Das geheimnisvolle Blog ins zauberhafte Nichts

29.10.2006 um 09:10 Uhr

Die Knochenjäger

von: Solus

Musik: Sigur Ros - Untitled7

Da hatte ich erst vor acht Tagen darüber geschrieben, daß der Bildzeitung bald die Skandale ausgehen und sie so auf die großen Tabus, wie z.B. den Tod zurückgreifen müssen, und schon ist es soweit: Pünktlich zu Halloween schockiert uns BILD mit Fotos von Soldaten, die mit Schädeln und Skeletten posieren. Nach den Amerikanern und Briten hat also jetzt auch die deutsche Bundeswehr ihre weiße Weste verloren.

Ich muß zugeben, auch ich bin über die Enthüllungen äußerst überrascht. Hielt ich doch die Bundeswehr bisher für einen Haufen überbezahlter Warmduscher, die an jeder Tätigkeit, die sich gefährlicher als das Werfen von Sandsäcken in ein Hochwasser gestaltet, nervlich zerbrechen würden. Tja, von wegen, wir haben gar nicht den Anschluß an die anderen Armeen verloren. Unsere Bundis können auch witzige Fotos schießen. Gut, gegenüber den nackten Muselmännern aus Abu Ghraib sind die Schädelfotos natürlich viel harmloser, aber wie es heißt es doch so schön - Jeder fängt mal klein an. In ein paar Jahren sind unsere Jungs sicherlich auch dazu fähig, lebendige Menschen zu schänden. Früher oder später muß das schließlich jeder gute Soldat draufhaben, denn nur, wenn man wirklich keinen Respekt vor dem Leben besitzt, kann man auch ein guter Berufsmörder sein.
In der Beziehung bin ich übrigens von unserem Kriegs...ähm...Verteidigungsminister Jung enttäuscht, denn anstatt Betroffenheit zu heucheln, sollte er jetzt lieber der Bevölkerung klarmachen, wie gut es doch ist, daß unsere Soldaten keine Probleme damit haben, sich mit Leichenteilen fotografieren zu lassen. Wir dürfen froh sein, daß wir im Kriegsfall nicht von Männern und Frauen beschützt werden, denen irgendwelche moralischen Belastungen im Weg stehen, wenn sie plötzlich den ganzen Tag andere Menschen töten müssen. Deshalb ist es äußerst wichtig, daß diese unsinnige Hexenjagd sofort eingestellt wird und die suspendierten Soldaten auch wieder ihrem Beruf nachgehen können. Diese Männer haben es schließlich geschafft, sich für ihren Job die notwendigen Vorraussetzungen zu erarbeiten, und Spaß macht ihnen ihr Beruf sogar auch noch. Besser geht es doch gar nicht.

21.10.2006 um 10:12 Uhr

Schockresistent

von: Solus

Musik: Sugarcubes - Deus

Als ich neulich die Domina-Anwältin bei Kerner sah, wie sie da ganz gelassen davon erzählte, daß die meisten ihrer Kollegen von ihrer Nebentätigkeit wüßten, und sie auch schon mal von dem einen oder anderen Juristen in ihrem Studio besucht wird, und bis auf vielleicht Andre Rieu, der etwas irritiert dreinblickte, alle im Studio interessiert und entspannt den Worten von "Herrin Hera" lauschten, da fragte ich mich einmal, wie sich wohl all die verbliebenen konversativen Menschen in unserem Land gerade fühlen, wenn sie das mit ansehen, und ich fragte mich auch, mit was man eigentlich heutzutage noch schockieren kann.
BILD und Co. hatten ja im Vorfeld versucht, die SM-Juristin zum Aufreger hochzustilisieren, aber wenn irgendwo kritische Stimmen dazu auftauchten, ging es denen eher darum, daß die als wahr bezeichnete Geschichte, die Hera in ihrem Buch schildert, wahrscheinlich gar nicht so authentisch ist, oder daß das Buch und der Fernsehauftritt als Werbung fungieren könnte, wo doch Anwälte gar keine Werbung für sich machen dürfen. Eine Domina-Anwältin ist also scheinbar kein Aufreger mehr, Sarah Connors unterhosenloser Auftritt bei "Wetten Dass" vor zwei Jahren war entgegen der Meldung ihrer Plattenfirma auch keiner, und daß Lenzen & Partner gegen "perverse Puffmütter" und "durchtriebene Triebtäter" ermittelt, noch bevor das Sandmännchen die Kinder ins Bett geschickt hat, ruft heutzutage noch nicht mal mehr die Medienwächter auf den Plan. Die hatten im Jahre 2000 ihren letzten großen Auftritt, als sie erfolglos gegen "Big Brother" vorgehen wollten. Gebracht hat das alles nichts, und nur vier Jahre später durfte man in dieser Sendung Leute beobachten, wie sie vor laufenden Kameras in die Hosen machen, um ein Auto zu gewinnen.
Über derartige Fernsehinhalte schütteln zurecht viele den Kopf, nur skandalös ist das eben alles nun ganz und gar nicht mehr. Die Medien in Deutschland stehen vor einem pikanten Dilemma - mit welchen Skandalen kann man denn eigentlich noch die Aufmerksamkeit der Leute erreichen ? Das Eis wird diesbezüglich immer dünner. Vielleicht noch ein homosexueller Fußballer, und sicherlich könnte auch ein sich zur Zoophilie bekennender Prominenter noch einmal schockieren, aber dann ist Schluß. Also nicht ganz, denn es bleiben ja noch die 2+1 großen Tabus unserer Breitengrade erhalten: Tod, Gewalt an Kindern, und das Dritte Reich.
Muß die Bildzeitung in Zukunft eben Prominente als nekrophile, pädophile Faschisten outen, bis auch diese Themen auf Grund von Übersättigung irgendwann keinen mehr interessieren. Welche Schlagzeilen wird BILD dann eigentlich auf die Titelseite drucken ? "SKANDAL ! ES GIBT KEINE SKANDALE MEHR !" ?

