conols online bibliothek

09.02.2013 um 21:07 Uhr

Durchgestrichen

von: knpp   Kategorie: Schreiben   Stichwörter: Fried

Während ich einen kurzen Text, den ich einige Tage zuvor geschrieben hatte, dessen ich mir aber nicht wirklich sicher war, zu korrigieren oder noch zu ergänzen versuchte, fiel mir ein längeres Haar vom Kopf auf das Papier. Es lag da, nur wenig gekrümmt, schräg von links unten nach rechts oben über das Blatt hin.

Erich Fried

Beste Grüße!

27.01.2013 um 15:21 Uhr

Dumm gelaufen

von: ostern93   Kategorie: Schicksal   Stichwörter: Schneider

Es ist fatal, wenn ein Dichter so viel weiß wie Gott; wenn er sich auf das Geheimnis der Geschichte, auf das Mysterium der Fügung versteht. Denn es ist dann kaum mehr ein Schritt zur Banalität. Was entschleiert werden soll, zieht sich zurück. ...

Reinhold Schneider, Winter in Wien (1958)

Inventur 2011 a.a.O

lg joe

27.01.2013 um 15:14 Uhr

Gast seines Lebens

von: ostern93   Kategorie: Alter   Stichwörter: Broch

... Er hatte sich vom Schicksal treiben lassen, und das Schicksal trieb ihn dem Ende zu. War dies nicht stets die Form seines Lebens gewesen? Hatte er jemals anders gelebt? Hatte ihm die perlmutterne Schale des Himmels, hatte ihm das lenzliche Meer, hatte ihm das Singen der Berge und das, was schmerzlich in der Brust ihm sang, hatte der Flötenton des Gottes je etwas anderes bedeutet als ein Geschehnis, das wie ein Gefäß der Sphären ihn bald aufnehmen sollte, um ihn ins Unendliche zu tragen? Ein Landmann war er von Geburt, der den Frieden des irdischen Seins liebt, einer, dem ein schlichtes und gefestiges Leben in der ländlichen Gemeinschaft getaugt hätte, einer, dem es seiner Abstammung nach beschieden gewesen wäre, bleiben zu dürfen, bleiben zu müssen, um den es, einem höheren Schicksal gemäß, von der Heimat nicht losgelassen, dennoch nicht in ihr belassen hatte; es hatte ihn hinausgetrieben, hinaus aus der Gemeinschaft, hinein in die nackteste, böseste, wildeste Einsamkeit des Menschengewühles, es hatte ihn weggejagt von der Einfachheit seines Ursprunges, gejagt ins Weite zu immer größer werdender Vielfalt, und wenn hierdurch irgendetwas größer oder weiter geworden war, so war es lediglich der Abstand vom eigentlichen Leben, denn wahrlich, der allein war gewachsen: bloß am Rande seiner Felder war er geschritten, bloß am Rande seines Lebens hatte er gelebt; er war zu einem Ruhelosen war er geworden, den Tod fliehend, ein Liebender und dabei doch ein Gehetzter, ein Irrender durch die Leidenschaften des Innen und Außen, ein Gast seines Lebens. Und heute, fast am Ende seiner Kräfte, am Ende seiner Flucht, am Ende seiner Suche, da er sich durchgerungen hatte und abschiedsbereit geworden war, durchgerungen zur Bereitschaft und bereit, die letzte Einsamkeit auf sich zu nehmen, den inneren Rückweg zu ihr anzutreten, da hatte das Schicksal mit seinen Gewalten sich  nochmal seiner bemächtigt, hatte ihm nochmals die Einfachheit und den Ursprung und das Innen verwehrt, hatte den Rückweg wieder ihm abgebogen, verbogen zum Weg in die Vielfalt des Außen, hatte ihn zurückgezwungen zu dem Übel, das sein ganzes Leben überschattet hatte, ja es war als hätte das Schicksal nur noch eine einzige Schlichtheit für ihn übrig - die Schlichtheit des Sterbens.

