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20.05.2011 um 23:12 Uhr

der arme Tor

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Goethe

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum -
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel -
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.

J.W. Goethe: Faust 1

lg joe

31.12.2010 um 13:49 Uhr

so ists gut

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Eichendorff

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schlief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot. - Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehn und mein Glück machen. Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehn, da ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter immer betrübt an unserm Fenster sang: Bauer, miet mich, Bauer, miet mich! nun in der schönen Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom Baume rufen hörte: Bauer, behalt deinen Dienst! - Ich ging also in das Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen mit auf den Weg, und so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten recht stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.
Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur vom Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.
Die Bächlein von den Bergen springen,
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was sollt ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl und frischer Brust?
Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

...

Eichendorf: Taugenichts

joe

15.12.2009 um 21:12 Uhr

Von Hans Castorps sittlichem Befinden

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Mann

Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen, sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner Epoche und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt gegeben und selbstverständlich betrachten und von dem Einfall, Kritik daran zu üben, so weit entfernt sein, wie der gute Hans Castorp es wirklich war, so ist doch sehr wohl möglich, daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel vage beeinträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen mancherlei persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Tätigkeit schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos, aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen gibt und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber doch irgendwie gestellten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts fast unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über des Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums erstrecken mag. Zu bedeutender, das Maß des schlechthin Gebotenen überschreitender Leistung aufgelegt zu sein, ohne daß die Zeit auf die Frage Wozu? eine befriedigende Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt oder heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder das eine noch das andere war Hans Castorps Fall, und so war er denn doch wohl mittelmäßig, wenn auch in einem recht ehrenwerten Sinn.

aus Thomas Mann: Der Zauberberg 

04.10.2008 um 15:26 Uhr

Im Schatten des Schnurrbarts

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Nietzsche

Seine "Einzelheit" kennen. — Wir vergessen zu leicht, dass wir im Auge fremder Menschen, die uns zum ersten Male sehen, etwas ganz Anderes sind, als Das, wofür wir uns selber halten: meistens Nichts mehr, als eine in die Augen springende Einzelheit, welche den Eindruck bestimmt. So kann der sanftmütigste und billigste Mensch, wenn er nur einen großen Schnurrbart hat, gleichsam im Schatten desselben sitzen, und ruhig sitzen, — die gewöhnlichen Augen sehen in ihm den Zubehör zu einem großen Schnurrbart, will sagen: einen militärischen, leicht aufbrausenden, unter Umständen gewaltsamen Charakter — und benehmen sich darnach vor ihm.

Friedrich Nietzsche: Morgenröte, 381.

grüße, robert

12.09.2008 um 12:56 Uhr

Eine alte Geschichte

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Heine

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen anderen erwählt,
Der andre liebt eine andre
Und hat sich mit dieser vermählt.
Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den besten ersten Mann,
Der ihr über den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.
Es ist eine alte Geschichte
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Heinrich Heine

Lg joe

15.06.2008 um 16:34 Uhr

größte Sorgfalt (1)

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Huxley, Soma

„Mein lieber junger Freund", sagte Mustafa Mannesmann. „Die Zivilisation hat nicht den geringsten Bedarf an Edelmut oder Heldentum. Derlei Dinge sind Merkmale politischer Untüchtigkeit. In einer wohlgeordneten Gesellschaft wie der unseren findet niemand Gelegenheit zu Edelmut und Heldentum. Solche Gelegenheiten ergeben sich nur in ganz ungefestigten Verhältnissen. Wo es Kriege gibt, Gewissenskonflikte, Versuchungen, denen man widerstehen, und Liebe, die man erkämpfen oder verteidigen muß - dort haben Heldentum und Edelmut selbstverständlich einen gewissen Sinn. Aber heutzutage gibt es keine Kriege mehr. Mit größter Sorgfalt verhindern wir, dass ein Mensch den anderen zu sehr liebt. Und so etwas wie Gewissenskonflikte gibt es auch nicht: Man wird so genormt, dass man nichts anderes tun kann, als was man tun soll. Und was man tun, soll ist im allgemeinen so angenehm und gewährt den natürlichen Trieben so viel Spielraum, dass es auch keine Versuchungen mehr gibt. Sollte sich durch einen unglücklichen Zufall wirklich einmal etwas Unangenehmes ereignen, nun denn, dann gibt es Soma, um sich von der Wirklichkeit zu beurlauben. Immer ist Soma zur Hand, um Ärger zu besänftigen, einen mit seinen Feinden zu versöhnen, Geduld und Langmut zu verleihen. Früher konnte man das alles nur durch große Willensanstrengung und nach jahrelanger harter Charakterbildung erreichen. Heute schluckt man zwei, drei Halbgrammtabletten, und damit gut! Jeder kann heutzutage tugendhaft sein. Man kann mindestens sein halbes Ethos in einem Fläschchen bei sich tragen. Christentum ohne Tränen - das ist Soma."

