conols online bibliothek

15.09.2008 um 18:15 Uhr

Marienlegende

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Fried

Wer ohne Sünde ist
werfe den ersten Stein
hatte Jesus gesagt
und alles blickte zu Boden

Nur eine kleine zähe
Frau in den besten Jahren
bückte sich wütend
und nahm einen Stein und warf ihn

Nach der Steinigung
als alles zurück in die Stadt ging
sagte Jesus zu ihr:
Mutter du kotzt mich an

Erich Fried, aus: Die Freiheit den Mund aufzumachen, Berlin 2oo1

lg joe

18.08.2008 um 14:36 Uhr

Nachdem er durch Metzingen gegangen war

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Gernhardt, placestobe

Dich will ich loben: Hässliches
du hast so was Verlässliches.

Das Schöne schwindet, scheidet, flieht -
fast tut es weh, wenn man es sieht.

Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit,
und Zeit meint stets: Bald ists soweit.

Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer.
Das Hässliche erfreut durch Dauer.

Robert Gernhardt, aus: Das bleibt. (aaO)

Lg joe

05.07.2008 um 21:37 Uhr

verteidigung der wölfe gegen die lämmer

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Enzensberger

soll der geier vergissmeinicht fressen?
was verlangt ihr vom schakal,
dass er sich häute, vom wolf? soll
er sich selber ziehen die zähne?
was gefällt euch nicht
an politruks und an päpsten,
was guckt ihr blöd aus der wäsche
auf den verlogenen bildschirm?
wer näht denn dem general
den blutstreif an seine hose? wer
zerlegt vor dem wucherer den kapaun?
wer hängt sich stolz das blechkreuz
vor den knurrenden nabel? wer
nimmt das trinkgeld, den silberling,
den schweigepfennig? es gibt
viel bestohlene, wenig diebe; wer
applaudiert ihnen denn, wer
steckt die abzeichen an, wer
lechzt nach der lüge?

seht in den spiegel: feig,
scheuend die mühsal der wahrheit,
dem lernen abgeneigt, das denken
überantwortend den wölfen,
der nasenring euer teuerster schmuck,
keine täuschung zu dumm, kein trost
zu billig, jede erpressung
ist für euch noch zu milde.

ihr lämmer, schwestern sind,
mit euch verglichen, die krähen:
ihr blendet einer den anderen.
brüderlichkeit herrscht
unter den wölfen:
sie gehen in rudeln.

gelobt sein die räuber: ihr,
einladend zur vergewaltigung,
werft euch aufs faule bett
des gehorsams. winselnd noch
lügt ihr, zerrissen
wollt ihr werden. ihr
ändert die welt nicht.

Hans Magnus Enzensberger

lg joe

25.12.2007 um 19:03 Uhr

latte continua permanente

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Papenfuß

 

ich erwachte notizenübersät

& beta-endorphin-überschüttet

stierte ich ins scheusal

& ersah die pogromvorschau

fürs überlieben in öl

in steinöl, in pfirsichkernöl

gelöster schwefel in milch

let´s fuck for the hard wanking people

dachte ich & wandte um

 

Bert Papenfuß (achziger), aus: Das bleibt (aaO)

lg joe

12.12.2007 um 14:30 Uhr

Kohlexplosion

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: dasWetter

Herr Rosenkohl hatte es satt. Er wollte nicht mehr gekocht werden, nicht mehr im ranzigen Fett von Schweineschwarten oder in brauner Soße ersaufen, von fiesen Salzkörnern gejuckt, von kalten Gabeln gestochen, von fauligen Zähnen zerkaut und bösartigen Bakterien zersetzt werden. Tag für Tag machte er das mit. Darum fasste er irgendwann den Entschluß, sich selbst zu klonen und aus seinem Ebenbild eine Rosenkohlarmee zu züchten, die in die Mägen der Welt wandern unddort auf seinen Befehl warten würde. Herr Rosenkohl hatte Rache im Sinn, und deshalb erfand er die Selbstmordrosenkohle. Aber diese kamen bisher Gott sei Dank noch nie zum Einsatz. Aber wer weiß schon, was demnächst passieren wird ...

