Musik: Karussell - Als ich fortging <-erste GesangsLK bei Penzhorn
Meine erste, richtige Musiklehrerin bekam ich in der zweiten Klasse. Als Erstklässler wurde man ja noch in allen Fächer von der Klassenlehrerin unterrichtet, bis auf Sport natürlich, denn die alte, dicke Frau hätte in Sportkleidung bestimmt keine gute Figur abgegeben. Stattdessen hatten wir Fräulein Zill, eine ebenfalls sehr alte, aber dünne Frau, lesbisch, die uns gern mal mit dem Satz "Wior sinn doch rischdsche Sportlor !" motivierte, aber das ist eine andere Geschichte. Meine Klassenlehrerin hatte uns jedenfalls keine Musikstunden gegeben, soweit ich mich erinnern kann, sodaß ich erst ein paar Jahr später, nachdem man dann von verschiedenen Lehrern unterrichtet wurde, in den Genuß von Musikunterricht kam.
Frau Schlauch hieß meine damalige Musiklehrerin - ein Name, bei dem ich schon fast vermute, daß mir mein Gedächtnis einen Streich spielt, aber ja...doch, sie hieß Frau Schlau. Sie war jung, schlank und hatte lockiges Haar. Ansich eine nette Frau, die uns im zweiten Schuljahr erst einmal mit merkwürdigen Handbewegungen und Silben die Tonleiter beibrachte. Im Gegensatz zu den vom Rest der Welt benutzten "do re mi"-Solmisationssilben gab es in der DDR natürlich ein eigenes Modell, bestimmt tausendmal effizienter als das Herkömmliche. So dauerte es auch nicht lange und schon konnte die gesamte Klasse auf Befehl JA LE MI NI RO SU WA JA singen. Außerdem brachte uns Frau Schlauch auch den 2,3 und 4/4-Takt bei. Nachdem wir das alles drauf hatten, konnte sie uns nur noch Lieder beibringen. So nett und fähig Frau Schlauch war, gab es in der Beziehung ein klitzekleines Problem: Während zu dieser Zeit gerade draußen das Ende der Deutschen Demokratischen Republik ausgerufen wurde und man schon fröhlich die Einheit vorbereitete, brachte uns Frau Schlauch noch solche Lieder wie "Mein blaues Halstuch" oder "Gute Freunde (in der Volksarmee)" bei. War vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß. Im nächsten Schuljahr - das Vierte, war Frau Schlauch seltsamerweise nicht mehr an unserer Schule. Keine Ahnung, wo sie hin ist, aber stattdessen hatte ich nun Musik bei einem Herrn Ristau. Großartiger Lehrer, der mit seiner lockeren, freundlichen Art die Schüler sämtlicher Klassenstufen für Musik begeistern konnte. Wir sangen "Wenn die weißen Wolken fliegen", "König Midas" oder ein chinesisches Lampionumzugslied. Zumindest die Melodien habe ich heute noch drauf. Herr Ristau gehörte jedenfalls wirklich zu dieser Spezies Musiklehrer, für die Musik kein Schulfach, sondern eine Passion ist. Ein wirklich richtig guter Lehrer war er - leider zu gut, sodaß er scheinbar problemlos einen Job an einem Gymnasium fand. So folgte nach nur einem Jahr bei Herrn Ristau eine neue Musiklehrerin, Frau Riebel, die ich die nächsten zwei Jahre ertragen mußte. Man kann sich sicherlich vorstellen, daß als zu dieser Zeit alle guten Lehrer auf die ganzen neu enstandenen Gymnasien wechselten, an den Mittelschulen nur noch mittelmäßige Lehrer übrigblieben. Frau Riebel gehörte nicht dazu, die mußte man noch ein paar Kategorien weiter unten einordnen.
