Nachtasyl
Jörg Amann, aus: 112 einseitige Geschichten (aaO)
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Jörg Amann, aus: 112 einseitige Geschichten (aaO)
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Wolf Wondratschek, aus: 112 einseitige Geschichten (aaO)
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Voltaire
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Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, die im Besitz
einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung sind.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, die sich an
die gesetzlichen Bestimmungen halten und im Besitz
einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung sind.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, von denen
nicht zu erwarten ist, daß sie den Bestand und die
Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährden.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, soweit sie
nicht durch ihr Verhalten dazu Anlaß geben.
Es ist insbesondere auch Jugendlichen, die angesichts
mangelnder Freizeitangebote und in Unkenntnis der
einschlägigen Bestimmungen sowie aufgrund von
Orientierungsschwierigkeiten psychisch gefährdet sind,
nicht gestattet, Personen ohne Ansehen der Person in
Brand zu stecken.
Es ist mit Rücksicht auf das Ansehen der Bundesrepublik
Deutschland im Ausland dringend davon abzuraten.
Es gehört sich nicht. Es ist nicht üblich.
Es sollte nicht zur Regel werden.
Es muß nicht sein.
Niemand ist dazu verpflichtet.
Es darf niemandem zum Vorwurf gemacht werden, wenn
er es unterläßt, Personen in Brand zu stecken.
Jedermann genießt ein Grundrecht auf Verweigerung.
Entsprechende Anträge sind an das zuständige
Ordnungsamt zu richten.
Hans Magnus Enzensberger
joe
Die Knechte und die Saisonarbeiter traten gerade zur Erntezeit in den Streik. Auf den Herrengütern schaute es bereits traurig aus.
Das war etwas, was Don Camillo nicht so ohne weiteres hinunterschlucken konnte, und als der Befehl kam, dem Vieh die Futterrationen zu kürzen, um die Milcherzeugung zu drosseln, ging er, Peppone den Weg zu versperren. (Peppone lief ständig herum und überwachte die Streikposten.)
"Hör mir zu", sagte er zu ihm, "wenn eine Frau ihr Kind und das Kind eines anderen stillt und wenn sie als Amme zu wenig Bezahlt bekommt, was wird sie tun, um mehr zu erreichen?"
Peppone fing an zu lachen.
"Sie sagt dem Vater des Kindes: Entweder gibst du mir mehr, oder stille dir deinen kleinen selber."
"Gut", rief Don Camillo. "Sie ist aber eine außergewöhnliche Frau, und, um mehr zu erreichen, weißt du, was sie tut? Sie nimmt eine Medizin, die sie langsam ihre Milch verlieren läßt, und dann sagt sie zum Vater des Säuglings: Entweder bezahlst du mich besser, oder ich fahre damit fort, bis ich keinen Tropfen Milch mehr habe.´ So bleiben beide Kinder ohne Milch: ihr eigener Sohn und der Sohn des anderen. Kommt dir diese Frau sehr gescheit vor?"
Peppone verzog den Mund.
"Fallen wir nicht gleich in die Politik", murmelte er. "Die Vergleiche sind die größte Feigheit auf der Welt, weil sie alle Fragen auf ein praktisches Beispiel zurückführen, während im Leben die Theorie das Wichtigste ist. Sie ist eine Amme, schön, aber die Wahrheit ist, daß jeder, der arbeitet, gerecht bezahlt gehört. Und erst dann, wenn jeder Arbeitende das ihm Gebührende bekommt, erst dann kann man von der Amme reden, weil sie mit der sozialen Gerechtigkeit ohnedies eine bessere Bezahlung bekommt und überhaupt nicht gezwungen ist, Medizin und andere Schweinereien zu schlucken. Und sehen Sie, lieber herr Pfarrer, mit dieser sozialen Gerchtigkeit muß man eines schönen Tages beginnen, wenn man das Ziel erreichen will, weil es mit ihr wie mit einem Knäuel steht: wenn man nicht gleich das richtige Ende findet, um ihn abzuwickeln, was kann man sich dann schon vom heiligen Geist erwarten? Man beginnt irgendwo zu rupfen und nach und nach ist der Knäuel abgewickelt."