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aus: Aldous Huxley: Brave new world

lg joe

20.04.2008 um 04:08 Uhr

Die Lotterie in Babylon (Absätze 13 & 14)

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: borges

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Unter dem wohltätigen Einfluß der Gesellschaft haben sich unsere Lebensgewohnheiten mit Zufall gesättigt. Wer ein Dutzend Amphoren Damaszener Wein kauft, wird sich nicht wundern, wenn eine davon einen Talisman oder eine Viper birgt; der Schreiber, der einen Vertrag aufsetzt, wird kaum je verfehlen, eine irrige Angabe einzusetzen; ich selbst habe in dieser eiligen Erklärung das eine oder andere Glanzlicht, die eine oder andere Scheußlichkeit verfälscht. Vielleicht auch eine geheimnisvolle Monotonie... Unsere Geschichtsschreiber, die schärfstsinnigen der ganzen Welt, haben eine Methode entwickelt, den Zufall zu korrigieren; es heißt, die Anwendungen dieser Methode seien (im allgemeinen) vertrauenswürdig, wenn sie auch natürlich nicht ohne eine Dosis Betrug in Umlauf gesetzt werden. Überdies ist kaum etwas so mit Erfundenem verquickt wie die Geschichte der Gesellschaft... Eine paläographische, in einem Tempel ausgegrabene Urkunde kann von der gestrigen Ziehung oder einer jahrhundertealten bewirkt sein. Kein Buch erscheint, das nicht von Exemplar zu Exemplar gewisse Abweichungen aufwiese. Die Schreiber leisten einen geheimen Eid, wegzulassen, einzuschieben, abzuändern. Auch befleißigt man sich der indirekten Lüge.

Die Gesellschaft in ihrer göttlichen Bescheidenheit entzieht sich der Öffentlichkeit. Ihre Agenten arbeiten natürlich im geheimen; die Anordnungen, die sie fortwährend (vielleicht unablässig) trifft, unterscheiden sich nicht von denen die die Scharlatane ausstreuen. Außerdem: Wer kann sich denn rühmen, ein bloßer Scharlatan zu sein? Der Betrunkene, der einen absurden Befehl improvisiert, der Schläfer, der jäh aus dem Traum fährt und die Frau erwürgt, die bei ihm schläft — führen sie nicht vielleicht einen Geheimauftrag der Gesellschaft aus? Dieses stillschweigende Funktionieren, dem Gottes vergleichbar, verlockt zu den verschiedensten Mutmaßungen. Abscheulich legt eine nahe, es gebe schon seir Jahrhunderten keine Gesellschaft mehr und die heilige Unordnung unseres Lebens sei rein erblich, bloß überkommen; eine andere nennt die Gesellschaft ewig und lehrt, daß sie bis zur letzten Nacht dauern werde, in der der letzte Gott die Welt vernichtet. Eine andere erklärt, die Gesellschaft sei allmächtig, doch nehme sie nur auf die winzigsten Umstände Einfluß: den Ruf eines Vogels, die Nuancen von Rost und Staub, die Dämmerträume am Morgen. Eine andere verkündet durch den Mund maskierter Häresiarchen, daß sie nie existiert habe noch je existieren werde. Eine andere, nicht minder abgefeimt, behauptetm es sei gleichgültig, ob man die Realistät der schattenhaften Körperschaft bejaht oder verneint, weil Babylon nichts anderes ist als ein unendliches Spiel von Zufällen.

