Kapitel 6 Teil 4 „Young for Eternity“
Schneller, immer schneller. Das Mädchen rannte so schnell es konnte, es verließ sich ganz darauf, dass seine Beine es überall hintrugen, wohin es wollte. Aber wie lange konnte man unter diesen Umständen noch durchhalten? Schnaufend rannte Marino immer weiter. Sie war schon lange an ihrer Schule vorbeigerast, über die Straße rein in einen Feldweg, der ungefähr drei Kilometer entfernt von ihrem Haus war. Sie würde keinen Halt machen, egal ob sie vor Erschöpfung umkippen würde oder nicht. Nicht, bevor sie Lilac nicht gefunden hat. Plötzlich stolperte sie über einen Stein und fiel der Länge nach auf den steinigen Boden, wobei sie einige Meter weiter schlitterte und ihr gesamtes Gesicht inklusive der Hände und Kleidung aufschürfte, sodass sie innerhalb kürzester Zeit blutüberströmt und regungslos auf dem Weg liegen blieb. Alles ringsum war still, es war, als ob die Welt stehen geblieben wäre. Der Himmel, von dem bis noch eben die Sonne gnadenlos geschienen hat, zog sich langsam zu und es begann augenblicklich dunkler zu werden. Da lag sie nun. In ihrem Schlafanzug, den sie noch anhatte, weil sie eigentlich jetzt wegen ihrer Grippe im Bett sein sollte. Blutüberströmt, zitternd und alleine. Sie alleine mit der schrecklichen Ruhe der Umgebung.
"Sie hat was?", durchschnitt derweil eine laute Stimme die Stille im Haus der Kirschbaums. Yoko zuckte erschrocken zusammen und wich einen Schritt. Sie befürchtete jeden Moment irgendwo eine Glasscheibe klirrend zu bruch gehen zu hören. "Äh, ja...", begann sie zögerlich. "Was habt ihr bloß mit ihr gemacht, sie sollte doch Ruhe haben, verdammt noch mal!", schrie Marino´s Großvater das blonde Mädchen an, welches kaum ein Wort über die Lippen brachte. Die Sorge um ihre Freundin schnürte ihr regelrecht die Kehle zu. "Ich wollte nicht, dass sie wegrennt, ich weiß nicht, was sie dazu getrieben hat!", versuchte Yoko sich verzweifelt zu verteidigen. Ihr liefen die Tränen über ihr Gesicht und sie wünschte sich jetzt nichts sehnlicher als Marino wohlbehalten zurück zu haben. Sie wollte sie doch nur besuchen. Herr Kirschbaum musterte Yoko´s Gesicht. Sie war ein gutes Mädchen, das wusste er. Aber im Moment musste er sich ziemlich zusammenreißen. "Okay, okay", versuchte er sich und Yoko zu beruhigen. "Wir müssen sie jetzt unbedingt finden. Sie ist krank und muss ins Bett, sie sollte draußen nicht rumlaufen, vor allem, weil es geradeziemlich nach Regen aussieht", bemerkte der Opa nach einem kurzen Blick aus dem Fenster. Es war nicht mehr viel Blau vom Himmel übrig und Marino durfte in ihrem Zustand nicht unter Regen kommen. Er drehte sich langsam zu Yoko um. "Hast du eine Idee, wohin sie gerannt sein könne?", fragte er mittlerweile wieder ruhig. Yoko wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und schüttelte ihren Kopf. "Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich denke mal, sie wird kein bestimmtes Ziel haben", rede sie einfach drauf los. Während sie sprach, verkrampfte sich schmerzhaft ihr Herz, als sie bemerkte, dass die Situation ernster war, als sie sich vorstellen konnte. "Wir müssen sie suchen", bestimmte ihr Großvater und dirigierte Yoko nach draußen zu seinem Auto. "Du kommst mit, niemand kann besser wissen wo sie ist, als ihre beste Freundin". Yoko war froh helfen zu können, deswegen wehrte sie sich nicht.
Hitze. So heftige Hitze hatte sie noch nie zu vor in ihrem Leben gespürt. Alles brannte um sie herum. Egal wie sehr sie sich anstrengte, sie konnte alles nur verschwommen sehen, so, als ob sie durch dreckiges Glas schauen würde. Der Geruch von Tod stieg in ihre Nase. Sie fing an heftig zu zittern. "Nein... Nein, bitte nicht... Bitte hilf mir doch...", flüsterte sie immer wieder mit erstickter Stimme. "Keine Sorge. Ich bin bei dir. Ich war nie weg..."