Don Camillo unterbrach ihn.
"Sind jetzt auf einmal die Vergleiche keine größte Feigheit auf der Welt mehr?"
"Es hängt davon ab, wer sie macht."
Peppone zog die Schultern zusammen.
"Selbstverständlich, das Wichtigste bleibt die allgemeine Theorie", fügte er hinzu.
"Dann werde ich dir sagen, daß die allgemeine Theorie lautet, daß man in diesen Zeiten der Lebensmittelknappheit in der Welt das ißt, was es gerade gibt, und wenn einer auch dieses Wenige zugrunde richtet, dann kann er nachher noch so laut die Ìnternationale`brüllen, krepieren muß er trotzdem, weil ihm niemand was zu geben hat."
"Krepieren werden wir alle!" rief Peppone. "Früher oder später muß man krepieren!"
"Na gut, dann krepiere!" schrie Don Camillo und ging davon. Und als er in der KIrche war, tobte er sich vor dem Christus am Hauptaltar aus.
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Giovanni Guareschi: Don Camillo und Peppone (aaO)
lg joe
Hochwohlgeborner Herr, Hochzuehrender, Hochgebietender, Vester und Strenger Herr Hauptmann!
Sintemal und alldieweil und gleichwie, wenn die ungestüme Wasserflut und deren schäumende Wellen einer ganzen Stadt Untergang und Verwüstung drohen, und dann der zitternde Bürger mit Rettungswerkzeugen herzu eilet und rennt, um wo möglich den rauschenden, brausenden und erzürnten Fluten Einhalt zu tun: so und nicht anders eile ich Ew. Hochwohlgeboren bei dem jetzigen Jahreswechsel von der Unverbesserlichkeit meiner, Ihnen gewidmeten Ergebenheit bereitwilligst und dienstbeflissentlichst zu versichern und zu überzeugen und dabei meinem Hochgeehrten Herrn Hauptmann ein ganzes Arsenal voll aller zur Glückseligkeit des menschlichen Lebens erforderlichen Bedürfnisse anzuwünschen. - Es müsse meinem Hochgeehrtesten Herrn Hauptmann weder an Pulver der edlen Gesundheit, noch an den Kugeln eines immerwährenden Vergnügens, weder an Bomben der Zufriedenheit, weder an Karkassen der Gemütsruhe, noch an der Lunte eines langen Lebens ermangeln. Es müssen die Feinde unsrer Ruhe, die pandurenmäßigen Sorgen, sich nimmer der Zitadelle Ihres Herzens nähern; ja, es müsse Ihnen gelingen, die Trancheen ihrer Kränkungen vor der Redoute Ihrer Lustempfindungen zu öffnen. Das Glacis Ihres Wohlergehns sei bis in das späteste Alter mit den Palisaden des Segens verwahrt, und die Sturmleitern des Kummers müssen vergebens an das Ravelin Ihrer Freud gelegt werden. Es müssen Ew. Hochwohlgeboren alle, bei dem beschwerlichen Marsch dieses Lebens vorkommende, Defiléen ohne Verlust und Schaden passieren, und fehle es zu keiner Zeit, weder der Kavallerie Ihrer Wünsche, noch der Infanterie Ihrer Hoffnungen, noch der reitenden Artillerie Ihrer Projekte an dem Proviant und den Munitionen eines glücklichen Erfolgs. Übrigens ermangle ich auch nicht, das Gewehr meiner mit scharfen Patronen geladenen Dankbarkeit zu der Salve Ihres gütigen Wohlwollens loszuschießen, und mit ganzen Pelotons der Erkenntlichkeit durch zu chargieren. Ich verabscheue die Handgriffe der Falschheit, ich mache den Pfanndeckel der Verstellung ab, und dringe mit aufgepflanztem Bajonett meiner ergebensten Bitte in das Bataillon Quarré Ihrer Freundschaft ein, um dieselbe zu forcieren, daß sie mir den Wahlplatz Ihrer Gewogenheit überlassen müsse, wo ich mich zu maintenieren suchen werde, bis die unvermeidliche Mine des Todes ihren Effekt tut, und mich, nicht in die Luft sprengen, wohl aber in die dunkle Kasematte des Grabes einquartieren wird. Bis dahin verharre ich meines Hochzuehrenden Herrn Hauptmanns
respektmäßiger Diener N.N.
