Frühlingsrollen und die Gesetze der Schwerkraft

02.01.2015 um 13:42 Uhr

... der Esel, der bin ich!

von: Spring_Roll   Kategorie: In my single shoes

Musik: Always look at the bright side of life (Monthy Python)

Ich bin der Esel, der seiner Möhre hinterherrennt. Immer. Die Möhre wird ausgewechselt. Auch der, der die Angel hält, an der sie hängt. Immer mal wieder. Mal ist es Erfolg, dem ich vergeblich hinterherhechle, mal Glück, oft Liebe. Deshalb ist es so leicht, mich mit der Möhre zu ködern. Weil ich so wild bin auf das, was sie symbolisiert. Endlich glücklich. Endlich sorglos. Endlich nicht so allein fühlen. Denn das ist die Tragik der ewigen Singelin ... sie fühlt sich allein auch in Gruppen naher Menschen. Deshalb ist es für einen einigermaßen gewitzten Mann so einfach, mich herumzukriegen. Gib mir nur ein wenig Zuwendung. Ein paar Komplimente, ein bisschen Begehren ... vielleicht noch gemeinsame Pläne und die Intimität einer innigen Umarmung ... und ich falle um. Sofort. Und renne fürderhin der Möhre "Liebe" hinterher. So lange, bis ich breche. Oder jedenfalls fast. Bislang hat die Reißleine immer so eben noch funktioniert, wenn es selbstzerstörerisch wurde, das Rennen. 

Beim nächsten Mann wird alles anders, versprach ein Kultroman der 1980er. Jedes Mal war alles neu und frisch. Gleich war nur der Absturz. Aus unterschiedlichen Gründen. Mal rannte der Mann mit der Möhre schneller oder hängte sie höher. Mal erwischte ich sie und sie war faul. Von innen zerfressen und unbekömmlich. Doch es gab ja mehr Männer. Und so schöne Möhren! Nur ich, der Esel, wurde nicht schöner sondern immer zerzauster und verbrauchter vom ewigen Rennen. Für die nächste Möhre brauchte ich Kraft und frass mir ein wenig Winterspeck an. Das half zwar bei der Kondition, liess mich aber langsamer werden. Oder die Männer beschlossen, dass ein jüngerer, schnellerer Esel besser zu ihnen passt.

Im November 2014 lief ich plötzlich langsamer und beim Anblick der herumhängenden Möhren verschlug es mir den Appetit. Jetzt schleiche ich alter Esel auf meinen wunden Hufen weiter. Ohne wirkliches Ziel. Aber mit dem Gefühl, vergeblich gerannt zu sein. Alte Esel gehören in die Salami. Oder bekommen irgendwo das Gnadenbrot, wenn sie Glück haben.

Ich will nicht ungerecht sein. Es gibt auf dieser Welt Menschen, die mich mögen oder sogar lieben. Meine Kinder. Meine Eltern ... auch wenn sie mich nicht immer verstehen. Meine Allerbeste und meine anderen nahen Menschen. Es gibt eben nur nicht den Einen, der mich anschaut und für den ich alles bin. Der, der mich will und ich ihn. Den Partner für mich, den gibt es nicht.

Selbstliebe habe ich mühsam gelernt. Sie gibt mir das Gnadenbrot. Sicherlich besser als die Abhängigkeit von jemandem, den ich nicht liebe. Aber auch nicht die beste Alternative. Eine andere habe ich aber zurzeit nicht. Ich lahme zu sehr, um mich wieder ins Rennen zu werfen. Keiner wird mich mit meinem struppigen Fell und meinem dicken Bauch aus dem Gatter locken wollen. Keiner wird mir in die Augen und in die Seele schauen wollen, wenn doch der ganze Pferch voller junger, gesunder Eselinnen mit glänzendem Fell ist. Ob diese Eselinnen leuchtende Augen und einen strahlenden Geist haben, ist den Männern am Gatter egal. Sie begutachten die Flanken und die Beine und treffen ihre Entscheidung. Und die Männer, die selbst nicht mehr schnell laufen, ziehen halt Rollschuhe an, um so schnell zu sein wie die junge Eselin, die sie erwählten. 