TAZ vom 6.12.2007: Das Wetter

joe

28.11.2007 um 15:15 Uhr

unvollkommen definiert

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Montaigne

Wäre es nicht das Benehmen eines Narren, Selbstgespräche zu führen, würde kein Tag, ja keine Stunde vergehn, da man mich nicht mich selber anknurren hörte: "Du Scheißkerl!" Und doch sehe ich mich damit nur unvollkommen definiert.

Michel de Montaigne: Von der Kunst, das Leben zu lieben. Frankfurt 2oo5

lg joe

08.11.2007 um 13:52 Uhr

Extrem ausgeglichen (1)

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Hope

I Hope, I Think, I Know

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, ist es noch gar nicht Abend, es ist später Nachmittag, Ich sehe keine Veranlassung, länger als acht Stunden im Büro zu sitzen, das können andere machen. Ich könnte mich dann umziehen und frohgemut oder nicht, jedenfalls könnte ich es ja mal probieren: mich ins Leben stürzen, dahin und dorthin. Das nehme ich mir eigentlich jeden Tag vor. Sobald ich aber erleichtert die Tür zuwerfe, weiß ich genau, daß die Draußenwelt mich heute nicht mehr sehen wird.

Ein Bekannter von gegenüber hat per Anrufbeantworter angefragt, was denn bei und mit mir los sei, warum denn die Flaschen auf dem Balkon immer mehr würden, ich aber nie zu sehen sei, und die Jalousien immer unten blieben. Ich habe nicht zurückgerufen, ich lasse die Welt draußen, nur manchmal mache ich kurz die Tür auf und werfe mehr Flaschen auf den Balkon. Mein Vorbild wohnt schräg gegenüber: eine Oma, die morgens hustend auf dem Balkon steht und abends ihre Blumen gießt. Sie hat IMMER ein weißes T-Shirt an, egal ob es +20 Grad sind oder -10. Immer eben. Tagsüber dann sieht man bloß ihre Beine, da liegt sie dann in einem Fernsehsessel. Den ganzen Tag. Ich halte sie für extrem ausgeglichen. Die erwartet nichts mehr, das muß irgendwann ein sehr erlösendes (und fortan erlöstes) Gefühl sein.

Ich wohne hier jetzt schon ein Jahr und habe immer noch keinen Altglascontainer in der Nähe gefunden. Wahrscheinlich schwappen die Flaschen bald drei Stockwerke tief mitten aufs Vordach, das der Hippie aus dem ersten Stock als Balkon nutzt, oder gleich auf die Bushaltestelle, und dann werde ich wegen unhaltbarer Zustände zur Verantwortung gezogen. Ehrlich gesagt, mir wäre lieber, sie fielen dem Hippie auf den Balkon. Da habe ich in besserer Zeit immer draufgeascht und draufgepißt von hier oben, gerne auch in Gesellschaft, das war immer lustig. Er saß dabei oft unten und guckte einfach nur in die Gegend, war immer völlig bekifft und schrie mit einer Verzögerung von ca. 5 Minuten:
- Eeeeeeh, was geht denn da ab?
Da ging meistens eine ganze Menge ab, damals. Der Hippie ist mir ein paarmal im Treppenhaus begegnet. Nach ungefähr der hundertsten Begegnung dieser Art fragt er hellwach:
- Wohnst du auch hier ? Oder biste zu Besuch, ich habe dich hier noch nie gesehen. Ich mache Musik, ich würde dir gerne mal was vorspielen, ich meine, natürlich nur, wenn es dich interessiert, das ist klar, ich will mich nicht aufdrängen, ich ... und immer so weiter. Jeder Stummelsatz fing mit »ich« an und endete im Nichts, aber die sich quälende Stimme hob zum Schluß an, mündete also wohl in einer Art Frage. Ich ließ ihn stehen. Seitdem pißte ich regelmäßig auf seinen Balkon, wie gesagt: als ich mich noch raustraute. Mein Leben wird immer leiser, immer weniger, immer dunkler; mir gefällt das aber, es wird nicht in einem kitschigen Selbstmordversuch enden oder so, das ist nicht nötig, es ist nur einfach alles nicht so, wie ich mir einmal das Leben, die Liebe vorgestellt hatte, aber das macht ja weiter nichts.