Heinrich von Kleist: Anekdoten und Kurzgeschichten
Lg joe
Da der Fortschritt keine Grenzen kennt, verkauft man in Spanien Pakete mit zweiunddreißig Schachteln Streichhölzern, deren jede ganz prächtig eine Figur eines vollständigen Schachspiels nachformt.
Eiligst brachte ein gewitzter Mann ein Schachspiel auf den Markt, dessen zweiunddreißig Figuren auch als Kaffeetassen dienen können; fast unverzüglich stellte der Bazar Dos Mundos Teeschalen her, womit den Damen mit eher weichlichem Busen eine große Mannigfaltigkeit hinlänglich straffer Büstenhalter geboten wird, worauf Yves St. Laurent soeben einen Büstenhalter kreiert hat, darin man in höchst suggestiver Weise zwei weichgekochte Eier servieren kann.
Ein Jammer, daß bis heute niemand eine andere Verwendung für weichgekochte Eier gefunden hat, was jene deprimiert, die sie nur mit viel Gestöhn essen; so werden gewisse Ketten des Glücks unterbrochen, das es nur mehr in Ketten gibt, und ziemlich teuer, nebenbei gesagt.
aus: Julio Cortazar - Ein gewisser Lukas
grüße, robert
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
Ingeborg Bachmann
lg joe
"Rumptarumptarumtata" und auch "Tätäräää" tönte es durch die engen Gassen, als die Parade vorbeizog. Gefeiert und geehrt wurde der selbsternannte Glatzenkönig Birnibi, der, in eine Daunendecke gehüllt, auf dem Rcken eines stöhneneden und schwitzenden Pagen getragen wurde, während ein zweiter Page voranschritt und "Rumptarumptarumptatat" und auch "Tätäträää" rief. Es war die erste Parade, die die Bewohner von Nottuln jemals gesehen hatten. Deshalb warfen sie ihre Hüte in die Luft und ärgerten sich, als diese im Morast landeten. Der selbsternannte Glatzenkönig Birnbi seinerseits wurde von seinen schwitzenden und rufenden Pagen über die Dorfstraße fortgetragen und ward nie wieder gesehen.
TAZ 20. Juni 2007. Das Wetter
lg joe
Stell dir ein Land vor. Es geht ein königliches Gebot an alle Beamten und Untertanen aus, kurzum, an die gesamte Bevölkerung. Was geschieht? Mit allen findet eine merkwürdige Veränderung statt: Alle verwandeln sich zu Erklärern, die Beamten werden zu Schriftstellern, und jeden Tag erscheinen Interpretationen, die einen gelehrter, scharfsinniger, geschmackvoller, tiefsinniger, einfallsreicher, wundervoller, hübscher und wunderbar schöner als die andere; die Kritik, die die Übersicht über diese ungeheure Menge an Literatur behalten soll, ja, die Kritik wird selbst zu einer so weitläufigen Literatur, dass es nicht mehr möglich ist, die Übersicht über die Kritik zu behalten: Alles ist Interpretation - aber niemand las das königliche Gebot so, dass er danach handelte. Und nicht genug damit, dass alles Interpretation wurde, nein, gleichzeitig hat man den Gesichtspunkt für das, was Ernst ist, verschoben und die Beschäftigung mit der eigentlichen Interpretation zum Ernst gemacht.
