Raging Destiny

15.11.2010 um 23:01 Uhr

Kapitel 6 Teil 4 „Young for Eternity“

von: agilityborder   Kategorie: Kapitel 6

Schneller, immer schneller. Das Mädchen rannte so schnell es konnte, es verließ sich ganz darauf, dass seine Beine es überall hintrugen, wohin es wollte. Aber wie lange konnte man unter diesen Umständen noch durchhalten? Schnaufend rannte Marino immer weiter. Sie war schon lange an ihrer Schule vorbeigerast, über die Straße rein in einen Feldweg, der ungefähr drei Kilometer entfernt von ihrem Haus war. Sie würde keinen Halt machen, egal ob sie vor Erschöpfung umkippen würde oder nicht. Nicht, bevor sie Lilac nicht gefunden hat. Plötzlich stolperte sie über einen Stein und fiel der Länge nach auf den steinigen Boden, wobei sie einige Meter weiter schlitterte und ihr gesamtes Gesicht inklusive der Hände und Kleidung aufschürfte, sodass sie innerhalb kürzester Zeit blutüberströmt und regungslos auf dem Weg liegen blieb. Alles ringsum war still, es war, als ob die Welt stehen geblieben wäre. Der Himmel, von dem bis noch eben die Sonne gnadenlos geschienen hat, zog sich langsam zu und es begann augenblicklich dunkler zu werden. Da lag sie nun. In ihrem Schlafanzug, den sie noch anhatte, weil sie eigentlich jetzt wegen ihrer Grippe im Bett sein sollte. Blutüberströmt, zitternd und alleine. Sie alleine mit der schrecklichen Ruhe der Umgebung.

"Sie hat was?", durchschnitt derweil eine laute Stimme die Stille im Haus der Kirschbaums. Yoko zuckte erschrocken zusammen und wich einen Schritt. Sie befürchtete jeden Moment irgendwo eine Glasscheibe klirrend zu bruch gehen zu hören. "Äh, ja...", begann sie zögerlich. "Was habt ihr bloß mit ihr gemacht, sie sollte doch Ruhe haben, verdammt noch mal!", schrie Marino´s Großvater das blonde Mädchen an, welches kaum ein Wort über die Lippen brachte. Die Sorge um ihre Freundin schnürte ihr regelrecht die Kehle zu. "Ich wollte nicht, dass sie wegrennt, ich weiß nicht, was sie dazu getrieben hat!", versuchte Yoko sich verzweifelt zu verteidigen. Ihr liefen die Tränen über ihr Gesicht und sie wünschte sich jetzt nichts sehnlicher als Marino wohlbehalten zurück zu haben. Sie wollte sie doch nur besuchen. Herr Kirschbaum musterte Yoko´s Gesicht. Sie war ein gutes Mädchen, das wusste er. Aber im Moment musste er sich ziemlich zusammenreißen. "Okay, okay", versuchte er sich und Yoko zu beruhigen. "Wir müssen sie jetzt unbedingt finden. Sie ist krank und muss ins Bett, sie sollte draußen nicht rumlaufen, vor allem, weil es geradeziemlich nach Regen aussieht", bemerkte der Opa nach einem kurzen Blick aus dem Fenster. Es war nicht mehr viel Blau vom Himmel übrig und Marino durfte in ihrem Zustand nicht unter Regen kommen. Er drehte sich langsam zu Yoko um. "Hast du eine Idee, wohin sie gerannt sein könne?", fragte er mittlerweile wieder ruhig. Yoko wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und schüttelte ihren Kopf. "Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich denke mal, sie wird kein bestimmtes Ziel haben", rede sie einfach drauf los. Während sie sprach, verkrampfte sich schmerzhaft ihr Herz, als sie bemerkte, dass die Situation ernster war, als sie sich vorstellen konnte. "Wir müssen sie suchen", bestimmte ihr Großvater und dirigierte Yoko nach draußen zu seinem Auto. "Du kommst mit, niemand kann besser wissen wo sie ist, als ihre beste Freundin". Yoko war froh helfen zu können, deswegen wehrte sie sich nicht.

