Das geheimnisvolle Blog ins zauberhafte Nichts

26.02.2007 um 23:54 Uhr

Hochprozentiges

von: Solus

Musik: Beck - We dance alone

Hört denn, mein langes Schweigen ist gebrochen... Ha, wer errät, woher das Zitat stammt, bekommt ein Bienchen.
Aber zurück zum eigentlichen Thema - es gibt Keins. Mein Gehirn ist mal wieder tot und weiß nicht, was es erzählen soll. Ich hätte höchstens einen Nachtrag zum Dezember-Eintrag "Gewinnertyp", weil ich schon wieder etwas gewonnen habe, nämlich die Soundtrack-CDs zu den ersten beiden LOST-Staffeln. 120 Minuten mysteriöses Trommeln und bedrohliche Geigentremolos. Sobald die Scheiben da sind, spiel ich das von früh bis spät, damit mir mein Leben gleich viel abenteuerlicher erscheint.

Dann hat sich mal wieder ein alter Bekannter gemeldet, mit dem ich zuletzt vor einem dreiviertel Jahr gesprochen habe. Bei uns gibt es sehr oft solche Kommunikationspausen, was aber auch gar nicht mal so schlecht ist, denn wenn wir dann mal wieder miteinander sprechen, haben wir uns wenigstens etwas zu erzählen. So erfuhr ich z.B., daß der Gute in den letzten Monaten die erfolglose Karriere als Ossi-Schlager-Opa gestartet hat. Das war mal vor ein paar Jahren die Masche eines, oder auch mehrerer ostdeutscher Radiomoderatoren, die sich "Opa Krawutke" nannten, mit Stock und Hut die Bühnen sämtlicher ostdeutschen Kleinstadtfeste unsicher machten und mit einem übertrieben sächsischen Akzent zu Kirmestechno oder Schlager-Keyboard-Musik über das Arbeitsamt, das Finanzamt oder die Regierung sangen. Mein Bekannter nun auch. Hat eine komplette CD produziert, die überraschenderweise kein Mensch hören oder spielen will. Gibt halt schon gefühlte 100 Sachsen-Opas; da ist der Markt gesättigt.

Aber zurück zum eigentlichen Thema - es gibt immernoch Keins. Und da habe ich mir gedacht: Mach das doch mal zum Thema des Blogeintrags. Und weil das so innovativ wie ein neuer Sachsen-Opa ist, entschied ich mich dafür, dieses UnThema einmal von der statistischen Seite zu betrachten. Also habe ich einen Tag lang meine Tätigkeiten notiert und die Notizen mit Hilfe modernster Prozentrechnung in Zahlen gefasst. Damit diese Zahlen irgendeine Aussagekraft haben, hätte ich das natürlich nicht nur einen Tag, sondern mindestens eine Woche tun müssen. Dazu hatte ich aber keine Lust, sodaß die folgenden Informationen nur einen ungefähren Grundriss eines typischen Tages in meinem derzeitigen Leben darstellen.

Fangen wir also an mit der höchsten Zahl: 36% - soviel habe ich vom Tag verschlafen.
Das ist, denke ich, ein guter Durchschnittswert. Manchmal schlafe ich etwas mehr, manchmal etwas weniger, aber ein Drittel vom Tag hat man da schon mal vollkommen nutzlos im Bett verbracht. Im Grunde sogar noch mehr, denn wenn ich das "im Bett auf den Schlaf warten" und das "langsam wach werden, bis man sich dazu fähig fühlt, aus dem Bett zu kriechen" dazu rechne, komme ich sogar auf 41,4% ! Ich habe also fast den halben Tag mit Nichtstun verbracht.

Auf Platz 2 liegt etwas, was ich nicht näher aufgeschlüsseln kann, weil es zuviel Arbeit gewesen wäre: Die Internet-Nutzung.
25,1 % des Tages habe ich damit verbracht, in Foren zu lesen/zu schreiben, mich über Neuigkeiten zu informieren, Blogs zu lesen, aber auch aktive Kommunikation zu betreiben, sprich einen guten Freund per ICQ vom Lernen für seine Zwischenprüfung abzuhalten. Letzteres würde etwa 4,1% der 25,1 % entsprechen. Wenn ich noch die zwei, drei Sätze dazurechne, die ich mit meinen Eltern gewechselt habe, verbrachte ich immerhin 4,2% des Tages mit der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein ziemlich hoher Wert für meine Verhältnisse, denn jeden Tag reden wir nun auch nicht miteinander - also ich und der gute Freund, und sonst kenne ich ja niemanden weiter.