 

Hermann Broch: Der Tod des Vergil

Inventur a.a.O

joe

16.01.2013 um 00:54 Uhr

Die Hölle der Lebenden

von: knpp   Kategorie: Einsamkeit   Stichwörter: Calvino

Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das erst noch kommen wird. Wenn es eine gibt, ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden. Es gibt zwei Arten, nicht unter ihr zu leiden. Die erste fällt vielen leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil von ihr zu werden, daß man sie nicht mehr sieht. Die zweite ist riskant und verlangt ständige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben.

aus: Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte

14.10.2012 um 18:17 Uhr

Drei Arten Gedichte aufzuschreiben II

von: knpp   Kategorie: Schreiben   Stichwörter: Domin

Kleine Buchstaben

genaue

damit die Worte leise kommen

damit die Worte sich einschleichen

damit man hingehen muß

zu den Worten

sie suchen in dem weißen

Papier

leise

man merkt nicht wie sie eintreten

durch die Poren

Schweiß der nach innen rinnt

 

Angst

meine

unsere

und das Dennoch jedes Buchstabens

 

Hilde Domin

22.07.2012 um 13:00 Uhr

Drei Arten Gedichte aufzuschreiben I

von: knpp   Kategorie: Schreiben   Stichwörter: Domin

Ein trockenes Flußbett

ein weißes Band von Kieselsteinen

von weitem gesehen

hierauf wünsche ich zu schreiben

in klaren Lettern

oder eine Schutthalde

Geröll

gleitend unter meinen Zeilen

wegrutschend

damit das heikle Leben meiner Worte

ihr Dennoch

ein Dennoch jedes Buchstabens sei

 

Hilde Domin

18.07.2012 um 13:59 Uhr

Über den Umgang mit Menschen

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Knigge

AdolphFreiherr von Knigge (1752 - 1796)

Über den Umgang mit Menschen

Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte tun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.
Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das Opfer des gröbsten Betrugs werden.
Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer bei alltäglichen Vorfällen unzweckmäßige Mittel wählen, sehen, daß es ihnen mißlingt, auf andre zu wirken, daß sie, mit allem Übergewichte der Vernunft, dennoch oft von fremdenTorheiten, Grillen undvon dem Eigensinne der Schwächeren abhängen, daß sie von schiefen Köpfen, die nicht wert sind, ihre Schuhriemen aufzulösen, sich müssen regieren und mißhandeln lassen, daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen darf.
Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.
Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo aller Augen auf sie gerichtet waren und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine nicht vorteilhafte Rolle spielen, sehen, wie sie verstummen oder lauter gemeine Dinge sagen, indes ein andrer äußerst leerer Mensch seine dreiundzwanzig Begriffe, die er hie und da aufgeschnappt hat, so durcheinander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt und selbst bei Männern von Kenntnissen für etwas gilt.
Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben gefallen, indes Personen, mit weniger äußern Annehmlichkeiten ausgerüstet, allgemein interessieren. -

Alle diese Bemerkungen scheinen uns zu sagen, daß die gelehrtesten Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen innern und äußern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu gefallen, zu glänzen verstehen.

Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige, Geistvolle in einem Zirkel schaler Kopfe sich nicht so weit herabläßt, den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt den Ton mit von Reisen gebracht haben, oder den grade die Laune einer herrschenden Kokette zum Konversations-, Kammer- und Chorton erhebt; daß es den Jüngling besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als, nach Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam und plauderhaft zu sein; daß der edle Mann, je klüger er ist, um desto bescheidener, um desto mißtrauischer gegen seine eigenen Kenntnisse, um desto weniger zudringlich sein wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden wird, seine vorteilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die wahrhafte Schönheit alle kleinen anlockenden, unwürdigen Buhlkünste, wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet, - das alles ist wohl sehr natürlich! - Davon rede ich also nicht.

Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und vorgezogen zu werden verlangt und, wo das nicht geschieht, eine traurige Figur macht; nicht von dem gekränkten Hochmute eines abgeschmackten Pedanten, der das Maul hängen läßt, wenn er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der Erden bekannt und als ein solches behandelt zu sein, wenn nicht jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor, der gewöhnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein Kompendium in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen und dann zu sehn, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wie jeder Student so ehrerbietig den Hut vor ihm abzieht, und mancher, der nachher seinem Vaterlande Gesetze gibt, ihm des Sonntags im Staatskleide die Aufwartung macht; wenn ein solcher einmal die Residenz oder irgendeine andre Stadt besucht, und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig Personen gänzlich übersehn oder von irgendeinem Fremden für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird, er dann ergrimmt und ein verdrossenes Gesicht zeigt; oder wenn ein Stubengelehrter, der ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntnis ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, und er dann äußerst verlegen mit seiner Figur, buntscheckig und altväterisch werden, zu gar nichts gelangen. Woher kommt das?

Was ist es, das diesen fehlt und andre haben, die, bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer Glückseligkeit ersteigen?