Hitze. So heftige Hitze hatte sie noch nie zu vor in ihrem Leben gespürt. Alles brannte um sie herum. Egal wie sehr sie sich anstrengte, sie konnte alles nur verschwommen sehen, so, als ob sie durch dreckiges Glas schauen würde. Der Geruch von Tod stieg in ihre Nase. Sie fing an heftig zu zittern. "Nein... Nein, bitte nicht... Bitte hilf mir doch...", flüsterte sie immer wieder mit erstickter Stimme. "Keine Sorge. Ich bin bei dir. Ich war nie weg..."

12.11.2010 um 23:32 Uhr

Kapitel 6 Teil 3 "Young for Eternity"

von: agilityborder   Kategorie: Kapitel 6

Ein Schauer strömte über Blue´s Rücken. Was hat sie da gerade gesagt? Wer war wieder da? Blue´s Augen weiteten sich und starrten in das freudig strahlende hellgrüne Augenpaar Marino´s, welches sich wie Pfeile in ihre Augen bohrte. "Hast du noch alle Zacken im Kamm? Lass mich los!", schrie Blue plötzlich erregt auf und riss ihren Arm los. Was fiel diesem seltsamen Mädchen eigentlich ein? "Lilac! Lilac, wo warst du denn nur? Warum warst du weg?", rief Marino, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie hatte dieses klare Bild vor ihrem inneren Auge. Es bestand kein Zweifel. Yoko schaute verwirrt zwischen Marino und Blue hin und her. Was ging da vor? Was redete Marino da bloß für wirres Zeug? "Jetzt hör mal zu, Schätzchen", begann Blue, während sie sich in ihrer vollen Größe vor dem kleineren Mädchen aufbaute und die mit einem vernichtenden Blick anguckte. "Ich weiß nicht, was in deinen Kopf gefahren ist und ich find das alles hier reichlich seltsam. Ich geh jetzt", sagte sie nur kühl und wendete sich von den beiden Mädchen ab, die im Flur standen und sie mit großen Augen anschauten. "Nein, Blue, warte!", rief Yoko, aber da knallte die Tür schon zu und eine eisige Stille breitete sich in dem Flur der Kirschbaums aus. Langsam drehte sich Yoko zu Marino um. Diese senkte einfach nur ihren Blick.

"Was ist bloß in dich gefahren? Weißt du wie schräg das war, was du von dir gegeben hast? Wer zum Teufel ist denn bitte Lilac?!", fuhr wenig später Yoko ihre Freundin an, die mit ihr in dem großen Wohnzimmer ihrer Großeltern wie ein begossener Pudel saß und Yokos Predigt über sich ergehen lies. Jetzt wo Blue weg war, spürte sie absolut nichts mehr von Lilacs Präsens, was sie noch mehr verzweifeln lies, als die Blamage von gerade eben allgemein. "Ich weiß es nicht, ich hatte so ein komisches Gefühl irgendwie", antwortete Marino leise. Sie fühlte, wie ihr Kopf immer schwerer wurde und ihr schwindelig wurde. Sie wollte einfach nur noch schlafen, schließlich war sie immer noch krank. Yoko schlug ihre Hände über ihren Kopf und schaute die Decke des Wohnzimmers an, so als ob sie Marinos Verhalten erklären könnte. "Man, es tut mir Leid!", rief Marino plötzlich aus. Ihr liefen die Tränen einfach so über ihr heißes Gesicht. Yoko stand nur da und starrte sie hilflos an. "Komm, es ist okay, Marino. Sie wird schon...", versuchte sie Marino zu beruhigen, aber diese lies nicht mit sich reden. "Nein!", schrie Marino auf und schaute Yoko verzweifelt aus ihren rotgeweinten Augen an. "Nichts ist okay!", In ihrem Kopf drehte sich alles wie in einem Karussell. Verschwommene Bilder und Stimmen tauchten auf. Bilder, die irgendwie so fremd waren, so unvertraut. Panik brach plötzlich in ihr aus. Sie schlug die Hände vor den Kopf, stand auf und rannte an Yoko vorbei nach draußen, obwohl sie genau wusste, dass sie das eigentlich wegen ihrer Grippe nicht durfte. Sie hatte aber nur noch das Bedürfnis zu fliehen, dahin, wo sie niemand finden konnte. Dahin, wo sie Lilac finden konnte.