...
Sören Kierkegaard: Zur Selbstprüfung, der Gegenwart anbefohlen (1851)
lg joe
Ein Pudel, der mit gutem Fug
Den schönen Namen Brutus trug,
War viel berühmt im ganzen Land
Ob seiner Tugend und seinem Verstand.
Er war ein Muster der Sittlichkeit,
Der Langmut und Bescheidenheit.
Man hörte ihn loben, man hörte ihn preisen
Als einen vierfüßigen Nathan den Weisen.
Er war ein wahres Hundejuwel!
So ehrlich und treu! eine schöne Seel!
Auch schenkte sein Herr in allen Stücken
Ihm volles Vertrauen, er konnte ihn schicken
Sogar zum Fleischer. Der edle Hund
Trug dann einen Hängekorb im Mund,
Worin der Metzger das schön gehackte
Rindfleisch, Schaffleisch, auch Schweinefleisch packte. -
Wie lieblich und lockend das Fett gerochen,
Der Brutus berührte keinen Knochen,
Und ruhig und sicher, mit stoischer Würde,
Trug er nach Hause die kostbare Bürde.
Doch unter den Hunden wird gefunden
Auch eine Menge von Lumpenhunden -
Wie unter uns, - gemeine Köter,
Tagdiebe, Neidharde, Schwerenöter,
Die ohne Sinn für sittliche Freuden
Im Sinnenrausch ihr Leben vergeuden!
Verschworen hatten sich solche Racker
Gegen den Brutus, der treu und wacker,
Mit seinem Korb im Maule, nicht
Gewichen von dem Pfad der Pflicht. -
Und eines Tages, als er kam
Vom Fleischer und seinen Rückweg nahm
Nach Hause, da ward er plötzlich von allen
Verschwornen Bestien überfallen;
Da ward ihm der Korb mit dem Fleisch entrissen,
Da fielen zu Boden die leckersten Bissen,
Und fraßbegierig über die Beute
Warf sich die ganze hungrige Meute. -
Brutus sah anfangs dem Schauspiel zu
Mit philosophischer Seelenruh;
Doch als er sah, daß solchermaßen
Sämtliche Hunde schmausten und fraßen,
Da nahm auch er an der Mahlzeit teil
Und speiste selbst eine Schöpsenkeul.
Moral
Auch du, mein Brutus, auch du, du frißt?
So ruft wehmütig der Moralist.
Ja, böses Beispiel kann verführen;
Und, ach! gleich allen Säugetieren,
Nicht ganz und gar vollkommen ist
Der tugendhafte Hund - er frißt!
Heinrich Heine
joe
...Aber es gab auch hier den Kampf ums Überleben, die Begierde, den Mord, den Wahnsinn, den Verrat, die Sinnlosigkeit, die Angst, den Stumpfsinn, falsche Götter, Vergewaltigung, Trunksucht, Rauschgift, Hunde, Katzen, Kinder, Fernsehen, Zeitungen, Toiletten gestrichen voll, blinde Kanarienvögel, Einsamkeit [...]
Das Fernsehen hält mehr kaputte Ehen zusammen als gemeinsame Kinder oder die Kirche. Wenn man an all die Millionen denkt, die zusammenleben ohne es zu wollen, und die ihren Beruf hassen und Angst haben, ihn zu verlieren, dann wundert es einen nicht, dass ihre Gesichter so aussehen, wie sie aussehen. Es ist fast unmöglich, sich ein durchschnittliches Gesicht anzuschauen, ohne sich nicht schließlich wegdrehen zu müssen und woanders hinzuschauen, was anderes anzuschauen, eine Apfelsine, einen Felsen, eine Flasche mit Terpentin oder den Arsch von einem Hund.
