliebte Marke "No Angels" ein weiteres Album verkaufen. Mit 1200000 verkauften Exemplaren lag "Now...us !" zwar weit hinter dem Erstlingswerk, und das gegen Ende des Jahres erschienene "Swing"-Album "When The Angels Swing" schaffte es nur auf Platz 9 in den Charts, aber als erfolgreich konnte man das dennoch alles bezeichnen, genauso wie das nächste Nr.1-Album "Pure" und das obligatorische Bestof-Album, beides im Jahr 2003 erschienen. Dummerweise löste sich die Tanzgruppe dann auf, dabei wäre es durchaus interessant gewesen, ob die Geld-Engel auf dem nun mehr und mehr castingverseuchten Markt hätten bestehen können.

Gegen die Konkurrenz hatten sie bis dahin leichtes Spiel gehabt. Die aus Popstars 2 entstandenen "Bro'sis" sorgten zwar zumindest in ihrem ersten Jahr entgegen der landläufigen Meinung ebenfalls für Millionenumsätze, nur handelte es sich bei den Mitgliedern doch um ziemliche Dumpfbacken, die recht schnell an Sympathie und damit an Interesse verloren. RTL 2 ließ trotzdem noch eine Zeichtrickserie namens "Wiggle It" über sie produzieren, nur konnte die niemals ausgestrahlt werden, weil währendessen eine der Sis'es ausgestiegen war. Man produzierte noch weiter Singles und Alben, die aber allesamt nur mittelmäßigen Erfolg hatten, bis auch die restlichen Brüder und Schwestern 2004, und offiziell erst dieses Jahr getrennte Wege gingen.

2003 beglückten uns aber gleich mehrere neue Castingshows. Durch den neuen Casting-Hype, den RTL mit seinem "Deutschland sucht den Superstar" Ende 2002 ausgelöst hatte, kam man als Zuschauer plötzlich mit dem Umschalten gar nicht mehr hinterher. Sat.1 - "Star Search", RTL2 - "Fame Academy", ZDF - "Die deutsche Stimme 2003", Pro7 - "Popstars 3". Jeder wollte etwas vom Kuchen abhaben, vom Quotenkuchen um genau zu sein, denn nachdem DSDS bis zu 15 Mio eingeschaltet hatten, ging es 2003 gar nicht mehr darum, eine Band zu finden, die möglichst viele Platten verkauft, sondern eine Castingshow im Programm zu haben, die möglichst viele Zuschauer anschauen. Entsprechend war dieses Jahr für die Musikindustrie, vorallem wenn man mal das Potential betrachtet, eine riesige Pleite. Nehmen wir DSDS - da gingen 10 Gesangs-"Talente" an den Start, das bedeutet vielleicht nicht gleich 10 verschiedene Singles und Alben, aber zumindest die letzten 6 Finalisten hätten sicherlich die eine oder andere Platte verkaufen können. Stattdessen wurden nur zwei Kandidaten umfassend vermarktet - der Gewinner Alexander und ein gewisser Daniel Kübelböck, und bekannterweise beglückten beide den deutschen Musikmarkt nur ein paar Monate mit ihrer Anwesenheit. Den Gewinnern der anderen Castingshows ging es da nicht viel besser. Selbst das Orignial "Popstars", inzwischen auf Pro7, konnte mit den "Preluders" und "Overground" keine erfolgreichen Bands etablieren. Neben dem übersättigten Markt war hierfür ebenfalls wieder der Grund bei den Mitgliedern zu suchen, allesamt Luschen und Verlierer. Außerdem fand ihr erster Auftritt in einem McDonalds-Laden in Chemnitz statt - das konnte keine lange Karriere werden.

Im darauffolgenden Jahr ging es für die Castingshows samt Teilnehmer noch weiter bergab. "DSDS 2" schaffte es nicht, in Sachen Quoten mit Staffel 1 mitzuhalten, und von der molligen Gewinnerin hat man nie wieder etwas gehört. Auch "Star Search 2" oder das Casting von Stefan Raab brachten keine etablierten Künstler hervor, und "Popstars 4" samt den Gewinnern "Nu Pagadi" ging als schlechter Witz in die Castingshow-Annalen ein. Mit dem arroganten Poprentner Uwe Fahrenkrog-Petersen, dem unsympatischen Schleimi Lukas Hilbert und der arbeitslosen Sandy Mölling erreichte diese Sendung auch in Sachen Jury ihren Tiefpunkt.