Was die Franzosen den esprit de conduite nennen, das fehlt jenen: die Kunst des Umgangs mit Menschen - eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studieren, viel besser erlauert als der verständige, weise, witzreiche; die Kunst, sich bemerkbar, geltend, geachtet zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu sein; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigentümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat geboren werden lassen, erwerbe sich Studium der Menschen, eine gewisse Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, zu rechter Zeit Verleugnung, Gewalt über heftige Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber und Heiterkeit des immer gleich gestimmten Gemüts; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen; doch hüte man sich, dieselbe zu verwechseln mit der schändlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sklaven, der sich von jedem mißbrauchen läßt, sich jedem preisgibt; um eine Mahlzeit zu gewinnen, dem Schurken huldigt, und um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge die Hände bietet und die Dummheit vergöttert!

Indem ich aber von jenem esprit de conduite rede, der uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung, so will ich nicht etwa ein Komplimentierbuch schreiben, sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben lassen und oft in der Stille beobachtet habe. - Kein vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.

 lg joe

24.05.2012 um 18:12 Uhr

Traum

von: schlafwandlerin   Kategorie: Liebe

Wenn Du nicht da bist

 

Meine Hände in Deinen Händen

Dein Atem in meinem Haar

Zärtlich weiter zueinander wenden

Schon ist Dein Mund dem meinem nah

 

Jede einzelne Bewegung

Ist nur noch vom Gefühl bestimmt

Undefinierte Herzensregung

Die mir Worte und Gedanken nimmt

 

Im Innern liegt Dein Herz an meinem

Außen liegt an meiner Deine Brust

Mein Körper Dicht bei Deinem

Und unsre Arme meiden den Verlust

 

Millimeterweise, immer näher, intensiver

Spür ich Dich um mich

In diesen Traum versink ich immer wieder

Immer dann, wenn Du nicht bei mir bist

 

 

von mir für J.

lg maggie

13.03.2012 um 00:38 Uhr

Die fragilen Städte 5

von: knpp   Kategorie: Freiheit   Stichwörter: Calvino

Wenn ihr mir glauben wollt, gut. Dann will ich jetzt sagen, wie Ottavia beschaffen ist, die Spinnennetz-Stadt. Es gibt da eine Schlucht zwischen zwei steilen Berghängen. Die Stadt hängt darüber, mit Tauen und Ketten und Stegen an den beiden Graden befestigt. Man geht auf kleinen hölzernen Planken, sorgfältig darauf bedacht, nicht in die Zwischenräume zu treten, oder man hangelt sich an hanfenen Maschen voran. Darunter ist viele Hunderte Meter nichts: Ein paar Wolken ziehen, weiter unten sieht man den Grund der Schlucht.

Dies ist die Basis der Stadt: ein Netz, das als Passage und Halt dient. Alles übrige hängt darunter, anstatt sich darauf zu erheben: Strickleitern, Hängematten, Häuser in Form von Säcken, Kleiderbügel, Terrassen wie Luftschiffgondeln, Wasserschläuche, Gashähne, Bratspieße, Körbe an Schnüren, Lastenaufzüge, Duschen, Trapeze, Ringe zum Spielen, Drahtseilbahnen, Kronleuchter, Blumentöpfe mit herunterhängenden Pflanzen.

In der Schwebe über dem Abgrund ist das Leben der Einwohner von Ottavia weniger unsicher als in anderen Städten. Sie wissen, daß ihr Netz nicht alles aushält.

Aus: Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte

Grüße

04.03.2012 um 22:38 Uhr

Die Städte und die Erinnerung 2

von: knpp   Kategorie: Vergangenheit   Stichwörter: Calvino

Den Mann, der lange durch wilde Gegenden reitet, überkommt die Sehnsucht nach einer Stadt. Endlich gelangt er nach Isidora, wo die Paläste Wendeltreppen mit Meermuschelbesatz haben, wo man kunstgerecht Ferngläser und Geigen herstellt, wo der Fremde, wenn er sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden kann, stets eine dritte trifft und wo die Hanhnenkämpfe in blutige Schlägereien zwischen den Wettenden ausarten. An all dies hatte er gedacht als er sich nach einer Stadt sehnte. Isidora ist also die Stadt seiner Träume - mit einem Unterschied: Die geträumte Stadt enthielt ihn als jungen Mann, nach Isidora gelangt er im fortgeschrittenen Alter. Auf dem Platz ist das Mäuerchen mit den Alten, die der vorübergehenden Jugend nachschauen; er setzt sich zu ihnen. Die Wünsche sind schon Erinnerungen.

 

Aus: Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte

 

Grüße