Selbst in den Gefängnissen und Irrenhäusern findet man keine vernünftigen Gesichter mehr...
Charles Bukowsky: Die Ochsentour
joe
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Charakteristisch ist es, daß unsern deutschen Schelmen immer eine gewisse Sentimentalität anklebt. Sie sind keine kalten Verstandesspitzbuben, sondern Schufte von Gefühl. Sie haben Gemüt, sie nehmen den wärmsten Anteil an dem Schicksal derer, die sie bestohlen, und man kann sie nicht loswerden. Sogar unsre vornehmen Industrieritter sind nicht bloße Egoisten, die nur für sich stehlen, sondern sie wollen den schnöden Mammon erwerben, um Gutes zu tun; in den Freistunden, wo sie nicht von ihren Berufsgeschäften, z. B. von der Direktion einer Gasbeleuchtung der böhmischen Wälder, in Anspruch genommen werden, beschützen sie Pianisten und Journalisten, und unter der buntgestickten, in allen Farben der Iris schillernden Weste trägt mancher auch ein Herz, und in dem Herzen den nagenden Bandwurm des Weltschmerzes. Der Industrielle, der mein obenerwähntes Opus in sogenannter Übersetzung als Broschüre herausgegeben, begleitete dieselbe mit einer Notiz über meine Person, worin er wehmütig meinen traurigen Gesundheitszustand bejammert, und durch eine Zusammenstellung von allerlei Zeitungsartikeln über mein jetziges klägliches Aussehen die rührendsten Nachrichten mitteilt, so daß ich hier von Kopf bis zu Fuß beschrieben bin, und ein witziger Freund bei dieser Lektüre lachend ausrufen konnte: »Wir leben wirklich in einer verkehrten Welt, und es ist jetzt der Dieb, welcher den Steckbrief des ehrlichen Mannes, den er bestohlen hat, zur öffentlichen Kunde bringt.« -
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Heinrich Heine: Geständnisse
lg joe
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Schluß: Realpolitik
Wer Politik überhaupt und wer vollends Politik als Beruf betreiben will, hat sich jener ethischen Paradoxien und seiner Verantwortung für das, was aus ihm selbst unter ihrem Druck werden kann, bewusst zu sein. Er lässt sich, ich wiederhole es, mit den diabolischen Mächten ein, die in jeder Gewaltsamkeit lauem. Die großen Virtuosen der akosmistischen Menschenliebe und Güte, mochten sie aus Nazareth oder aus Assisi oder aus indischen Königsschlössern stammen, haben nicht mit dem politischen Mittel: der Gewalt, gearbeitet, ihr Reich war »nicht von dieser Welt«, und doch wirkten und wirken sie in dieser Welt, und die Figuren des PLATON KARATAJEW und der DOSTOJEWSKIJschen Heiligen sind immer noch ihre adäquatesten Nachkonstruktionen. Wer das Heil seiner Seele und die Rettung anderer Seelen sucht, der sucht das nicht auf dem Wege der Politik, die ganz andere Aufgaben hat: solche, die nur mit Gewalt zu lösen sind. Der Genius, oder Dämon, der Politik lebt mit dem Gott der Liebe, auch mit dem Christengott in seiner kirchlichen Ausprägung, in einer inneren Spannung, die jederzeit in unaustragbarem Konflikt ausbrechen kann. Das wussten die Menschen auch in den Zeiten der Kirchenherrschaft. Wieder und wieder lag das Interdikt - und das bedeutete damals eine für die Menschen und ihr Seelenheil weit massivere Macht als die (mit FICHTE zu reden) »kalte Billigung« des kantianischen ethischen Urteils - auf Florenz, die Bürger aber fochten gegen den Kirchenstaat. Und mit Bezug auf solche Situationen lässt MACCHIAVELLI an einer schönen Stelle, irre ich nicht: der Florentiner Geschichten, einen seiner Helden jene Bürger preisen, denen die Größe der Vaterstadt höher stand als das Heil ihrer Seele.