Bleibt noch die Frage nach den heutigen Alt-Konversativen. Wie fühlen die sich eigentlich so, diese Leute, für die Homosexualität eine Krankheit ist, für die Sex jenseits des abgedunkelten Schlafzimmers ein grober Sittenverfall darstellt, wenn sie Abends Kerner einschalten, weil sie ein Interview mit ihrem Lieblingsmusikanten sehen wollen, und dann den Ausschweifungen einer Prostituierten im SM-Bereich zuhören müssen, während daneben der homosexuelle Dirk Bach sitzt und bei dem Wort "Wasserrutsche" eine Natursekt-Anspielung macht. Ist man da als Konservativer angeekelt ? Wütend ? Oder fühlt man sich ohnmächtig ? Sitzt man da und stellt erschrocken fest, daß man die Welt nicht mehr versteht, oder flüchtet man einfach in seine eigene kleine, heile Welt, bzw. in ein abgelegenes, süd-bayrisches Dorf ? Aber selbst da ist man ja inzwischen nicht mehr sicher; hat doch die CSU in ihrem neuen Familienprogramm erstmals indirekt, also zwar nicht explizit, aber immerhin überhaupt in Text gefasst die Feststellung formuliert, daß die Partner einer gleichgeschlechtlichen Verbindung unter Umständen füreinander da sind. Großartige Erkenntnis - auch, daß Konservative scheinbar doch dazu fähig sind, die Welt langsam wieder einzuholen. Sie tun das eben nur einfach im gemütlichen Wanderschritt.

14.10.2006 um 09:20 Uhr

Neuer Spaß mit dem Arbeitsamt

von: Solus

Musik: Emiliana Torrini - Unemployed in Summertime

Ich war vorgestern mal wieder auf dem Arbeitsamt. Eigentlich hätte ich mich schon vor 2 Monaten dort wieder melden sollen, aber meine Motivation diesbezüglich hält sich doch arg in Grenzen, nachdem man mir per Post doch recht viel Müll angeboten hat, und das eine halbwegs vernünftige Angebot, bei dem ich mich beworben hatte, sich ja als gar nicht vorhanden herausstellte.
Davon mal abgesehen habe ich auch ernsthafte Zweifel an meiner Fähigkeit, so etwas wie eine Ausbildung überhaupt noch bestreiten zu können. Mein Schlafrhythmus ist so kaputt wie immer; zur Zeit gehe ich zwischen 9 u. 10 Uhr früh ins Bett, und dann ist da noch die Leere in meinem Schädel, die einhergehend mit Lust- und Interessenlosigkeit, sowie einer permanten Gleichgültigkeit dafür sorgen würde, daß ich wahrscheinlich nach spätestens einem Jahr wieder ohne Lehre dastehe. Aber nun gut, irgendwie muß es ja weitergehen, Mutti nörgelte auch schon herum, daß ich endlich mal wieder zum Amt gehen soll, damit sich überhaupt etwas tut, und wie ich in einem Brief erfuhr, wird einem das beim Arbeitsamt gemeldet sein auf die Sozial- und Rentenversicherung angerechnet. Es ist zwar davon auszugehen, daß wenn ich mal Rentner bin, es gar keine Rente mehr geben wird, aber damit zumindest das Mütterchen endlich Ruhe geben würde, stieg ich also vorgestern früh in die nächste Straßenbahn meines Vertrauens und fuhr zur Arbeitsagentur.