...

Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum, aus: Heinz Ludwig Arnold(HG.): Die deutsche Literatur seit 1945, Flatterzungen, 1996-1999, München 2ooo.

lg joe

30.09.2007 um 14:51 Uhr

Neid

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust

"Neid ist die höchste Form der Anerkennung."

05.09.2007 um 15:31 Uhr

Die Nichtnure

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Fried

Nicht nur die Zeitungen
Nicht nur die Stimmen aus Galle
Und Angst
Und nicht nur
Der Wettlauf mit der Post
Die Rechnungen bringt
Nachrichten
Traurige Briefe

Nicht nur die Abwehr
Der täglichen Gemeinheit
Nicht nur die Sorge
Und nicht nur die Trauer
Und nicht nur das Mitleid
Nicht nur die notgetaufte Hoffnung
Und der geschlachtete Glaube
An eine bessere Welt

Erst auf der anderen Seite der Nure
Beginnt das Leben
Dort geht die Liebe
Durch wirkliche Jahreszeiten
Dort werden die Farben bunt
Und die Geräusche
Beinahe verständlich
Und man kann Atem holen
Und alles
Spüren
Und fühlen

Aber ich bin erschöpft
Von den Zeitungen
Und von den Stimmen
Und vom Wettlauf mit diesen
Nuren
In denen mein eines
Leben vergeht
Ohne dich

Erich Fried

joe

27.07.2007 um 12:12 Uhr

Stoßseufzer

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Heine

Unbequemer neuer Glauben!
Wenn sie uns den Herrgott rauben,
Hat das Fluchen auch ein End' -
Himmel-Herrgott-Sakrament!

Wir entbehren leicht das Beten,
Doch das Fluchen ist vonnöten,
Wenn man gegen Feinde rennt -
Himmel-Herrgott-Sakrament!

Nicht zum Lieben, nein, zum Hassen
Sollt ihr uns den Herrgott lassen,
Weil man sonst nicht fluchen könnt -
Himmel-Herrgott-Sakrament!

Heinrich Heine

joe

23.07.2007 um 14:54 Uhr

Frustration

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Titanik

Diomedes, der Sage nach König von Argos und einer der mutigsten Krieger im Trojanischen Krieg, hatte es gut: Weil ihm die Frau untreu geworden war und die Argiver ihn nach seiner Rückkehr nicht wieder auf den Thron ließen, ging er nach Süditalien und gründete dort mehrere Städte. In vergleichbarer Situation habe ich auch schon mit dem Gedanken gespielt; aber enttäuschte Erwartung und versagte Befriedigung derart rustikal zu bewältigen ist nach Rücksprache mit den Baubehörden im Mezzogiorno heutzutage kaum mehr selbstverständlich. Statt dessen: Spielbank, bewußtseinserweiternde Drogen, selbstschädigende Sexualpraktiken. Wie gesagt: Diomedes hatte es gut.

Titanik Januar 2006 Nr. 1

lg joe

02.07.2007 um 19:34 Uhr

In höheren Lagen gewittrige Störungen

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Enzensberger

Von den Kalkalpen aus betrachtet
Allerhand, diese Gegebenheiten,
die von mir absehen nicht aber umgekehrt.
Mikro und Makro, von der Darmflora
Bis zu den Galaxien, so weit
Das Auge reicht und noch viel weiter.

Überwältigend, obwohl
Die Einzelheiten mir unbekannt sind,
z.B. was der Blitz ist, keine Ahnung,
vom Abrakadabra der Physiker
verstehe ich nichts, ganz zu schweigen
vom Irrereden der Philosophen.