Wenn Sie statt Vaterstadt oder »Vaterland«, was ja zur Zeit nicht jedem ein eindeutiger Wert sein mag, sagen: »die Zukunft des Sozialismus« oder auch der »internationalen Befriedung«, - dann haben Sie das Problem in der Art, wie es jetzt liegt. Denn das alles, erstrebt durch politisches Handeln, welches mit gewaltsamen Mitteln und auf dem Wege der Verantwortungsethik arbeitet, gefährdet das »Heil der Seele«. Wenn ihm aber mit reiner Gesinnungsethik im Glaubenskampf nachgejagt wird, dann kann es Schaden leiden und diskreditiert werden auf Generationen hinaus, weil die Verantwortung für die Folgen fehlt. Denn dann bleiben dem Handelnden jene diabolischen Mächte, die im Spiel sind, unbewusst. Sie sind unerbittlich und schaffen Konsequenzen für sein Handeln, auch für ihn selbst innerlich, denen er hilflos preisgegeben ist, wenn er sie nicht sieht. »Der Teufel, der ist alt.« Und nicht die Jahre, nicht das Lebensalter ist bei dem Satz gemeint: »so werdet alt, ihn zu ver- stehen«. Mit dem Datum des Geburtsscheines bei Diskussionen überstochen zu werden, habe auch ich mir nie gefallen lassen; aber die bloße Tatsache, dass einer 20 Jahre zählt und ich über 50 bin, kann mich schließlich auch nicht veranlassen zu meinen, das allein wäre eine Leistung, vor der ich in Ehrfurcht ersterbe. Nicht das Alter macht es. Aber allerdings: die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens, und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein.
Wahrlich: Politik wird zwar mit dem Kopf, aber ganz gewiss nicht nur mit dem Kopf gemacht. Darin haben die Gesinnungsethiker durchaus recht. Ob man aber als Gesinnungsethiker oder als Verantwortungsethiker handeln soll, und wann das eine und das andere, darüber kann man niemandem Vorschriften machen. Nur eins kann man sagen: wenn jetzt in diesen Zeiten einer, wie Sie glauben, nicht »sterilen« Aufgeregtheit - aber Aufgeregtheit ist eben doch und durchaus nicht immer echte Leidenschaft -, wenn da plötzlich die Gesinnungspolitiker massenhaft in das Kraut schießen mit der Parole: »Die Welt ist dumm und gemein, nicht ich; die Verantwortung für die Folgen trifft nicht mich, sondern die anderen, in deren Dienst ich arbeite, und deren Dummheit oder Gemeinheit ich ausrotten werde«, so sage ich offen: dass ich zunächst einmal nach dem Maße des inneren Schwergewichts frage, das hinter dieser Gesinnungsethik steht, und den Eindruck habe: dass ich es in neun von zehn Fällen mit Windbeuteln zu tun habe, die nicht real fühlen, was sie auf sich nehmen, sondern sich an romantischen Sensationen berauschen. Das interessiert mich menschlich nicht sehr und erschüttert mich ganz und gar nicht. Während es unermesslich erschütternd ist, wenn ein reifer Mensch - einerlei ob alt oder jung an Jahren -, der diese Verantwortung für die Folgen real und mit voller Seele empfindet und verantwortungsethisch handelt, an irgendeinem Punkte sagt: »Ich kann nicht anders, hier stehe ich.« Das ist etwas, was menschlich echt ist und ergreift. Denn diese Lage muss freilich für jeden von uns, der nicht innerlich tot ist, irgendwann eintreten können. Insofern sind Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausmachen, den, der den »Beruf zur Politik« haben kann.