Dort angekommen meldete ich mich am Empfang. Ein freundlicher Mann tippte lange in seinem Computer herum und meinte dann: "Da sie jetzt über 25 sind, ist die Lehrstellenvermittlung für unter 25jährige nicht mehr für sie zuständig. Stattdessen müssen sie jetzt zur normalen Vermittlung, das ist im 2. Stock. Sie werden aufgerufen."
Während ich die Treppen hinaufstieg, fürchtete ich schon, nun ewig warten zu müssen - man kennt ja die Bilder von überfüllten Arbeitsamtwartezimmern, aber tatsächlich war dort oben genauso wenig los wie unten. Darum war ich auch bald dran und wurde von einer freundlichen, nicht mehr ganz so jungen Frau an den Tisch gebeten. Ich schilderte kurz meinen Fall und wartete dann auf die Reaktion der Frau, die auf ihrer Tastatur herumtippte. "Hmm...aber direkt arbeitslos sind Sie nicht, oder ?" fragte sie irritiert. - "Nunja, das ist definitionssache. Ich habe studiert, das Studium abgebrochen und suche jetzt eine Lehrstelle..." erklärte ich noch einmal. "Also...ich glaube, da sind sie hier falsch." - "Der Mann unten hat mich hier hoch geschickt, weil ich jetzt über 25 bin." - "Achso. Hmm, ich muß da trotzdem erstmal nachfragen." Sie griff zum Telefon und wählte eine kurze Nummer. Weil sich aber niemand meldete, stand sie auf und lief zu zwei Kolleginnen, um sich mit denen zu beratschlagen. Dann kam sie zurück zu ihrem Tisch, eine Kollegin folgte ihr und nannte den Namen einer anderen Mitarbeiterin, die wohl für Gastarbeiter zuständig ist, was auch immer das mit mir zu tun hatte. Die Frau griff erneut zum Telefon, rief diese Mitarbeiterin an, sagte etwa zehnmal hintereinander "Ja." und "Gut.", dann schaute sie mich freundlich an und meinte: "Ja, also wir sind für sie hier nicht zuständig. Sie müssen runter ins Berufsinformationszentrum. Dort wenden Sie sich an Frau Hilbert."
Ich verabschiedete mich, lief die Treppen wieder hinunter und dann ab in den großen Raum mit den vielen Terminals. Dort war gerade niemand, aber glücklicherweise tauchte kurz darauf eine junge Frau auf. "Entschuldigung, ich suche die Frau Hilbert..." sagte ich und die junge Frau antwortete darauf "Die ist in den nächsten zwei Wochen nicht da. Was wollen sie denn von ihr ?" Ich schilderte meinen Fall, woraufhin sie verwundert erklärte, daß diese Frau Hilbert gar nicht dafür zuständig sei. Ansonsten war sie vollständig ratlos und meinte, daß ich mich am besten setzen und auf Frau Exel warten sollte. Die kannte ich ja immerhin schon. Bei der Gelegenheit könnte ich sie auch gleich fragen, was aus der Voluntärstelle beim Chemnitz-Fernsehen geworden ist, die sie mir vor drei Monaten telefonisch angeboten, mir jedoch nie die erbetenen näheren Informationen geschickt hatte.
Leider wurde daraus nichts, denn ich wartete 10 Minuten, 20 Minuten, eine halbe Stunde - und niemand kam. Die junge Frau gab den guten Ratschlag, dann eben ein anderes Mal wiederzukommen, und nach einer weiteren Viertelstunde kam ich diesem Vorschlag nach und ging. Happy End.

Ja, nachdem sich diese Arbeitsbeamten bei jedem Besuch meinerseits in Sachen Effizienz bisher immer wieder unterboten haben, und ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, daß sie diesen Trend aufrechterhalten könnten, wurde ich nun eines Besseren belehrt. Wieder waren sie alle furchtbar nett und wieder allesamt furchtbar nutzlos. Und was bedeutet das nun eigentlich für mich ? Soll ich irgendeinen Job annehmen und gleich wieder kündigen, damit ich somit arbeitslos bin und die vom zweiten Stock für mich zuständig sind ? Oder wechsel ich einfach die Staatsbürgerschaft, damit zumindest die Gastarbeiterfrau mit mir redet ? Hmm...ich glaube, ich vegetiere erst einmal noch ein weiteres Jahr zu hause vor mich hin. Wie heißt es so schön; kommt Zeit, kommt Rat.