Platz 3: Computerspiele mit 12,5 %
Vor ein paar Jahren schlug ich noch ein Drittel des Tages mit Hilfe von Pacman und Co. tot. Bin ich ja prima von runtergekommen. Und da heißt es, Computerspiele machen süchtig.

Platz 4 mit 10,2 % lassen wir mal außen vor...*hüstel*...und kommen zu Platz 5: Musik hören - 4,1%
Ich bin kein großer Nebenbeihörer; die 4,1% sind tatsächlich Musik hören und nichts anderes dabei tun. Ein bißchen dazu im Zimmer herumhoppeln vielleicht, wenn es keine ruhige Musik ist. Ansonsten nur dastehen. Ja, seltsam aber wahr, wenn ich Musik höre, stehe ich sehr gern.

3,5% des Tages habe ich mit Fernsehen verbracht. Das ist natürlich nur ein theoretischer Wert, denn im Gegensatz zur Musik kann ich sehr wohl nebenbei Fernsehen, sodaß das Gerät auch die meiste Zeit an ist. Die 3.5% sind also auch wieder nur Fernsehen schauen und sonst nichts anderes tun.

Bleiben noch rund 2,3% für Speisen und Getränke, sowie deren Ausscheidung. Und bevor jemand kommt nun schimpft, daß da noch 0.9% fehlen; die Zahl ist auf Messungenauigkeiten zurückzuführen, denn ich habe schließlich zur Zeitmessung die windowsinterne Uhr benutzt.

Ja, so sieht er also aus, ein typischer Tag in meinem Leben. Könnte schlimmer sein, aber auch besser. Und damit dieser großartige Blogeintrag auch noch mit einem Knaller-Gag endet, gibt es nun nochmal die ganzen Zahlen als Kuchendiagramm...

 

10.02.2007 um 08:35 Uhr

Mensch, Jan !

von: Solus

Musik: Rocko Schamoni - Queen of Hamburg

Hat jemand den Bundesvision Song Contest angeschaut ?
Jan Delay ist ja wirklich ein schlechter Verlierer. Nach seiner Promo-Tour von den Freitag Nacht News bis hin zu Stefan Raab braucht er sich nun wirklich nicht einzubilden, auf irgendeine Art und Weise über den Kommerz-Rockern Oompf zu stehen, zumal weder sein Lied noch sein Auftritt an diesem Abend wirklich gut waren. Oompf hingegen haben mal wieder einen potentiellen Hit geschaffen; der Sound bekannt, die Melodie chartkompatibel, und ein handwerklich, wie auch inszenierungstechnisch akzeptabler Auftritt. Ich hatte sie von Anfang an vorn gesehen, Delay auf 2 und die nationalkomponisten MIA auf dem dritten Rang. Lag ich ja fast richtig.
Und wie sich der Jan geärgert hat. Durfte sich wahrscheinlich in den letzten Wochen viel Kritik anhören, weil er bei dieser Sendung mitmacht und dafür kräftig die Werbetrommel gerührt hat. Nach dem "Wer zuletzt lacht..."-Prinzip mußte da also unbedingt ein Sieg her, aber das war wohl nichts. Er wollte wohl noch schnell ein Plakat schreiben, auf dem "Und die Hoffnung stirbt zuletzt" steht, wenn ich das richtig gesehen habe. Die Hoffnung, daß Deutschland irgendwann mal noch einen guten Musikgeschmack aufweist ?
Zumindest an diesem Abend lag das Publikum doch gar nicht so schlecht, denn der wirkliche Gewinner stand auf Platz 3 und heißt Kim Frank. Ein bißchen schlagerhaft sein Lied, nagut, das sind Blumfeld und Erdmöbel manchmal auch, und ich habe sie trotzdem lieb, aber davon mal abgesehen war das wirklich ein guter Auftritt mit einem guten Lied. Das Comeback ist geglückt, und wenn Kim Frank so weiter macht, kann man ihm irgendwann sogar verzeihen, das er uns allen mit der Band "Echt" doch eine recht beachtliche Zeit auf die Nerven gegangen ist.
Aber zurück zu Jan Delay - ich gönne ihm die Niederlage. "Deutschland hat keinen Style !" war seine Feststellung vor der letzten Punktvergabe. Tja, und wer nach dem Wettbewerb den Sieger beschimpft, hat keinen Stil. - hätte Oompf kontern sollen, aber die sagten nur Gutes über Jan und legten sich lieber mit dem berliner Publikum an, die dezent grummelig waren, weil Mia nichts gerissen hat. Ich glaube, Jan Delay hat mit seiner Schlechtverliererei die ganze Halle vergiftet.

