Reine Gewohnheit
E. Topitsch, aus: dtv Atlas Philosophie München 1991
lg joe
E. Topitsch, aus: dtv Atlas Philosophie München 1991
lg joe
Wenn metaphysische Sätze sinnlos sind, woher kommt es dann, daß immer wieder metaphysische Systeme aufgestellt werden und den Gegenstand scheinbarer wissenschaftlicher Kontroversen bilden? Carnaps Antwort lautet: Die Wissenschaft bildet nicht die einzige geistige Betätigung des Menschen; Kunst und Religion z. B. sind andere. Metaphysische Systeme sind unklare Mischgebilde aus diesen drei Bereichen. Metaphysiker haben ein starkes Bedürfnis, ihr Lebensgefühl auszudrücken, besitzen jedoch nicht die Fähigkeit, dies in adäquater Weise durch die Schaffung von Kunstwerken zu tun; sie haben zugleich eine Vorliebe für das Operieren mit Begriffen und suchen häufig auch eine Art von religiöser Erbauung. So greifen sie zur Wissenschaftssprache und drücken darin völlig unangemessen ihr Welterleben aus. Für die Wissenschaft leisten sie überhaupt nichts und für das Lebensgefühl – im Vergleich zu großen Kunstwerken – etwas Unzulängliches; Metaphysiker sind Musiker ohne musikalische Begabung oder Dichter ohne dichterische Fähigkeiten.
Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Bd. 1, S. 385-386
grüße, robert
299. Nicht umhin können - wenn wir uns philosophischen Gedanken hingeben - das und das zu sagen, unwiderstehlich dazu neigen, dies zu sagen, heißt nicht, zu einer Annahne gezwungen zu sein, oder einen Sachverhalt unmittelbar einsehen, oder zu wissen.
Aus: Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen
grüße, robert
»Stellen Sie sich vor, daß Sie in ein paar Jahren Ihr Exemplar der New York Times aufschlagen und lesen, die Philosophen hätten auf ihrer diesjährigen Hauptversammlung einstimmig beschlossen, Werte seien objektiv, die Wahrheit eine Sache der Übereinstimmung mit der Realität und so weiter. Neuere Durchbrüche in der Semantik und Metaethik, so fährt der Bericht fort, hätten die letzten übriggebliebenen Nichtkognitivisten in der Ethik zum feierlichen Widerruf veranlasst. […] Um die intellektuelle Konfusion, die die philosophische Profession in den letzten Jahren verursacht hatte, richtigzustellen, haben die Philosophen eine kurze Liste von Standards der Rationalität und Aktualität angenommen. Nächstes Jahr soll der Versammlung ein Bericht des Komitees vorgelegt werden, das mit der Formulierung eines Standards für den ästhetischen Geschmack beauftragt ist.
Gewiß würde die öffentliche Reaktion hierauf nicht ein >Gerettet!< sein, sondern vielmehr: Für wen zum Teufel halten die Philosophen sich? Daß genau dies unsere Reaktion sein würde, ist eines der besten Dinge, die man über das intellektuelle Leben sagen kann, das wir westlichen Liberalen führen.«
Richard Rorty
Aus: Walter Reese-Schäfer: Richard Rorty zur Einführung. Junius Verlag GmbH: Hamburg 2006
greets
maggie
232. Nimm an, eine Regel gebe mir ein, wie ich ihr folgen soll; [...] Was ist der Unterschied zwischen diesem Vorgang, einer Art Inspiration zu folgen, und dem, einer Regel zu folgen? Denn sie sind doch nicht das Gleiche. [...]
233. Man könnte sich auch so einen Unterricht in einer Art von Arithmetik denken. Die Kinder können dann, ein jedes auf seine Weise, rechnen, - solange sie nur auf die innere Stimme horchen und ihr folgen. Dieses Rechnen wäre wie ein Komponieren.
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen.
grüße nach Kabul und an den Rest der Welt, r.
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sich das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.
nach Schiller; aus: Paul Feyerabend: Zeitverschwendung, Frankfurt 1995
lh joe
6.4 Alle Sätze sind gleichwertig.
6.41 Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.
Wenn es keinen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens und So-seins liegen. Denn alles Geschehen und So-sein ist zufällig.
Was es nicht zufällig macht, kann nicht in der Welt liegen, denn sonst wäre dies wieder zufällig.
Es muß außerhalb der Welt liegen.