Nun, zwei Jahre später, soll alles besser werden. Neben Popstars-Alteisen "D" hat man den ehrlich wirkenden Musikproduzenten Dieter Falk in die Jury gesetzt, sowie die exzentrische Nina Hagen. Eine interessante Mischung, die aber doch eine große Skepsis aufkommen läßt. Falk hat bis jetzt nur mit Leuten wie Pur und Katja Ebstein zusammengearbeitet, was ihn nicht gerade dafür prädestiniert, eine moderne Pop-Band zu erschaffen. Das Gleiche gilt für Hagen, die Musikalisch nicht weiter vom deutschen Charttum enfernt sein könnte. Außerdem sind Castingstars nicht mehr angesagt. Die Kids von heute wollen "echte" Musikgruppen. Da ist es völlig egal, ob diese Bands von der Musikindustrie vergewaltigt und pervertiert wurden (Tokio Hotel), oder ob es sich um irgendwelche Normalos handelt, die nichts drauf haben (Juli), hauptsache es handelt sich nicht um Castingware. Damit rückt das Ziel, > Neue Engel für das Land < zu finden, immer mehr in weite Ferne. Und wenn "D" den Mädchen voller Ernst erzählt, daß von den Gewinnerinnen erwartet wird, daß sie genauso viele Platten wie die No Angels verkaufen, was auf Grund des stark veränderten Musikmarktes heutzutage einer grob geschätzten, erfolgreichen Musikkarriere von 15 Jahren entspricht, fragt man sich gar, ob die Macher der Sendung das wirklich selbst glauben, oder ob die vollmundige Forderung nach einer "No Angels"-Nachfolgeband reine Verzweiflung ist, weil man nicht noch so eine Gurke wie Overground, Preluders oder Nu Pagadi fabrizieren möchte und das Engel-Gefasel da eine gute PR-Strategie ist. Für die New Angels ist es jedenfalls auf Grund dieser Tatsachen schon jetzt im Grunde unmöglich, tatsächlich die No Angels zu beerben. Das durchaus beachtliche Zuschauerinteresse könnte auf der anderen Seite immerhin ein Indiz sein, daß das Endprodukt der aktuellen Popstars-Staffel kein kompletter Reinfall wird. Man muß eben sehen, ob die Zuschauer nur Einschalten, weil Donnerstags Abend nur Schrott und Wiederholungen auf den anderen Sendern laufen, oder ob sie tatsächlich Interesse an einer neuen Castingband haben. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, wie sich die erste Single verkaufen wird, und um welche Coverversion es sich dabei handelt.

10.09.2006 um 07:41 Uhr

Solus mag den Jan nicht mehr, denn er ist vergiftet - ooooooooder ?

von: Solus

Musik: Spooks - Things i've seen

"Was ist eigentlich mit Jan Delay passiert ?" fragt sich wahrscheinlich der eine oder andere in diesen Tagen. Der Gute befindet sich ja zur Zeit auf Promo-Tour für sein neues Album "Mercedes Dance", und damit sich das Teil auch ordentlich verkauft, hat er sich als vierundachtzigstes Mitglied von Seeed verkleidet, tingelt durch "vergiftete" Shows wie TVTotal oder gar den schon Jenseits von Gut und Böse befindlichen "RTL Freitag Nacht News", und erzählt überall herum, daß er jetzt Tanzmusik mit schlichteren Texten macht.

Oh oh oh, wurde Jan Delay etwa von der kommerziellen Mainstream-Mücke gestochen ?
Heißt sein neues Motto jetzt "Ich mach mich zum Ei und verdien' dabei !" ?
Und verliert damit die deutsche Musikszene einen ambitionierten Polit-Hiphopper, der uns so manch nachdenkliches Lied in die Ohren näselte ?

Nun, was sein derzeitiges Auftreten angeht, scheint es in der Tat so zu sein, daß Herr Eißfeldt dringend möglichst viele Compact Discs verkaufen möchte. Wer in dem Zusammenhang aber meint, daß der Jan doch früher mal gut war und das es schade wäre, ihn nun so zu erleben, der irrt, denn wenn wir mal ehrlich sind, war er sicherlich noch nie für irgendjemanden ein intellektuelles Vorbild. Und seine Reggae-Lieder, die diese Bezeichnung ja eigentlich nur bedingt gerecht wurden, waren Inhaltlich eher mehr Wollen als Können. Wenn Jan Delay zum Beispiel über die Grünen schimpfte, dann war das ja ganz nett, zeigte aber inhaltlich auch die intellektuellen Grenzen Delays auf, weil es irgendwie so klang, als hätte es ein Vierzehnjähriger zusammengereimt.
Und zu einer Zeit, in der sich die kontaktgestörten Computernerd-Loser schon lange in allseits bewunderte Helden einer neuen Jungendkultur verwandelt hatten, machte sich Jan Delay mit seinem "And die Bürger von Konsolien" schlichtweg lächerlich. Da fehlte es Jan Delay wahrscheinlich auch an ein paar guten Freunden, die ihm sonst schonend mitgeteilt hätten, daß der geneigte Computerspieler weder auf Lara Croft onaniert, noch unter einem großen Defizit sozialer Kontakte leidet. Chats und Bilder von Dr. Aki Ross gab es schließlich auch 2001 schon.

