conols online bibliothek

20.07.2009 um 18:41 Uhr

Kein Fremder mehr

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Rumi

Du bist kein Fremder mehr,

den ganzen Tag über

hörst du dieses verrückte Liebesgerede.

Wie eine Biene

lieferst du hunderten Heimen Honig aus.

Obwohl dein eigenes Heim so fern ist.

 

Rumi: Die Musik, die wir sind, Freiamt im Schwarzwald 2oo9

lg joe

 

 

08.01.2009 um 12:54 Uhr

Hakuin

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Scobel

...

Aufgrund seiner Weisheit und Erleuchtung, die den Alltag durchdrang, war Zenmeister Hakuin hoch geachtet. Die Menschen schätzten ihn als jemanden, der ein reines Leben führt. Eines Tages kam heraus, dass ein schönes Mädchen, das in der unmittelbaren Nachbarschaft Hakuins wohnte, schwanger war. Ihre Eltern waren aufgebracht. Das Mädchen wollte nicht sagen, wer der Erzeuger ihres Kindes war. Ihr Vater schlug sie, und erst auf die Androhung weiterer Strafen nannte sie Hakuins Namen. Voller Zorn gingen die Eltern zu Hakuin, doch alles, was er sagte, war: „Ist das so?" Nachdem das Kind geboren war, brachte man es zu Zenmeister Hakuin. Dieser hatte durch den Vorfall sein ganzes Ansehen verloren, doch auch das (...) schien ihn nicht sonderlich zu berühren. Hakuin entwickelte sich zu einem liebevollen Vater und sorgte rührend für das Kind. Immerhin erhielt er von den Nachbarn und aus dem Dorf Milch und andere Nahrungsmittel, die er und das Kind brauchten. Ein Jahr später konnte das Mädchen, die Mutter des Kindes, es nicht länger ertragen und gestand ihren Eltern die Wahrheit. Der wirkliche Vater war ein junger Mann, den sie liebte und der auf dem Fischmarkt arbeitete. Die Eltern des Mädchens gingen erneut zu Hakuin, erzählten die Geschichte, rechtfertigten sich ausführlich, baten ihn dann um Vergebung und forderten ihr Kind zurück, damit es in der leiblichen Familie aufwachsen könne. Hakuin übergab ihnen das Kind bereitwillig. Alles, was er sagte, war: „Ist das so?"

...

Aus: Gert Scobel: Weisheit, Köln 2oo8

Lg joe

07.01.2009 um 19:26 Uhr

Ich selbst

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Gernhardt

Ich mach mir nichts aus Marschmusik,ich mach mir nichts aus Schach.Die Marschmusik macht mir zuviel, das Schach zuwenig Krach.

Robert Gernhardt

lg joe

27.09.2008 um 20:44 Uhr

Frau

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Hinduismus

So sehen die Hindus die Erschaffung des Weibes: Der Schöpfer nahm das leichte Schweben eines Blattes, die Farbe eines Rehs, die frohe Munterkeit tanzender Sonnenstrahlen und die Tränen des Nebels, die Unbeständigkeit des Windes und die Ängstlichkeit eines Hasen, die Eitelkeit eines Pfaus, die Schmiegsamkeit der Daunen und die Kehle einer Schwalbe. Dazu fügte er die Härte eines Diamanten, den süßen Duft des Honigs, die Grausamkeit des Tigers, die Wärme des Feuers und die Kälte des Eises, das Plappern der Elstern und das Girren der Tauben.

cheerio tjensen

19.08.2008 um 14:23 Uhr

Mission

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Kierkegaard

Es gibt zwei Gedanken, die so frühzeitig in meiner Seele gewesen sind, daß ich ihr Entstehen eigentlich nicht nachweisen kann. Der erste ist: daß es Menschen gibt, deren Bestimmung es ist, geopfert zu werden, in der einen oder anderen art und Weise für anderer geopfert zu werden, damit die Idee hervortreten kann - und daß ich durch mein besonderes kreuz ein solcher bin. Der andere Gedanke ist der, daß ich nie in die Lage kommen würde, für mein Auskommen zu arbeiten, teils weil ich meinte, ich würde sehr jung sterben, teils weil ich meinte, da? Gott in Anbetracht meines besonderen kreuzes mir dies Leiden und diese Aufgabe ersparen würde. Woher man dergleichen Gedanken hat, ja, was weiß ich; aber eines weiß ich, angelesen habe ich sie mir nicht, auch habe ich sie nicht von einem anderen Menschen.

Sören Kierkegaard: Tagebuch

Lg joe

02.08.2008 um 12:54 Uhr

Mann

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Mahadeva

"Oh Mahadeva", rief das Weib,

nachdem es sich lange im See betrachtet hatte,

"ich bin schön! Wer aber bewundert mich?"

Da erschuf der Herr die Vögel.

Sie sangen und lobten das Weib.

Am nächsten Tage drangen neue Klagerufe zum Himmel:

"Ich danke dir, o Mahadeva, für die Vögel.

Sie rühmen meine Schönheit.

Aber was nützt sie mir, wenn niemand das Begehren empfindet,

sich an mich zu schmiegen?"

Da formte der Herr die Schlange ,

und eine Zeitlang schien das Weib zufrieden.

Dann aber rief sie: "O Mahadeva,

warum gibt es kein Wesen, das mich nachzuahmen versucht?

Ist meine Schönheit gar nicht so strahlend, wie ich glaube?"

Da runzelte der Herr die Stirn und gab dem Affen das Leben.

Aber nur sechs Stunden währte das neue Glück des Weibes.

Dann jammerte sie: "Schutz, o Mahadeva!

Der Affe und die Schlange kränken mich in Eifersucht.

Wer schützt mich?"

Mahadeva zeigte Einsicht und brachte den Löwen auf die Erde.

Affe und Schlange trennten sich,

und der Friede im Paradies schien gesichert.

Doch das Weib begehrte alsbald ein Wesen,

das sie nicht nur rühmt, umfaßt, nachahmt und schützt,

sondern das sie selbst liebkosen könne.