Das erste Lied, was uns diese alte, strenge, humorlose Frau verbal einprügelte, war der "Vogelbeerbaum". Das heißt, schön wär's gewesen, stattdessen ließ sie uns das mundartliche Original lernen. "Denn kan schinnern Baam gibt's wie an Vugelbärbaam, Vugelbärbaam, Vugelbärbaam. Es wärd a su leicht net an schinnern Baam gam, Schinnern Baam gam, ei-jo!". Kann man vielleicht als Erwachsener nicht ganz nachempfinden, aber für einen Fünfklässler ist das eine doch recht hoher Schwierigkeitsgrad. Ich weiß noch, wie zur Leistungskontrolle der arme Thorsten - ja, genau DER Thorsten, in Tränen ausbrach, weil er mit dem Text nicht zu Rande kam und am Ende eine 6 kassierte. Die Frau wußte wirklich, wie man den Schülern jeglichen Spaß an der Musik raubt. So holten sich also in diese Stunde alle Schüler vorn ihre Dreien, Vierer, Fünfen oder gar Sechsen ab, außer ich natürlich. Ich als Einserschüler hätte das sicherlich mit viel Mühe hingekommen, mir den kompletten bescheuerten Text für diese eine Stunde in mein Hirn zu brennen, aber das sah ich gar nicht ein. Stattdessen mobilisierte ich meine Eltern, die mir einen Brief schrieben, daß sie mich dieses Lied nicht lernen lassen. Die Musiklehrerin schrieb mir erst einmal eine 6 ein und forderte selbstsicher meine Eltern auf, sich mit ihr zu treffen. Die impulsive Art und Weise meiner Mutter, gepaart mit der Intelligenz meines Vaters ließen dieses Treffen für Frau Riebel zu ihrem Waterloo werden. Die 6 wurde zurückgenommen, ich mußte das Lied nicht singen und in der ersten Musikstunde nach diesem Treffen wirkte Frau Riebel plötzlich seltsam freundlich und ließ uns die gesamte Stunde Notenschlüsselmännchen zeichnen. Danach fand sie leider zurück zu alter Stärke und ließ jede einzelne Musikstunde in den kommenden zwei Jahren für uns alle zur einzigen Qual werden.
Glücklicherweise wechselte ich ja mit Beginn der 7.Klasse auf ein Gymnasium. Ich hatte heimlich gehofft, dort wieder auf Herrn Ristau zu treffen, aber mein neuer Musiklehrer, Herr Penzhorn, war im Grunde sogar noch besser. Immer gut gelaunt, immer einen kessen Spruch auf den Lippen, und er ließ uns so ganz andere Lieder singen, wie ich das bisher gewöhnt war. Songs von den Beatles und Konsorten - für jemanden, der vorher nur von Vogelbeerbäumen singen mußte, eine extrem willkommene Abwechslung. Herr Penzhorn sorgte dafür, daß alle Freude an der Musik hatten, und so war ich wirklich froh, daß er auch in der 8.Klasse mein Musiklehrer war - leider nicht sehr lange. Ich kann mich noch gut an diese eine Musikstunde erinnern. Es hatte schon zur Stunde geklingelt, aber Herr Penzhorn war noch nicht gekommen. Kurz, bevor sich unser Klassensprecher gerade aufmachen wollte, den Lehrermangel zu melden, kam Herr Penzhorn endlich. Aber er wirkte etwas seltsam und gedankenversunken. Der Unterricht kam auch nicht in Gang, die Schüler wurden unkonzentriert und begannen miteinander zu reden, immer lauter, bis plötzlich Herr Penzhorn explodierte und uns allesamt anschrie, daß wir ruhig sein sollen. Wir schauten ihn schockiert an, so hatten wir ihn noch nie erlebt. Er selbst hatte sich scheinbar so noch nicht erlebt, versuchte sich schnell zu beruhigen und zog den Unterricht dann so gut wie möglich durch. In der nächsten Stunde schrieben wir eine Klassenarbeit bei ihm, ungewöhnlich schwer waren die Fragen, und dann...war er weg. Erst über zwei Monate später bekamen wir unsere Arbeiten zurück - mit unzähligen Fünfen und Sechsen eine Katastrophe für die gesamte Klasse. Besonders seltsam dabei war, daß diese Arbeiten starkt fehlerhaft korrigiert wurden waren und keinerlei Unterschrift des kontrollierenden Lehrers besaßen. Unser lieber Herr P. war für diese Arbeiten sicherlich nicht verantwortlich und die zweite Musiklehrerin der Schule konnte es auch nicht gewesen sein, denn die war langwierig krank. Obwohl wir die Arbeit annulieren ließen, hatten wir erst einmal entsprechende Zensuren auf den Halbjahreszeugnissen stehen und mußten bald befürchten, daß diese hohen Werte auch auf dem Ganzjahreszeugnis auftauchen würden, denn Herr Penzhorn kam nicht wieder und die Schule hatte nun schlichtweg keinen Musiklehrer, der den Musikunterricht abhalten konnte.
Aber was war nun eigentlich mit Herrn Penzhorn passiert ? Später tauchte ein Gerücht auf; an dieser Stelle weise ich ausdrücklich darauf hin, daß dieses Gerücht nie bestätigt wurde, aber angeblich war es wohl so, daß der noch recht junge Herr Penzhorn eine Affaire mit einer Schülerin angefangen hatte. Das war wohl rausgekommen und bedeutete für den guten Mann die Kündigung. Wer weiß, ob ihn der Direktor noch vor eine Entscheidung gestellt hat, Schule oder Schülerin, aber ich denke mal eher nicht. Wahrscheinlich hieß es einfach "Herr Penzhorn, kommen sie in der großen Pause mal in mein Büro !", dort hieß es dann "Wir wissen von der Sache, sie sind zum Monatsende gefeuert." - und nach dieser Nachricht ist Penzhorn dann wahrscheinlich gleich ins Musikzimmer zurückgekehrt, weil dort schon eine Klasse auf ihn wartete, meine Klasse...
