Per Anhalter durch Phantasién - stillgelegt

09.10.2006 um 20:40 Uhr

Fluchtpläne

Unruhig lief ich in dem düsteren Gästezimmer auf und ab. Mir musste irgendetwas einfallen. Es musste doch einen weg hier raus geben! Durch die Tür konnte ich nicht, die war trotz des erheblichen Alters viel zu stabil, als das ich schwaches Ding die hätte eintreten können oder so. Ich könnte natürlich aus dem Fenster abhauen, das wäre sogar ziemlich einfach, da genau davor ein großer Baum steht, an dem ich, mit etwas Glück, herunter klettern könnte. Doch was dann? Was, wenn ich draußen bin? In  die Stadt kann ich nicht. Das wäre so, als liefe ein Schwein freiwillig ins Schlachthaus, reiner Selbstmord. Aber wohin könnte ich flüchten? Ich kannte weder die Stadt noch das Land wo ich mich befand. Wer weiß, wann ich wieder auf  eine zivilisierte Stadt treffen würde und wenn ja, wer konnte mir garantieren, dass sich da nicht genau die selben Psychopaten und Monster rum trieben wie hier?

Vom vielen Nachdenken hatte ich Kopfschmerzen bekommen und Depris über die aussichtslose Situation. Komplett entmutigt ließ ich mich aufs Bett fallen und vergrub mein Gesicht in den weichen Kissen. Ich hätte auf der Stelle losheulen können. „Das kann doch alles nicht wahr sein! Wäre ich damals bloß nicht zu Möhrchen gegangen, oder hätte wenigstens am Strand auf Mephio gehört!", sagte ich halb wütend, halb traurig zu mir selbst. Gerade, als sich die ersten Tränen in meinen Augen sammelten, hörte ich plötzlich, wie sich jemand an der Tür zu schaffen machte. Ich saß prompt stocksteif im Bett und beobachtete mit angehaltenem Atem die Tür. Sie wurde geöffnet und Valants Dienerin erschien im Türspalt. Sie sah mich finster lächelnd an und trat in den Raum. Das Tablett, was sie auf einer Hand balancierte, stellte sie scheppernd auf dem kleinen Holztisch ab. „Hier, damit du uns nicht verhungerst.", sagte sie mit einer so eisigen Stimme, dass es mir eine Gänsehaut einjagte. „Du solltest es aber auch essen." Ich warf ihr einen missmutigen Blick zu. „Der Fraß schmeckt aber besch ....eiden schön.", rette ich mich noch schnell, da ihre Augen sich bei meinen Worten zu engen Schlitzen verengt hatten. „Und? Was kümmert mich das? Sei froh, dass du so was überhaupt bekommst.", sie schritt langsam auf das Bett zu. „Es füllt den Magen, sorgt dafür, dass du tief und fest schläfst, sodass du nicht mitbekommst, wenn wir uns an dir laben und es lässt deine Wunden schneller heilen. Wen kümmert also der Geschmack?" Sie stand nun direkt vor dem Bett, auf dem ich mit klopfenden Herzen und aufkeimender Angst saß. Ihr gieriger Blick gefiel mir ganz und gar nicht. Als sie sich mit ausgefahrenen Fangzähnen zu mir rüber beugte, hatte ich den rettenden Geistesblitz. „Ähm ... weiß Valant, dass du dich ..... an mir vergreifen willst?" Volltreffer! Sie stutzte und sah mich sauer an. „Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß.", kam dann aber die Antwort von ihr, geschmückt mit einem mörderischen Grinsen. „Und  .... und was w - wenn ich es ihm sage?" Sie legte mir eine Hand an die Kehle und drückte zu. „Sicher, dass du ihm das sagen willst? Oder besser gesagt dann noch kannst?" Ohne Erfolg versuchte ich mich ihrem eisernen Griff zu entwenden, doch sie drückte mir nun wirklich die Luft ab und ich sah bunte Lichter vor meinen Augen tanzen.