07.02.2007 um 06:31 Uhr

Ein alter Freund

von: Solus

Musik: Deine Lakaien - Wunderbar

Wenn 1mishou ihrem Kuschel-Elch gleich ein ganzes Blog widmet, dachte ich mir, daß ich über mein Lieblingskuscheltier auch mal schreiben könnte.

Also, mein Lieblingskuscheltier ist ein namenloser Hund, männlich, und sieht zur Zeit so aus:
Hund von vorn
Als ich ihn vor fast 20 Jahren geschenkt bekam, hatte er noch ein schneeweißes Fell und trug ein hellblaues Lätzchen um den Hals. Diese Kleidung mochte er jedoch nicht und wollte viel lieber seinem Naturell entsprechend splitternackt sein, also habe ich es irgendwann entfernt. Er hatte damals außerdem noch pechschwarze Augen, aber mit den Jahren ist die Farbe von der Hornhaut abgeblättert, sodaß nun die braun-gelbe Retina sichtbar ist. Aber keine Angst, er ist deswegen nicht erblindet, genauso wie er immernoch mit mir reden kann, obwohl ihm irgendwann die aus dem Mund heraushängende Zunge abgefallen ist.

Ich hatte ihn damals geschenkt bekommen, weil ich gerade mal wieder krank war; sicherlich mein Standardprogramm mit Fieber, acetonämisches Erbrechen, Halsschmerzen und Schnupfen. Bekam ich aller paar Wochen. Ich besaß damals auch eine große Menge an Plüschtieren, aber als ich diesen Hund kennenlernte, war er sofort meine Nummer 1. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, daß ihn mir mein Cousin überreichte, in den ich als Kind total vernarrt war, aber er hat mir ja auch davor und danach Dinge geschenkt, die mich nicht halb so begeistern konnten. Da steckt schon noch ein bißchen mehr dahinter - eine Verbindung, eine...na ich und dieser Hund waren uns auf jeden Fall sofort gegenseitig sympathisch.

Das hat sich glücklicherweise auch nicht geändert, als ich ihm wenige Jahre später den Hintern verbrannt habe. Ich hatte ihn damals aus lauter Jux und Tollerei in den Lampenschirm unserer angeschalteten Stehlampe gestellt - genau auf die Glühbirne. Und ein paar Minuten später roch es plötzlich etwas angebrannt, oder wie ich damals so treffend feststellte "Mutti ! Komisch, hier riecht es nach Silvester !". Meine Mutter fand meinen plüschigen Freund und mußte ihm erst einmal schnellstens die glühende Wolle aus der neu entstandenen Öffnung reißen. Glücklicherweise war nur ein geringer Teil seiner Innereien angebrannt, aber es blieb natürlich das große, glühbirnenförmige Loch an seinem Hinterteil. Zu meiner Erleichterung fand meine Mutter im Nähkästchen ein Stück Stoff, zwar dick und beige, und nicht dünn und weiß, aber immerhin ausreichend, um damit die Wunde zu schließen. Mein Hund und ich haben über diesen Vorfall nie geredet - ihm ist das genauso peinlich wie mir.
Hund von unten

