Das geheimnisvolle Blog ins zauberhafte Nichts

02.10.2007 um 09:03 Uhr

"Your ears should be burning"

von: Solus

Musik: Radiohead - Nude (live)

Die Nachricht schlug gestern ein wie eine Bombe - das neue Radiohead-Album ist ab dem 10.Oktober erhältlich. Das ist natürlich erst einmal bombig für den Radioheadfan ansich, wartet der doch schon seit mindestens 2003 auf das siebende Studioalbum. Das eigentlich Bombige an der Bombennachricht betrifft aber alle Musikbegeisterten, denn Radiohead gehen mit ihrem Album neue Wege...

Den meisten wird sicherlich sofort das Releasedatum aufgefallen sein - während man auf ein Album heutzutage schon mal ein halbes Jahr nach dessen Ankündigung warten muß, um es endlich hören zu können, wird "In Rainbows", so heißt das neue Album, schon in 10 Tagen erscheinen. Und zwar als Download im Radioheadschen Eigenvertrieb, und dieser Download kostet...soviel man will. Der Kunde ist zum ersten Mal tatsächlich König und darf selbst bestimmen, wieviel er für den Download zahlt - das können z.B. 19,99 Pfund, oder aber tatsächlich 0,00 Pfund. Auf Anfrage wurde es inzwischen noch einmal bestätigt, wer für das neue Album nichts zahlen möchte, zahlt eben nix !

Um mal aus einem Artikel von greenplastic.com einen nicht näher genannten amerikanischen Produzenten zu zitieren: "Radiohead ist die beste Band der Welt; wenn Du für die Musik der besten Band der Welt zahlen kannst, was Du willst, warum solltest Du 13$ oder 0,99$ für Musik eines weniger talentierten Künstlers bezahlen ? Sobald Du einmal diese Tür geöffnet hast und Musik legal verschenkst, bin ich mir nicht sicher, ob es noch einen Weg davon zurück gibt." Der Autor dieses Satzes denkt da natürlich auf in einem etwas zu lokalem Level. In Deutschland z.B. ist Radiohead ja nur ein Geheimtipp. Entsprechend interessiert es vorerst auch niemanden, ob sie ihre Musik verschenken. Und wahrscheinlich gibt es auch von vielen Seiten Einspruch, daß sie wirklich die beste Band der Welt sind. Im Grunde sind sie natürlich die legitimen Beatles-Nachfolger, nur ist die globale Musiklandschaft inzwischen sehr viel größer als damals und der Mainstream-Musikgeschmack hat sich in mehrere Untermainstreams gespaltet. Es ist gar nicht mehr möglich, eine Band oder einen Künstler über den Rest zu stellen und zum König zu erklären, weil dieser König nicht seine Funktion für jeden Konsumenten erfüllen könnte. Selbst so eine universelle Band wie Radiohead kann das nicht, und so wird wahrscheinlich, sollte diese Preispolitik etwas in Bewegung setzen, es eher die Produzenten beeinflussen, anstatt die Konsumenten. Soll heißen, der Musikliebhaber wird nicht zu dem Entschluß kommen, kein oder nur wenige Geld mehr für das neue Album seines Lieblingskünstlers auszugeben, weil andere gezeigt haben, daß das möglich ist, sondern es könnte eher andere erfolgreiche Musikgrößen dazu animieren, es Radiohead gleichzutun. Ein David Bowie z.B., der nicht nur musikalisch, sondern auch wirtschaftlich immer visionär agiert hat, wird sich sicherlich gestern in den Hintern gebissen haben, nicht zuerst den Schritt gegangen zu sein, und könnte, wenn er denn mal wieder ein neues Album produziert, dann nachziehen. Aber auch der Rest, von den alteingesessen U2, bis hin zu Coldplay, die sowieso immer wieder gern mal Radiohead kopieren, könnten viele Musikschaffende in den kommenden Jahren in den Eigenvertrieb wechseln und ihren Fans dann ein Nahezu-Gratis-Album spendieren. Diese Art von Einfluß besitzt Radiohead nämlich tatsächlich,  und daraus könnte dann doch der gesamte Musikmarkt auf den Kopf gestellt werden.