Und so kam Mahadeva auf den Hund,

der sich der Schönheit zu Füßen schmiegte

und ihre Zärtlichkeiten duldete.

Weil das Weib nun aber alles besaß,

was sie begehrte, geriet sie in Zorn.

Sie schlug den Hund. Der Hund biß den Löwen.

Der Löwe trat auf die Schlange.

Die Schlange fuhr auf den Affen los,

und die Vögel flogen davon.

"O ich Unglückliche!" klagte das Weib.

"Wo sind sie, meine Gefährten,

jetzt, da ich ärgerlicher Stimmung bin

und sie am meisten brauche?

Habe ich kein Recht auf meine Launen?"

Mahadeva meinte, sie habe, und schuf den Mann.

 

Salute tjensen 

14.07.2008 um 16:58 Uhr

Wir Wanderer (1)

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Tessin, Wanderer

Wir Wanderer sind alle so beschaffen. Unser Wandertrieb und Vagabundentum ist zu einem großen Teil Liebe, Erotik. Die Reiseromantik ist zur Hälfte nichts anderes als Erwartung des Abenteuers. Zur andern Hälfte ist sie aber unbewusster Trieb, das Erotische zu verwandeln und aufzulösen. Wir Wanderer sind darin geübt, Liebeswünsche gerade um ihrer Unerfüllbarkeit willen zu hegen, und jene Liebe, welche eigentlich dem Weib gehörte, spielend zu verteilen an Dorf und Berg, See und Schlucht, an die Kinder am Weg, den Bettler an der Brücke, das Rind auf der Weide, den Vogel, den Schmetterling. Wir lösen die Liebe vom Gegenstand, die Liebe selbst ist uns genug, ebenso wie wir im Wandern nicht das Ziel suchen, sondern nur den Genuß des Wanderns selbst, das Unterwegssein.
Junge Frau mit dem frischen Gesicht, ich will deinen Namen nicht wissen. Meine Liebe zu dir will ich nicht hegen und mästen. Du bist nicht das Ziel meiner Liebe, sondern ihr Antrieb. Ich schenke diese Liebe weg, an die Blumen am Weg, an den Sonnenblitz im Weinglas, an die rote Zwiebel des Kirchturms. Du machst, dass ich in die Welt verliebt bin.

Hermann Hesse: Tessin (aaO)

lg joe

09.07.2008 um 14:31 Uhr

Johnny und die Marquise (kranke Engel)

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Cortazar

...

Ich beneide sie ein wenig um diese Ähnlichkeit, die sie einander näher bringt, die sie so leicht Komplizen werden lässt; von meiner puritanischen Welt aus - ich brauche es nicht zu gestehen, jeder, der mich kennt, weiß, dass ich Zügellosigkeit verabscheue - sehe ich sie als kranke Engel, die mit ihrer Unverantwortlichkeit ein Ärgernis sind, doch sie lohnen einem die Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt, mit anderem, Johnny mit seinen Schallplatten und die Marquise mit ihrer Großzügigkeit. Doch damit habe ich noch nicht alles gesagt, ich muß mich überwinden, es zu sagen: ich beneide sie, ich beneide Johnny, diesen Johnny der anderen Seite, ohne dass jemand genau wüsste, was diese andere Seite ist. Ich beneide alles außer seinem Schmerz, was jeder verstehen wird, doch noch in seinem Schmerz muß es Spuren von etwas geben, das mir versagt bleibt. Ich beneide Johnny und gleichzeitig macht es mich wütend, dass er sich durch den schlechten Gebrauch seiner Gaben zerstört und aufgrund der Spannungen in seinem Leben haufenweise Torheiten begeht. Ich glaube, wenn Johnny diesem seinem Leben eine Richtung geben würde, auch ohne etwas dafür zu opfern, nicht einmal das Rauschgift, und wenn er dieses Flugzeug, das seit fünf Jahren blind fliegt, besser steuerte, würde er vielleicht ganz übel enden, in völligem Wahnsinn, im Tod, doch nicht ohne zuvor dem auf den Grund gekommen zu sein, was er in seinen traurigen Monologen a posteroiri sucht, mit der Aufzählung seiner Erfahrungen, die faszinierend sind, doch womit er auf halbem Wege stehen bleibt. Und all das behaupte ich bei meiner eigenen Feigheit, und vielleicht möchte ich im Grunde, dass es mir Johnny ganz plötzlich zu Ende gehe, wie ein Stern, der in tausend Stücke zerspringt, so dass die Astronomen eine Woche lang dumm gucken, und dann geht man schlafen und morgen ist ein anderer Tag.

...

Julio Cortazar: Der Verfolger. Frankfurt 1994.

Lg joe

 

29.06.2008 um 16:22 Uhr

Die Entwicklung der Menschheit

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Kästner

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

und die Welt asphaltiert und aufgestockt

bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun am Telefon,

und es herrscht noch genau derselbe Ton

wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit; sie sehen fern;

sie sind mit dem Weltall in Fühlung;

sie putzen die Zähne, sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern

mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr,

sie jagen und züchten Mikroben.

Sie versehen die Natur mit allem Komfort,

sie fliegen steil in den Himmel empor

und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,

das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome, sie heilen Inzest,

und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,

dass Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet

sind sie im Grund noch immer die alten Affen.

