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23.01.2008 um 12:12 Uhr

Auf ein paar alte Bekannte

von: ostern93   Kategorie: Jugend

Wir sind um Mitte Zwanzig, sind viele und denken
Scharf.
Wir haben keine Fragen.
Täglich wächst die Bereitschaft in unseren Reihen,
den Kampf aufzunehmen.
Wir machen keinen Hehl daraus; lüstern schwellen die
Blicke in künftige Räume der Freiheit.
Die Sinne schärft uns Frank Zappa, der uns so gut
Versteht, der so irre ist, wie wir sein wollen.
Zwischen den Weinflaschen vor, mit unterlaufenen,
gelben Augen, schießen wir gegen die Preußen quer.
So wird es gelingen.
Täglich finden sich neue Punkte zu unserem jüngsten
Programm.
Wir stehen kurz vor der Gründung einer Partei, zu-
Mindest e.V., haben unsere Leute in Verlage und
Schulen geschleust.
Wir kommen vom Überbau her.
Generäle stünden zu uns, munkelt es.
Bald schlagen wir los, solange saufen und fressen wir
Uns Charakter an, täuschen wir die Bürger durch An-
Passung.
Dann bricht die Revoluzzion los.
Wir warten noch auf die Genehmigung der Sache von sei-
Ten der FDJ, des Ministeriums für Kultur, des ZK, der
SED und der Gruppe Sowjetischer Streitkräfte in
Deutschland.

Uwe Kolbe, aus: Was bleibt (aaO)

joe

16.08.2007 um 14:59 Uhr

Die Alten und die Jungen

von: ostern93   Kategorie: Jugend   Stichwörter: Fontane

"Unverständlich sind uns die Jungen",
wird von den Alten beständig gesungen;
meinerseits möchte‘ ich's damit halten:
"Unverständlich sind mir die Alten."
Dieses Am-Ruder-bleiben-Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
dieses Sich-unentbehrlich-Vermeinen
samt ihrer "Augen stillem Weinen",
als wäre der Welt ein Weh getan -
ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsere Jungen, in ihrem Erdreisten,
wirklich was Besseres schaffen und leisten,
ob dem Parnasse sie näher gekommen
oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
ob sie mit anderen Neusittenverfechtern,
die Menschheit bessern oder verschlechtern,
ob sie Frieden sä'n oder Sturm entfachen,
ob sie Himmel oder Hölle machen -
eins läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
der Mohr kann gehen, neu Spiel hebt an,
sie beherrschen die Szene, sie sind dran.

Theodor Fontane

lg joe

18.04.2007 um 22:16 Uhr

Jugend

von: ostern93   Kategorie: Jugend   Stichwörter: JGB

Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja und Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass der schlechteste aller Geschmäcker, der Geschmack für das Unbedingte grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen den Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine Ruhe zu geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht gefälscht hat, dass es sich an ihnen auslassen kann: - Jugend ist an sich schon etwas Fälschendes und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele, durch lauter Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch gegen sich selbst zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie zerreisst sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange Selbst-Verblendung, wie als ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen sei! In diesem Übergange bestraft man sich selber, durch Misstrauen gegen sein Gefühl; man foltert seine Begeisterung durch den Zweifel, ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als Selbst-Verschleierung und Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor Allem, man nimmt Partei, grundsätzlich Partei gegen "die Jugend". - Ein Jahrzehend später: und man begreift, dass auch dies Alles noch - Jugend war!

Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse

lg joe

15.02.2007 um 23:26 Uhr

Das andere Antlitz

von: ostern93   Kategorie: Jugend   Stichwörter: Kazantzakis, frateleone

...
Am Abend erreichten wir ein Hauptdorf, wo die Jungburschen und Mädchen gerade ein großes Fest begingen: sie verbrannten den alten Winter. Als wir auf de Dorfplatz ankamen, sahen wir in der Mitte vor der Kirche den aus Zweigen und Stroh gefertigten Winter ragen. Er trug einen langen Bart aus Baumwolle. Zwei unverheiratete junge Männer und Mädchen, die brennende Fackeln hielten, tanzten mit Gesang um ihn herum. Sie sangen lüsterne Frühlingslieder. Waren sie doch alle jung und feurig, ihr Blut kochte, und der Wein, den sie getrunken, stieg ihnen zu Kopf. Frühling lies ihre Brüste und Nieren schwellen. Die Verheirateten und Bejahrten standen nahe bei ihnen und sahen ihnen lachend zu.
Auch Francesco schaute zu, an einen Baum gelehnt. Ich erwartete, dass er mich in einem Zornesausbruch am Arm packen und fortziehen würde. Jedoch er schaute mit unersättlichen Augen, während er zu mir sprach:
„Unversieglich ist das Menschengeschlecht, Frate Leone. Sieh diese Jungen und Mädchen. Wie brennen ihre Gesichter, wie leuchten ihre Augen, wie schaut eins auf das andere, als wollten sie sagen: Keine Sorge! Selbst wenn wir beide allein auf der Erde blieben, würde wir sie aufs neue mit Söhnen und Töchtern füllen. - Auch sie gehen ihren Weg, Frate Leone, um bei Gott anzukommen. Wir mit Armut und Jungfräulichkeit, sie mit reichlich Speise und Umarmungen."
Indes er noch redete, stieß ein Jüngling, der Vortänzer, die brennende Fackel in den Bauch des Winters. Im Nu flammte der Strohgreis auf, und die hoch- und niederzüngelnde Flamme verwandelte ihn in Asche. Mit unbändigem Geschrei warfen die Jungen und Mädchen ihre Fackeln fort und stürzten sich brüllend und kreischend ins Dunkel auf eine wilde Jagd, während das Dorf von lachenden und schmachtenden Klängen widerhallte.
Jetzt nahm mich Francesco bei der Hand und ging mit mir zur Kirche hinüber, wo wir unter dem Torbogen niederkauerten.
„Das war ein schöner Abend", sagte Francesco, an den Pfeiler des Tores gelehnt, um hier die Nacht zu verbringen. „Wir haben das andere Antlitz des ringenden Menschen angeschaut. Sei auch dieses gesegnet."
...

Nikos Kazantzakis: Mein Franz von Assisi. Hamburg 1981.

joe

27.11.2006 um 12:38 Uhr

Leonce und Valerio

von: ostern93   Kategorie: Jugend   Stichwörter: Büchner

Leonce: ... wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.

Valerius: Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß, wer sich Schwielen an die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

Georg Büchner: Leonce und Lena.

joe