Plädoyer
Musik: Alexander Veljanov - The Man with the Silver Gun
Haß auf Welt - 1.Szene: Wut des sonst fleißigen Schülers
Ich sitze hier und höre
meinem müden Hirne zu.
Überall sind wache Menschen,
schaffen ohne Rast und Ruh'.
Ganz davorn, da steht der Lehrer
und fragt nach dem Wo und dem Wann.
Sein Reden, Fragen, sein dummes Gelaber
kotzen mich einfach nur an.
Neben mir sitzt ein langhaariges Mädchen
und arbeitet fleißig mit.
Ich bedaure ihr Wesen und bedaure ihr Leben,
denn beides ist häßlicher Shit.
Dieses ewige Suchen und Forschen und Denken,
das kenne ich allzugut.
War früher selbst so, wär' gar immer noch so,
doch da ist in mir nun diese Wut.
Die Wut auf die Welt, in der sich keiner gefällt,
in der ich einfach nicht leben will.
Deshalb lass ich mich nicht formen, ja kämpfe dagegen
und keiner bekommt mich still.
- zusammengeschustert von mir im Jahre 1999.
Dieses Gedicht fiel mir wieder ein, als ich mir den kompletten Abschiedsbrief des Möchtergern-Massenmörders Sebastian B. durchlaß. Ja, auch ich habe vor einigen Jahren den steinigen Weg der Pubertät durchschritten. Meine Eltern meinen ja, ich würde immernoch drin stecken, weil sie meine oftmals recht eigensinnigen Ansichten als Rebellion verkennen. Wie auch immer, ich fand es jedenfalls zuerst etwas unglücklich, daß er da in seinem Brief stellenweise in so einen niveaulosen Ton verfällt. Aber wie ich eben dann feststellte, war das bei meinem Geschreibsel, was ich mit 18 Jahren verbrochen habe, auch noch so. Wobei ich wiederum auch nicht ausschließen möchte, daß ich mir bei der Formulierung meines Abschiedsbriefes nicht doch etwas mehr Mühe als sonst gegeben hätte.
Ein großer Kritikpunkt bleibt natürlich dennoch, und zwar dieser widersprüchliche Schluß. Während er sich ein paar Absätze weiter oben noch die Freiheit eines jeden Menschen wünscht, fordert er gegen Ende plötzlich die Vergasung vom Christen bis zum Nazi. Kein Wort mehr von Toleranz und Freiheit. Selbst der harmlose Beamte soll sterben, und die sogenannten "Muchels" erst recht. - Ich dachte bei diesem Wort erst, Sebastian B. wäre ein Harry Potter Fan, aber da habe ich wohl etwas verwechselt.
Na jedenfalls hat unser Lord Wolltemord ja ganz schön was angerichtet; holten doch Stoiber und Co. sofort ihre alten Konzepte aus den Schubladen, wie sie möglichst schnell und effektiv ganz Deutschland von diesen menschenfeindlichen Computerspielen befreien wollen. Aber ich möchte an dieser Stelle nun nicht auf der Welle mitreiten und lauthals gegen die betroffenen Politiker schimpfen, sondern eigentlich sogar als Verteidiger das Wort erheben, denn wenn wir einmal ganz rational an diese Problematik herangehen, müssen wir eingestehen, daß unsere Politiker doch eigentlich ganz arme Kerle sind.
Genpool und frühe Kindheit gaben ihnen das permante Bedürfnis, ihre Mitmenschen zu kontrollieren. Sie folgten diesem Drang, ihr ganzes Leben lang, arbeiteten hart, hielten unzählige Reden, saßen stundenlang, Tag für Tag in muffigen Plenarsälen. Und als sie ihr Ziel erreicht hatten und endlich die Kontrolle über die Bürger, die Gesellschaft besaßen, hatte die sich inzwischen stark verändert. Während man früher mit der Familie zum gemütlichen Picknick fuhr, sich Abends Rudi Carrells neuste Unterhaltungsshow ansah und hinterher noch für ein Stündchen zu einem guten Buch griff, sitzen die Menschen nun plötzlich an einem Computer, bringen stundenlang gezeichnete Figuren um, chatten mit wildfremden Menschen und schauen sich Abends den neusten japanischen, natürlich illegal heruntergeladenen Splatter-Anime an.
Es hat eine unfassende Kulturtransformation stattgefunden, und weil die Politiker in jeder Minute ihres Lebens damit beschäftigt waren, die Position zu erreichen, in der sie sich nun befinden, ist diese Transformation unbemerkt an ihnen vorübergegangen. Sie verstehen die Gesellschaft, die Bürger nicht mehr. Und was man nicht versteht, kann man nicht kontrollieren.
Da ist es doch verständlich, daß diese armen Menschen nun vollkommen frustriert sind und nach jedem Strohhalm greifen, der sich ihnen anbietet. Ein jugendlicher Amokläufer, der überraschenderweise Ego-Shooter gespielt hat ? Fantastisch ! Lass uns das zum Anlass nehmen, diese schrecklichen Computerspiele zu verbieten ! Damit drehen wir die Uhren zumindest ein kleines Stück zurück und verstehen die Welt endlich wieder etwas mehr.
Natürlich ist das vollkommen illusorisch. Aber diese Menschen sind verzweifelt. Sie hatten sich ihre Zukunft so schön ausgemalt, als sie damals den Weg des Politikers wählten, und nun ist alles so anders. An ihrer Stelle würde man doch genauso handeln, würde versuchen, seinen Traum noch irgendwie wahr werden zu lassen. Also kann man sich eigentlich gar nicht aufregen, sondern müßte Mitleid mit unseren Politikern haben. Sie sind in ihrem Leben gescheitert, und der Prozess, dies zu erkennen und nicht mehr zu leugnen, ist lang und schmerzhaft. Anstatt sie zu verfluchen, sollte man sich lieber Gedanken machen, wie man sie auf diesem Weg der Erkenntnis unterstützen, ihnen beistehen kann. Nur gemeinsam finden wir einen Weg aus ihrer Misere.