Erich Kästner

cheers jensen

23.04.2008 um 16:26 Uhr

Vom Rückzug

von: Gantenbein   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Sprache, November

Stimmung: karg

Vom Rückzug

november

tagebuch ist sehr wahrhaftig, macht aber auch viel arbeit.

obwohl die höheren Insanzen kurzsichtig gegen mich stricken und walten, das schreiben können sie mir nicht verbieten.

die ganze misere fing mit dem tod des sekretärs im zoo an, erst dann kam Der Lärm, der Q.-punkt über mir, und dann verlie'mich auch noch meine armee, aber geschlossen, natürlich nicht alle auf einmal, zuerst ein paar modalverben, die ich seltener ins gefecht schickte, dann desertierten ein paar freudige bejahungen usw.

der rest der truppe steht wie eine eins zu mir. das liegt an der struktur des gehirns oder an der form der gedanken - die brauchen wörter wie der trinker  seinen alkohol.

man muss jetzt die reihenfolge beachten. die neuronenmaschinerie meiner gehirnrinde ist inkomplett, der besitzer infirm und betäubt vom kampf, aber ordnung muss sein. als der zweite sekretär starb, ich glaube, vor lauter entmutigung, kündigte ich noch während der autopsie.

mein lieber P., sagte der direktor eindringlich, sie hingen an ihm, allemal und warum nicht, wir alle hingen an ihm, wer hing nicht an ihm! und wie friedlich er diesmal gestorben ist, bedenken sie das wohl. war in seinen zügen nicht diese heitere hoffnungslosigkeit, diese ganz unvergleichlich würdevolle verzagtheit, die uns alle einmal angesichts des unausweichlichen überkommen wird -? 

in diesem tonfall voller salbung sprach der direktor dan noch

a) von dem dunklen rauschen der ewigkeit und

b) vom trost der geschlechtlichen fortpflanzung.

aber wie sagte nietzsche, oder war es teilhard von chardin im käfig seiner noosphäre - alles fasch, alles erlaubt!

das ist eine unumstössliche wahrheit. wenn ich nur wüsste, was sie bedeutet.

aber es gibt ja eine unmenge von wahrheiten, so dass die eine oder andere wahrheit in differenz zur je anderen nicht so prominent sein kan.

die wahrheit ist - sagte der direktor genau vor einem monat und zwei tagen -, hätte ihn nicht dieser infekt erwischt, er wäre vielleicht an einem anderen elend gestorben, wie die anderen.

wie qualvoll war der tod des ersten sekretärs.

der hatte etwas falsches zu sich genommen, nämlich eine harten gegenstand, und war dann, im stehen, ein bein an den leib gezogen, einfach erstickt.

 der zweite sekretär kam aus rom, ärmliche verhältnisse - ich kene den dortigen zoo -, verkühlte sich und ging dahin, hustend, mit gesträubtem gefieder.

der dritte sekretär erhängte sich atypisch, wie ich erfuhr, in einer metallschlinge.

dann hatten wir ein pärchen, die sahen schmuck aus, aber auch gereizt, und irgend etwas schlimmes taten sie sich währed des liebesspiels an. gewiss, sekretäre sind immer gereizt, das ist sozusagen ihr naturzustand, aber diese roheit beim koitieren. na, wir schläferten sie ein.

der sechste sekretär war schwermütig  und wollte nicht laufen. stand den lieben langen tag in seiner ecke hinter der taxushecke, direkt neben dem schild FÜTTERN VERBOTEN.

auch er hielt sich nicht an das verbot und frass etwas falsches, oder ein kretin hat ihn erledingt.

es gibt solche idiotische besucher, die alles mögliche in die käfige schmeissen, blechbüchsen, präsavertive, nägel und glasscherben. der siebente litt an arthrose, rechtes bein, und wenn er ging, bewegte er sich mit schlgseite.

normalerweise schreiten sekretäre auf ihren langen, bis zu den knien, schwarz beflaumten beinen, majestätisch geradezu, den kopf hoch erhoben. das liegt wieder an ihrer kurzsichtigkeit, die an vielem schuld ist, wenn etwas mit ihnen  schiefgeht.

ich schnitt dem letzten sekretär den leib bis zur leber auf und sagte zum direktor, dieser sekretär, der letzte der reihe sein nicht an einem infekt gestorben, sondern an ermattung oder ermutigung, an resegnation, kurz, an seelischer entkräftung. die leber sah gar nicht gut aus und warein bisschengeschwollen. alle organe legte ich in die kleine stahlschüssel, die auf der nirostawanne stand.

der direktor hielt sich ein taschentuch aus satin vor die nase, obwohl es noch gar nichts zu riechen gab.

das sei psychologie, sagte der direktor, gewiss eine schöne sache für den hausgebrauch, aber doch ein interpretationsverfahren, das zu übertreibungen führe; es sei der infekt gewesen, schon wegen der versicherung.

die anpassungsfähigkeit von sekretären, sage ich, würde überschätzt; die arbeit in der savanne gewohnt, viel licht, wenig schatten, sei das habitat immer das falsche. die haltung von sekretären solle generell verboten werden, nicht jeder sei so robust, wie zum beispiel der gymnopygus californianus.

da sei was dran sagte der direktor und seufzte.

ein unbekannter trottel hatte eines tages (dezeber 91) vergiftete ratten in die voliere geworfen. zwei arglose truthahngeier gingen drauf, die sekretäre bemerkten im schnee die weissen ratten nicht. der kalifornische kondor, ein weibchen, merkte sich den täter und spritzte ihm eine breitseite ätzenden kots in die augen, verschlucktesich aber nach der schönen tat, und das zeigt den reichtum eines gefühlshaushaltes an einer makellosen ratte.

die autopsie schritt voran. aus dem raubtierhaus 2 brüllten die sibirischen tiger. es war friedlich.

sie haben zuviel mitleid, sagte der direktor plötzlich, und mitleid sei eine schädliche kraft, weil sie sich nicht nur wahllos gegen die tiere richte und den blick entschärfe, sondern auch gegen sich selbst. die armen schweine, sagte ich, begreifen die welt nicht mehr. auch wir werden eines tages aufwachen und feststellen, das wir die welt nicht begreifen.

sie reden wie ein buddhist, dagte der direktor.

sie sollten, sagte ich, das schild FÜTTERN VERBOTEN mit roter schrift aufschwarzem grund drucken lassen.

eigentlich sollte man, der direktor sagte >>sollte<< -  viel mehr verbieten. sie waren ein kompetenter und guter veterinär, vielleicht ein bisschen zu sehr infiziert vom leiden der kreaturen, aber ich werde sie vermissen.