Im Pferch zurück bleiben wir: die alten Eselinnen. Am Rand stehen ein paar Männer, die sich für andere Strategien entschieden haben. Die Metzger, die uns locken und zu Salami verarbeiten wollen nachdem sie uns mit vorgegaukelten Gefühlen aus dem Tor lockten. Und die sehr alten Esel, die hoffen, dass wir unser Gnadenbrot mit ihnen teilen und uns vor das Messer des Metzgers werfen, wenn er nach ihrem Halsstrick greift. Die ewig schwachen, die darauf warten, dass wir sie versorgen. Die allzu bedürftigen, die uns ausbeuten und aussaugen wollen. Und unser Appetit auf Möhren wird immer weniger weniger. Gefühls-Gnadenbrot mit 49 ...  

Mein Gnadenbrot muss mir niemand geben. Das kann ich selbst. Aber es darf dann auch niemand erwarten, von mir mitversorgt zu werden.

Und was heißt die Parabel für mein Leben?

Sehr einfach. Ich arbeite daran, von der Suche nach Mr. Fast-Richtig unabhängig zu werden und mich selbst zu versorgen. Auch emotional. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass ich mich unabhängig mache von allen, die mich aussaugen und von meiner relativen Stärke profitieren wollen. Ich kann Kraft verschenken, aber ich lasse sie mir nicht mehr ungefragt wegnehmen.

Ich plane mein Leben alleine. In letzter Konsequenz heißt das: ab einem bestimmten Zeitpunkt auch ohne Söhne. Nach den einsamen Abenden des Weihnachtsfests und einer nachdenklichen Nacht nach der Silvesterfeier plane ich gedanklich schon, welche Dinge aus meinem alten Leben mich durch diesen Übergang begleiten und welche nicht. Ich fühle mich auf der Durchreise. In jeder Hinsicht. Bin mal wieder ungeduldig. Allein und doch nicht unabhängig - ein schlechter Deal!

Das Jahr meines 50. Geburtstags ist das Jahr, an dem ich mein Leben komplett infrage stelle. Das Jahr, in dem ich mich frage, wohin ich gerannt wäre, wenn da keine Möhre gewesen wäre. Die Vergangenheit ändern kann ich nicht. Aber meine Zukunft ... die soll besser werden als das Jetzt. Damit mein Gnadenbrot mir irgendwann wirklich schmecken kann. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. redorange schreibt am 02.01.2015 um 18:00 Uhr:Du bist so viel mehr als ein struppiger Esel mit dickem Bauch! Gnadenbrot?? Pffff, dass ich nicht lache! Es ist immer noch die Zeit der Torten - mit Kirsche oben drauf!
  2. Mitternacht schreibt am 02.01.2015 um 20:01 Uhr:Gnadenbrot ist Schwachsinn! Wenn Du Gnadenbrot anbietest, kriegst auch nur Gnadenbrot. Du bist ein wertvoller Mensch... nicht weniger. Aber manchmal muss man vielleicht die Möhren zur Seite schieben und den Blick verändern... denn nicht jeder Mensch den man will... kann einen auch glücklich machen.
  3. Spring_Roll schreibt am 02.01.2015 um 21:41 Uhr:Richtig, Mitternacht ... auch das eine Lehre der letzten Jahre. GLUECKLICH kann nur sein, nicht anderer machen.

    Ich arbeite an Loslassen, Akzeptanz und daran, mit eigenen Kraeften an meiner Lebenszufriedenheit zu bauen.

    Und ...redorange ... amarena-Kirsche bitte :-)
  4. Mitternacht schreibt am 03.01.2015 um 10:36 Uhr:@Spring_Roll: Da gebe ich Dir mehr als recht! Schritt für Schritt, auch wenn es einem ganz sinnlos und schwer erscheint. Ich glaube, man muss aufhören, sich "danach" irgendeine "Belohnung" zu erwarten. Einfach SEIN. Und ein Mann kann nicht verantwortlich dafür sein, ob man glücklich ist oder nicht. Das gäbe den Männern viel zu viel Macht... hihi

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