Und nun, verehrte Anwesende, wollen wir uns nach zehn Jahren über diesen Punkt einmal wieder sprechen. Wenn dann, wie ich leider befürchten muss, aus einer ganzen Reihe von Gründen, die Zeit der Reaktion längst hereingebrochen und von dem, was gewiss viele von Ihnen und, wie ich offen gestehe, auch ich gewünscht und gehofft haben, wenig, vielleicht nicht gerade nichts, aber wenigstens dem Scheine nach wenig in Erfüllung gegangen ist - das ist sehr wahrscheinlich, es wird mich nicht zerbrechen, aber es ist freilich eine innerliche Belastung, das zu wissen -, dann wünschte ich wohl zu sehen, was aus denjenigen von Ihnen, die jetzt sich als echte »Gesinnungspolitiker« fühlen und an dem Rausch teilnehmen, den diese Revolution bedeutet, - was aus denen im inneren Sinne des Wortes »geworden« ist. Es wäre ja schön, wenn die Sache so wäre, dass dann SHAKESPEARES 102. Sonett gelten würde: Damals war Lenz und unsere Liebe grün, Da grüßt' ich täglich sie mit meinem Sang, So schlägt die Nachtigall in Sommers Blühn - Und schweigt den Ton in reifrer Tage Gang. Aber so ist die Sache nicht. Nicht das Blühen des Sommers liegt vor uns, sondern zunächst eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte, mag äußerlich jetzt siegen welche Gruppe auch immer. Denn: wo nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, sondern auch der Proletarier sein Recht verloren. Wenn diese Nacht langsam weichen wird, wer wird dann von denen noch leben, deren Lenz jetzt scheinbar so üppig geblüht hat? Und was wird aus Ihnen allen dann innerlich geworden sein? Verbitterung oder Banausentum, einfaches stumpfes Hinnehmen der Welt und des Berufes oder, das dritte und nicht Seltenste: mystische Weltflucht bei denen, welche die Gabe dafür haben, oder - oft und übel - sie als Mode sich anquälen? In jedem solchen Fall werde ich die Konsequenz ziehen: die sind ihrem eigenen Tun nicht gewachsen auch der Welt, so wie sie wirklich ist, und ihrem Alltag: sie haben den Beruf zur Politik, den sie für sich in sich glaubten, objektiv und tatsächlich im innerlichsten Sinn nicht gehabt. Sie hätten besser getan, die Brüderlichkeit schlicht und einfach von Mensch zu Mensch zu pflegen und im übrigen rein sachlich an ihres Tages Arbeit zu wirken. Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muss ein Führer und nicht nur das, sondern auch - in einem sehr schlichten Wortsinn - ein Held sein. Und auch die, welche beides nicht sind, müssen sich wappnen mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen ist, jetzt schon, sonst werden sie nicht imstande sein, auch nur durchzusetzen, was heute möglich ist. Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: »dennoch!« zu sagen vermag, nur der hat den »Beruf« zur Politik.
Max Weber: Politik als Beruf (der ganze Text: http://www.textlog.de/weber_politik_beruf.html)
joe
Die meisten Menschen glauben, es sei ernst, ein Amt zu bekommen, aufzupassen, ob nun bald ein höheres Amt frei wird, um das sie sich bewerben könnten, und wie sie dann umziehen wollen, und was sie dann tun wollen, um sich einzurichten. Sie glauben, es sei Ernst, in Vornehme Gesellschaften zu gehen, sie bereiten sich auf ein Essen bei Seiner Exzellenz mehr vor als auf das Abendmahl, und wenn man sie unterwegs sieht, dann sehen sie so ernst aus, daß es ein Grauen ist. Seht, alles das kann ich gut verstehen, das einzige, was ich nicht verstehen kann, ist, daß, wenn dies Ernst ist, die Ewigkeit dann lauter Jux werden muß. Denn in der Ewigkeit gibt es weder Avancement noch Beförderung, auch gibt es da keinen Umzugstag oder Essen bei Exzellenzen.