"Mein Gott...", dachte Yoko erschrocken und starrte immer noch in Richtung Tür, da wo Marino grad vor wenigen Sekunden verschwunden war. Mit dieser Reaktion hatte sie ja mal gar nicht gerechnet. Jetzt stand sie tatsächlich alleine hier, In Marinos Haus. Sie lies die vorherige Situation noch einmal in ihrem Kopf Revue passieren. Marino hat dauernd von einer Lilac gesprochen. Lilac... Was für eine Art Name war das denn? Sie wusste nichts von jemanden, der so hieß. Und warum hatte sie Blue für diese Lilac gehalten? Das war alles reichlich rätselhaft, Yoko war wie gelähmt. Sie konnte sich keinerlei Reim darauf machen. "Oh nein!", rief Yoko aus. Ihr fiel siedend heiß ein, dass Marino ja weggelaufen war. "Sie muss schnell wiedergefunden werden, schließlich ist sie ja immer noch krank!", murmelte Yoko leise. Sie zögerte keinen Moment mehr. Irgendwas stimmte mit Marino nicht und es war nicht ihre Grippe.

12.11.2009 um 21:35 Uhr

Kapitel 6 Teil 2 "Young for Eternity"

von: agilityborder   Kategorie: Kapitel 6

Ein heftiges Stöhnen unterbrach die Stille. "Oh man", dachte Marino und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Ihr Kopf dröhnte, ihr war heiß und kalt zugleich. Das Mädchen zog fröstelnd die Decke bis aufs Kinn rauf und vergrub ihr Gesicht im Kissen. "Wieso habe ich nur nicht auf Lilac gehört...", dachte sie und versuchte wieder einzuschlafen. Sie hatte sich also doch eine kräftige Erkältung geholt. "Lilac...Lilac?", murmelte sie in die Dunkelheit in der Hoffnung ihre innere Stimme hören zu können. Aber sie bekam keine Antwort. Aber wieso? Sie hob ihr Gesicht und schaute auf die Uhr. Zwei Uhr achtunddreißig. Sie konnte Yoko nicht anrufen, es wäre zu spät. Und zu ihren Großeltern könnte sie jetzt auch nicht ins Schlafzimmer kommen. Ihr war schrecklich übel, aber das einzige was sie tun konnte, war auf den nächsten Morgen zu warten.

Wenn sie könnte, würde sie unruhig in ihrem Zimmer herumwandern. Aber dafür war sie viel zu schwach. Ihr Großmutter hatte besorgt den Hausarzt bestellt, der sofort gekommen war. Die Diagnose lautete Grippe. Nun war strenge Bettruhe angesagt. Nicht dass sie das Bedürfnis dazu hätte, jetzt ein Hindernisrennen zu bewältigen, aber sie konnte Lilac einfach nicht erreichen. Da stimmte definitiv etwas nicht. Sie schloss ihre Augen und stellte sich einen Raum in ihrem Kopf vor. So sah das eigentliche Innere ihres Kopfes aus. Es war ein Raum, ein Irrgarten. Alles hatte eine feste Form und einen bestimmten Platz wo es zu stehen hatte. Oft sah sie hier Lilac vor sich, aber heute war sie nicht da.

Yoko und Blue liefen eine breite Straße entlang, bis sie das große Haus der Kirschbaums endlich sahen. "Hast du nicht erzählt dass Marino viel näher an der Schule wohnt?", fragte Blue verwirrt. "Tut sie doch! Es sind nur drei Minuten Laufweg!", erwiderte Yoko. "Du hast gesagt sie wohnt direkt daneben!", sagte Blue und betrachtete Yoko skeptisch, während sie stehen blieben. Blue strich sich ihre lila Haare nach hinten und ihre braunen Augen blitzten unter ihrem Pony hervor. Blue´s richtiger Name war Laura, sie wurde aber immer Blue genannt, da sie sich ihre Haare seit ihrem zwölftem Lebensjahr bunt färbte. Jetzt war sie inzwischen vierzehn und hatte ihre Haare schon in jeder Farbe, die man sich vorstellen konnte gefärbt. Die erste Farbe, die sie sich reingefärbt hatte war blau. Von Natur aus hatte sie sehr helle, lange blonde Haare, die einfach zu färben waren. Vor wenigen Tagen hatte sie sich die fast hüftlangen Haare in einem knalligem Lila eingetönt, was jetzt aber fast ausgewaschen war und einen sanften Fliederton angenommen hatte. Yoko packte sie am Ärmel ihres gepunktetem Pullis. Sie trug immer Sweatshirts oder Pullis kombiniert mit karierten Röcken und dicken Strumpfhosen da drunter. Selbst wenn es noch so heiß werden würde. Und heute würde es laut Wetterbericht über dreißig Grad heiß werden. "Komm jetzt, ihr Haus ist da drüben", sie deutete nach vorne und zog Blue hinter sich her.

