Forscherberichte von einer Italienreise und Urlaubsprospekte aus
der Nazizeit: Das Tourismus-Archiv des Berliner
Willy-Scharnow-Instituts versammelt unzählige Dokumente über die
Reiselust der Deutschen. Jetzt fürchtet Leiter Hasso Spode das Aus für
seine Schätze.
Berlin - Bunte
Werbebroschüren aus der Nazizeit, das erste Heilbäderverzeichnis
Deutschlands und uralte Reiseführer aus fernen Ländern: Im Archiv des
Willy-Scharnow-Instituts für Tourismus an der Freien Universität Berlin
lagern unglaubliche Schätze. 400 Regalmeter sind vollgestopft mit
Büchern, Studien, rund 50.000 Prospekten und anderen Schriftstücken
rund um das Thema Tourismus.
"Es ist ein einzigartiges Archiv, das es in Europa in dieser Form
nicht noch einmal gibt", sagt der Tourismusforscher und Leiter des
Archivs, Hasso Spode. Doch das könnte schon bald Vergangenheit sein.
Schließlich wird das Institut in einigen Monaten geschlossen. Damit ist
auch das Archiv vom Aus bedroht. Noch ist unklar, was mit ihm passieren
soll.
Von außen lässt das Gebäude nicht erahnen, was sich in seinem
Inneren verbirgt: Modernisierte, eher nüchterne Fassaden repräsentieren
den Unibau an der Malteserstraße im beschaulichen Lankwitz. In einer
ehemaligen Tischtennishalle im Erdgeschoss jedoch, hinter hellbeigen
Türen, können die Besucher zumindest gedanklich weit weg reisen.
Ordentlich sortierte Baedecker-Reiseführer aus dem 19. Jahrhundert
beispielsweise geben Tipps für Trips ins europäische Ausland, ein
ugandischer Werbeprospekt aus dem Jahr 1954 lockt mit exotisch
anmutenden Schwarz-Weiß-Bildern, und Walt Disneys Buch "Geheimnisvolle
Steppe" stellt wilde Tiere vor.
Feldforschung in Italien
Dagegen wirken die losen Papiere, die am Rand des Raums gestapelt
liegen, trist und wenig aufregend. Doch dieser erste Eindruck täuscht.
Immerhin verbergen sich dort die Anfänge der touristischen Forschung:
soziologische Studien aus den fünfziger Jahren, die so bizarre Titel
tragen wie "Beobachtung eines Psychologen-Ehepaares während einer
Gesellschaftsrundreise durch Italien".
Was darin steht, wirkt aus heutiger Sicht komisch, war damals jedoch
ernsthaft betriebene Feldforschung. Zum einen wird dort akribisch
festgehalten, wie viele Stunden die Touristen in Kirchen, Museen und am
Strand verbrachten. Zum anderen versuchen Beschreibungen den Reiz am
Reisen zu ergründen - was nicht immer leicht erschien, wie zu lesen
ist: "Fast alle Teilnehmer stöhnen unter den Strapazen der Reise: Die
langen beschwerlichen Busfahrten in der glühenden Sonne, die
zahlreichen Besichtigungen und Führungen ohne ausreichende
Erholungspausen, das frühe Aufstehen nach oft viel zu kurzer Nachtruhe
gibt Anlass zu Klagen."
Alle diese, seit Jahrzehnten gesammelten Unterlagen hat Hasso Spode
mit einigen Mitarbeitern akribisch sortiert und für Tourismusforscher
aus der ganzen Welt zugänglich gemacht. Seit 1986 gab es zahlreiche
Untersuchungen, darunter zum Reiseverhalten der DDR-Bürger, den
Angeboten der Nationalsozialisten und der Frage, warum Menschen
überhaupt reisen.
"Tourismus ist ein Spiegelbild der Gesellschaft"
Dafür fehlt aber nun das Geld. Der Akademische Senat der Freien
Universität beschloss im April, das Institut zum 30. September 2009 zu
schließen. Wie ein Sprecher erklärt, lag das auch daran, dass die
Willy-Scharnow-Stiftung für Touristik in Frankfurt am Main ihre
Zuschüsse stark gekürzt hat. Schon jetzt werden laut Tourismusforscher
Spode keine Studenten mehr aufgenommen, da sie ihr Studium gar nicht
mehr beenden könnten.
Spode, der noch an der Hochschule in Hannover lehrt, macht sich nun
große Sorgen um die Zukunft seines Archivs. Er befürchtet, dass es
aufgelöst und seine Schätze nach und nach in Antiquariaten landen
könnten. "Das wäre ein Drama", sagt Spode. Nicht nur wegen der
Sammlung. "Tourismus ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, man kann an
ihm viele politische und sozialhistorische Aspekte ablesen", findet der
57-Jährige. Ohne ein zentrales Archiv wäre das jedoch ziemlich
schwierig.
Von Aliki Nassoufis, dpa http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,600135,00.html