So finde ich es gar nicht mal wirklich schlimm, wenn der Jan jetzt einen auf Tanz-Fun-Hiphopper macht. Das passt wahrscheinlich sehr viel besser zu ihm und die neuen Lieder sollen wohl doch sehr viel mehr nach dem bisherigen Stil klingen, wie man nach der Tanzmusik-Drohung meinen möchte. Wenn der Jan jetzt noch an seiner nervigen Stimme arbeitet, werde ich vielleicht sogar selbst noch Fan. Und dann kaufe ich Deine Platten - hörst Du Jan ? Ordentlich singen, schon klappt es auch mit der Kohle. Mußt Du dann gar nicht mehr in drittklassigen Comedyshows als UdoLindenberg-Immitator auftreten...

04.09.2006 um 02:17 Uhr

Die Geschichte von meinen acht Musiklehrern

von: Solus

Musik: Karussell - Als ich fortging <-erste GesangsLK bei Penzhorn

Meine erste, richtige Musiklehrerin bekam ich in der zweiten Klasse. Als Erstklässler wurde man ja noch in allen Fächer von der Klassenlehrerin unterrichtet, bis auf Sport natürlich, denn die alte, dicke Frau hätte in Sportkleidung bestimmt keine gute Figur abgegeben. Stattdessen hatten wir Fräulein Zill, eine ebenfalls sehr alte, aber dünne Frau, lesbisch, die uns gern mal mit dem Satz "Wior sinn doch rischdsche Sportlor !" motivierte, aber das ist eine andere Geschichte. Meine Klassenlehrerin hatte uns jedenfalls keine Musikstunden gegeben, soweit ich mich erinnern kann, sodaß ich erst ein paar Jahr später, nachdem man dann von verschiedenen Lehrern unterrichtet wurde, in den Genuß von Musikunterricht kam.

Frau Schlauch hieß meine damalige Musiklehrerin - ein Name, bei dem ich schon fast vermute, daß mir mein Gedächtnis einen Streich spielt, aber ja...doch, sie hieß Frau Schlau. Sie war jung, schlank und hatte lockiges Haar. Ansich eine nette Frau, die uns im zweiten Schuljahr erst einmal mit merkwürdigen Handbewegungen und Silben die Tonleiter beibrachte. Im Gegensatz zu den vom Rest der Welt benutzten "do re mi"-Solmisationssilben gab es in der DDR natürlich ein eigenes Modell, bestimmt tausendmal effizienter als das Herkömmliche. So dauerte es auch nicht lange und schon konnte die gesamte Klasse auf Befehl JA LE MI NI RO SU WA JA singen. Außerdem brachte uns Frau Schlauch auch den 2,3 und 4/4-Takt bei. Nachdem wir das alles drauf hatten, konnte sie uns nur noch Lieder beibringen. So nett und fähig Frau Schlauch war, gab es in der Beziehung ein klitzekleines Problem: Während zu dieser Zeit gerade draußen das Ende der Deutschen Demokratischen Republik ausgerufen wurde und man schon fröhlich die Einheit vorbereitete, brachte uns Frau Schlauch noch solche Lieder wie "Mein blaues Halstuch" oder "Gute Freunde (in der Volksarmee)" bei. War vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß. Im nächsten Schuljahr - das Vierte, war Frau Schlauch seltsamerweise nicht mehr an unserer Schule. Keine Ahnung, wo sie hin ist, aber stattdessen hatte ich nun Musik bei einem Herrn Ristau. Großartiger Lehrer, der mit seiner lockeren, freundlichen Art die Schüler sämtlicher Klassenstufen für Musik begeistern konnte. Wir sangen "Wenn die weißen Wolken fliegen", "König Midas" oder ein chinesisches Lampionumzugslied. Zumindest die Melodien habe ich heute noch drauf. Herr Ristau gehörte jedenfalls wirklich zu dieser Spezies Musiklehrer, für die Musik kein Schulfach, sondern eine Passion ist. Ein wirklich richtig guter Lehrer war er - leider zu gut, sodaß er scheinbar problemlos einen Job an einem Gymnasium fand. So folgte nach nur einem Jahr bei Herrn Ristau eine neue Musiklehrerin, Frau Riebel, die ich die nächsten zwei Jahre ertragen mußte. Man kann sich sicherlich vorstellen, daß als zu dieser Zeit alle guten Lehrer auf die ganzen neu enstandenen Gymnasien wechselten, an den Mittelschulen nur noch mittelmäßige Lehrer übrigblieben. Frau Riebel gehörte nicht dazu, die mußte man noch ein paar Kategorien weiter unten einordnen.