Letzter Teil von: Jorge Luis Borges: Die Lotterie in Babylon.

grüße, robert

19.04.2008 um 05:38 Uhr

Die Lotterie in Babylon (Absätze 11 & 12)

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: borges

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Stellen wir uns eine erste Ziehung vor, die den Tod eines Menschen verfügt. Zur Vollstreckung veranstaltet man eine weitere Ziehung, die (sagen wir) neun mögliche Vollstrecker vorschlägt. Von diesen Vollstreckern können vier eine dritte Ziehung einleiten, die den Namen des Henkers erbringen soll, zwei können an die Stelle des schwarzen Spruchs einen glücklichen treten lassen (etwa die Auffindung eines Schatzes), ein anderer kann die Todesstrafe verschärfen (das heißt, schmachvoll machen oder um Folterqualen bereichern), wieder andere können sich weigern sie zu vollziehen...So sieht das symbolische Schema aus. In Wirklichkeit ist die Zahl der Ziehungen unendlich. Kein Entscheid ist endgültig, alle verzweigen sich in andere. Die Unwissenden meinen, unendliche Ziehungen erfordern unendliche Zeit; in Wahrheit braucht die Zeit nur unendlich teilbar zu sein, wie die berühmte Parabel vom Wettlauf mit der Schildkröte lehrt. Diese Unendlichkeit stimmt mit den krummen Zahlenreihen des Zufalls und mit dem Himmlischen Archetyp der Lotterie, den die Platoniker anbeten, wunderbar überein...Ein verzerrtes Echo unserer Riten scheint bis an den Tiber gedrungen zu sein. Aelius Lampridius berichtet im Leben des Antoninus Haligabalus, daß dieser Kaiser auf Muscheln schrieb, was er jedem seiner geladenen Gäste als Los zudachte, so daß einer zehn Pfund Gold erhielt, ein anderer zehn Fliegen, zehn Bilchmäuse, zehn Bären. Man darf daran erinnern, daß Elagabal in Kleinasien von den Priestern des gleichnamigen Gottes erzogen wurde.

Aber es gibt auch unpersönliche Ziehungen, deren Absicht undefiniert ist; so bestimmt eine, daß in die Wasser des Euphrat ein Saphir von Taprobane geworfen werden soll; eine andere, daß man vom Dach eines Turms einen Vogel loslasse; eine andere, daß in jedem Jahrhundert von den unzähligen Sandkörnern des Strandes eines weggenommen (oder hinzugefügt) werde. Die Folgen sind manchmal furchterregend.

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Aus: Jorge Luis Borges: Die Lotterie in Babylon

11.04.2008 um 01:26 Uhr

Die Lotterie in Babylon (Absätze 8-10)

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: borges

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So unglaublich es klingen mag: Hie und da wurde gemurrt. Die Gesellschaft, in ihrer üblichen Zurückhaltung, gab darauf keine direkte Antwort. Sie ließ lieber in den Abfall einer Maskenfabrik ein knappes Argument schmieren, das heute zu den heiligen Schriften zählt. Dieser doktrinäre Text stellte fest, die Lotterie sei eine Einschaltung des Zufalls in die Weltordnung, und Irrtümer in Kauf nehmen heiße nicht dem Zufall widersprechen, sondern ihn bestätigen. Außerdem: daß diese Löwen und dieses Behältnis, obwohl die Gesellschaft (die sich auch nicht des Rechts entäußerte, sie zu konsultieren) sie nicht für wertlos erkläre, doch ohne amtliche Garantie arbeiteten.

Diese Erklärung beschwichtigte die öffentlichen Besorgnisse. Auch zeitigte sie andere, vom Verfasser wohl nicht vorhergesehene Wirkungen. Sie verwandelte tiefgreifend die Gesinnung und die Operation der Gesellschaft. Es bleibt mir nur noch wenig Zeit; man teilt uns mit, das Schiff sei klar zu Auslaufen; ich will versuchen, die Sache zu erklären.