der sagittarius serpentarius, habitat offene savanne oder steppe, lag nun vor uns, aufgeklappt wie eine mit roter seide gefütterte handtasche.

ich hätte, sagte ich dem direktor, ein ganzes programm.

in wahrheit hatte ich nicht die ganze wahrheit gesagt; aber es wäre es auch nicht wert gewesen.

in wahrheit begriff ich die welt seit ca. 1963 überhaupt nicht mehr. ich weiss bis jetzt nicht, ob das an mir lag.

der moderne mensch, sagte eine kranke freundin im münster zu basel an der stelle, wo erasmus von rotterdam wohl nicht gebetet hatte, besteht aus weltfremdheit, urteilsdünkel und daseinsgefrässigkeit. kurz darauf wurde sie von einer strassenbahn auf dem aeschenplatz überfahren.

das waren damals so erlebnisse.

ein freund benutzte die schützengraben-metapher - man läge da im graben wegen des sekuritätsbedürfnisses, aber man wisse nie genau, woher der tödliche schuss einmal käme.

bei mir als organisiertem individuum merkte ich seit jahren eine gewisse verdünnung im hinblick reaktion und gegenreaktion, begleitet von einer gewissen kargheit der harmonie zwischen lebenstechnischem aufwand und ertrag.

vor seinem tod, krebs, sagte mein vater bei seiner wirklich letzten zigarette, während die bronchien pfiffen, wenn eine grundwahrheit existiere, müsse man sie abschaffen oder verbieten oder in so viele teilwahrheiten spalten, dass keine einzige mehr güligkeit habe. als naturwissenschaftler hatte er natürlich immer die aproximativen werte verehrt, auch wen er sonst von >>werten<< gar nichts hielt.

in den zoojahren mit den vielen toten tieren war ich abgemagert, vielleicht wegen des mitleids, oder weil mir das schild FÜTTERN VERBOTEN zu kopf gestiegen war.

immer noch november

zu hause benahm ich mich wie ein sekretär: unvermutete freiheit und kein notausgang.

 ich war herr meiner kräfte, auch triebökonomisch, und trennte mich von meiner verlobten, wie man wohl sagt, am telephon.

ich sagte, ich müsse nachdenken über dies und das und könne ihr keine zeit widmen. zur liebesentwicklung gehöre aber zeit, die hätte ich nicht mehr. im übrigen verstünde ich ihren körper so wenig wie ihren geist. aber da ich selbst nichts recht  verstünde, sei dieser erfahrungswert ohne belang.

vor dem gespräch hatte ich selbstverständlich gewisse wörter aus meiner armee entlassen und einpaar von denen füsiliert, die in der bejahenden gefühlssphäre lagen.

wenn man es sich streng verbeitet, positiv zu denken, verliert man viel ballast; man hört auf - jedenfalls für den sog. inneren blick - ein >>su jet de fiction<< zu sein.

ich schlief auf dem rücken, ass wenig und notierte hin und wieder ein stichwort, und nur die modalverben erfüllten mich als general mit sorge. in den vielen modalitätenim schlachengetümmeldes infinitivischen geschehens fielen mir drei rekruten auf, die nicht zu den einjährig-freiwilligen, also zu den zufalls-wörtern, gehörten: das sollen, das wollen und das dürfen, für einen persönlichen sprecher der gruppe: du sollst, du willst und du darfst.

fasste man die drei truppenmitglieder nicht ganz so persönlich auf, blieben ein wille, eine aufforderung oder empfehlung, eine erlaubnis und bei einer negation ein verbot.

tote tiere im kopf, an den flanken die starken modalverben, machte ich eine besuchsrunde.

zuerst besuchte ich meine mutter, 88, alt, aber kregel wie ein gedopter schimpanse. sie trug ihre rote perücke, und ich machte folgenden sprechakt:

mutter! das modalverb drückte die art und weise eines geschehens aus, d.h., es bezeichnet eine entweder abgeschlossene, noch nicht abgeschlossene oder abzuschliessende handlung. wenn man aber gewisse handlungen entweder für überflüssig, sinnlos, dumm oder roh hält, wird der handlungsspielraum beschränkt, was dazu führt, dass man sich manches verbietet und manches erlaubt. die frage nun:

was, fragte meine mutter.

das altern mit exemplarischer gesundheit ist eine schöne sache, aber wird manchmal mit harthörigkeit bestraft; dafür war sie noch nie inkontinent.

mutter, schrie ich in ihr weisses, armes ohr, was sollte man tun, was sollte man vermeiden, wendet man die modalverben - und ich liess die rekruten eine habachtstellung einnehmen - auf die realität an?

keine ahnung, sagte meine mutter.

auch das ist schön am alter; es weiss immer einer recht eindeutige antwort.

dann besuchte ich einen entfernten onkel, der war philosoph, kein bekannter, aber dafür ein verbreiteter, nämlich mit seiner schrift DU UND DIE PHILOSOPHIE.

auch vor ihm liess ich das fragecorps strammstehen, und er nahm mit haltung ab.

na ja, sagte er dann, philosophisch gesehen hätten es die modalverbia in sich, und ob ich schon einmal etwas von den soll-empfehlungen der ethik gehört habe.

ich befahl ruhe im glied und benutzte eines der füsiliertenn wörter, indem ich JA sagte.

noch die zarteste gesellschaftliche konvention, sagte der philosoph, beruhe auf unausgesprochenen, gleichwohl immens wirksamen soll-empfelungen, ja, die welt könne ohne nicht zusammenhalten, nicht im menschlichen verkehr, nicht im verkehr mit kreaturen, nicht in der liebe, obwohl gerade da die ethisch bedeutsame >>negative modalimplikation<< niemals eingehalten - oder - immer übertreten werde. die wege zum geschlechtlichen seien verschlungen, sagte ein desateur, und ich eskamotierte ihn sofort.

mag sein, sagte der philosoph, mag sein, er jedenfalls könne mir nicht helfen, das leben sei ein schlachtfeld, die wahrheit eine semantische eigenschaft, die werte im eimer, umzingelt von ignoranten undn schwachköpfen, vielleicht ein pleonasmus, und wen er mit einen rat geben köne, so sei es der, den gegner auch dort zu erwarten, wo man ihn nicht vermute.

ich schlug geistig die hacken zusammen und begab mich einenn ort weiter auf meiner besuchsrunde.

dort wohnte der general C. a.D., 92, dem ich bei tee und bisqkuit die elementare frage vorlegte, was es a) mit den regeln der ethischen modalimplikationen im leben des einzelnen wie auch im kollektiv auf sich habe, und b) ob er in seinem hohen alter das leben als eine begreifliche oder unbegreifliche sache auffasse.