6.42 Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben.
Sätze können nichts Höheres ausdrücken.
6.421 Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen lässt.
Die Ethik ist transzendental.
(Ethik und Ästhetik sind Eins)
6.422 Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der Form „Du sollst ... „ ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue? Es ist aber klar, dass die Ethik nichts mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muß diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. - Zum mindestens dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Es muß zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung selbst liegen.
(Undas ist auch klar, dass der Lohn etwas Angenehmes, die Strafe etwas Unangenehmes sein muß.)
6.423 Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden.
Und der Wille als Phänomen interessiert nur die Psychologie.
6.43 Wenn das guteoder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenzen der Welt ändern, nicht die Tatsachen; nicht das, was durch Sprache ausgedrückt werden kann.
Kurz, die Welt muß dann dadurch überhaupt eine andere werden. Sie muß sozusagen als Ganzes abnehmen oder zunehmen.
Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.
...
Ludwig Wittgenstein: Tractatus, aus: Lesebuch zur Ethik (aaO)
Lg joe
...
Die wahre Philosophie der Geschichte besteht
nämlich in der Einsicht, daß man, bei allen diesen
endlosen Veränderungen und ihrem Wirrwarr, doch
stets nur das selbe, gleiche und unwandelbare Wesen
vor sich hat, welches heute das Selbe treibt, wie ge-
stern und immerdar: sie soll also das Identische in
allen Vorgängen, der alten wie der neuen Zeit, des
Orients wie des Occidents, erkennen, und, trotz aller
Verschiedenheit der speciellen Umstände, des Kostü-
mes und der Sitten, überall die selbe Menschheit er-
blicken. Dies Identische und unter allem Wechsel Be-
harrende besteht in den Grundeigenschaften des
menschlichen Herzens und Kopfes, - vielen schlech-
ten, wenigen guten. Die Devise der Geschichte über-
haupt müßte lauten: Eadem, sed aliter. Hat Einer den
Herodot gelesen, so hat er, in philosophischer Ab-
sicht, schon genug Geschichte studirt. Denn da steht
schon Alles, was die folgende Weltgeschichte aus-
macht: das Treiben, Thun, Leiden und Schicksal des
Menschengeschlechts, wie es aus den besagten Eigen-
schaften und dem physischen Erdenloose hervorgeht. -
...
Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung
joe
Sören Kierkegaard: Entweder-Oder
Lg joe
„Wer hat dich auf der Straße überholt?" fuhr der König fort und streckte seine Hand zum Boten aus, um mehr zu erfahren.
„Niemand", sagte der Bote.
„Ganz richtig", sagte der König: „Diese junge Dame hat ihn auch gesehen. Deshalb geht Niemand langsamer als Du."
„Ich tue mein möglichstes", sagte der Bote missmutig. „Ich bin sicher, dass niemand viel schneller als ich geht!"
„Er kann es nicht", sagte der König, „sonst wäre er zuerst hier gewesen."
...
aus: D. H. Mellor: Analytische Philosophie und das Selbst. In : Peter Koslowski (Hg.): Orientierung durch Philosophie. Tübingen 1991.
joe
Blaise Pascal: Pensee 268
joe
Daxue (China): Der Weg der großen Wissenschaft (entstanden 3./2. Jh. v. Chr.); aus: Lesebuch zur Ethik (aaO)
lg joe
Das Problem ist (wie so oft in der Philosophie), dass es schwerfällt, die Verständlichkeit zu steigern, ohne die Begeisterung zu verlieren.
