Die Waldmeisterlimonadenaffaire
Musik: Angelo Badalamenti - Freshly squeezed
Ich durfte neulich einer oberflächlich gesehen recht amüsanten Szene beiwohnen. Ein Freund von mir hatte mich gebeten, ihm bei einer Windows-Installation samt Einrichtung beizustehen, und wie wir dann später am Tisch saßen, Bratnudeln aßen und Waldmeisterlimonade tranken, kam plötzlich seine Mutter herein, blickte auf den Tisch und fragte empört: "Habt Ihr etwa die Waldmeisterlimonade vom Vater getrunken ?!".
Es folgte ein Dialog, der ganz leicht an einen Loriot-Sketch erinnerte. Ich kann nun leider nicht mehr alles wortgetreu wiedergeben, was für die Erschließung der Komik nötig wäre, aber es folgte auf jeden Fall zuerst noch einmal eine erneute Empörung, daß der Sohn es tatsächlich gewagt hatte, sich an der Waldmeisterlimonadenflasche des Vaters zu vergreifen, sie hinter dem Rücken seines Erzeugers garstigerweise zu schänden, indem er sich ihres Inhaltes bemächtigt hatte, und er kann sich ja vorstellen, wie sein werter Herr reagieren wird, wenn er davon erfährt. Der leicht irritierte Sohn versuchte die alberne Szene zu beenden, in dem er sagte, daß da wahrscheinlich noch eine zweite Flasche irgendwo wäre. Ob er sich sicher sei, war daraufhin die Frage, gefolgt von der erneuten Feststellung, daß wir uns tatsächlich an Vaters Waldmeisterlimonade vergangen hatten. Dem Sohn fiel aber nun endlich das rettende Argument ein - die Flasche war ja schon halb leer gewesen, als er sie aus dem Kühlschrank genommen hatte. Der Vater mußte also selbst auch schon vom Saft der Galium Odoratum getrunken haben. Die Mutter inspizierte schnell die inzwischen leere Flasche des ambrosiahaften Kohlensäuregetränks, wohl um irgendwie die Wahrheit dieser Aussage festzustellen, und verließ dann wieder etwas beruhigter das Zimmer. Als ich daraufhin den ertappten Brausedieb fragte "Dein Vater ist wohl sehr Waldmeister-affin ?", lachte er und antwortete "Nein, überhaupt nicht. Das ist gerade alles totaler Quatsch gewesen ! Das ist dem doch völlig egal."
Da wundert man sich natürlich, was die Mutter mit diesem Auftritt bezwecken wollte, denn selbst wenn sich mein durstiger Freund denn tatsächlich an einer heiliggesprochenen Limonadenflasche des Vaters vergriffen hätte, diskutiert man doch vor dem Besuch nicht über so etwas großartig herum. Er meinte dann später, als wir noch einmal bei diesem Thema waren, daß seine Mutter wohl damit Aufmerksamkeit erhaschen und so mit mir kommunizieren wollte, aber das halte ich für eine falsche Einschätzung, denn wir hatten ja vorher kurz schon miteinander geredet, bevor sie von ihrem Sohn aus dem Zimmer geworfen wurde. Und das wird dann wohl eher der springende Punkt gewesen sein - mein guter Freund hatte nämlich seine Mutter in meinem Beisein nicht sehr nett behandelt. Als sie bei unserer Ankunft fragte, was sein neuer Computer gekostet hätte, antwortete er kurz und knapp "Geld !". Natürlich hatte die Mutter in diesem Moment die Frage nicht zufällig gestellt, denn sicherlich war die Frage schon vorher einmal gefallen, zusammen mit einer ähnlichen Antwort, und in meinem Besein, so hatte die Mutter wahrscheinlich gehofft, würde ihr Sohn den Anstand bewahren und so das Geheimnis lüften müssen. Hat er letztendlich auch, aber eben ohne Anstand. Und als die Mutter später ins Zimmer hereinkam, mit mir kurz geredet hatte und dann noch stehen blieb, wedelte ihr Sohn mit der Hand und meinte schroff "Brauchst Dich jetzt hier nicht weiter hinzustellen. Gibt noch nichts zu sehen !". Da ist es natürlich verständlich, daß die Mutter den Drang verspürte, mir zu zeigen, daß sich ihr Sohn doch nicht alles erlauben könnte, und so wurde daraus wiederum die Waldmeisterlimonadenaffaire geboren. Dabei tat sie das, was sie schon früher einmal in meinem Beisein getan hat - mit dem Vater drohen, der wohl früher die eigentlich einzige Respektsperson im Haus war und deshalb in Streitgesprächen immer von der Mutter in Form einer Drohung vorgeschickt wird. Ich weiß noch, wie mein guter Freund vor Jahren einmal sein Zimmer etwas umgeräumt hatte, und im Zuge dessen einer seiner Schränke blockiert war. Natürlich kann es der Mutter egal sein, wie ihr Sohn sein Zimmer einräumt und ob er noch Zugang zu allen Möbelstücken besitzt, aber als sie das neue Raumdesign sah, drohte sie auch gleich wieder, daß wenn sein Vater das heute Abend sehen würde, er darüber sehr verärgert wäre. Dabei wirkt der Vater alles andere als cholerisch. Zumindest weiß er, daß man seinen Sohn lieber in Ruhe läßt, wenn Besuch da ist, denn sonst kann das auch mal ganz schnell zu einer eher unvorteilhaften Szene führen.
In der Beziehung kann ich mich wirklich glücklich schätzen, und das ist die Erkenntnis an diesem Tage gewesen, daß bei mir beide Elternteile das wissen und auch darauf achten, die Interaktion mit meinem Besuch auf einem möglichst niedrigen Niveau zu halten. Das sind so Dinge, die man erst zu schätzen weiß, wenn man einmal in den Abgrund geschaut hat.