So unwahrscheinlich es klingen mag: Niemand hatte sich bis dahin an einer allgemeinen Theorie des Spiels versucht. Der Babylonier ist nicht spekulativ veranlagt. Die Urteilssprüche des Zufalls nimmt er hin, weiht ihnen sein Leben, seine Hoffnung, sein panisches Entsetzen; doch fällt es ihm nicht ein, seine labyrinthischen Gesetze oder die kreisenden Sphären, die ihn enthüllen, zu erforschen. Trotzdem regte die offiziöse Erklärung, die ich erwähnt habe, zu einer Menge von Erörterungen juristisch-mathematischer Art an. Einer von ihnen entsprang die folgende Mutmaßung: Wenn die Lotterie eine Verstärkung des Zufalls, eine periodische Ergießung des Chaos in den Kosmos ist, müßte dann nicht der Zufall eigentlich in alle Etappen der Ziehung Einlaß finden, nicht in nur eine einzige? Ist es nicht lächerlich, daß der Zufall irgendwessen Tod verfügt, daß aber die Umstände dieses Todes — Ausschluß oder Anwesenheit der Öffentlichkeit, Vollstreckung binnen einer Stunde oder eines Jahrhunderts — nicht dem Zufall unterworfen sind? Diese so berechtigten Skrupel führten schließlich zu einer bedeutenden Reform, deren Verzwicktheit (verschlimmert durch jahrhundertelange Ausübung) nur ein paar Spezialisten verstehen, die ich aber, wenn auch vielleicht symbolisch, zu resümieren versuchen will.

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Aus: Jorge Luis Borges: Die Lotterie in Babylon.

09.04.2008 um 22:42 Uhr

Die Lotterie in Babylon (Absätze 6 & 7)

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: borges

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Es ist kein Geheimnis, daß das Volk von Babylon sehr der Logik und auch der Symmetrie ergeben ist. Es war ein Mißverhältnis, daß die Glücksnummern mit runden Münzen, die Unglücksnummern hingegen mit Tagen und Nächten im Gefängnis abgegolten wurden. Ein paar Moralisten stellten die Überlegung an, daß der Besitz von Münzen nicht immer maßgebend für Glücklichsein ist, und daß andere Formen des Glücks vielleicht direkter sind.

Eine andere Sorge reifte in den Armenvierteln heran. Die Mitglieder des Priesterkollegs erhöhten die Einsätze und profitierten von allen Wechselfällen des Entsetzens und der Hoffnung; die Armen (mit vernünftigem oder unvermeidlichem Neid) sahen sich von diesem offenkundig köstlichen Hin und Her ausgeschlossen. Das gerechte Verlangen, daß alle, ob arm oder reich, an der Lotterie gleichberechtigt Anteil haben sollten, führte zu einer Empörung, die sich im Gedächtnis der Jahre nicht verwischt hat. Ein paar Starrköpfe begriffen nicht (oder taten, als begriffen sie nicht), daß es um eine neue Ordnung, eine notwendige geschichtliche Etappe ging... Ein Sklave stahl ein scharlachrotes Los, das ihm bei der Ziehung Anspruch darauf gab, die Zunge verbrannt zu bekommen. Eben dies wurde dann als Strafmaß für Losdiebstahl im Gesetz verankert. Es gab Babylonier, die die Ansicht vertraten, er hätte in seiner Eigenschaft als Dieb das weißglühende Eisen verdient; andere wollten aus Großmut dem Henker die Vollstreckung überlassen, weil es der Zufall so gefügt hatte... Es kam zu Unruhen, zu beklagenswertem Blutvergießen; aber das babylonische Volk setzte schließlich seinen Willen durch, gegen den Widerstand der Reichen. Das Volk erreichte voll und ganz seine edelmütigen Ziele. An erster Stelle, daß die Gesellschaft die totale Macht übernahm. (Diese Vereinheitlichung war nötig wegen der Weitgespanntheit und Vielschichtigkeit der neuen Verfahren.) An zweiter Stelle erreichte es, daß die Lotterie geheim, kostenlos und allgemein wurde. Der geschäftsmäßige Losverkauf wurde abgeschafft. Jeder freie Mann, der in die Mysterien des Baal eingeweiht war, nahm automatisch an den heiligen Ziehungen teil, die in den Labyrinthen des Gottes im Abstand von sechzig Nächten erfolgten und sein Schicksal bis zur nächsten Ziehung bestimmten. Die Folgen waren unberechenbar. Ein glücklicher Spielausgang mochte ihn in den Rat der Magier oder einen seiner Feinde (öffentlicher und privater Art) ins Gefängnis bringen oder ihn im friedlichen Dunkel seines Gemachs der Frau, die uns gerade zu beunruhigen beginnt oder die man nicht wiederzusehen erwartete, begegnen lassen; ein unglücklicher Spielausgang: Verstümmelung, alle Arten von Schande, Tod. Manchmal war die einzige Tatsache - die gemeine Ermordung von C, die mysteriöse Verklärung von B - die geniale Lösung von dreißig oder vierzig Ziehungen. Die Ziehungsergebnisse zu kombinieren, war allerdings schwierig; doch muß daran erinnert werden, daß die Individuen der Gesellschaft allmächtig und schlau waren (und sind). In vielen Fällen hätte das Wissen, daß gewisse Glücksumstände ein Werk des puren Zufalls waren, deren Ansehen geschmälert; um diesen Nachteil zu beseitigen, machten die Agenten der Gesellschaft von Einflüsterungen und Magie Gebrauch. Ihre Schritte, ihre Manöver waren geheim. Um die heimlichen Hoffnungen, die heimlichen Ängste jedes einzelnen auszuforschen, verfügten sie über Astrologen und Spitzel. Es gibt gewisse Steinlöwen, es gab eine heilige Latrine mit Namen Qaphqa, es gab ein paar Spalten in einem staubigen Aquädukt, die nach allgemeiner Ansicht zur Gesellschaft führten; Boshafte oder Wohlwollende hinterlegten dort Anzeigen. Ein alphabetisches Archiv nahm diese Notizen von unsteter Wahrhaftigkeit auf.