Das erste Lied, was uns diese alte, strenge, humorlose Frau verbal einprügelte, war der "Vogelbeerbaum". Das heißt, schön wär's gewesen, stattdessen ließ sie uns das mundartliche Original lernen. "Denn kan schinnern Baam gibt's wie an Vugelbärbaam, Vugelbärbaam, Vugelbärbaam. Es wärd a su leicht net an schinnern Baam gam, Schinnern Baam gam, ei-jo!". Kann man vielleicht als Erwachsener nicht ganz nachempfinden, aber für einen Fünfklässler ist das eine doch recht hoher Schwierigkeitsgrad. Ich weiß noch, wie zur Leistungskontrolle der arme Thorsten - ja, genau DER Thorsten, in Tränen ausbrach, weil er mit dem Text nicht zu Rande kam und am Ende eine 6 kassierte. Die Frau wußte wirklich, wie man den Schülern jeglichen Spaß an der Musik raubt. So holten sich also in diese Stunde alle Schüler vorn ihre Dreien, Vierer, Fünfen oder gar Sechsen ab, außer ich natürlich. Ich als Einserschüler hätte das sicherlich mit viel Mühe hingekommen, mir den kompletten bescheuerten Text für diese eine Stunde in mein Hirn zu brennen, aber das sah ich gar nicht ein. Stattdessen mobilisierte ich meine Eltern, die mir einen Brief schrieben, daß sie mich dieses Lied nicht lernen lassen. Die Musiklehrerin schrieb mir erst einmal eine 6 ein und forderte selbstsicher meine Eltern auf, sich mit ihr zu treffen. Die impulsive Art und Weise meiner Mutter, gepaart mit der Intelligenz meines Vaters ließen dieses Treffen für Frau Riebel zu ihrem Waterloo werden. Die 6 wurde zurückgenommen, ich mußte das Lied nicht singen und in der ersten Musikstunde nach diesem Treffen wirkte Frau Riebel plötzlich seltsam freundlich und ließ uns die gesamte Stunde Notenschlüsselmännchen zeichnen. Danach fand sie leider zurück zu alter Stärke und ließ jede einzelne Musikstunde in den kommenden zwei Jahren für uns alle zur einzigen Qual werden.