Ungleiche Ladungsverteilungen,
homöopolare Bindungen,
Bifurkationen - die Botschaft
Hör ich wohl, aber ein Wolkenbruch
Ist noch was anderes.

Ich bade in einem Gewitter
Von Unwissenheit. Erfrischend.
Vom Sein des Seienden
Kann man das kaum behaupten.
Das Unerforschliche ruhig verehren -
Einverstanden, aber es fiele mir leichter,
wenn die Koryphäen die Klappe hielten.
Was der Berg ist, weiß ich nicht zu sagen.
Aber ich sitze auf dem Berg.
Für den Blitz bin ich entbehrlich.
Er ist mir gegeben.
Das genügt.

Hans Magnus Enzensberger, aus: Lektüre zwischen den Jahren (aaO)

lg joe

01.06.2007 um 13:12 Uhr

Die Schlacht

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: DasWetter

Die Schlacht tobte gerade auf ihrem Höhepunkt, und es war noch kein Sieger auszumachen. Verbissen standen sich beide Seiten gegenüber, keiner der tapferen Krieger war bereit nachzugeben, jeder wollte für seinen König den Sieg erringen. Es ging aber egentlich um gar nichts. Und als die beiden Könige das bemerkten, da sagten sie es ihren Soldaten. Und da hob ein großes Gelächter und Schulterklopfen an, Bierfässer wurden herangerollt und gebratenen Ochsen in die Menge geworfen. Die beiden Könige aber waren fortan allerbeste Freunde - bis sie sich wieder zerstritten und die nächste Schlacht geschlagen wurde. So ging es immerfort, jahraus, jahrein. Es war wirklich zum Bröckelchenhusten und Totalwahnsinnigwerden.

Das Wetter TAZ 31.05.07

lg joe

30.05.2007 um 22:20 Uhr

Finde dich ab

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust

Finde dich damit ab:
die Häuser hinter dem Mond
sind nicht für Menschen gemacht,
und unbetretbar bleibt
die Schwelle des Abendrots.

Finde dich damit ab:
die Welt ist zu alt geworden,
um noch fliegen zu können.
Niemand mehr
kann sie aus den Angeln heben.
Nicht einmal

eine Liebe.

Monika Cämmerer

joe

24.05.2007 um 11:51 Uhr

Nicht gesagt

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Kaschnitz

Nicht gesagt
Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzig Richtige
Geschweige denn von der Liebe.
Versuche. Gesuche. Mißlungen
Ungenaue Beschreibung

Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
Den Hahnenfuß und das Veilchen.

Euch nicht den Rücken gestärkt
Mit ewiger Seligkeit
Den Verfall nicht geleugnet
Und nicht die Verzweiflung

Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich daß.

Marie Luise Kaschnitz, in: Kurt Marian Wunder (Hg.): Erklär mir Liebe. München 1988.

joe

14.05.2007 um 09:57 Uhr

Ich bedenke die Welt

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Symborska

Ich bedenke die Welt, Ausgabe zwei,
Ausgabe zwei, verbessert,
den Idioten zum Spott,
den Grüblern zum Heulen,
den Kahlen für den Kamm,
den Hunden für die Katz.

Kapiteln eins:
Die Sprache der Pflanzen und Tiere,
wo wir für jede Gattung
entsprechenden Wortschatz führen.
Sogar das einfache Guten Tag,
gewechselt mit einem Fisch,
stärkt uns, den Fisch und alle
im Leben.

Dieser längst geahnte,
plötzlich in der Wirklichkeit der Wörter
improvisierte Wald!
Diese Epik der Eulen!
Diese Aphorismen eines Igels,
ersonnen, wenn
wir überzeugt sind,
daß er pennt.

Die Zeit (Kapitel zwei)
hat das Recht, sich einzumischen
in alles, ob gut oder böse.
Aber jene --- die Berge zerbricht,
Ozeane versetzt, das Sternenlicht
kreisend begleitet,
hat nicht die geringste Gewalt
über das Liebespaar, das allzu unbekleidet,
weil allzu umarmt, mit gesträubter
Seele, wie mit einem Spatzen auf Schulter.