C. führete eine sehr geordnete truppe ins feld, mehr kavallerie als fussvolk, seine beiden flügeladjutanten waren die modalverba >>müssen<< und >>können<<. die armierungen, die er benutzte, bestanden wegen ihrer übersichlichkeit einerseits und  ihrer  einheitlichkeit andererseits  aus substantiva.

 immer des vagen gedankens voll von jeher, sagte der alte militär, dass manches verbotene erlaubt und manches erlaubte verboten sein müsse. 

obe er ein beispiel für diese einleuchtende idee nennen könne?

selbstverständlich, sagte der general und bellte wie ein luger im magnum-kaliber - mann sodomisiert pfer, also stute -, sofort füsilieren, pferd schaut zu, also totalverbot im sinne: das darf nicht sein, weil es nicht sein muss. dagegen sei zu halten: regellose massenflucht vor dem feind könne erlaubt sein.

ich merkte, dass meine armee sich heillos zerstreute und nebendinge trieb. ich rief sie zur ordnung und zivilem gehorsam, vor allem die modalverben, die sich rettungslos zwischen perfektformen mit dem infinitiv verstrickt hatten.

lieber C., sagte ich, wenn man aus diversen gründen die welt oder die sog. realität nicht mehr begreift oder begreifen will, was solte man da tun?

in diesem fall, sagte der general, sollte man nichts tun, sondern dann müsse man etwas tun, und da könne man nur eines tun - was? fragte ich.

man muss sich ein feindbild suchen, sagte der alte herr mit einem charmanten lächeln, ein man ohne feindbild sei lebensuntauglich. ich fragte, wo man so ein feindbild erwerben könne.

das sei eine frage der erfahrung und der aufmerksamkeit, sagte der general, ich solle obacht geben. es existierten drei kategorien menschen: veteranen, die toten und die allgemeinen verkehrsteilnehmer. aus denen  konstituiere sich die hauptmasse, der man mühelos feindbilder entnehmen könne, je nach bedarf.

ich sagte, das sei mir zu abstrakt, ob er mir nicht ein konkretes feindbild schneken könne.

C. sah mich von oben bis unten an, schweigend, und sagte dann, ich brächte schon die besten voraussetzungen für ein individuelles feindbild mit; hilflosigkeit, gereiztheit und eine gewisse tristesse erzeugten so für den hausgebrauch nützliche feindbilder, an denen ich mich reiben köne, das stärke die widerstandskraft wie auch die geistesgegenwärtigkeit. zum abschied schenkte er mir seine schrift Der Aar als Symbol der Ärars, wien 1924, und ich ging zurück in mein habitat, aufgewühlt von ganz sonderbaren gedanken.

meine armee biwakierte irgendwo im gelände und rief sich widerspruchsvolle ordres zu, die hiessen: du sollst, du sollst nicht, oder du darfst, du darfst nicht, du musst und du musst auch nicht uswf., eine wahre kakophonie.

ich legte mich sofort in mein styker-bett und formulierte mit aller kraft meine gedanken; die grundstellungen waren die propositionen der form: was sollte geschehen/ nicht geschehen, was sollte man lassen/nicht lassen, was müsste/müsste nicht geschehen? so schlief ich in aller ordnung ein und wurde gegen mitternacht von einem höllenlärm geweckt.

über mir polterten möbel, türen knallten, ein lüster zerschellte auf dem holzboden, hunde bellten, schwere schritte und tritte liessen die alten dielen erbeben, es war, als machte ein spähtrupp schwachsinniger mobil.

man sollte ruhig sein, sagte ich mir in grosser ruhe, man könnte schweigen, du musst ruhig sein usw., und die ganze zeit des lärms liess ich im liegen alle situationen paradieren, zu denen keine exakte soll-empfehlung passen wollte, es sei denn im negativen, von den toten sekretären bis zum besuch beim alten general. leider hatte ich zu fragen vergessen, welches feindbild er im augenblick bevorzugte. in diesem augenblick fiel ein schrank mit einem donnergetöse auf die schnautze.

ich zwang michzur ruhe, o diary, wünschte aber im selben augenblick, als mein herz sich beruhigt hatte, herr Q. da oben möge unter dem schrank begraben sein, plattgedrückt wie ein buchzeichen.

ich sah das schlachtfeld des lebens, darauf bewegten sich rastlos zwei kolonnen unter den feldzeichen >>erlaubt<< oder >>verboten<< die allgemeinen verkehrsteilnehmer.  

wie gut doch das schweigen der tiere war. und die fragten nicht, ob etwas erlaubt oder verboten sei, die taten es einfach.

auch der nachbar Q. war einer der verkehrsteilnehmer, aber ein störender.

lärm ist terror und sollte, dachte ich in den frühen morgenstunden, untersagt, wenn nicht verboten werden.

infolge des lärms desertierten immer mehr gute gedanken, und ihre beschwichtigenden emanationen wurden immer dünner.

meine armee löste sich auf.

da schrie ich mit aller kraft: ruhe! und sprang aus dem bett.

ich ging zu meinem rosenbaumsekretär mit chinoiserien, schleppte ihn an den beiden kannelierten vorderbeinen zum venezianischen spiegel und tötete ihn dort. unter meinen schlägen und tritten löste sich die schreibplatte auf. unter einem hässlichen knirschen sprangen die beinernen symbole und ornamente aus ihren fassungen.