Bis dahin wird es sicherlich wohl noch etwas dauern, aber wenn es einmal soweit sein sollte, wird Radiohead als einer der Auslöser dafür in den Geschichtsbüchern landen. Die großen Revolutionäre, die ganz frech die kapitalistische Musikindustrie stürzten. Eventuell wird dann aber auch verschwiegen, daß die Jungs trotzdem dafür gesorgt haben, daß sie ein paar Mark dazuverdienen, denn neben dem Download, für den man ja natürlich auch den üblichen Betrag bezahlen kann, wenn man will, gibt es auch noch eine Sonderedition zu kaufen - besteht aus dem Album, einer zweiten CD mit 8 weiteren neuen Liedern, das Ganze extra noch einmal auf Vinyl, sowie als Download, plus Artwork, Photo- und Textbuch. Kostet zusammen stattliche 40 Pfund und ist dann doch erst Anfang Dezember erhältlich. Selbst die visionärsten Revolutionäre haben eben zu hause ein Frau sitzen, die ziemlich stinkig werden kann, wenn Abends nicht die Brötchen auf dem Tisch liegen...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. 1mishou schreibt am 02.10.2007 um 12:03 Uhr:Na das sind doch wirklich mal neue Wege. Hoffentlich nicht nur was den Vertrieb angeht. Musikalisch ist so etwas ja auch immer spannend. Was nicht bedeuten soll, dass der alte Weg schlecht war. Schade, dass man nicht die Zeit vordrehen kann zum nächsten Album und sehen kann, ob sie diese Möglichkeit dann wieder anbieten ;-)
  2. Solus schreibt am 02.10.2007 um 18:29 Uhr:In Sachen Musik weiß ich ja schon, was ich von dem Album erwarten kann - die Bootlegs zu den neuen Liedern höre ich schon seit einem Jahr.
    Interessanter ist da tatsächlich schon eher, wie sich der neue Vertriebsweg auf die zukünftige radioheadsche Kunst auswirkt. Thom Yorke sagte ja schon in einem Interview, daß es er besser finden würde, wenn seine Lieder gleich nach deren Erschaffung für alle erhältlich sind und er sich vorstellen könnte, daß Radiohead in Zukunft anstatt Alben nur noch einzelne Lieder veröffentlicht - die aber dann auch gleich erhältlich sind. Es könnte also durchaus sein, daß es gar kein nächstes Album geben wird.
  3. 1mishou schreibt am 03.10.2007 um 21:30 Uhr:Das finde ich sogar noch besser, so werden Wartezeiten verkürzt und es gibt dann öfter etwas neues. Echt klasse, so wie die Musik.
  4. AiHua schreibt am 03.10.2007 um 23:23 Uhr:Danke, hatte das noch gar nicht mitbekommen.
    Aber meinst Du nicht, dass die Brötchen morgens auf dem Tisch liegen sollen? Wobei zumindest die Frau von York wohl selbst genug Geld hat, schließlich kennt man sie in machen Kreisen schon.
  5. Solus schreibt am 04.10.2007 um 04:53 Uhr:Ich kenne nur ihr "musikalisches Schaffen" in "How I Made My Millions", aber ja, ein paar Mark wird die sicherlich dazuverdienen.
    Und die Brötchen, die landen Abends auf dem Tisch, weil sie ja von der Arbeit mitgebracht werden. Es heißt doch nicht umsonst, daß man seine Brötchen verdienen geht. Gegessen werden sie dann aber in der Regel erst am Morgen, wobei natürlich so zwei Brötchenhälften überbacken mit Salami und Käse zum Abendbrot auch schon etwas Feines ist...
  6. AiHua schreibt am 04.10.2007 um 20:18 Uhr:Ja, kannst mit Recht haben.
  7. 1mishou schreibt am 04.10.2007 um 23:04 Uhr:Igitt...Salami
  8. Solus schreibt am 05.10.2007 um 00:44 Uhr:Vom Fleische befreit sind Kuh und Schweine,
    durch des Metzgers holdem scharfen Besteck,
    Im Ofen brutzelt das Bratenglück;
    der Vegetarier, in seiner Schwäche,
    zog sich in seinen Garten zurück.
    Von dort her sendet er, fluchend, nur
    kulinarische Schauer körnigen Reises
    auf Tellern über die grünende Flur.
    Aber der Grillmeister duldet kein Weißes.
    Überall regt sich Gabel und Messer,
    unter freiem Himmel schmeckt alles viel besser,
    doch an Gemüse fehlt's im Revier,
    er nimmt Tomatenketchup dafür.
    "Kehre dich um, von diesen Ideen,
    auf die Freunde des Fleisches herabzusehen !"
    Dringt aus Bratmaxes finstern Mund,
    und tut es dem Vegetarier kund.
    Der sieht es ein und kehrt zurück,
    mit leck'rem Gemüse im Gepäck.
    Der Grillmeister sogleich es zum Fleische serviert,
    Damit ein jeder endlich kapiert,
    Weder Fleisch noch Gemüse schmecken allein,
    Doch zusammen ist's lecker. Mensch, so muß das sein !
  9. 1mishou schreibt am 05.10.2007 um 01:40 Uhr:Ich geb's auf...Wer weiß wem du das irgendwann erklären musst!?
  10. AiHua schreibt am 20.10.2007 um 16:07 Uhr:Und, wie gefällt Dir das neue Album?
  11. Solus schreibt am 21.10.2007 um 09:45 Uhr:Mittel-gut. Ein paar Dinge haben sie richtig gemacht, anderes ist genau so, wie man es von ihnen erwartet, aber leider habe ich auch sehr oft das Gefühl, daß da Potential verschenkt wurde, weil das Lied in einer anderen Form wahrscheinlich eher ein Geniestreich wäre.
    Alles in allem erinnert mich das Album, mal von der Überraschungsarmut abgesehen, sehr an die "Amnesiac". Meist ein bißchen rustikal und kein Lied sticht wirklich heraus, ohne daß man aber von Homogenität sprechen könnte. Es wird retrospektiv betrachtet wahrscheinlich bestimmt einmal einen ähnlichen Stellenwert einnehmen.

    Ich schreibe übrigens noch an einem viel zu detailreichen, langatmigen Review, welches dann so in ein, zwei Tagen hier zu lesen sein wird. Da gebe ich dann nochmal zu jedem Lied einzeln meinen Senf ab, falls das von Interesse ist...
    Und was Du so darüber denkst, würde mich natürlich auch noch interessieren.
  12. AiHua schreibt am 22.10.2007 um 01:22 Uhr:Ich bin noch nicht so weit, hab erst gestern abend das Album mir besorgt. Muss mich also erst noch rein hören. Das da vielleicht verschenktes Potenzial ist, habe ich mir auch gedacht, aber nach zwei-, dreimal hören kann man das ja nicht so sagen. Mir gefällt aber bisher das erste Stück sehr gut, erinnert mich etwas an Red Snapper, was ich nicht unbedingt bei Radiohead erwartet hätte.
  13. Solus schreibt am 22.10.2007 um 09:47 Uhr:Ja, 15 Step gehört auf jeden Fall zu den Dingen, die sie auf dem Album richtig gemacht haben.

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