Glücklicherweise wechselte ich ja mit Beginn der 7.Klasse auf ein Gymnasium. Ich hatte heimlich gehofft, dort wieder auf Herrn Ristau zu treffen, aber mein neuer Musiklehrer, Herr Penzhorn, war im Grunde sogar noch besser. Immer gut gelaunt, immer einen kessen Spruch auf den Lippen, und er ließ uns so ganz andere Lieder singen, wie ich das bisher gewöhnt war. Songs von den Beatles und Konsorten - für jemanden, der vorher nur von Vogelbeerbäumen singen mußte, eine extrem willkommene Abwechslung. Herr Penzhorn sorgte dafür, daß alle Freude an der Musik hatten, und so war ich wirklich froh, daß er auch in der 8.Klasse mein Musiklehrer war - leider nicht sehr lange. Ich kann mich noch gut an diese eine Musikstunde erinnern. Es hatte schon zur Stunde geklingelt, aber Herr Penzhorn war noch nicht gekommen. Kurz, bevor sich unser Klassensprecher gerade aufmachen wollte, den Lehrermangel zu melden, kam Herr Penzhorn endlich. Aber er wirkte etwas seltsam und gedankenversunken. Der Unterricht kam auch nicht in Gang, die Schüler wurden unkonzentriert und begannen miteinander zu reden, immer lauter, bis plötzlich Herr Penzhorn explodierte und uns allesamt anschrie, daß wir ruhig sein sollen. Wir schauten ihn schockiert an, so hatten wir ihn noch nie erlebt. Er selbst hatte sich scheinbar so noch nicht erlebt, versuchte sich schnell zu beruhigen und zog den Unterricht dann so gut wie möglich durch. In der nächsten Stunde schrieben wir eine Klassenarbeit bei ihm, ungewöhnlich schwer waren die Fragen, und dann...war er weg. Erst über zwei Monate später bekamen wir unsere Arbeiten zurück - mit unzähligen Fünfen und Sechsen eine Katastrophe für die gesamte Klasse. Besonders seltsam dabei war, daß diese Arbeiten starkt fehlerhaft korrigiert wurden waren und keinerlei Unterschrift des kontrollierenden Lehrers besaßen. Unser lieber Herr P. war für diese Arbeiten sicherlich nicht verantwortlich und die zweite Musiklehrerin der Schule konnte es auch nicht gewesen sein, denn die war langwierig krank. Obwohl wir die Arbeit annulieren ließen, hatten wir erst einmal entsprechende Zensuren auf den Halbjahreszeugnissen stehen und mußten bald befürchten, daß diese hohen Werte auch auf dem Ganzjahreszeugnis auftauchen würden, denn Herr Penzhorn kam nicht wieder und die Schule hatte nun schlichtweg keinen Musiklehrer, der den Musikunterricht abhalten konnte.
Aber was war nun eigentlich mit Herrn Penzhorn passiert ? Später tauchte ein Gerücht auf; an dieser Stelle weise ich ausdrücklich darauf hin, daß dieses Gerücht nie bestätigt wurde, aber angeblich war es wohl so, daß der noch recht junge Herr Penzhorn eine Affaire mit einer Schülerin angefangen hatte. Das war wohl rausgekommen und bedeutete für den guten Mann die Kündigung. Wer weiß, ob ihn der Direktor noch vor eine Entscheidung gestellt hat, Schule oder Schülerin, aber ich denke mal eher nicht. Wahrscheinlich hieß es einfach "Herr Penzhorn, kommen sie in der großen Pause mal in mein Büro !", dort hieß es dann "Wir wissen von der Sache, sie sind zum Monatsende gefeuert." - und nach dieser Nachricht ist Penzhorn dann wahrscheinlich gleich ins Musikzimmer zurückgekehrt, weil dort schon eine Klasse auf ihn wartete, meine Klasse...

Die Schule tat sich ungewöhnlich schwer, einen Ersatz zu finden. Als ob es keine arbeitslosen Musiklehrer gegeben hätte. Erst gegen Ende des 8.Schuljahrs tauchte dann ein gewisser Herr Schröder auf, und der war wohl gar kein richtiger Pädagoge, sondern kam von einer Oper oder einem Theater. Ahnung hatte dieser Mann also schon, aber als Lehrer war er natürlich vollkommen überfordert, sodaß die Musikstunden bei ihm weder für uns, noch für ihn schön waren. Er brachte uns auch nur hauptsächlich Theorie bei und wußte sonst wenig mit uns anzufangen.

Im 9.Schuljahr bekamen wir wieder eine richtige Musiklehrerin. Über die kann ich nicht viel sagen, ich weiß nicht mal mehr ihren Namen. Ich weiß nur noch, daß sie sich zu Fasching etwas Farbe in die Haare gesprüht hatte. Außerdem existiert da dieser Witz, daß sie deswegen von allen ausgelacht wurde und deshalb gegangen ist... Ja, warum auch immer hatten wir im zweiten Halbjahr der neunten Klasse schon wieder oftmals kein Musik. Die andere Musiklehrerin war zwar wieder da, wurde aber vorwiegend für die kleineren Klassen eingesetzt. Erst gegen Ende des Schuljahres tauchte eine neue Lehrerin auf - Frau Heinzig, für mich Musiklehrer Nr.7. Die versprach zu bleiben und hielt ihr versprechen. Sie kam scheinbar von einer Mittelschule, weil sie uns anfangs zum Stundenbeginn immer aufstehen ließ und sich wunderte, warum dem keiner so richtig gerne nachkam. Erst ein paar Wochen später hat ihr wohl jemand erzählt, daß das bei uns an der Schule gar nicht üblich ist. Ansonsten vom Stil her nichts besonderes - neben den Liedern, die uns schon Herr Penzhorn hatte singen lassen, ließ sie uns auch gern dieses osteuropäische "Donna Donna"-Lied singen, das man, wie ich Jahre später feststellte, sogar im asiatischen Raum kennt. Außerdem durften wir auch ein skadinavisches Volkslied in Originalsprache singen, aber nicht zur LK.