Die Schule tat sich ungewöhnlich schwer, einen Ersatz zu finden. Als ob es keine arbeitslosen Musiklehrer gegeben hätte. Erst gegen Ende des 8.Schuljahrs tauchte dann ein gewisser Herr Schröder auf, und der war wohl gar kein richtiger Pädagoge, sondern kam von einer Oper oder einem Theater. Ahnung hatte dieser Mann also schon, aber als Lehrer war er natürlich vollkommen überfordert, sodaß die Musikstunden bei ihm weder für uns, noch für ihn schön waren. Er brachte uns auch nur hauptsächlich Theorie bei und wußte sonst wenig mit uns anzufangen.
Im 9.Schuljahr bekamen wir wieder eine richtige Musiklehrerin. Über die kann ich nicht viel sagen, ich weiß nicht mal mehr ihren Namen. Ich weiß nur noch, daß sie sich zu Fasching etwas Farbe in die Haare gesprüht hatte. Außerdem existiert da dieser Witz, daß sie deswegen von allen ausgelacht wurde und deshalb gegangen ist... Ja, warum auch immer hatten wir im zweiten Halbjahr der neunten Klasse schon wieder oftmals kein Musik. Die andere Musiklehrerin war zwar wieder da, wurde aber vorwiegend für die kleineren Klassen eingesetzt. Erst gegen Ende des Schuljahres tauchte eine neue Lehrerin auf - Frau Heinzig, für mich Musiklehrer Nr.7. Die versprach zu bleiben und hielt ihr versprechen. Sie kam scheinbar von einer Mittelschule, weil sie uns anfangs zum Stundenbeginn immer aufstehen ließ und sich wunderte, warum dem keiner so richtig gerne nachkam. Erst ein paar Wochen später hat ihr wohl jemand erzählt, daß das bei uns an der Schule gar nicht üblich ist. Ansonsten vom Stil her nichts besonderes - neben den Liedern, die uns schon Herr Penzhorn hatte singen lassen, ließ sie uns auch gern dieses osteuropäische "Donna Donna"-Lied singen, das man, wie ich Jahre später feststellte, sogar im asiatischen Raum kennt. Außerdem durften wir auch ein skadinavisches Volkslied in Originalsprache singen, aber nicht zur LK.
Unter Frau Heinzig sang ich noch einmal im 12.Schuljahr, zu dem Zeitpunkt hatte sie sich inzwischen auch ihre merkwürdigsprachigen Lieder komplett abgewöhnt. Dazwischen, in der elfen Klasse, gab es aber noch eine andere Musiklehrerin, eine angehende Lehrerin um genau zu sein, die scheinbar soe twas wie ihr praktisches Jahr bei uns machte. Nummer 8 hieß Frau Fiero, jung, blond und ein bißchen...ungeeignet als Lehrerin. Kindergärtnerin wäre für sie wahrscheinlich passender gewesen, zumindest behandelte sie uns wie kleine Kinder. Da wurde sich wie Bolle gefreut, wenn jemand auf eine reine Textverständnis-Aufgabe die richtige Antwort gab, zur "Singe-LK" reichte schon sowas wie "I love the daffodils", und dann gab es da noch diverse Kindergartenaktionen, wie z.B. zu Musik ein Bild malen. Einmal ließ sie uns sogar allesamt, alle auf einmal redend, eine Runde im Zimmer herumlaufen, was sie mit dem Tonband aufnahm und uns dann vorspielte, um zu zeigen, wie das so klingt, wenn ein Haufen redender Personen sich einem nähert und wieder entfernt. Das Ergebnis war auf jeden Fall verblüffend ! Und ich muß auch zugeben, daß mir dieser infantile Unterricht durchaus lieber war, als mich mit Norenlehre und klassischen Komponisten auseinandersetzen zu müssen.
Das waren sie, die 8 Musiklehrer/innen, die mich in meinem Leben unterrichten durften. Tatsächlich gab es bei mir in keinem anderen Fach so viele unterschiedliche Lehrer wie in Musik. Was wohl aus all denen geworden ist ? Ich weiß nur, daß Frau Heinzig immernoch an meiner Schule lehrt, und Herr Penzhorn soll jetzt ein erfolgreicher Manager sein, von was auch immer.
Frau Riebel ist sicherlich schon lange in Rente gegangen und hoffentlich tot, Herr Ristau war damals auch nicht mehr der Jüngste, genießt also vielleicht auch schon den Lebensfeierabend. Und Frau Schlauch ? Die ist jetzt bestimmt Musiklehrerin auf Kuba oder in Nordkorea. Haben Nordkoreaner eigentlich auch Probleme, das "r" auszusprechen ? Wenn ja, welche Solmisationssilbe benutzt sie dann anstatt "RO" ?