03.02.2007 um 16:57 Uhr

Über den Tod scherzt man nicht (immer)

von: Solus

Musik: Antony & The Johnsons - Fistfull of Love

Es geschah an einem Montag im Jahre 2000, ich war gerade im 12.Schuljahr, als früh die Nachricht vom Tod eines Schülers aus der 11.Klassenstufe die Runde machte. Er hatte sich das Leben genommen, und nun rätselte jeder über das Wie und Warum. Aber nicht nur das, denn wie ich alsbald feststellen mußte, nutzten viele Schüler dieses unangenehme Ereignis, um sich mit gespielter Trauer und Betroffenheit in den Vordergrund zu spielen. Ich hatte ein wenig herumgefragt, und bis auf einen Schüler, der mit ihm wohl zumindest mal zwei, drei Worte gewechselt hatte, war der Verblichene niemandem wirklich bekannt. Und doch zogen Einige ein Gesicht, als wären gerade ihre eigenen Eltern gestorben.
Das kann man einen Tag lang gerade noch so ertragen, aber als ich am nächsten Tag früh feststellen mußte, daß die Stimmung noch genauso gestellt bedrückend war, wie am Tag zuvor, handelte ich. Als kleiner Schelm, der ich bin, nutze ich die Allzweckwaffe Humor, um diesen Zustand zu bekämpfen. Ich hatte damals einen recht...nennen wir es mal anarchistischen Humor, und so waren es vorallem dezent geschmacklose Witze über eben den toten Schüler, mit denen ich in den Kampf zog. Das funktionierte Anfangs auch prima, denn tatsächlich war die Trauer bei allen nur aufgesetzt, und nachdem man erst einmal über meine Scherze und damit über den Verblichenen gelacht hatte, machten sich die Wenigsten die Mühe, sich hinterher ihre Masken wieder aufzusetzen.

Von meinem Erfolg bestätigt scherzte ich immer weiter, bis...bis zu dieser einen, ganz speziellen Physikstunde. Ich hatte gerade meinen Banknachbarn mit einem umgebauten Klassiker zum Lachen gebracht. Sicherlich kennt jeder die Scherzfrage "Was ist grün und auf Knopfdruck rot ? - ein Frosch im Mixer !", und bei mir hieß diese Frage eben nun "Was ist tot und auf Knopfdruck rot ? - ein *Name des toten Schülers* im Mixer !". Ja, ich habe schon einen großartigen Humor. Jedenfalls drehte ich mich als nächstes um und erzählte diesen Witz meinen beiden Hintermännern, schaute dann kurz nach vorn, ob der Lehrer auch weiterhin abgelenkt war, drehte mich wieder nach hinten und begann den nächsten Witz zu erzählen. Und während ich das tat, fragte ich mich, warum mich einer der beiden gerade so Hass erfüllt, mit hochrotem Kopf anschaute, als dieser plötzlich aufsprang und mich anfiel. Reflexartig beugte ich mich in den Schoß meines überraschten Banknachbarn und spürte mehrere Einschläge, die aber nicht weh taten. Mein Blick ging Hilfe suchend Richtung Lehrer, der auch recht bald merkte, daß da in der vorletzten Reihe gerade jemand verprügelt wurde und daraufhin schreiend angerannt kam. Ein anderer Schüler hatte den Angreifer inzwischen weggezogen, und der Lehrer tat das Übrige, in dem er den wütenden Schüler aus dem Klassenzimmer schmiss. Dieser fühlte sich natürlich falsch behandelt und stürmte ohne seine Sachen aus dem Zimmer, schrie aber draußen scheinbar noch kurz den Grund seines Verhaltens dem Lehrer entgegen, den der schlug als nächstes die Tür zu, baute sich vor meiner Bank auf und schrie nun mich an, daß dieser Schüler ja sonst immer ein ganz Ruhiger wäre, und da gäbe es ja sicherlich EINEN GRUND, warum er gerade so ausgerastet ist. Ich glaube, er hoffte, daß ich nun irgendwie falsch reagieren würde, um mich auch noch rauszuschmeißen, aber ich blickte ihn nur mit einem ernsten Gesichtsausdruck an, sodaß er während der nächsten fünf Minuten erst über das Thema Gewalt ansich philosophierte und danach mehrfach verkündete, daß er ein derartiges Verhalten nicht tolerieren und das dem Direktor melden würde.
Das war mir natürlich gar nicht recht, daß er diesen Vorfall an die große Glocke hängen wollte, denn theoretisch könnte diese Geschichte bis zur 11.Klassenstufe durchdringen und die würden mich dann wirklich zu Hackfleisch verarbeiten. Ich war aber auch ziemlich blöd gewesen, denn der Wüterisch von eben, den ich da mit meinem Witz verärgert hatte, war genau der eine Schüler, der bei meiner Herumfragerei am Tag zuvor auf meine Frage, ob er den Verstorbenen kannte, mit ja geantwortet hatte. Das war mir dummerweise wieder entfallen.