Unter Frau Heinzig sang ich noch einmal im 12.Schuljahr, zu dem Zeitpunkt hatte sie sich inzwischen auch ihre merkwürdigsprachigen Lieder komplett abgewöhnt. Dazwischen, in der elfen Klasse, gab es aber noch eine andere Musiklehrerin, eine angehende Lehrerin um genau zu sein, die scheinbar soe twas wie ihr praktisches Jahr bei uns machte. Nummer 8 hieß Frau Fiero, jung, blond und ein bißchen...ungeeignet als Lehrerin. Kindergärtnerin wäre für sie wahrscheinlich passender gewesen, zumindest behandelte sie uns wie kleine Kinder. Da wurde sich wie Bolle gefreut, wenn jemand auf eine reine Textverständnis-Aufgabe die richtige Antwort gab, zur "Singe-LK" reichte schon sowas wie "I love the daffodils", und dann gab es da noch diverse Kindergartenaktionen, wie z.B. zu Musik ein Bild malen. Einmal ließ sie uns sogar allesamt, alle auf einmal redend, eine Runde im Zimmer herumlaufen, was sie mit dem Tonband aufnahm und uns dann vorspielte, um zu zeigen, wie das so klingt, wenn ein Haufen redender Personen sich einem nähert und wieder entfernt. Das Ergebnis war auf jeden Fall verblüffend ! Und ich muß auch zugeben, daß mir dieser infantile Unterricht durchaus lieber war, als mich mit Norenlehre und klassischen Komponisten auseinandersetzen zu müssen.


Das waren sie, die 8 Musiklehrer/innen, die mich in meinem Leben unterrichten durften. Tatsächlich gab es bei mir in keinem anderen Fach so viele unterschiedliche Lehrer wie in Musik. Was wohl aus all denen geworden ist ? Ich weiß nur, daß Frau Heinzig immernoch an meiner Schule lehrt, und Herr Penzhorn soll jetzt ein erfolgreicher Manager sein, von was auch immer.
Frau Riebel ist sicherlich schon lange in Rente gegangen und hoffentlich tot, Herr Ristau war damals auch nicht mehr der Jüngste, genießt also vielleicht auch schon den Lebensfeierabend. Und Frau Schlauch ? Die ist jetzt bestimmt Musiklehrerin auf Kuba oder in Nordkorea. Haben Nordkoreaner eigentlich auch Probleme, das "r" auszusprechen ? Wenn ja, welche Solmisationssilbe benutzt sie dann anstatt "RO" ?