Marino hörte es unten klingeln. Ihre Großeltern waren nicht da, aber sie fühlte sich nicht in der Lage runtergehen zu können und die Tür zu öffnen. Die Sonne schien gnadenlos vom wolkenlosen Himmel in ihr Zimmer und ihr wurde schrecklich heiß aber auch gleichzeitig zum bibbern kalt. Nun hatte sie auch noch Halsschmerzen und das Klingeln unten machte sie fast verrückt. Wiederwillig schwang sie ihre Füße aus dem Bett und schlurfte die Treppe runter. Umso überraschter war sie, als sie Yoko und Blue hinter der schweren Eichentür entdeckte. "Hallo..", grüßte sie schwach. "Marino! Du siehst gar nicht gut aus!", rief Yoko aus und starrte ihre kranke Freundin an. "Ich hab die Grippe. Bleibt lieber fern von mir.", sagte sie und machte Anstallten die Tür zu schließen. "Jetzt warte doch mal!", Yoko versuchte sie daran zu hindern aber Marino war gar nicht darauf aus zu reden. Nicht nur das sie schrecklich krank war. Nein, Lilac war weg und sie wusste nicht, wie sie sie jemals wiederfinden würde. Schließlich war es ihre innere Stimme, ihr zweites Ich. Wie sollte ihr jemand helfen sie zu finden? "Jetzt mach mal halblang, ich für meinen Teil bin eh schon immun gegen Grippe.", warf Blue ein, die sich bis dahin noch gar nicht gemeldet hatte. Marino betrachtete bewundernd ihre Haare. Und ihre mit Kajal umrandeten Augen, die noch größer wirkten. "Okay, kommt rein...", gab Marino nach. Aber nur, weil sie das Bedürfnis danach hatte in Blue´s Nähe zu sein. Sie war nicht so wie Yoko. Yoko war richtig langweilig im Gegensatz zu Blue. Jeder war langweilig im Gegensatz zu Blue. Sie war ein Paradiesvogel. Ihre Geschichtslehrerin hatte sie mal "individuell" genannt. Marino schätzte, sie meinte es im verächtlichen Sinne. Sie kam ihr auch öfters arrogant vor, allgemein hatte sie nicht viel mit ihr zu tun, da sie eine Klasse höher war als sie und nun stand sie in ihrem Haus. Und sie selber sah aus wie ein Häufchen Elend. Klein, dünn, blass, ihre kurzen Haare zu allen Seiten abstehend, während die unendlich langen, seidigen Haare von Blue gepflegt ihren Rücken runterhingen. "Okay, was wollt ihr?", fragte Marino gereizt. Eigentlich wollte sie nicht so schroff sein, aber sie fühlte sich von Blue ziemlich herausgefordert. "Wir wollten dich eigentlich rausholen, aber das hat sich ja wohl erledigt", sagte Blue, verschränkte die Arme und lehnte sich an die fliederfarbene Wand, die fast die selbe Farbe hatte wie Blue´s Haar in dem Flur der Kirschbaums.

"Mir geht’s grad nicht so gut. Ihr solltet besser gehen.", sagte Marino und drehte sich von den beiden älteren Mädchen weg, die noch immer vor ihr standen und sie beobachteten. Marino´s Stimme hatte einen merkwürdig dunklen Unterton bekommen, aber weder Yoko noch Blue ließen sich von dieser Geste beeindrucken. Blue tat einen Schritt auf Marino zu. Sie fühlte sich ihr sehr wohl überlegen. Nicht nur, dass sie von Natur aus sehr selbstbewusst war. Sie war fast einen ganzen Kopf größer als Marino und über ein Jahr älter. Sie würde sich nicht unfreundlich behandeln lassen von so einem Zwerg, der nun ängstlich die Hände schützend vor die Brust gezogen hatte und zu ihr raufblickte. "Das ist aber nicht sehr gastfreundlich von dir, Marino.", meinte diese nur mit einem arrogantem Ton in der Stimme, der Marino fast zusammenzucken lies. Als sie aber den Kopf kurz zu senken wagte, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Da war es wieder! Es ist wieder da! Sie war wieder da!