Etwas ängstlich blickte ich immer wieder auf die zurückgelassen Sachen; vielleicht würde ihr Besitzer zusammen mit ein paar anderen Jungs nach der Stunde vor der Tür auf mich warten. So eilig hatte ich es also nicht, nach dem Unterricht das Zimmer zu verlassen und nutzte die Gelegenheit, um mich bei meinem Lehrer erst einmal für dieses Vorkommnis zu entschuldigen. Von der Meldung beim Direktor wollte er leider trotzdem nicht absehen, gab mir aber den Tipp, den Vorfall meiner Klassenlehrerin zu schildern, bevor sie vom Direktor darüber informiert werden würde.
Dieser Ratschlag war in der Tat gar nicht mal dumm; war es doch ein offenes Geheimnis, daß meine Klassenlehrerin mit dem Direktor ging. Sie könnte ihrem Geliebten so schon einmal erklären, daß sich da nicht zwei Schüler während des Unterrichts gegenseitig geprügelt hätten, sondern ich, der ja sonst eigentlich ein ganz netter Typ ist, und dem das alles auch furchtbar leid tut, von dem Anderen angegriffen wurde, was aber auch eigentlich alles nicht so tragisch war, wie es der Physiklehrer vielleicht empfunden hat, der ja kurz darauf schon prophezeite, daß demnächst die Schüler sich abstechen oder aus dem Fenster werfen würden, wenn jetzt niemand etwas dagegen unternimmt.

Also schlich ich als nächstes vorsichtig durch das Schulhaus, immer nach allen Seiten nach Schlägern und wütenden Schülern auschauhaltend, bis zum Aufenthaltsraum meiner Klassenlehrerin, der ich in Kurzform von diesem Vorfall erzählte. Sie murmelte so etwas wie "Ihr macht aber auch Sachen !", mehr hatte sie zu dem Thema nicht zu sagen.
Den Rest dieses Schultages verbrachte ich natürlich ebenfalls sehr vorsichtig, zumal mir jemand berichtete, daß mich der wütende Schüler samt ein paar anderer Jungs, die mich rein zufällig allesamt sowieso schon nicht mochten, mir nach dem Unterricht vor der Schule auflauern würden. So nahm ich nach meiner letzten Stunde lieber den Nebenausgang, konnte aber von Weitem keinen dieser besagten Schüler erspähen.

Den nächsten Tag konnte ich etwas entspannter angehen, weil ich nur wenig Stunden hatte und meinen Feinden auch nicht begegnen würde. Das wäre dann erst am Donnerstag, gleich früh beim Sport, denn der wütende Schüler war dummerweise in meinem Kurs. Umso erleichterter war ich, als ich feststellen mußte, daß er gar nicht zum Unterricht gekommen war, wenngleich mir das auch etwas unheimlich erschien, denn er könnte ja wohl nicht ernsthaft versuchen wollen, für den Rest seines Lebens mir aus dem Weg zu gehen.
Nach dieser Doppelstunde hatte ich Englisch, aber erst, als ich das Zimmer betrat, fiel mir wieder ein, daß ja vorher der Direktor immer in diesem Zimmer unterrichtet. Selbiger stand auch noch am Pult, packte seine Sachen, und als ich mich an meinen Platz setzte, rief er plötzlich meinen Namen und meinte zum mir "Sie kommen dann mal bitte in der großen Pause in mein Zimmer !". Beeindruckend, daß er wußte, wie ich aussehe.
Nach der Schulstunde, von der ich natürlich nicht viel mitbekommen hatte, weil meine Gedanken die ganze Zeit um das kommende Gespräch kreisten, begab ich mich zum Direktorenzimmer. Unterwegs traf ich den wütenden Schüler, bei dem ich mich natürlich sofort entschuldigte. Er knurrte "Ja, das besprechen wir ja jetzt...", nur war der Direktor noch nicht da, sodaß wir ein paar Minuten stumm vor seinem Zimmer warteten. Ich befürchtete schon, daß er sich irgendwo versteckt hatte, uns beobachtete, und wenn ich mit dem wütenden Schüler reden und wir uns nach ein paar Minuten gegenseitig vergebend die Hand reichen würden, er hervorgesprungen käme und "Ha ! Ich habe Euch extra warten lassen, damit Ihr Euch aussprecht und die Angelegenheit nun ohne mein Zutun vom Tisch ist !" sagen würde. Im Fernsehen ist das gern mal so. Aber mein Direktor schaute wahrscheinlich gar kein Fernsehen, den irgendwann tauchte er doch noch auf und bat uns in sein Zimmer.