hustend vor rosenholzstaub gab ich dem rest der ruine einen uppercut und brach mir dabei zwei finger.

mein privater gegenlärm hatte stille bewirkt; so sollte es sein.

vielleicht hatte die alte freundin recht, die mir mit sanfter stimme gesagt hatte, sie suche jenseits der permissivitäten und der verbote ein von der last des intellektuellen wissens befreites metaphysisches zentrum.

die stille zerrte an meinen nerven, o diary. ich blutete und trank einen schluck bourbon, der lange schweigend an mir arbeitete. am sonntagvormittag wusste ich positiv, dass ich einen feind hatte. es fehlte nur noch das feind-bild und seine vernichtung.

 meine gedankentruppen waren in alle winde zerstreut, auch die kavallerie, die braven modalverben in ihren kämpferischen kombinationen.

ich blies eisern zum apell. noch gab ich die befehle.

ich ging zu Q. ich bin zu Q. gegangen, ich war bei Q. und habe ihm gesagt, er solle das nicht tun. er dürfe es nicht tun, und eigentlich könne er das auch nicht tun. oh, wir waren in form. er solle das nicht tun, sagten wir, es sei nicht gerade verboten, aber immerhin ruhestörender lärm, der die umgebung belästige, und das müsse ja nicht sein. im übrigen sei ich veterinär und könne ihn jederzeit mühelos einschläfern wie einen der sekretäre, wenn er nicht lassen könne, was er tue.

und letzten endes sei das, was er da tue, auch falsch, und ich formulierte die volständige, wenn auch geschwächte truppe noch einmal zu einer nachdrücklichen wie unvergesslichen wiederholungsattacke. 

Q., ein fetter, trauriger mann, erwiederte, ich könne mich zum teufel scheren, er habe die wohnung nur umgeräumt, um mehr platz zu schaffen für den gralsgedanken, der der menschheit abhanden gekommen sei.

eine nacht voller obskuren, oridinären lärms, für eine derartige idee. ich war so verblüfft, dass ich meine armee aus den augen verlor.

sie sollen, sagte ich mit fassung, alles unterlassen, was mit ideen zu tun hat, sie sollten überhaupt das denken aufgeben und etwas ganz anderes unternehmen, menschen wie sie sollten überhaupt keinen gedanken fassen, sondern schweigen wie die tiere, leicht vergiftet, immer traurig usw.

sie sind ja plemplem, sagte Q., stampfte mit dem fuss auf und war mir die tür vor der nase zu.

das stryker-bett, o tagebuch, hat eine qualität, die allen betten, alle ideen und alle gefühle haben sollten - man kann durch einen einzigen griff die matratze wenden.

ich wendete und wendete, legte mich abermals nieder und wartete auf den Obskuren Lärm, denn der gedanke an den gral oder irgend etwas anderes grosses braucht viel platz.

angesichts der vielen möbelprojekte Q.s wird es zeit, das feindbild zu komplettieren.

das muss sein, weil es so sein soll, und wie sagt nicht auch ein italienisches sprichwort: was geschehen wird, soll geschehen. so ist es nun einmal, wenn es nicht anders sein kann, als es nun einmal ist, soll doch alles der teufel holen.

von: Ingomar von Kieseritzky

lg zu diesen ungekürzten, handgetippten, typografisch belassenen 3022 worten (19588 Zeichen) mit einer Widmung zu Roberts Master vom Pfälzer Poesiefreund 

 

 

02.03.2008 um 11:51 Uhr

Kyniker

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Wilde

Ein Zyniker ist ein Mensch, der von jedem Ding den Preis und von keinem den Wert kennt.

Oscar Wilde

lg joe

 

08.01.2008 um 09:42 Uhr

Großes Kind

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Fontane

Ich bin, trotz manchem Unterfangen,
Ein großes Kind durchs Leben gegangen.

Ich las das Tollste, die Hauptgeschicht',
Immer nur im Polizeibericht.

Und dieses Tollste - von ihm zu lesen,
Ist eigentlich auch schon zuviel gewesen.