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Aus: Jorge Luis Borges: Die Lotterie in Babylon.

 

09.04.2008 um 01:24 Uhr

Die Lotterie in Babylon (Absätze 3-5)

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: borges

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Mein Vater wußte zu erzählen, daß in früherer Zeit - vor Jahrhunderten , vor Jahren? - die Lotterie in Babylon eine plebejische Belustigung war. Er erzählte (ich weiß nicht, ob wahrheitsgemäß), daß die Barbiere gegen Kupfermünzen viereckige Plättchen aus Bein oder Pergament, die mit Zeichen beschriftet waren, ausgaben. Die Ziehung fand bei hellem Tage statt: Die glücklichen Gewinner erhielten, ohne sonstige Mitwirkung des Zufalls, geprägte Silbermünzen. Das Verfahren steckte, wie man sieht, noch ganz in den Anfängen.

Natürlich erlitten diese »Lotterien« Schiffbruch. Ihr moralischer Wert war gleich Null. Sie wandten sich nicht an alle Fähigkeiten des Menschen: einzig und allein an seine Hoffnung. Angesichts der Gleichgültigkeit des Publikums begannen die Händler, die diese käufliche Lotterie ins Leben gerufen hatten, Geld zu verlieren. Jemand schlug eine Reform vor: die Einschaltung einiger weniger Unglückslücklose in die Glückslose. Infolge dieser Reform setzten sich die Käufer nummerierter Vierecke der zweifachen Chance aus, eine Summe zu gewinnen und eine manchmal beträchtliche Geldbuße entrichten zu müssen. Diese geringe Gefahr (auf dreißig Glücklose entfiel eine schwarze Nummer) stachelte natürlich das Interesse des Publikums an. Die Babylonier ergaben sich dem Spiel. Wer keine Lose erwarb, wurde als Angsthase, als Kümmerling angesehen. Mit der Zeit verdoppelte sich diese berechtigte Verachtung. Man schmähte den, der nicht spielte, aber auch die Verlierer, die die Geldbuße entrichteten. Die Gesellschaft (so begann sie sich damals zu nennen) mußte sich der Gewinner annehmen, die ihre Prämien nicht einstreichen konnten, wenn in den Kassen nahezu der Gesamtbetrag der Bußen fehlte. Sie richteten Forderungen an die Verlierer: Der Richter verurteilte sie zur Entrichtung der ursprünglichen Buße und der Kosten, oder zu ein paar Tagen Gefängnis. Alle entschieden sich für das Gefängnis, um die Gesellschaft zu schädigen. Diesem Trotz einiger weniger entsprang die Allmacht der Gesellschaft: ihr kirchlicher, metaphysischer Rang.

 

Bald darauf verzichtete man bei Bekanntgabe der Ziehungsergebnisse auf die Aufzählung der Geldbußen und verlautbarte lediglich die Tage Gefängnis, die jedes schwarze Los bezeichnete. Dieser seinerzeit fast unbeachtete Lakonismus war von kapitaler Bedeutung. Zum ersten Mal setzten sich in der Lotterie nichtpekuniäre Elemente durch. Der Erfolg war durchschlagend. Auf Betreiben der Spieler sah die Gesellschaft sich veranlaßt, die Zahl der Unglücksnummern zu erhöhen.