10.10.2006 um 07:07 Uhr

Der Liebestöter Thomas

von: Solus

Musik: Erdmöbel - So küsste sie

Ah, der Herbst ist da - meine Lieblingsjahreszeit. Nur jetzt darf man Erdmöbels "Der Sommer ist vorbei" auf repeat laufen lassen, und dazu das Fenster weit geöffnet, um etwas von den wundervollen Herbststürmen da draußen mitzubekommen.
Wenn ich sehe, wie die sonst unzerstörbar wirkenden Bäume zu Boden gedrückt werden und scheinbar fast daran zerbrechen, erinnert mich das an die eigene Sterblichkeit, und damit fühle ich mich gleich viel lebendiger. Dieses Wetter, also nicht nur die Stürme, sondern vorallem auch die Regenschauer, haben außerdem noch einen großartigen Nebeneffekt: Es macht viele Menschen sehr unglücklich.
Die Rede ist von den Liebespaaren. Im Frühling finden sich die Menschen zusammen, im Sommer haben sie Spaß miteinander, und im Herbst, da wird es plötzlich recht ungemütlich. Draußen ist es grau und nass, und plötzlich beginnt man über sich und sein Leben nachzudenken. Dazu kommt, daß das Wetter es immer öfter gar nicht mehr zuläßt, irgendwohin zu gehen. Da hocken die Paare dann Tag für Tag zu hause herum, auf engstem Raum, und wissen nichts mit sich anzufangen. Also geht man sich immer mehr auf die Nerven, beginnt sich zu streiten, und während man im Sommer noch Ablenkung fand, entdeckt man an seinem Partner plötzlich mehr und mehr negative Seiten. Ohne jetzt auch nur eine Statistik zu kennen, würde ich daher einfach mal behaupten, daß im Herbst die meisten Beziehungen in die Brüche gehen.
Mich als einsamer Mensch freut das natürlich. Gar nicht schön von mir, ich weiß, aber in Sachen Liebe bin ich wie die Seeräuber Jenny aus der Dreigroschenoper; mir soll es nicht besser gehen, sondern den anderen einfach schlechter !


Meine Herren und Damen ich sehe Euch küssend
und händchenhaltend auf den Straßen.
Und Ihr habt Euch so lieb, wenn die Krokusse sprießen
Und Ihr seid so furchtbar fröhlich, wenn die Sonnenstrahlen schießen,
Und Nachts rammelt Ihr wie die Hasen.
Und Nachts rammelt Ihr wie die Hasen.

Aber eines Tages wird nur noch Geschrei sein, und Zank.
Und man fragt: Ist die Beziehung schon vorbei ?
Und man wird mich lächeln seh'n in meinem Zimmer
Und man fragt: Was lächelt der dabei ?


Und ein Herbst, mit viel Regen
und mit fünfzig Stürmen
wird die Paare entzwei'n.


Schon bald sind wieder alle Menschen so allein wie ich. Wie wunderbar.

03.10.2006 um 08:43 Uhr

Als die Mauern fielen

von: Solus

Musik: The Flaming Lips - My cosmic autumn rebellion

Heute, zum großen Feiertag, dachte ich mir, daß ich einfach mal ein bißchen von früher erzähle, wie ich das so erlebt habe, als die DDR zerfiel.

Einige von Euch waren ja eventuell noch zu jung, um das alles so richtig mitzubekommen - Ich selbst war es ja eigentlich auch noch, denn zum Beispiel vom Fall der Mauer ansich und wie meine Eltern darauf reagiert haben, weiß ich gar nichts mehr.
Was noch in meinem Kopf hängen geblieben ist, war der Besuch bei meinen Großeltern väterlicherseits, am 30.September 1989. Wir haben sie wie immer Sonnabends besucht, und ich weiß noch, wie mein Großvater an diesem Tag zu meinem Vater sagte, daß er auf keinen Fall am nächsten Sonnabend ins Stadtinnere gehen solle, weil dort Krawalle geplant wären. Die Warnung war umsonst gewesen, denn in der Nacht zum 7.Oktober wurde ich mal wieder krank, sicherlich auch mit hohem Fieber, denn meinen Eltern blieb nichts anderes übrig, als mich zum Arzt zu schaffen. Und weil Sonnabend war, hatte nur die Poliklinik auf, die sich genau neben der Zentralhaltestelle befand. Obwohl wir nur wenige hundert Meter davon entfernt wohnten, fuhren wir mit unserem Auto, einem blauen Trabant mit weißen Dach, bis zum Parkplatz vor dem Robotron-Haus, daß sich gegenüber der Klinik befand. Zu dem Zeitpunkt schien alles ruhig, aber als wir später im Wartezimmer saßen, hörten wir draußen die Demonstranten, wie sie unverständliche Losungen riefen. Mein Vater ging raus auf den Gang, um vom Fenster aus die Haltestelle überblicken zu können. Von dort aus sah er, wie die Polizei mit Wasserwerfern gegen die Demonstranten vorging und dabei sogar unser schönes Auto naßspritzte.