Theodor Fontane

lg joe

17.12.2007 um 11:34 Uhr

Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Kleist

In einem bei Jena liegenden Dorf, erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt, der Gastwirt, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte; und versicherte mir, daß wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgefochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der Tat waren. Dieser Kerl, sprach der Wirt, sprengte, ganz von Staub bedeckt, vor meinen Gasthof, und rief: »Herr Wirt!« und da ich frage: was gibt's? »ein Glas Branntewein!« antwortet er, indem er sein Schwert in die Scheide wirft: »mich dürstet« Gott im Himmel! sag ich: will er machen, Freund, daß er wegkömmt? Die Franzosen sind ja dicht vor dem Dorf! »Ei, was!« spricht er, indem er dem Pferde den Zügel über den Hals legt. »Ich habe den ganzen Tag nichts genossen!« Nun er ist, glaub ich, vom Satan besessen -! He! Liese! rief ich, und schaff ihm eine Flasche Danziger herbei, und sage: da! und will ihm die ganze Flasche in die Hand drücken, damit er nur reite. »Ach, was!« spricht er, indem er die Flasche wegstößt, und sich den Hut abnimmt: »wo soll ich mit dem Quark hin?« Und: »schenk er ein!« spricht er, indem er sich den Schweiß von der Stirn abtrocknet: »denn ich habe keine Zeit!« Nun er ist ein Kind des Todes, sag ich. Da! sag ich, und schenk ihm ein; da! trink er und reit er! Wohl mag's ihm bekommen: »Noch eins!« spricht der Kerl; während die Schüsse schon von allen Seiten ins Dorf prasseln. Ich sage: noch eins? Plagt ihn -! »Noch eins!« spricht er, und streckt mir das Glas hin - »Und gut gemessen«, spricht er, indem er sich den Bart wischt, und sich vom Pferde herab schneuzt: »denn es wird bar bezahlt!« Ei, mein Seel, so wollt ich doch, daß ihn -! Da! sag ich, und schenk ihm noch, wie er verlangt, ein zweites, und schenk ihm, da er getrunken, noch ein drittes ein, und frage: ist er nun zufrieden? »Ach!« - schüttelt sich der Kerl. »Der Schnaps ist gut! - Na!« spricht er, und setzt sich den Hut auf: »was bin ich schuldig?« Nichts! nichts! versetz ich. Pack er sich, ins Teufelsnamen; die Franzosen ziehen augenblicklich ins Dorf! »Na!« sagt er, indem er in seinen Stiefel greift: »so soll's ihm Gott lohnen«, und holt, aus dem Stiefel, einen Pfeifenstummel hervor, und spricht, nachdem er den Kopf ausgeblasen: »schaff er mir Feuer!« Feuer? Sag ich: plagt ihn -? »Feuer, ja!« spricht er: »denn ich will mir eine Pfeife Tabak anmachen.« Ei, den Kerl reiten Legionen -! He, Liese, ruf ich das Mädchen! und während der Kerl sich die Pfeife stopft, schafft das Mensch ihm Feuer. »Na!« sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich angeschmaucht, im Maul: »nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen!« Und damit, indem er sich den Hut in die Augen drückt, und zum Zügel greift, wendet er das Pferd und zieht von Leder. Ein Mordkerl! sag ich; ein verfluchter, verwetterter Galgenstrick! Will er sich ins Henkers Namen scheren, wo er hingehört? Drei Chasseurs - sieht er nicht? halten ja schon vor dem Tor? »Ei was!« spricht er, indem er ausspuckt; und faßt die drei Kerls blitzend ins Auge. »Wenn ihrer zehen wären, ich fürcht mich nicht« Und in dem Augenblick reiten auch die drei Franzosen schon ins Dorf. »Bassa Manelka!« ruft der Kerl, und gibt seinem Pferde die Sporen und sprengt auf sie ein; sprengt, so wahr Gott lebt, auf sie ein, und greift sie, als ob er das ganze Hohenlohische Corps hinter sich hätte, an; dergestalt, daß, da die Chasseurs, ungewiß, ob nicht noch mehr Deutsche im Dorf sein mögen, einen Augenblick, wider ihre Gewohnheit, stutzen, er, mein Seel, ehe man noch eine Hand umkehrt, alle drei vom Sattel haut, die Pferde, die auf dem Platz herumlaufen, aufgreift, damit bei mir vorbeisprengt, und: »Bassa Teremtetem!« ruft, und: »Sieht er wohl, Herr Wirt?« und »Adies!« und »auf Wiedersehn!« und: »hoho! hoho! hoho!« -- So einen Kerl, sprach der Wirt, habe ich zeit meines Lebens nicht gesehen.

Kleist: Anekdoten und Kurzgeschichten

lg joe

12.12.2007 um 14:32 Uhr

Der schlechte Glaser (1)

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Gedichte, Maniac

Es gibt rein kontemplative und zu jeder Tat ungeeignete Naturen, die dennoch plötzlich einmal, aus einem geheimnisvollen, unbekanntem Antrieb heraus, mit einer Schnelligkeit handeln, die sie sich selber nie zugetraut hätten.
Solche Leute drücken sich aus Furcht, beim Hausmeister eine betrübliche Nachricht vorzufinden, eine Stunde lang feige vor der Tür herum und wagen nicht hineinzugehen, sie lassen einen Brief vierzehn Tage ungeöffnet oder entschließen sich erst nach sechs Monaten zu einem Schritt, der schon seit einem Jahr nötig war. Mit einem Mal fühlen sie sich von einer unwiderstehlichen Kraft zum Handeln hingerissen wie der Pfeil auf dem Bogen. Der Moralist und der Arzt, auch wenn sie behaupten, alles zu wissen, können nicht erklären, woher diese trägen und genusssüchtigen Seelen so plötzlich eine derartig wilde Energie beziehen und wieso diese Menschen, die unfähig sind, die einfachsten und notwendigsten Dinge zu erledigen, zu einer bestimmten Minute den Luxus eines Mutes aufbringen, der sie völlig ausgelassene und oft sogar überaus gefährliche Dinge ausführen lässt.

...

Charles Baudelaire: Dreißig Gedichte in Prosa (aaO)

joe

28.11.2007 um 10:07 Uhr

Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit

von: Gantenbein   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Tocotronic

Geh doch mal zum Bahnhof in der sogenannten Frühlingszeit,
sag "Hallo" zu einem Fremden, der einem Zug entsteigt.
Lad ihn ein zur Cola, im Imbiss gegenüber,
Vielleicht hat er Probleme und möchte reden (drüber).

Wahrscheinlich hat er gar keine Zeit, die Idee ist gut,
doch die Welt noch nicht bereit!

Fahr doch mit dem Fahrrad in ein anderes Stadtgebiet,
sag "Hallo" zu einem Mädchen, das dich erstmal übersieht.
Lade sie zum Eis ein, Stacciatella oder Nuss,
vielleicht bedrückt sie was, über das sie reden muss.

Wahrscheinlich hat sie gar keine Zeit, die Idee ist gut,
doch die Welt noch nicht bereit!

Gestern um halb drei, habe ich noch ein Lied gemacht
und ich rufe eine Freundin an, mitten in der Nacht
und ich sing es ihr durchs Telefon und es sagt
'Ich liebe dich', kurz bevor ich auflege,
schäme ich mich!

Wahrscheinlich hat sie gar keine Zeit, die Idee ist gut,
doch die Welt noch nicht bereit!
Wahrscheinlich hat sie gar keine Zeit, die Idee ist gut,
doch die Welt noch nicht bereit!!!