Marino packte Blue an einem Ärmel ihres weißgepunktetem Sweatshirts. "Lilac! Lilac, wo bist du nur geblieben?".

08.11.2009 um 16:54 Uhr

Kapitel 6 Teil 1 "Young for Eternity"

von: agilityborder   Kategorie: Kapitel 6

My head is spinning round, I don't know what to do
If I'm so happy, I've got everything to lose
And everytime I see you
I can't stand to say
And now it's always raining
You're the one to blame

(The Subays- I Want To Hear What You´ve Got To Say)

"Hallo? Hallo! Bist du noch zu erreichen?", ein Ellenbogen bohrte sich in die Seite des jungen Mädchens und sie schrak aus ihren Gedanken hoch. Mit aufgerissenen Augen warf es seinen Kopf hin und her. Ihre Augen blieben an zwei weiteren haselnussbraunen Augen zu ihrer rechten Seite hängen. "Marino, träumst du?", fragte Yoko und fing an zu grinsen. Sie deutete nach vorne an die Tafel, wo ihre Lehrerin ungeduldig mit einem grimmigen Gesichtsausdruck stand und Marino direkt ins Gesicht dah. "Vielen Dank, Yoko. Wenigstens jemand ruft das Fräulein Kirschbaum in die Realität zurück", sagte die Lehrerin mit Nachdruck. Die Klasse kicherte. Marino strich sich eine Strähne ihres braunen Haares hinters Ohr. Was interessierte sie Physik? Sie hatte zu viele Dinge im Kopf. Die Sonne schien direkt in das große Klassenzimmer und es war ziemlich warm geworden. Über die letzten Monate war sie über den Verlust ihrer Eltern dank Yoko´s Hilfe bestens hinweggekommen. Ihre Lehrerin setzte grad wieder zum Sprechen an, als das schrille Klingeln der Schulglocke sie stoppte. Marino setzte ihren unschuldigsten Blick auf und zuckte mit den Schultern. "Da kann man wohl nichts machen.", sagte sie amüsiert, während Yoko anfing zu grinsen. "Heute kommst du noch davon, nächste Woche erwarte ich von dir einen Vortrag über den Magnetismus. Von dem Rest von euch auch!", rief sie an die Klasse gewandt. Diese quittierte die Aufgabe mit einem Stöhnen.

Marino und Yoko traten aus dem großem, grünem Gebäude, Marino atmete einmal tief ein und ließ die Sonne auf ihr Gesicht scheinen. "Endlich Wochenende!", rief sie aus und breitete ihre Arme aus. Jetzt, wo sie sich in Deutschland eingelebt hatte, konnte sie sogar positive Dinge an ihrem Leben finden. Es sah hier so anders aus im Frühsommer als im Winter! Sie konnte sich noch genau an die vielen grauen Felder und kahlen Bäume erinnern. Jetzt erstrahlte alles im saftigen Grün. Überall waren farbige Blumen und der Himmel ist von einem matten grau in ein sattes blau gewichen. Jetzt Anfang Mai war es auch viel wärmer als in ihrem ehemaligen Heimatort Österreich. Dort würde es grad in strömen regnen, vielleicht sogar schneien und ätzend kalt sein. "Sag mal, worüber hast du denn gerade nachgedacht, dass du nicht einmal ansprechbar warst?", fragte Yoko belustigt und zupfte an ihren kurzen, blonden Haaren. Marino zuckte mit den Schultern und beobachtete grad ein paar Schüler aus der Oberstufe, die sich an den Fahrradständern versammelt hatten und sich angeregt über etwas unterhielten. "Ich will jetzt sowieso nur noch nach Hause. Ich verbringe hier schon genug Zeit.", "Ganz meine Meinung, Frau Kirschbaum! Sie sind ja gar nicht so dumm, wie Sie aussehen!", scherzte Yoko lachend und musste sich in Sicherheit bringen, als Marino ein Papiertaschentuch, was sie soeben in der Hand gehalten hatten nach ihr warf. An der Bushaltestelle verabschiedete Marino sich von ihrer Freundin. Ihr Haus lag nur drei Minuten Laufzeit von ihrer Schule entfernt. "Bis nächste Woche, Yoko!", rief sie ihr zu und rannte die Straße hinauf, beflügelt vor Freude.