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Aus: Jorge Luis Borges: Die Lotterie in Babylon.

07.04.2008 um 16:08 Uhr

Die Lotterie in Babylon (Absätze 1 & 2)

von: knpp   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: borges

Wie alle Babylonier bin ich Prokonsul gewesen; wie alle Sklave; auch habe ich die Allmacht, die Schande, die Kerker kennengelernt. Seht: An meiner rechten Hand fehlt der Zeigefinger. Seht: Durch diesen Riß im Mantel erblickt man auf meinem Bauch eine rote Tätowierung; es ist das zweite Schriftzeichen, Beth. Dieser Buchstabe verleiht mir in Vollmondnächten Gewalt über die Menschen, die mit Ghimel gezeichnet sind, aber er unterstellt mich denen mit einem Aleph, die in Neumondnächten jenen mit Ghimel Gehorsam schulden. In dämmernder Morgenfrühe habe ich in einem unterirdischen Gelaß vor einem schwarzen Stein heilige Stiere gekehlt. Während eines Mondjahres bin ich für unsichtbar erklärt worden; ich rief und bekam keine Antwort, ich stahl Brot und man köpfte mich nicht. Ich habe erfahren, was Griechen nicht kennen: die Ungewißheit. In einem bronzenen Gemach, vor dem stummen Tuch des Würgers, ist die Hoffnung mir treu geblieben; im Strom der Wonnen die Panik. Herakleides Pontikos erzählt bewundernd, daß Pythagoras sich erinnerte, Pyrrhos gewesen zu sein und vordem Euphorbos und davor irgendein anderer Sterblicher; um ähnliche Wechselfälle zu gedenken, brauche ich mich weder an den Tod zu halten noch an die Hochstapelei.

 

Diese nahezu gräßliche Vielseitigkeit verdanke ich einer Einrichtung, die in anderen Gemeinwesen unbekannt ist oder dort nur unvollkommen und geheim ihr Wesen treibt: der Lotterie. Ihre Geschichte habe ich nicht erforscht; ich weiß nur; daß die Magier über sie uneins sind; ich weiß von ihren gewaltigen Vorhaben nur soviel, wie ein der Astrologie Unkundiger vom Mond wissen kann. Ich bin zuhause in einem schwindelerregenden Land, in dem die Lotterie Hauptbestandteil der Wirklichkeit ist; bis zum heutigen Tage habe ich an sie so wenig gedacht wie an das Walten unenträtselbarer Götter oder meines Herzens. Jetzt, fern von Babylon und seinen geliebten Bräuchen, denke ich mit einigem Staunen an die Lotterie und an die lästerlichen Mutmaßungen, die sich in der Dämmerung die Verschleierten zuraunen.

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Aus: Jorge Luis Borges: Die Lotterie in Babylon.

grüße, robert

11.03.2008 um 21:00 Uhr

Über die Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1)

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Nietzsche, pathetisch


-In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der "Weltgeschichte": aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. -


So könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es gibt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten. Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, daß auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt. Es ist nichts so verwerflich und gering in der Natur, was nicht, durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens, sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der stolzeste Mensch, der Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen.

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Friedrich Nietzsche, aus: Philosophisches Wörterbuch (aaO)

lg joe

21.11.2007 um 10:37 Uhr

Radbruchsche Formel (1)

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Radbruch, aha

Es gibt also Rechtsgrundsätze, die stärker sind als jede rechtliche Satzung, so daß ein Gesetz, das ihnen widerspricht, der Geltung bar ist. Man nennt diese Grundsätze das Naturrecht oder das Vernunftrecht. Gewiß sind sie im Einzelnen von manchem Zweifel umgeben, aber die Arbeit der Jahrhunderte hat doch einen festen Bestand herausgearbeitet, und in den sogenannten Erklärungen der Menschen- und Bürgerrechte mit so weitreichender Übereinstimmung gesammelt, daß in Hinsicht auf manche von ihnen nur noch gewollte Skepsis den Zweifel aufrechterhalten kann.
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Gustav Radbruch: Recht und Gerechtigkeit, aus: Lesebuch der Ethik (aaO)

lg joe

 

24.10.2007 um 21:01 Uhr

Ein Tisch ist einTisch (1)

