SweetFreedom

Mär 14, 2010 at 19:34 o\clock

L.

Ich weiß nicht, was von meinem Garten übrig ist. Ganz uneigennützig sage ich "mein Garten", weil ich mich kaum irgendwo auf der Welt so wohlgefühlt habe.
Dieser Garten ist der Platz, wo ich tagelang sitzen und lesen möchte und auf die Stadt blicken. Ja, es gab auch andere wunderschöne, aber dieser ist der beste.
Heute habe ich das Gefühl, ich muß da hin. Ich muß einfach. Ich muß schauen, was passiert ist, ob alles "heil" ist...

Vorhin habe ich von mir aus ein Treffen abgesagt. Ich mußte raus, Luft holen, mir bei K den "Reset" holen und wieder mein Leben als meins erkennen. Ich hatte schon wieder Scheuklappen auf gehabt und nun geht es besser.
Geflötet hab' ich am Telefon "Ist es o.k., wenn ich mit K..?" Na klar, ist das o.k.
Wir telefonieren.

Ich habe Bauchschmerzen. Es ist Entzug. Krasse Mangelzustände. Zu wenig Input einer Droge, die manchmal so schwer zu beschaffen ist, dann wieder in rauhen Mengen über einem ausgeschüttet wird...
Und wie halte ich das aus?

Vorhin ging es mir gut. Ich habe festgestellt, das kleine griechische Café mit dem süßen polnischen Konditor sollte man öfter besuchen. Er ist sehr nett, der Kuchen ist außergewöhnlich lecker und dabei noch günstig. Es war eine gute Ablenkung. K. hat das auch drauf, mit ihr wird es nie langweilig und sie versteht mich immer.

Bin noch durch die Stadt gelaufen, Schaufensterbummel mit einem Gefühl von "Was kostet die Welt, ich fliege einfach hin", auch wenn ich noch vor Tagen behauptet hatte, ich würde das die nächsten zwei Jahre nicht tun, wegen der Zerstörungen. Vielleicht muß ich gerade deshalb hin. Vielleicht ruft mich was.

Jetzt denke ich die ganze Zeit an den Garten. Wenn ich in Gedanken zur Ruhe kommen will, sitze ich auf der Bank über dem Teich oder stehe unter einem Dach und schaue auf die Stadt...

Ich finde die Ruhe nicht, vielleicht nicht bis ich endlich weiß, daß meine Bank noch steht und die Buddhas noch an ihrem Platz sind...

Es ist eine seltsame Stimmung. Aber ich sehe wieder, daß ich auch "vorher" glücklich war. Ich hatte meine Interessen, meine Dinge, die mein Herz zum singen bringen. Es sind die Dinge, für die ich lebe. Kunst, Gärten und Kaffee, am besten alles auf einmal.

Und dann bin ich auf einmal drauf und dran, zwar nicht zu planen, aber zu vereinnahmen. Zu fragen. Zu schauen. Zu bewundern...
Als wäre ich alleine nix wert oder als könnte ich froh sein, jemanden zu haben. Das muß nach so kurzer Zeit beim anderen so ankommen als sei es nicht zielgerichtet und einfach nur für irgendeinen.
Aber so ist es nicht. Ich habe nur das Pech, ein überaus funktionierendes Hormonsystem zu haben, dessen Sklave ich ab und an bin.
Ich bin in der Lage, alles kaputtzumachen mit der Idee, ich könnte alles kaputtmachen.

Manchen Menschen bin ich Lichtjahre voraus mit meinen Deutungen, Annahmen und Voraussagungen und dummerweise habe ich oft recht damit.
Ich habe über Wochen gespürt, daß mir die eine Kollegin was sagen wollte und nun, da es raus ist, bin ich enttäuscht, daß sie es so spät gesagt hat, nicht was sie gesagt hat war schlimm. Daß ich es gewußt hatte, hat mir wieder meine Sensibilität vor Augen geführt und mich wünschen lassen, ich wäre etwas abgebrühter und einfach stumpfer.

Ich werde das nie sein. Ich kann gute Tage haben und habe alles im Griff und die besten Vorsätze. Und unter meinen Hormonen reagiere ich wieder wie ein Teenie und hasse mich dafür.
Zu viel habe ich verloren in den letzten Jahren und zu viel erinnert mich jetzt wieder jeden Tag an diese Verluste.

SIE ist lebendig in meinem Kopf. Ich träume von ihr. Man rät mir zu Gentests. Man will Präparate untersuchen, fünf Jahre nach ihrem Tod... Ich soll Unterlagen raussuchen...

Ich habe furchtbare Angst und bin wütend. Ich habe keinen Bock auf Tests und ich werde sie nicht machenlassen.

Ich werde zurückrudern.

- Betz hören und lesen
- mir Gutes gönnen, Wellness genießen und mich schickmachen
- meine Urlaube alleine planen
- viel, noch mehr mit meinen Leuten machen
- meine Wohnung in Ordnung halten
- genug schlafen und trinken
- Blumen kaufen
- walken gehen
- ins Wasser kömpfen gehen
- in die Sauna gehen
- eine erste Reha-Bilanz ziehen und mir eine Sache aussuchen, die ich noch tun wollte und die umsetzen

- begreifen, daß ich noch immer der wichtigste Mensch in meinem Leben bin und mich niemals aufgeben werde für einen Mann, für eine Idee vom Zusammensein

Mein Vater sagte mir heute: "Diese Lena, die nach Oslo fahren wird, die ist ein bißchen wie Du: Unverdorben und unkonventionell." Ich war baff über diese Worte und sie haben mich extrem gefreut.

Jeder Mann ist nur ein Mann, nur einer von vielen. Wenn mich einer nicht so will wie ich ihn, dann weiß er nicht, was er verpaßt. Meine Prägung schreit gleich: Siehste, Du bist einfach nicht gut genug.

Ich vergleiche mich. Vergleiche mich mit meinem Cousin, der nun Vater ist, mit anderen Frauen in meinem Alter, mit allen Frauen in der Gesellschaft.
Ich habe andere Meinungen zu vielen Dingen und ich sehe mich im Recht. Aber habe ich dann auch recht? Nützt es mir was, integer und ehrlich und offen und wahrhaftig und lieb und fürsorglich und unkonventionell, unverdorben, gleichzeitig erfahren und willig, nicht super gebildet, aber halbwegs intelligent zu sein?
Nützt es mir was zu denken, wenn keiner die Antworten wissen will auf die tausend Fragen, die ich mir stelle???

Ich mache hier Schluß. Die Buchstaben verschwimmen.

 


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