"Es ist noch zu kühl, Marino, du rennst die ganze Zeit im T-Shirt rum, ich sags dir, du erkältest dich!", schalte eine Stimme Marino, während diese ihre Augen verdrehte. "Okay, dann sag mir gleich welche Krankheit es sein wird, vielleicht muss ich Montag nicht mehr in die Schule!", sagte Marino unbeeindruckt. Zwei Radfahrer die gerade vorbeikamen drehten sich verwirrt nach dem Mädchen um. Sprach sie mit ihnen? Neben ihr war niemand! Marino war diese Blicke schon gewohnt. Immer wenn sie mit Lilac sprach sah es so aus, als ob sie mit der Luft redete. Sogar ihren Großeltern war es bereits aufgefallen. Vor einigen Wochen hatte ihre Oma sie gefragt, mit wem sie denn da rede, wer sie war und woher sie kam. Wie konnte ihre Großmutter nur so naiv sein? Sie hatte Marino letzten Monat dann zum Psychologen geschickt. Eine nette Frau mittleren Alters. So wie man sich Psychologinnen vorstellte; streng zurückgekämmte Haare, mausgrauer Blazer und eine Brille auf der Nase. Diese hatte ihren Großeltern dann versichert, dass diese Selbstgespräche normal wären und sie auf diese Weise den Verlust von ihren Eltern verkraften will. Marino hatte nichts dazu gesagt. Nach dieser Erkenntnis machte sie sich nicht einmal mehr die Mühe, diese Gespräche zu verbergen. Die Tatsache, das Lilac ihr den Tod ihrer Eltern vorhergesagt hatte und auch Charlie gefunden hatte interessierte niemanden. Es glaubte ihr auch niemand. Aber ihr konnte das egal sein. Sie fröstelte ein wenig, als ein kräftiger Windzug sie fast umwarf. Wieso war es urplötzlich so kalt geworden? Vor wenigen Minuten war es noch sommerlich warm! "Jetzt kann ich eh nichts mehr machen, außer schneller nach Hause kommen! Außerdem hättest du es mir schon früher sagen können, Lilac!", fuhr sie sie etwas barsch an. "Ich habe es dir heute morgen vor dem Rausgehen gesagt.", warf Lilac entrüstet ein. Wie soll ich dich vor Unheilen schützen, wenn du nicht einmal auf mich hören willst?". Marino schüttelte nur den Kopf. Nichts war grad so wichtig, wie nach Hause kommen.

25.06.2009 um 20:40 Uhr

Kapitel 5 Teil 5 "winter´s tale"

von: agilityborder   Kategorie: Kapitel 5

"Leute, Leute! Kommt, beruhigt euch, es ist nichts passiert, nichts schlimmes!", der Trainer lief langsam zwischen den beiden Teams herum, die einen Kreis gebildet haben. Der Trainer war ein großer, stämmiger Mann, wurde schnell laut und aggressiv. Marino würde niemals gerne bei ihm trainieren wollen, aber vielleicht war das das Geheimnis des heimischen Teams. "Leute! Hey!", brüllte er noch mal, sodass Marino und Yoko zusammen zuckten. Ein Raunen ging durch die beiden Mannschaften, ein leichter, kalter Regen fing an nieder zu prasseln. "Was meinst du, was passiert ist?", fragte Yoko erschrocken. Sie konnten beide nichts durch die dichte Wand aus jungen Fußballspielern erkennen. "Jemand ist zusammengebrochen.", wusste Marino zu erzählen. Ja, daran konnte sie sich durchaus erinnern. "Was?", fragte Yoko geschockt nach. Woher wusste sie das? "Er wird wieder gesund, keine Sorge", sprach Marino einfach weiter, ohne jegliche Erklärung. "Aha". "Da!", Marino zeigte nach rechts. Tatsächlich bog der Krankenwagen einen Moment später in den Fußballplatz ein. Der Ring aus Fußballern löste sich, ein junger Mann aus der gegnerischen Mannschaft lag regungslos auf den Boden. Marino schüttelte den Kopf. So war es. "Man, man, man, kaum zu glauben was da abgeht", hörten die Mädchen plötzlich eine dunkle Stimme hinter sich. Beide drehten sich wie auf Kommando um und sahen den jungen Mann, der mit den Händen in seinen schmalen Hüften gestemmt dastand und kritisch die Sanitäter dabei beobachtete, wie sie den Bewusstlosen versorgten. Marino erkannte ihn sofort. Es war der, von dem Yoko so schwärmte. "Denis!", rief Yoko überglücklich aus und schlug ihre Hände gegeneinander. "Ah, Denis also", meldete Lilac sich wieder. Marino musterte ihn ganz genau. Sie nahm seinen ganzen Körper in Augenschein.