Das Alter ist nur die Moral
im Leben eines Kriminellen.
Ach, jung sind doch alle Braven.
Das Leid (Kapitel drei)
kann unseren Körper nicht entstellen.
Der Tod kommt, wenn wir schlafen.

Und träumen werden wir,
daß Stille ohne Atem
keine schlechte Musik ist;
wir sind klein wie ein Funke und nackt
und erlöschen im Takt.

Nur so ist der Tod. Wer
eine Rose in der Hand hält, leidet mehr,
und größeres Entsetzen empfand,
wer sah, daß das Blatt fiel in den Sand.

Nur so ist die Welt. Nur so, denk einmal nach,
leben wir. Und sterben nur soviel.
Alles andere ist--- wie Bach,
vorübergehend gespielt
auf einer Säge.

Wislawa Symborska

joe

 

 

02.05.2007 um 11:24 Uhr

Melancholie alles Fertigen

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: JGB

- Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus fertig gebaut hat, merkt man, unversehens Etwas dabei gelernt zu haben, das man schlechterdings hätte wissen müssen, bevor man zu bauen - anfing. Das ewige leidige „Zu spät!" - Die Melancholie alles Fertigen! ...

Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse

joe

18.01.2007 um 12:26 Uhr

Fahrende Scholasten

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Kierkegaard

Mir fehlt es überhaupt an Geduld zum Leben. Ich kann das Gras nicht wachsen sehen, und so will ich es lieber gar nicht sehen. Meine Anschauungen sind flüchtige Betrachtungen eines „ fahrenden Scholasten", der in großer Hast durchs Leben rennt. Es heißt, der liebe Gott mache den Magen eher satt als die Augen; davon merke ich nichts. Meine Augen sind satt bis zum Überdruß, und doch leide ich Hunger.

Sören Kierkegaard: Diapsalmata ad se ipsum

lg joe

14.01.2007 um 22:37 Uhr

Mittedeslebenskrise (rustikal)

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Bukowski

Arsch mit Ohren

Wenn ich hier so rumsitze und ab und zu mal
einer Spinne mit meiner Zigarre das
Lebenslicht ausblase,
kann ich mir gar nicht vorstellen, dass die Weiber,
die ihr heute so pimpert noch so gut sind,
wie es meine mal waren.
Ich machte es im offenen Kamin,
auf der Feuerleiter,
in Weizenfeldern,
in Mutters Schlafzimmer (mit Mutter) (manchmal),
in frischen Granattrichtern vor Nantes und St. Etienne,
aufm Waschbecken vor einem Männerklo,
in einem Zug durch Utah.
Ich machte es nüchtern,
besoffen,
kirre und normal.
Ich machte es, wenn ich Lust hatte
und wenn ich keine hatte,
mit Weibern, die doppelt so alt waren, wie ich
und mit Weibern, die nur halb so alt waren.
Ich habs mit Tieren gemacht, ich habs auch mal
mit`m Kilo Rindfleisch gemacht,
oder mir einfach mit der Hand einen runter geholt.

Das einzige, was hier jetzt noch steht
ist der Ständer von meiner Lampe.
Schätze ich werd demnächst
`n Banküberfall machen
oder einem Blinden eins in die Fresse schlagen
und keiner wird verstehen,
warum.

 

Charles Bukowsky

 

joe

04.01.2007 um 20:12 Uhr

Summa summarum

von: ostern93   Kategorie: Wut/ Frust   Stichwörter: Kierkegaard

Ich komme soeben aus einer Gesellschaft, deren Mittelpunkt ich war. Die Witzworte strömten von meinen Lippen. Alles bewunderte mich. Und ich, ich ging hinaus und ----------der Gedankenstrich muß so lang sein wie die Radien der Erdbahn ------, ich ging hinaus und wollte mich erschießen.

Sören Kierkegaard: Tagebuch

joe