Das unauslöschliche Siegel (1946)
„Ist", fragt der Satan und nähert sich wieder nach Art der Fledermäuse, die immer denselben Bogen mit Hartnäckigkeit umschreiben, „was du genießest, wirklich nur Friede, oder ist es nicht viel eher die Ermattung eines endlichen Wesens, das seine Schwäche mit der Schwäche anderer Wesen vereint, um auf dem Grund von Myriaden Leben jenen Fingerhut voll unsterblicher Taten und Handlungen zu finden, die der Vernichtung und damit mir selbst Einhalt gebieten können? Bist du, die sich mir entgegenwerfen und mir die Erde entreißen wollte, deiner Nichtigkeit überhaupt bewußt - und weißt du denn, wenn du es wirklich bist, gegen wen du eigentlich kämpfst? Ich könnte dich schütteln, wie ich schon oft deinesgleichen geschüttelt, sie an den Haaren über den Boden ihrer düsteren Zelle gerissen, mit den Fäusten in das Gesicht geschlagen und an die Mauern gestoßen habe - ich, der ich in meinem Niedersturz die Kräfte des Himmels erschütterte und den Sternenbaum zu mir hinbog, daß die Planeten wie taube Nüsse herunterprasselten, ach! Doch ich verzichte darauf. Ich will eine bessere Rache nehmen und deiner Ohnmacht die Fülle zeigen, um die du gebeten hast. Deinen Wünschen, die, Wildgänsen gleich, wenn der Frühling sie von Süden nach Norden treibt - hier dem Eismeer und dort dem Himalaya entgegen - mit langgestreckten Hälsen und ungeduldigem Schreien den silbernen Flußbändern folgen und die tauenden Moore, das sumpfige Gras und die Igelrücken der Schachtelhalme nur mit dem flüchtig zeichnenden Schatten ihrer Flügel berühren, will ich die Augen öffnen; ich will ihnen das Gewimmel und die fürchterliche Vermehrung der Menschensöhne zeigen, wenn sie sich, überquellend wie Maden, auf den „Pfaden des Herzens", wie du die Wege der Vielzuvielen genannt hast, taub und stumm vorwärts bewegen; der raupenhaften Zug der Verdammten, welcher, den Hinterleib aufgebäumt, sein Vorderteil weiterschiebt. Du sollst die Pilgerzüge in Indien nach den heiligen Wassern des Ganges sehen die purpurbraunen Trauben der Leiber, die, stinkend von Fäulnis, Aussatz und Pest, an dem Uferrand niedergleiten; die Klöster von Lhasa, den Potala mit seinen goldenen dächern und den wahnwitzig bimmelnden Bronzeglöckchen, deren Klöppel eines der frommen Geschöpfe, die wie Maulwürfe - augenlos und geschäftig - in den gemauerten Zellen hausen, von der Hoffnung auf das Nirvana zerfressen und verzehrt, in Bewegung setzt; das Traben der Kulis vor ihrer Rikscha, den trostlos und träge schaukelnden Hingang der Dschunken auf den asiatischen Flüssen und den Sammeltransport der Urnen, die ein findiger Reeder aus den USA für die toten Chinesen organisiert hat, damit ihre Reste, in Kistchen und Kästen übereinandergestapelt, den Weg in den Ahnenstaub finden. Die dampfenden Schlachthäuser von Chikago, in denen das dumpf ergebene Vieh und seine ihm allzu ähnlichen Treiber ihre Erfüllung finden; das Leben der Schuhputzer will ich dir zeigen, der Tellerwäscher, der Klöpplerinnen und der elenden, kleinen Vorstadtartisten, die ängstlich mit fünf, sechs Tellern jonglieren; die Versammlungssäle der Bibelforscher zwischen zwei Hinterhöfen, deren Wände, abgeblättert und kahl, immer dieselben Sprüche und Wasserflecken tragen, und in New York die christliche Kirche unter den Wolkenkratzern, die als ein beständiger Anachronismus ihren Zeigefinger nach oben hält, den niemand mehr sehen will ...