Wir setzten und an einen großen Tisch, und wie ich so auf meinem gepolsterten Stuhl saß und die auffällig hohe Decke betrachtete, erinnerte ich mich an eine Geschichtsstunde, in der meine Lehrerin erzählt hatte, daß während der NS-Zeit die Räume von Höhergestellten und Ämtern oftmals sehr groß waren, mit hohen Decken, damit der normale Bürger beim Betreten sofort eingeschüchtert war. Und der Stuhl, auf den er gebeten wurde, war weich und gepolstert, damit er sich beruhigte und sein möglicher Zorn verflog.
Der Direktor ließ sich zuerst vom wütenden Schüler den Vorfall beschreiben, der darauf verzichtete, meine Sch(m)erzfrage zu wiederholen. Dann durfte ich meine Position schildern, und um den Schwarzen Peter etwas zurückzuschieben, meinte ich "Also wenn ich gewußte hätte, daß der wütende Schüler mit dem Verstorbenen BEFREUNDET gewesen ist, hätte ich natürlich niemals diesen dummen Witz gerissen.", und der Wüterisch stellte tatsächlich klar, daß er ja gar nicht mit dem toten Schüler befreundet war, sondern ihn nur flüchtig kannte. Da fiel dem Direktor nun auch nicht mehr viel ein, außer zu vermuten, daß ich auf Grund meiner Witze "...diese Sache ja auch noch nicht verarbeitet hätte.". Der wütenden Schüler wurde für seinen Ausraster und dem Fernbleiben vom Unterricht noch einmal ausdrücklich kritisiert, dann mußten wir versprechen, nach diesem Gespräch den Physiklehrer aufzusuchen und uns noch einmal zu entschuldigen, und "...ansonsten würde er von weiteren Maßnahmen absehen.".
Damit war der Fall erledigt; auch für den wütenden Schüler samt meiner diversen Feinde.

Ende dieser lehrreichen Geschichte

Und lehrreich war sie für mich tatsächlich, denn von der Erkenntnis, über den Tod nur dann zu scherzen, wenn man sich wirklich unter Freunden weiß, hat sie mich auch ein bißchen für Situationen sensibilisiert, in denen meine Äußerungen unangebracht sein könnten. So saß ich z.B. zur Bekanntgabe der schriftlichen Abiturnoten neben einem Schüler, der in diesem Moment erfahren mußte, daß er in seiner Abiturwiederholung genau die selben Noten wie im Jahr zuvor erlangt hatte. Theoretisch hätte er es zwar noch schaffen können, aber praktisch hieß das -Durchgefallen-, und davon mal abgesehen hatte er sich somit vollkommen sinnlos ein Jahr länger den ganzen Schulstress angetan. Während ich mich also neben ihn über meine Noten freute, saß er da und in ihm brodelte gerade der ganze Hass und die Wut über sein Versagen. Und plötzlich blickte er mich an und schien darauf zu warten, daß ich irgendetwas Falsches sage. Ein Scherz, ein "Ha, ich bin klüger als Du !", ihm wäre wahrscheinlich alles recht gewesen, damit er mich als Blitzableiter benutzen kann. Mir hingegen schwebte in diesem Moment aber tatsächlich das Bild des rotangelaufenen, hasserfüllten Gesichts des wütenden Schülers vor meinen Augen, sodaß ich ihm lieber tröstende Worte spendete, daß er es ja mit Hilfe der Nachprüfungen vielleicht doch noch schaffen würde. So gelogen hatte ich wahrscheinlich zuletzt am Sterbebett meiner Oma, aber das hat mir in diesem Moment möglicherweise ein paar fiese Knochenbrüche erspart.