Sothink Space

06.02.2009 um 03:46 Uhr

Bohrmeister Benno

von: SourceTec   Stichwörter: Bohrmeister, Benno

Benno wohnt in einem sehr großen Haus, in einer sehr großen Stadt. Gleich neben dem Haus ist die Schule, und Benno geht schon in die erste Klasse. Eines Tages kam ein Trecker mit einem grünen Wagen dran. Der grüne Wagen hatte kleine Fenster, und hinter den Fenstern waren Gardinen mit großen bunten Blumen zu sehen.Vier Männer begannen einen Anhänger zu entladen. Benno schaute sich genau an, was sie taten. Als alles aufgerichtet und miteinander verbunden war, begann ein Motor zu tuckern. Einer der Männer legte einen langen Hebel um. Am liebsten hätte es Benno getan.Die große eiserne Röhre sauste herab. Sie blieb in der Erde stecken. Die Männer sagten: „Alles in Ordnung!"
Und auch Benno sagte ganz leise: „Alles in Ordnung!"
Die Männer gaben sich die Hand und fuhren mit dem Trecker davon. Einer blieb jedoch bei dem grünen Wagen. Dieser Mann war Max.Er trug ein schwarzes Turnhemd und auf dem Kopf einen weißen Helm. Wenn er frühstückte, nahm er den Helm ab, setzte sich auf die Stufen des grünen Wagens und spießte dicke Wurststücke auf ein großes Taschenmesser. Zum Schluß trank er eine ganze Flasche Milch auf einen Zug aus. Benno stand ein paar Schritte entfernt und schaute zu.Am nächsten Tag ging er dichter heran. „Ich bin Benno", sagte er.
„Max", sagte der Mann und bot dem Jungen auf der Messerspitze eine Wurstscheibe an.
„Arbeitest du hier allein?" fragte Benno.
„Das schafft auch einer", sagte Max.
„Was arbeitest du denn?" wollte Benno wissen.
„Ich bohre nach Wasser."
Benno lachte. „Das brauchst du nicht. Wir haben Wasser in der Wohnung. Soll ich dir welches holen?"
Max setzte die Milchflasche wieder hin, aus der er gerade trinken wollte. „Und was machst du, wenn ein Rohrbruch ist und kein Wasser mehr fließt?"
„Dann trinke ich Brause, und waschen muß ich mich auch nicht."
„Na ja", sagte Benno, und er rieb sich das Ohrläppchen, was er immer tat, wenn er nachdachte.Max legte wieder den Hebel um. Das Rohr sauste herab. Wenn er es mit straffem Seil wieder herauswinden ließ und drehte, fiel feuchter Sand heraus. Bald war das Rohr in der Erde verschwunden.Eine alte Frau kam von der Kaufhalle über den Bauplatz mit dem feuchten Sand. Sie hatte einen zweirädrigen Karren mit einer dickgefüllten Tasche und trug noch einen Korb. Die Räder blieben im Sand stecken.
Benno sagte: „Das würde ich verbieten. Betreten der Baustelle verboten!" Max sagte nichts. Er ging der Frau entgegen, nahm den Karren mit der vollen Tasche, als ob er ganz leicht wäre, und trug ihn auf die Platten am Gehweg. Die Frau bedankte sich. Max winkte mit den Händen ab und rollte mit lachendem Gesicht den Karren hin und her. Die Frau sagte: „Es ist besser, wenn ich nicht den kürzeren Weg nehme." An einem anderen Tag war Benno mit seinem Fahrrad gekommen. Max fragte: „Warum fährst du nicht?" „Ach, das olle Ding", sagte Benno. „Immer springt die Kette herunter." In der Pause sagte Max: „Zeig mal her, das Rad." Er schaute sich alles genau an. „Das Hinterrad sitzt lose", sagte er. ,Spann es fest ein." „Du mußt mir helfen", bat Benno.
„Ehrensache", sagte Max.
Nach einigen Tagen war mehr Wasser in der Röhre als Sand. Aber als Benno zu Max gelaufen kam, mit ganz rotem Gesicht, da wollte er von der Röhre und der Maschine mit dem Hebel nichts wissen. „Maxi" rief er. „Es gibt eine Überschwemmung. Ich kann den Wasserhahn in der Küche nicht schließen. Das Wasser läuft, ohne aufzuhören."
Max sagte: „So" und stellte den Motor der Seilwinde ab. „Sind denn deine Eltern nicht zu Hause?"
„Die müssen doch arbeiten, Papa in der Schule und Mutti in der Fabrik." „Ich schau mal nach", sagte Max. Er nahm Werkzeug aus seinem grünen Wagen und ging bedächtig hinter Benno her, der sich ständig umdrehte. Max drehte im Keller den Haupthahn zu und reparierte in der Küche die Dichtung.
„So` sagte er wieder. Er drehte den Haupthahn auf und wischte die Hände an der Hose ab. „Siehst du, da haben wir es. Wenn man das Wasser sperrt, ist es gut, wenn man einen Brunnen oder eine Pumpe hat." „Du kannst wohl alles, Max?" bewunderte ihn Benno. „Keiner kann alles", sagte Max.
„Was kannst du denn nicht?" „Kühe melken."
„Warum denn nicht?" wollte Benno wissen.
„Was man nicht erlernt, kann man nicht", sagte Max. „Doch. Essen und trinken!" triumphierte Benno.
„Alles muß man lernen. Frag deine Mutter", sagte Max.
Auch die Arbeit mit der dicken Röhre war beendet, und nun begann Max, lange dünne Rohre in das Bohrloch zu versenken und miteinander zu verbinden. Zum Schluß guckte eines ein wenig aus der Erde hervor. Max rieb sich die Hände, nahm den weißen Helm ab und sagte: „Das hätten wir."
Am Abend kam Bennos Vater mit einer Flasche Bier zu Max und sagte: „Schönen Dank für die Hilfe, Benno hat's erzählt." „Macht nichts", sagte Max. „Prost!" Als Benno am nächsten Tag zum grünen Wagen lief, waren auch die anderen Männer wieder da. Sie hatten eine Pumpe mit einem Schwengel gebracht und waren gerade dabei, gemeinsam alles miteinander zu verbinden. Am Abend war, es geschafft. Der jüngste von den Arbeitern sagte zu Benno: „Damit ihr Wasser habt, wenn ihr mal kein Wasser habt." Er lachte sehr über diesen Satz, und die anderen lachten mit. Max winkte Benno zu sich.
„Darfst sie einweihen, die Pumpe."
Benno drückte auf den Schwengel, und klares, kaltes Wasser lief auf den Boden und machte im Nu eine riesige Pfütze. „Willst auch Bohrmeister werden?" fragte Max. Benno wurde es ganz heiß im Gesicht. „Das weiß ich doch noch nicht", sagte Benno, und während er einen Fuß in der Pfütze kreisen ließ, murmelte er: „Aber so wie du werde ich bestimmt."Max nahm Bennos Hand. Benno wußte, daß das, der Abschied war. Er machte sich los und rannte einfach davon. Erst als er allein in seinem Bett lag, heulte er.
Am nächsten Morgen war der Wohnwagen verschwunden. Wer weiß, wo er jetzt steht. Der Wagen ist grün. Er hat eine hölzerne Treppe, und an den kleinen Fenstern hängen Gardinen, die wie Blumen leuchten.

Günter Hesse

Von: http://www.kinderreimeseite.de/50185293550240a0a/50442195a7014cd01.html


Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.