Wieviel Lebewesen, die alle zusammen noch keinen Julius Cäsar ergeben, und welche Verschwendung von Blut und Samen, um endlich in Stratford am Avon einen Shakespeare hervorzubringen! Täusche dich nicht: auch du bist nur eines jener unzähligen Blütenblätter, die, wenn der Frühling vorüber ist, zur Erde niedertaumeln oder mit andern zusammen das Bachbett hinabgeschwemmt werden. Wie viele deinesgleichen verbraucht nie Natur, um ans Ziel zu gelangen - du aber, die du ihr diesen stillen, bedingungslosen Gehorsam durch deine Anmaßung ständig verweigerst und die Erde, wie eine Klapper die Kinderhand, umspannst in der Meinung, sie verändern zu können, indem du einige Steinchen in ihr durcheinanderschüttelst; die du habest in deiner Erkenntnis die ganze Welt, wie der Bouquiniste an dem Seineufer das Leben in seinem Bücherkasten - wiederhole nicht dieses verhaßte Wort, dessen besessene Monotonie mich anflattert wie den Glasberg der Vogel, der gewiß ist, ihn durch beständiges Wetzen mit dem Schnabel am Ende der Ewigkeit abgetragen zu haben: Liebe - es sei denn, du meintest den Taumel, der Körper zu Körper reißt und der Ursprung dieser Vermehrung ist. Aber vielleicht , du stolze Normannin mit den grünen Meeraugen und der zarten, porzellanweißen Hyazinthenhaut, die so rasch von pulsendem Blut errötet und wiederrum erblaßt, begreifst du dich selbst nicht, und während du glaubst, dein Herz ( wie der Verschwender das Geld) in einen tieferen Abgrund als den des Fleisches zu werfen, gleichst du doch nur der Gallionsfigur am Bug eines Seeräuberschiffes, die den schönen und keuschen Vorwand abgibt für die rasenden Wünsche seiner Besitzer; für die Eroberungsgier jener Wilden, von der Weite des Ozeans trunkenen Seelen, für ihre glühenden Träume und eisigen Grausamkeiten. Du führst ein Gespensterschiff, mindestens aber den Argonautenanzug an, der mit dem Wunsch nach dem goldenen Vlies seine Habgier bemäntelte. Ob du „Liebe" sagst und meinst deinen Gott oder „Haß" und biegst wie der Bogenschütze die beiden Enden der Welt zueinander, um aus aller Kraft den tödlichen Pfeil gegen mich abzuschießen - ebenso wie diese Worte doch immer genau den gleichen Inhalt bedeuten, vermindert oder ergänzt sich in Seligkeit und Schmerzen durch deine Anstrengung nicht die Lebensfülle des Seins. Meine arme Freundin! Versuche nicht, den Hauch deiner Brust, die sich mühsam bei jedem Hustenstoß quält, dem Atem des riesigen Raumes der Sternenwelt zuzugesellen, in der Hoffnung, entweder diesem Raum um deinen karg bemessenen Atem, oder den Atem deines schon kranken und todgeweihten Leibes um den Sphärenhauch zu vermehren.! So edel auch deine Mühe sein mag, so ist sie doch nur eine einzige Täuschung deines Blutes, in welchem das Erbe von Eroberern und Soldaten kreist, die ihr Schwert noch nicht abgelegt haben. Weil du selbst die Welt nicht bekehren kannst, wie du es gern möchtest, so verbindest du dich durch Fasten und Gebet mit der elenden Schar der Missionare, die unter Schwitzen und Stottern in den Seminarien japanische Zeichen und chinesische Wortbilder malen; das „Om mani padme hum" übersetzen, die Bibel ins Sanskrit übertragen resignierend darauf verzichten, die paulinische Glaubenslehre jemals einem Negerhirn klarzumachen. Siehst du, wie sie sich schnaubend bemühen, die Schale mit Kawa hinunterzuwürgen, in welche ein schmutziger Polynesier unter Rühren vorher hineingespuckt hat, und wie sie sich, auch so vergeblich, versuchen, seiner Dämonenangst mit dem Begriff einer geistigen Gottheit entgegenzutreten, den der Farbige niemals erfassen kann? Siehst du sie - - ?
„Ja, ich sehe sie, Satan."
Elisabeth Langgässer aus: Inventur (a.a.O)
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