Sie musste zugeben, das er vom nahem nicht mal annähernd so arrogant aussah wie vom weitem. Im Gegenteil. Seine blauen Augen strahlten unter den dunklen, nassen Strähnen, seines eigentlich sehr hellem Haares. Sie konnte nicht einmal erkennen, ob es Schweiß war oder einfach nur der Regen. Sein gesamter Körper war nämlich nass, das weiße Trikot klebte ihm am Oberkörper. Es war beeinduckend wie groß er war. Er war um einiges größer als Yoko und Marino schätze sein Alter so um die achtzehn. Alles im allem fand sie ihn schon ziemlich anziehend. Sie konnte sich aber nicht vorstellen, das sie da die einzige wäre.

"Denis, wir haben dich gesucht! Du hast toll gespielt! Ehrlich. Niemand war so gut wie du heute! Das hat jeder gesehen, denke ich. Aber niemand hat dir so zugejubelt wie ich. Niemand! Vor allem bei dem Tor...", Yoko war kaum zu stoppen. Sie schwärmte vor seinen Augen von ihm, als ob er nicht anwesend wäre. Marino konnte nur noch den Kopf schütteln. Wenn sie immer so drauf war, würde sie es sich mehrmals überlegen müssen, ob sie sich das antun wollte. "So, so", unterbrach Denis Yoko´s Gerede. Er stemmte seine Hände noch einmal in die Hüften und zog eine Augenbraue hoch, sodass er einen ziemlich arroganten Eindruck machte. "Mein Spiel hat dir also gefallen", stellte er fest, mit einem Unterton in der Stimme, der sein Aussehen nur noch bestärkte. "Oh, ja!", rief Yoko aus. Endlich konnte sie ihm mitteilen, was sie wirklich von ihm hielt. "Aha", war sein einziger Kommentar. Plötzlich entspannten sich seine Gesichtszüge und er fing an zu grinsen. Marino konnte es nicht verhindern. Sie musste einfach lächeln. Humor hatte er also auch. Denis schien das zu bemerken und grinste zu ihr rüber. "Da hab ich dich wohl ganz schön überrascht, oder?", sagte er belustigt. Yoko schien nicht zu verstehen und schaute verwirrt zwischen den beiden hin und her. "Okay, ihr solltet euch unterstellen. Ihr erkältet euch noch.", wurde er sofort wieder ernst. Marino betrachtete ihn kritisch. Als ob es ihn interessieren würde. Sie selbst interessierte es doch auch nicht, wenn er hier in Schüttelfrost zusammenbrechen würde? Okay, das war übertrieben, musste sie sich zugestehen. "Egal!", sie schüttelte bekräftigend den kopf, sodass die nassen Strähnen, ihrer kinnlangen Haare ihr ums Kinn schlugen. "Los, komm!", Yoko packte Marino am Arm und zog sie mit sich. "Tschüß, Denis! Bis später!", rief sie über ihre Schulter zurück und lies ihn alleine stehen. Marino fragte sich, was plötzlich in sie gefahren ist? Erst hatte sie einen pubertären Flirtanfall gehabt und nun rannte sie vor ihm weg? Was war da los?

"Tut mir Leid, Marino, ich kann dir was sagen, aber ich lasse dir den Spaß. Es gib so viel anderes zu berichten, glaub mir. Aber es kommt erst später. Du musst es so erleben, wie es ist. Aber lass dich nicht von dem jungen Mann beirren. Du wirst erstaunt sein, was er auf dem Kasten hat. Wir sprechen uns morgen, das verspreche ich dir!".