Musik: The Flaming Lips - My cosmic autumn rebellion
Heute, zum großen Feiertag, dachte ich mir, daß ich einfach mal ein bißchen von früher erzähle, wie ich das so erlebt habe, als die DDR zerfiel.
Einige von Euch waren ja eventuell noch zu jung, um das alles so richtig mitzubekommen - Ich selbst war es ja eigentlich auch noch, denn zum Beispiel vom Fall der Mauer ansich und wie meine Eltern darauf reagiert haben, weiß ich gar nichts mehr.
Was noch in meinem Kopf hängen geblieben ist, war der Besuch bei meinen Großeltern väterlicherseits, am 30.September 1989. Wir haben sie wie immer Sonnabends besucht, und ich weiß noch, wie mein Großvater an diesem Tag zu meinem Vater sagte, daß er auf keinen Fall am nächsten Sonnabend ins Stadtinnere gehen solle, weil dort Krawalle geplant wären. Die Warnung war umsonst gewesen, denn in der Nacht zum 7.Oktober wurde ich mal wieder krank, sicherlich auch mit hohem Fieber, denn meinen Eltern blieb nichts anderes übrig, als mich zum Arzt zu schaffen. Und weil Sonnabend war, hatte nur die Poliklinik auf, die sich genau neben der Zentralhaltestelle befand. Obwohl wir nur wenige hundert Meter davon entfernt wohnten, fuhren wir mit unserem Auto, einem blauen Trabant mit weißen Dach, bis zum Parkplatz vor dem Robotron-Haus, daß sich gegenüber der Klinik befand. Zu dem Zeitpunkt schien alles ruhig, aber als wir später im Wartezimmer saßen, hörten wir draußen die Demonstranten, wie sie unverständliche Losungen riefen. Mein Vater ging raus auf den Gang, um vom Fenster aus die Haltestelle überblicken zu können. Von dort aus sah er, wie die Polizei mit Wasserwerfern gegen die Demonstranten vorging und dabei sogar unser schönes Auto naßspritzte.
Als nächstes erinnere ich mich an daran, wie ich vor dem Fernseher saß und Fernsehen schaute. Ich dachte bisher immer, daß ich Kinderfernsehen geschaut habe, "Brummkreisel" oder irgendsowas, aber das kann nicht sein, denn es war ein Mittwoch, als plötzlich eine Laufschrift durch das Bild schwebte und vom Rücktritt Erich Honneckers berichtete. Als meine Mutter kurze Zeit später ins Zimmer kam, sagte ich so etwas wie "Da stand eben, daß Erich Honnecker zurückgetreten ist." und meine Mutter antwortete mit einem überraschenden "WAS ?", dicht gefolgt von einem skeptischen "ACH !", aber warum sollte sich ein Achtjähriger denn so etwas ausdenken, und als die Laufschrift wieder erschien, mußte auch sie die Wahrheit erkennen; der Mann mit der Brille und den wenigen weißen Haaren war nicht mehr, und seine Frau mit den blauen Haaren würde man wahrscheinlich auch nicht mehr so oft sehen. So schnell geht's - Eben noch einer Bataillon fröhlicher Pioniere zuwinkt, und schon weg vom Fenster.
Und dann sind da noch die Montagsdemonstrationen gewesen. Ich weiß noch, wie ich auf der Mauer stand, oben auf dem kleinen Hügel am Ende des "Parks der Opfer des Faschismus", direkt neben der kleinen Kirche, und zusammen mit meinem Vater den Demonstrationszug beobachtete. Er hatte wahrscheinlich meiner Mutter gar nicht erzählt, daß er sich das mit mir anschauen würde, oder er mußte ihr zumindest versprechen, auf Distanz zu bleiben. Aber diesen wunderbaren Moment hat sich mein Vater dann doch nicht nehmen lassen, nach all dem, was er in den ganzen Jahren durchgemacht hatte, und so sagte er "Los komm, wir laufen ein Stückchen mit.". Ich fragte "Ist das nicht gefährlich ?" und er antwortete "Ach was ! Schau mal, da laufen sogar andere Kinder mit." Ich sah kein Einziges, aber zu der Zeit war es wirklich nicht mehr gefährlich, denn in Karl-Marx-Stadt begannen die Demonstrationen ja erst, als sie in Leipzig schon zur Normalität gehörten. Es waren auch nur ein paar Minuten. Einfach mal dabei sein, "Schnitzler in den Tagebau - Schnitzler in die Muppet-Schau !" rufen und in die ernsten Gesichter der Mitdemonstranten blicken.
Wenige Wochen später war das alles Alltag, bzw, Allmontag. Direkt nach der Arbeit gingen meine Eltern zusammen mit mir zur "Montagsdemo", ab und zu gleich vom Betrieb aus, mit all den anderen Kollegen. Wir standen dann zusammen mit tausenden Menschen vor dem Gebäude, das später das Arbeitsamt werde würde, und lauschten den kämpferischen Forderungen der Leute am Rednerpult. Einmal schrie jemand "Wendehals !", es war die Chefin meiner Eltern - dieselbe, die ein Jahr zuvor noch streng darauf geachtet hatte, daß auch alle Mitarbeiter am 1.Mai mit DDR-Fahne auf die Straße gehen. Ab und zu warf jemand Flugblätter und kleine Broschüren vom Dach, denen ich und die anderen Kinder fröhlich nachjagten.
Ja, und der Rest ist Geschichte. Es kam die Währungsunion, Menschen kauften palettenweise West-Joghurt, an jeder Ecke wurde ein Möbelhaus eröffnet, meine Eltern kündigten ihre Jobs und irgendwann dazwischen war die Deutsche Einheit - mit Feuerwerk, oder ? An diesen Tag kann ich mich nämlich wiederum auch nicht mehr so richtig erinnern.
Zum Schluß habe ich noch ein kleines Schmankerl für Euch, denn ein Bekannter von mir war zu dieser Zeit fleißiger Amateurfunker, und der hat 1989 etwas mitgeschnitten, das ihr nun heute, 17 Jahre später, anhören könnt: Klick !