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Bichsel, Tisch

Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu sein. Er wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Straße oder nahe der Kreuzung. Es lohnt sich fast nicht, ihn zu beschreiben, kaum etwas unterscheidet ihn von anderen. Er trägt einen grauen Hut, graue Hosen, einen grauen Rock und im Winter den langen grauen Mantel, und er hat einen dünnen Hals, dessen Haut trocken und runzelig ist, die weißen Hemdkragen sind ihm viel zu weit. Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer, vielleicht war er verheiratet und hatte Kinder., vielleicht wohnte er früher in einer andern Stadt. Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene angezogen waren. Man sieht sie so im Fotoalbum der Großmutter. In seinem Zimmer sind zwei Stühle, ein Tisch, ein Teppich, ein Bett und ein Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein Wecker, daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an der Wand hängen ein Spiegel und ein Bild.

Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends saß er an seinem Tisch.

Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am Tisch saß, hörte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken.

Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern, die spielten - und das besondere war, daß das alles dem Mann plötzlich gefiel.

Er lächelte.

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Peter Bichsel

lg joe

11.10.2007 um 13:56 Uhr

Herbst

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Buchderbilder, Herbst


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

RM Rilke: Buch der Bilder

joe

16.08.2007 um 18:34 Uhr

Heute hier, morgen dort

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Wader

Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muß ich fort,
hab‘ mich niemals deswegen beklagt.
Hab‘ es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer,
und dann denk‘ ich, es wär‘
Zeit zu bleiben und nun ganz was andres zu tun.
So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar,
daß nichts bleibt, daß nichts bleibt wie es war.

Daß man mich kaum vermißt, schon nach Tagen vergißt,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht. Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein‘ oder and'ren im Sinn

Manchmal träume ich schwer...

Fragt mich einer, warum ich so bin, bleib‘ ich stumm,
denn die Antwort darauf fällt mir schwer.
Denn was neu ist wird alt und was gestern noch galt,
stimmt schon heut‘ oder morgen nicht mehr.

Manchmal träume ich schwer...

Hannes Wader

lg joe

16.08.2007 um 15:35 Uhr

Gedanke 120 (1)

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Pascal, Zimmer

Nur sich selbst zu lieben und nichts als sich selbst zu bedenken, ist die Art der Eigenliebe und dieses menschlichen Ichs. Aber wie wird es dies vollbringen? Das Ich kann nicht hindern, daß das, was es liebt, voll von Mängeln und Elend ist: es wünscht sich groß und findet sich gering; es wünscht sich glücklich und findet sich unglücklich; es wünscht sich vollkommen und findet sich voller Unvollkommenheiten; es wünscht sich von Menschen geliebt und geachtet und findet, daß seine Mängel nur ihre Abneigung und Verachtung verdienen. Diese Verlegenheit, in der es sich findet zeugt in ihm die ungerechteste und verbrecherischste Leidenschaft, die man ersinnen kann, denn sie zeugt einen tödlichen Haß gegen die Wahrheit, die es bemäkelt es von seinen Fehlern überzeugt.. Es wird sie zu vernichten wünschen, und da es nicht fähig ist, sie selbst zu zerstören, zerstört es sie, soweit es dies vermag, in seinem Bewußtsein und in dem der andern; das heißt es richtet seine ganze Mühe darauf, vor den andern und vor sich selbst seine Fehler zu verbergen, es kann nicht dulden, daß man sie ihm zeige, noch daß man sie bemerke.
Es ist fraglos ein Übel, voller Fehler zu sein, aber es ist ein noch größeres Übel, es zu sein und sie nicht kennen zu wollen, weil das heißt, daß man ihnen willentlich noch den Betrug hinzufügt. Wir wollen von den andern nicht getäuscht wwerden, wir finden es unrecht, daß sie von uns mehr geschätzt werden wollen, als sie verdienen: Also ist auch unrecht, daß wir sie täuschen und daß wir von ihnen mehr geschätzt werden wollen, als wir verdienen.

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Blaise Pascal, aus: Otfried Höffe: Lesebuch zur Ethik. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart: München 1998.

joe

15.08.2007 um 12:52 Uhr

Was es ist

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Fried

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried

joe

04.06.2007 um 10:59 Uhr

Weltende

von: ostern93   Kategorie: Klassiker   Stichwörter: Schüler

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.

Komm wir wollen uns näher verbergen ...
Das Leben liegt in allen Herzen
Wie in Särgen.


Du! Wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Else Laske Schüler

joe