<>(Donald Davidson: Was ist eigentlich ein Begriffsschema?) >lg Pfälzer Poesiefreund
Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode
lg joe
Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse
joe
... - und jede Art Dogmatik steht heute mit betrübter und muthloser Haltung da. Wenn sie überhaupt noch steht! Denn es giebt Spötter, welche behaupten, sie sei gefallen, alle Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffnung, dass alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierlich, so end- und letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine edle Kinderei und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist vielleicht sehr nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich schon ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und unbedingten Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker bisher aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher Zeit (wie der Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube auch heute noch nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein Wortspiel vielleicht, eine Verführung von Seiten der Grammatik her oder eine verwegene Verallgemeinerung von sehr engen, sehr persönlichen, sehr menschlich-allzumenschlichen Thatsachen. Die Philosophie der Dogmatiker war hoffentlich nur ein Versprechen über Jahrtausende hinweg: wie es in noch früherer Zeit die Astrologie war, für deren Dienst vielleicht mehr Arbeit, Geld, Scharfsinn, Geduld aufgewendet worden ist, als bisher für irgend eine wirkliche Wissenschaft: - man verdankt ihr und ihren "überirdischen" Ansprüchen in Asien und Agypten den grossen Stil der Baukunst. Es scheint, dass alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und furchteinflössende Fratzen über die Erde hinwandeln müssen: eine solche Fratze war die dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in Asien, der Platonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so gewiss es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste, langwierigste und gefährlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-Irrthum gewesen ist, nämlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom Guten an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, wo Europa von diesem Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen - Schlafs geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist, die Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum grossgezüchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf stellen und das Perspektivische, die Grundbedingung alles Lebens, selber verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato gethan hat; ja man darf, als Arzt, fragen: "woher eine solche Krankheit am schönsten Gewächse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch der böse Sokrates verdorben? wäre Sokrates doch der Verderber der Jugend gewesen? und hätte seinen Schlierling verdient?" - Aber der Kampf gegen Plato, oder, um es verständlicher und für's "Volk" zu sagen, der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von Jahrtausenden - denn Christenthum ist Platonismus für's "Volk" - hat in Europa eine prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie auf Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten Bogen kann man nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen. Freilich, der europäische Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand; und es ist schon zwei Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen abzuspannen, einmal durch den Jesuitismus, zum zweiten Mal durch die demokratische Aufklärung: - als welche mit Hülfe der Pressfreiheit und des Zeitunglesens es in der That erreichen dürfte, dass der Geist sich selbst nicht mehr so leicht als "Noth" empfindet! (Die Deutschen haben das Pulver erfunden - alle Achtung! aber sie haben es wieder quitt gemacht - sie erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten, noch Demokraten, noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer und freien, sehr freien Geister - wir haben sie noch, die ganze Noth des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer weiss? das Ziel .....
Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse (Vorrede)
lg joe
Edsger Dijkstra
joe
...
Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in Bezug auf Bildung
und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer
unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht
geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von
Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben
Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber
herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben
sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen
brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg,
längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt wie die Schranken, welche die
Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre
Kunststücke zeigen.
- Ich sehe, sagte er.
- Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Geräte tragen, die über
die Mauer herüberragen, und Bildsäulen und andere steinerne und
hölzerne Bilder und von allerlei Arbeit; einige, wie natürlich, reden
dabei, andere schweigen.
- Ein gar wunderliches Bild, sprach er, stellst du dar und wunderliche Gefangene.
- Uns ganz ähnliche, entgegnete ich. Denn zuerst, meinst du wohl, daß
dergleichen Menschen von sich selbst und voneinander je etwas anderes
gesehen haben als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen
gegenüberstehende Wand der Höhle wirft?
- Wie sollten sie, sprach er, wenn sie gezwungen sind, zeitlebens den Kopf unbeweglich zu halten!
- Und von dem Vorübergetragenen nicht eben dieses?
- Was sonst?
- Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, daß sie
auch pflegen würden, dieses Vorhandene zu benennen, was sie sähen?
- Notwendig.
- Und wie, wenn ihr Kerker auch einen Widerhall hätte von drüben her,
meinst du, wenn einer von den Vorübergehenden spräche, sie würden
denken, etwas anderes rede als der eben vorübergehende Schatten?
- Nein, beim Zeus, sagte er.
- Auf keine Weise also können diese irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener Kunstwerke?
- Ganz unmöglich.
Platon: Politeia
joe
Lanza del Vasto: Weisheit der Landstraße. Zürich 1975.
joe
Überdem, wenn man über den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung nicht widerlegt zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu erweitern, ist so groß, daß man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. Dieser aber kann vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen nur behutsam macht, ohne daß sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben. Die Mathematik gibt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es, unabhängig von der Erfahrung, in der Erkenntnis a priori bringen können. Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen bloß so weit, als sich solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser Umstand wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst a priori gegeben werden kann, mithin von einem bloßen reinen Begriff kaum unterschieden wird. Durch einen solchen Beweis von der Macht der Vernunft eingenommen, sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde. Ebenso verließ Plato die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so enge Schranken setzt, und wagte sich jenseit derselben, auf den Flügeln der Ideen, in den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt, gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen, und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen.
Aus Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Einleitung, B 8f
grüße, robert