 

<
>lg, pfälzer poesiefreund  >

19.11.2007 um 17:48 Uhr

Ich wünschte ich würde mich für Tennis interessieren

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Tocotronic

Ich wünschte ich würde mich für Tennis interessieren
Das Spiel ist sicherlich nicht schwierig zu kapieren
Ich wäre ganz bestimmt ein anderer als ich's jetzt bin
Es wäre unbedingt ein Leben mit mehr Sinn

Es ist schon seltsam daß ich jetzt so etwas von mir lasse
Gerade weil ich doch schon immer alle Ballsportarten hasse
Doch ich muß meine alte Meinung revidieren
Ich wünschte ich würde mich fuer Tennis interessieren

Es ist besser vor dem Stumpfsinn zu kapitulieren
Ich wünschte ich würde mich fuer Tennis interessieren

Ahhhhh

Tocotronic

lg joe

11.10.2007 um 14:13 Uhr

Litanei

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Pessoa

 

Wir verwirklichen uns nie.

Wir sind zwei Abgründe - ein Brunnen, der in den Himmel schaut.

 

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.Frankfurt 2006.

lg joe

19.09.2007 um 15:44 Uhr

Tagesbegebenheit

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Kleist

Dem Capitain v. Bürger, vom ehemaligen Regi-
ment Tauentzien, sagte der, auf der neuen Promenade
erschlagene Arbeitsmann Brietz: der Baum, unter dem
sie beide ständen, wäre auch wohl zu klein für zwei,
und er könnte sich wohl unter einen andern stellen.
Der Capitain Bürger, der ein stiller und bescheidener
Mann ist, stellte sich wirklich unter einen andern wor-
auf der 2c. Brietz unmittelbar darauf vom Blitz ge-
troffen und getötet ward.

Heinrich von Kleist: Kurzgeschichten und Anekdoten

joe

14.08.2007 um 11:10 Uhr

Der Kummer des Beamten Müller (1)

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Schami, HansHerbert

Sie glauben doch nicht im Ernst, daß es mir mit diesen Kanaken, Kameltreibern und Spaghettis gutgeht!
Da kommt doch dieser halbwüchsige Spaghetti, der mich jedes Jahr wahnsinnig macht, mit seinem offenen Hemd und seiner speckigen Lederjacke hereingetanzt, als wäre die Behörde eine Diskothek. Ich werde das Gefühl nicht los, daß diese Itaker von Geburt an keinen Respekt vorm Gesetz haben. Weißt du, was er mir sagt, mein Lieber? Der Freche sagt zu mir, an meiner Stelle würde er sich die Arbeit ganz einfach machen, und ich Idiot frage auch noch: „Wie denn?"
Da sagt doch dieser Kerl, er würde jedem einen Stempel schenken, zum Mitnehmen nach Hause. „Warum immer hierher? Besser zu Hause ein Stempel!"
Wo kämen wir da hin, wenn das so wäre! Nein, seit zwei Jahren schreibt dieser Spaghetti bei „Nationalität" nicht mehr „Italiener", sondern „Gastarbeiter". Jedesmal erkläre ich es ihm, und er antwortet: „Ich nix weiß, ich vorher Italiano, aber jest nix Italiano, nix Deutsch, ich Gastarbeiter", und das schlimme ist, er lacht dabei, und genau das macht mich krank. Statt meine Fragen zu beantworten, erzählt er mir dauernd Geschichten von seinem schlechten Capo. Jedes Jahr dasselbe.
„Ich vill Arbeit, aber Capo sagt, nix gut. Warum?"
Ich sage ihm, er solle arbeiten, die Maschine anglotzen und nicht den Meister, und er sagt: „Ich immer Capo sehen, auch Traum!"
Ja, ja, und mir soll es gutgehen.
„Ach, guten Abend, Herr Al Tachtal ..."

...

Rafik Schami: Der Kummer des Beamten Müller. Aus: Lesebuch Börsenverein (aaO).

 

joe


 

07.08.2007 um 14:19 Uhr

Der Mann, der zuwenig wußte (1)

von: ostern93   Kategorie: Menschen   Stichwörter: Bingo

Der Mann im Cafe de Flore mit dem Regenmantel und dem müden, besorgten Gesichtsausdruck kam an unseren Tisch. Ich hatte ihn bereits mehrmals bemerkt, so wie der Stammgast eines Cafes einen anderen Stammgast bemerkt. Es war spät, und wir saßen schon seit geraumer Zeit dort." Darf ich mich setzen?" fragte er, und ich stand auf und sagte: „Gewiß." Er setzte sich, und ich sah ihn an, und meine Frau sah mich an. „Dies ist meine Frau", sagte ich schließlich. Er nickte. Ich fragte ihn, ob er etwas trinken wolle, und er sagte, er nähme einen Kaffee. Ich bestellte ihm Kaffee und noch zwei dieser quarts de champagne , die jetzt in Pariser Cafes so beliebt sind, für Marion und mich.
„Ich möchte Ihnen ein Problem darlegen", sagte der Mann, nachdem er seinen Kaffee bekommen hatte. „Ich habe Sie ausgewählt, um Ihnen das Problem darzulegen, weil ich keine Bekannten in Paris habe. Ich habe Sie mehrmals gesehen, und ich habe Sie als einen Mann eingeschätzt, der bestimmt keiner Geheimorganisation angehört."
„Warum nicht?" fragte meine Frau.
Der Mann lächelte nicht, als er antwortete. „Ihr Mann, Madam", sagte er , „ist vielleicht verwirrt, aber nicht verängstigt. Ich habe mir gedacht, daß ihm seine beträchtlichen Probleme aus einer Vergrößerung des Unbeträchtlichen - und manchmal des Unwirklichen - erwachsen."
Meine Frau nickte, als folgte sie all dem. „Stimmt", sagte sie.
Ich richtete meine Krawatte. „Ich gehöre einer Studentenverbindung an", sagte ich.
„Ich meine eine politische Geheimorganisation", sagte unser Gast. „Die Art Organisation, der ich angehöre. Ich gehöre einer solchen Organisation an."
„Welche Organisation ist es denn?" fragte meine Frau.
„Ich weiß es nicht", sagte der Mann. „Darüber wollte ich ja mit Ihnen sprechen. Was ich möchte, ist eine Sicht der Dinge, eine Sicht von außen."

...

James Thurber: Der Mann, der zuwenig wußte. Aus: LeseBuch, Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hg.). Frankfurt 1998.

lg joe