01.09.2006 um 05:53 Uhr

Die Geschichte vom Anti-Thorsten-Club

von: Solus

Musik: The Flaming Lips - The Yeah Yeah Yeah Song

Es geschah im 6.Schuljahr, da war ich noch auf der Mittelschule, als nach einer wohl etwas hitzigen Sportstunde im Umkleideraum einige Jungs meiner Klasse im Kreis standen und über einen ihrer Kameraden schimpften. Thorsten, so hieß der Unglückliche, hatte scheinbar irgendetwas Schlimmes angerichtet. Ich weiß nicht mehr was das war, wahrscheinlich wußte ich es damals schon nicht, denn Sport mochte noch nie, und wenn uns unser Sportlehrer mal wieder auf den Fußballplatz schickte, was er sehr oft und sicherlich auch an diesem Tag getan hatte, war ich natürlich immer der Letzte, der in ein Team gewählt wurde - meistens noch mit einem kleinen Streit "Ihr nehmt Thomas !" - "Nein, Ihr nehmt ihn !", und ich war auch immer entweder Libero oder Torwart, außer wenn der Ball in meine Nähe kann, dann wurde ich sofort von einem fähigen Spieler ersetzt. Kurz gesagt, in diesen unzähligen Fußballspielen stand ich immer hinten beim Tor herum und wartete, bis die Schulstunde vorbei war, sodaß ich ganz sicher nicht mitbekommen hatte, was Thorsten während dieses Spiels getan hatte, aber es gab nun eben plötzlich ein paar Jungs, die ihn nicht mehr mochten. Diese Jungs standen jedenfalls da, regten sich allesamt auf und beschlossen letztendlich den armen Thorsten kollektiv nicht mehr zu mögen. "Ihr gründet also sozusagen den Anti-Thorsten-Club ?" fragte ich manipulativ und die Jungs stimmten "ihrer" Idee überrascht zu. Ihre Gehirne liefen nun auf hochtouren - ein Club, der Anti-Thorsten-Club, und jeder Dazugehörige dürfte weder Thorsten verzeihen, noch überhaupt mit ihm reden. Und eine Einführungszeremonie müßte es geben. Jemand holte ein Feuerzeug aus der Tasche und meinte, daß jedes Clubmitglied vorher einmal mit der Hand durch die schwache Flamme streifen müßte. "Aber Thomas darf auch ohne dem mitmachen !" meinte Marcel. Ja, ich war als Weichei verschrien, besaß aber nach dem Weggang jeglicher schlauen Schüler zwei Jahre zuvor eine hohe Credibility in Sachen Schlauheit und Erfolg. Außerdem war ich ja auch Klassensprecher, und so ein Anti-Thorsten-Club taugt ja nun wirklich nur etwas, wenn auch der Klassensprecher Mitglied ist.
Eigentlich war ich ja ein gewaltfreier, besonnener Mensch, der normalerweise an die Vernunft dieser Jungs appelliert hätte, diese Idee sofort zu verwerfen. Aber als ich diese Jungs gesehen hatte, wie sie da zusammenstanden und sich über etwas vollkommen einig waren, hatte ich eine Vision, die Vision von einer Klasse mit Zusammenhalt. Meine Mutter hatte mir oft von ihrer Schulzeit erzählt, als sie nach einem Umzug in eine Klasse kam, die wie Pech und Schwefel zusammenhielt, dort sofort akzeptiert wurde und eine glückliche Zeit verbrachte. Ich war immer etwas neidisch darauf, denn in meiner Klasse arbeitete man eher gegeneinander. Da wurde gepetzt, gestänkert...und einmal hat mir Peter sogar in die Eier getreten. Aber nun sah ich die Chance, meine Klasse umzuformen und eine Verbindung zu erschaffen, in der sich jeder unterstützen würde, in der es keine Außenseiter gab. Der Anti-Thorsten-Club war die Gelegenheit, dies alles zu erreichen, denn ich wußte schon damals, daß der Feind eines Feindes immer ein Freund ist, und wenn es einen Buhmann gibt, den keiner mag, hat der Rest der Gruppe damit etwas gemeinsam und alle stehen auf einer Stufe. Es gab nur ein Problem: Im Laufe des morgigen Tages würde dieser Ärger wieder verflogen sein, man gäbe sich die Hand und alles wäre wieder wie früher. Ich mußte also dafür sorgen, daß der Anti-Thorsten-Club bestehen bleibt. Ewig könnte ich es nicht herauszögern, bis sich die Jungs mit Thorsten wieder vertragen würden, und das war auch gut so, aber bis dahin mußte der Gemeinschafts-Funke ein stolzes Feuer entfacht haben.