Als nächstes erinnere ich mich an daran, wie ich vor dem Fernseher saß und Fernsehen schaute. Ich dachte bisher immer, daß ich Kinderfernsehen geschaut habe, "Brummkreisel" oder irgendsowas, aber das kann nicht sein, denn es war ein Mittwoch, als plötzlich eine Laufschrift durch das Bild schwebte und vom Rücktritt Erich Honneckers berichtete. Als meine Mutter kurze Zeit später ins Zimmer kam, sagte ich so etwas wie "Da stand eben, daß Erich Honnecker zurückgetreten ist." und meine Mutter antwortete mit einem überraschenden "WAS ?", dicht gefolgt von einem skeptischen "ACH !", aber warum sollte sich ein Achtjähriger denn so etwas ausdenken, und als die Laufschrift wieder erschien, mußte auch sie die Wahrheit erkennen; der Mann mit der Brille und den wenigen weißen Haaren war nicht mehr, und seine Frau mit den blauen Haaren würde man wahrscheinlich auch nicht mehr so oft sehen. So schnell geht's - Eben noch einer Bataillon fröhlicher Pioniere zuwinkt, und schon weg vom Fenster.

Und dann sind da noch die Montagsdemonstrationen gewesen. Ich weiß noch, wie ich auf der Mauer stand, oben auf dem kleinen Hügel am Ende des "Parks der Opfer des Faschismus", direkt neben der kleinen Kirche, und zusammen mit meinem Vater den Demonstrationszug beobachtete. Er hatte wahrscheinlich meiner Mutter gar nicht erzählt, daß er sich das mit mir anschauen würde, oder er mußte ihr zumindest versprechen, auf Distanz zu bleiben. Aber diesen wunderbaren Moment hat sich mein Vater dann doch nicht nehmen lassen, nach all dem, was er in den ganzen Jahren durchgemacht hatte, und so sagte er "Los komm, wir laufen ein Stückchen mit.". Ich fragte "Ist das nicht gefährlich ?" und er antwortete "Ach was ! Schau mal, da laufen sogar andere Kinder mit." Ich sah kein Einziges, aber zu der Zeit war es wirklich nicht mehr gefährlich, denn in Karl-Marx-Stadt begannen die Demonstrationen ja erst, als sie in Leipzig schon zur Normalität gehörten. Es waren auch nur ein paar Minuten. Einfach mal dabei sein, "Schnitzler in den Tagebau - Schnitzler in die Muppet-Schau !" rufen und in die ernsten Gesichter der Mitdemonstranten blicken.
Wenige Wochen später war das alles Alltag, bzw, Allmontag. Direkt nach der Arbeit gingen meine Eltern zusammen mit mir zur "Montagsdemo", ab und zu gleich vom Betrieb aus, mit all den anderen Kollegen. Wir standen dann zusammen mit tausenden Menschen vor dem Gebäude, das später das Arbeitsamt werde würde, und lauschten den kämpferischen Forderungen der Leute am Rednerpult. Einmal schrie jemand "Wendehals !", es war die Chefin meiner Eltern - dieselbe, die ein Jahr zuvor noch streng darauf geachtet hatte, daß auch alle Mitarbeiter am 1.Mai mit DDR-Fahne auf die Straße gehen. Ab und zu warf jemand Flugblätter und kleine Broschüren vom Dach, denen ich und die anderen Kinder fröhlich nachjagten.

Ja, und der Rest ist Geschichte. Es kam die Währungsunion, Menschen kauften palettenweise West-Joghurt, an jeder Ecke wurde ein Möbelhaus eröffnet, meine Eltern kündigten ihre Jobs und irgendwann dazwischen war die Deutsche Einheit - mit Feuerwerk, oder ? An diesen Tag kann ich mich nämlich wiederum auch nicht mehr so richtig erinnern.

Zum Schluß habe ich noch ein kleines Schmankerl für Euch, denn ein Bekannter von mir war zu dieser Zeit fleißiger Amateurfunker, und der hat 1989 etwas mitgeschnitten, das ihr nun heute, 17 Jahre später, anhören könnt: Klick !