Sören Kierkegaard: Tagebuch
joe
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Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten. Mancher hält sich für den herrn der andern, der dennoch mehr Sklave ist als sie. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? Ich weiß es nicht. Was kann sie rechtmäßig machen? Ich glaube dieses Problem lösen zu können.
Wenn ich nur die Gewalt und die daraus entspringende Wirkung in Betracht zöge, würde ich sagen: solange ein Volk zu gehorchen gezwungen ist und gehorcht, tut es gut daran; sobald es sein Joch abschütteln kann und es abschüttelt, tut es noch besser daran; denn wenn es seine Freiheit durch dasselbe Recht, das sie ihm geraubt hat, zurückerlangt, ist es entweder berechtigt, sie sich wieder zu nehmen, oder man war nie berechtigt, sie ihm zu entziehen. Aber die gemeinschaftliche Ordnung ist ein geheiligtes Recht, das allen anderen zur Grundlage dient. Indessen stammt dieses Recht nicht der Natur, also ist es auf Konventionen gegründet. Es handelt sich darum, welche Konventionen das sind. Bevor ich aber von dem einen zu anderen gelange, muß ich beweisen, was ich eben vorgebracht habe.
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Jean Jacques Rousseau: Staat und Gesellschaft. Contrat Social. Augsburg 1959.
joe
Dies gehört mit zu der Verwirrung, die sich in unserer Zeit auf so vielfältige Weise zeigt: Man sucht eine Sache dort, wo man sie nicht suchen sollte. Und was noch schlimmer ist; man findet sie dort, wo man sie nicht finden sollte; man will im Theater erbaut, in der Kirche ästhetisch beeindruckt und von Romanen bekehrt werden, man will erbauliche Schriften genießen, die Philosophie auf der Kanzel sehen und den Pastor auf dem Katheter.
Sören Kierkegaard: Entweder-Oder, Der Widerschein des antiken Tragischen im modernen Tragischen. 1843
joe
Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar - denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond - uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.
Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben die zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.
Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.
Franz Kafka
joe
Ein gewöhnlich großer Mann hat sein Vergnügen, alle rund um sich her mit der Allmacht seiner Kraft niederzudrücken und eine Welt vor sich auf den Knien zu sehen: ein rein großer Geist sucht so viel als möglich mit sich auf gleichen Fuß zu setzen und fühlt sich dann in seiner größten Würde, wenn alle im Gefühl der ihrigen neben ihm stehen. Wer einen Baum aufrichtet, ist ausgemacht stärker, als wer ihn niederschlägt. Wer nur auf Kosten der Vernunft und des Menschenwerts herrschen kann, hat das System der Ohnmacht ergriffen. Wo sich die Kleinen vor den Großen bücken, sind gewiß die Großen vor den Kleinen nie gehörig sicher. Der Mensch gibt seine Würde auf; aber er wird nie der Freund dessen, der sie ihm abnimmt.
Johann Gottfried Seume (1763-1810), aus: Jörg Drews (Hg.): J.G.S.: Werke in zwei Bänden, zweiter Band. Frankfurt 1993.
joe
...Überall ist die Gesellschaft in einer Verschwörung gegen die Menschheit eines jeden ihrer Mitglieder. Die Gesellschaft ist eine Aktiengesellschaft, in der die Mitglieder, um jedem Teilhaber das tägliche Brot zu sichern, zusammen, die Freiheit und Kultur des Essers aufgeben. ...
... und so weben wir unsere eigenen sozialen Bande, ein neues Gewebe von Beziehungen; und wie sich viele Gedanken in einer Reihe selbst dartun, werden wir nach und nach in einer neuen Welt der eigenen Schöpfung stehen und nicht länger auf einem überlieferten Erdball. ...
Ralph Waldo Emerson: Essays (Selbstvertrauen, Freundschaft)
Lg joe