So ging ich mit meinem damaligen, besten (und einzigen) Freund Christian nach hause und machte mich an die Arbeit. Mit Filzstiften bewaffnet bastelten wir gemeinsam aus Pappe tolle Mitgliedsausweise. Rechts oben kam natürlich das mit rot druchgestrichene "T" hin, und weiter unten dann der Name. Wir fertigten für jeden Schüler in der Klasse einen Ausweis an, denn das war das Ziel: Alle für alle, und alle gegen Einen !
Am nächsten Tag, als man sich vor der Schule traf, bis der Hausmeister endlich die Tür aufschloß, verteilte ich sofort die ersten Ausweise an die Gründungsmitglieder. Unter Gruppenzwang blieb jedem einzelnen gar nichts anderes mehr übrig, als seine Unsymphatie gegenüber Thorsten zu bekräftigen. Außerdem wurde ein geheimes Handzeichen erdacht: Eine Hand bestreckt, die andere orthogonal darauf, um ein T zu formen. Genial in seiner Einfachheit ! Als nächstes mußten neue Mitglieder gewonnen werden, was anfangs relativ leicht war, denn jeder der Gründungsmitglieder war mit dem einen oder anderen Jungen befreudet, der mit der Thorsten-Hasserei noch nichts zu tun hatte, und das änderte sich dann eben, weil man ja auch nicht außen vorstehen wollte. So war, noch bevor die erste Schulstunde begann, jeder Junge (außer Thorsten natürlich) Mitglied im Anti-Thorsten-Club. Nun waren die Mädchen dran, ein schwieriges Unterfangen. So ein Mädchen fragt natürlich erst einmal, was Thorsten denn überhaupt gemacht hat, oder ist so zickig, daß sie sich der Sache gleich ganz verweigert. Aber wenn man die Vorteile aufzählt, daß Mitglieder sich untereinander ja nicht schaden, und man dafür im Grunde nichts leisten muß, außer den Ausweis in Empfang zu nehmen, läßt man sich dann doch schon breitschlagen, zumindest als Pseudo-Mitglied dabei zu sein. Als Mädchen hatte man ja mit Thorsten, wie mit jedem anderen Jungen auch, sowieso nichts zu tun. Da war das kein Problem. Ein paar Spielverderber gab es natürlich trotzdem, um die müßte man sich später noch kümmern, aber zumindest hatte im Laufe des Tages der Anti-Thorsten-Club auch ein paar weibliche Mitglieder gewonnen - darunter sogar Marie, die stellvertretende Klassensprecherin.
Außerdem gab es noch eine große Neuerung - wer Thorsten auf irgendeine Art und Weise schadete, bekam einen Bonuspunkt von mir in meine Liste notiert. Ich war natürlich nicht der Anführer, denn wir hatten ja früh beschlossen, daß es keinen Anführer gibt, aber ich hatte eben nun mal so eine Liste...gemacht, und die führte recht bald Markus an, der nicht nur meinen Vorschlag, in der Hofpause mal Thorsten eins auf den Kopf zu hauen, in die Tat umsetzte, sondern auch meinen geschriebenen Zettel, auf dem "Thorsten go home" stand, gekonnt in Thorstens Ranzen platzierte.
Aber auch ich selbst mußte nun zum ersten Mal schweren Herzens etwas für den Club tun - nämlich nicht mit Thorsten reden, als der mich, weil ich ja Klassensprecher war,  um HIlfe ersuchte. "Daß Du bei sowas auch noch mitmachst, hätte ich nicht gedacht !" sagte er traurig, aber das tat ich ja wirklich nur für einen höheren Zweck, ich hatte ja eigentlich gar nicht gegen ihn. War ein netter Typ. Ihn hatte es eben nur zufällig getroffen.

Am nächsten Tag, in Englisch, begann dann Thorsten plötzlich zu weinen, und als die Englischlehrerin fragte, was denn los sei, erzählte er davon, daß ihm irgendjemand einen Zettel in den Ranzen getan hatte, auf dem "Torsten go home !" gestanden hätte, und die gesamte Klasse würde ihn plötzlich hassen. Die Englischlehrerin meinte "Dann muß eben mal der Klassensprecher das mit Eurer Klassenlehrerin besprechen. Wer ist das ?" - "Thomas." murmelten einige und Thorsten schrie hysterisch "DER IST JA AUCH MIT DABEI !". Die Lehrerin überlegte. "Habt Ihr einen stellvertretenden Klassensprecher ?" - "Ja, Marie." - "Dann geh Du mal bitte zu Eurer Lehrerin, Marie !". Da rief leider niemand "Die ist ja auch mit dabei.", das wäre zumindest witzig gewesen.
Eine Stunde später, dazwischen lag eine große Pause, in der unsere Englischlehrerin scheinbar dann doch lieber selbst die Klassenlehrerin verständigt hatte, mußten wir uns von ihr eine Standpauke anhören. Die genauen Worte weiß ich nicht mehr, aber sie waren auf jeden Fall an die gesamte Klasse gerichtet und irgendwann sagte sie auch sowas wie "Ich möchte mal wissen, wer oder was überhaupt hinter dieser Sache steckt ?!" und Christian hob hinter ihrem Rücken seine Mitgliedskarte hoch und grinste mich an. Ja, der Anti-Thorsten-Club steckte hinter all dem, und der war somit innerhalb weniger Minuten aufgelöst, denn gegen die Worte der Klassenlehrerin kann man sich natürlich nicht stellen. Wenn die sagt, daß sich alle sofort mit Thorsten zu vertragen haben, ist das Gesetz.
Einen Tag später war alles vergessen. Mein Traum vom kollegialen Klassenverband - schon zum Greifen nah und letztlich kläglich gescheitert. Und was lernen wir daraus ? - wenn man einen Anti-Club gründet, sollte man sich einen Schüler aussuchen, der sich garantiert nicht so schnell wehrt, und die Klassenlehrerin sollte in der Zeit am besten auch krank sein. Außerdem sollte man sofort gegen Nicht-Mitglieder vorgehen, damit die Pseudo-Mitglieder nicht umfallen, wenn es ernst wird. Dann, ja dann aber könnte es tatsächlich klappen. Da bin ich mir sicher.
Mögen andere aus meinen Fehlern lernen.