Der Gott der kleinen Dinge
Aufgeregtheit führt zu Tränen. Und unbedachte Worte führen zu... weniger Liebe ?!
„Die Zeit blieb auf der roten Treppe stehen. Estha blieb stehen. Baby Kochamma blieb stehen.
»Rahel«, sagte Ammu.
Rahel erstarrte. Was sie gesagt hatte, tat ihr entsetzlich leid. Sie wußte nicht, woher diese Worte gekommen waren. Sie hatte nicht gewußt, daß sie in ihr gewesen waren. Aber jetzt waren sie raus und kehrten nicht mehr zurück. Sie hingen über der roten Treppe wie Beamte in einer Regierungsbehörde. Manche standen still, andere saßen da und wippten mit den Beinen.
»Rahel«, sagte Ammu. »Ist dir klar, was du gerade getan hast?«
Angsterfüllte Augen und eine Fontäne blickten Ammu an.
»Ist schon in Ordnung. Hab keine Angst«, sagte Ammu.
»Aber antworte mir. Ist es dir klar?«
»Was?« sagte Rahel mit der winzigen Stimme, die sie hatte.
»Was du gerade getan hast?« sagte Ammu.
Angsterfüllte Augen und eine Fontäne blickten Ammu an.
»Weißt du, was passiert, wenn du jemandem weh tust?« fragte Ammu. »Wenn du jemandem weh tust, dann liebt er dich weniger. Das ist es, was unbedachte Worte anrichten. Sie sorgen dafür, daß die Menschen dich ein bißchen weniger lieben.«
Ein kalter Falter mit ungewöhnlich dicht geschuppten Hinterflügeln landete schwerelos auf Rahels Herz. Dort, wo seine eisigen Beine sie berührten, bekam sie eine Gänsehaut. Sechs Stellen mit Gänsehaut auf ihrem unbedachten Herzen.
Ammu liebte sie ein bißchen weniger.“
Arundhati Roy, der Gott der kleinen Dinge, 19. Auflage; btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München – 1997, S.132-133