„Das würde ich an deiner Stelle nicht machen.", kam es plötzlich in strengem Ton von der Tür her. Schnell drehte sich die Dienerin zu ihrem Herrn um und ließ von mir ab. Röchelnd rieb ich mir den Hals und sah zu, wie Valant seine Dienerin grob aus dem Zimmer bugsierte und sie im Flur anschrie. Ich konnte nicht genau hören, was er sagte, denn er hatte die Tür wieder geschlossen. Dann war Stille. Komplett verunsichert und zitternd blieb ich einfach weiter auf dem Bett sitzen. „Das ist doch alles nicht wahr ...", flüsterte ich zu mir selbst, ehe mir die ersten Tränen über die Wangen liefen. Ich wollte einfach nicht mehr. Ich hatte genug von diesem Irrenhaus und der Aussicht auf ein Leben als Futterreserve.

Ich nahm das Kissen in die Arme, drückte es fest an mich und weinte es hemmungslos voll. Das ging ziemlich lange so, bis sich eine kalte Hand auf meine Schulter legte. Ich schrak sofort hoch und meine Brille, die eh schon total schief auf meiner Nase gehangen hatte, fiel runter auf den Boden. Valant bückte sich langsam, hob sie wieder auf und reichte sie mir. Zögernd nahm ich die Brille und setzte sie auf. Nicht das das viel gebracht hätte, denn durch den Tränenfilm hindurch sah ich so oder so alles nur verschwommen.

„Ich werde dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passiert, versprochen." Er sah mich reumütig an, doch ich spürte nur, wie Wut und Bitterkeit in mir aufstiegen. Ich verbiss mir aber meine Kommentare und wartete nur darauf, dass er endlich ging. „So etwas wird nie wieder vorkommen, verlass dich drauf!", dachte ich bei mir, denn dazu würde dieses Biest keine Gelegenheit bekommen. Finster sah ich Valant hinterher, der gerade die Tür schließen wollte, als sein Blick auf das Tablett fiel. „Iss etwas, das wird dir nach dem Schreck gut tun.", meinte er dann nur noch und verschloss die Tür. Ich schnaufte verächtlich. Natürlich hatte ich einen Bärenhunger, doch das Zeug würde ich bestimmt nicht anrühren. Die zwei Flaschen Wasser allerdings, die mit auf dem Tablett standen konnte ich gut gebrauchen, wenn ich erstmal draußen sein würde, denn mein Entschluss stand jetzt fest. Egal was mich da draußen erwartete, ich würde hier verschwinden, und zwar heute Nacht.

 

Ich packte alles zusammen, was ich gebrauchen könnte. Streichhölzer, Kerzen und auch die Handtücher aus dem Bad stopfte ich in meine kleine Tasche. Doch das würde natürlich nicht reichen. Jetzt war ich Valant doch glatt dankbar für diese Shoppingtour der etwas anderen Art. Neben den Klamotten hatte ich mir nämlich noch einen Rucksack mit genommen, den ich einfach todschick fand. Er war ziemlich groß, schwarz, mit viel Stauraum und mit Flicken und Ketten verziert. Er bot somit genügend Stauraum für eine dünne Decke, die immer am Fußende des Bettes gelegen hatte, die zwei Wasserflaschen und noch etwas Kleidung zum wechseln. Als ich gerade ein paar Wechselklamotten einpacken wollte, entdeckte ich meine zerflederte Jeans wieder. Schade um das gute Stück. Anziehen konnte man die jetzt beim besten Willen nicht mehr ...

Ich hatte mir noch einen Umhang, ein paar fester und hoher Stiefel, zwei Oberteile, die einzige Hose, die ich neben der, die ich gerade anhatte noch besaß, und ein Kleid, dass ich einfach nicht da lassen konnte eingepackt. Etwas wehmütig sah ich mir noch mal die schönen Kleidungsstücke an, die ich zurück lies, ehe ich in meine alten Stiefel schlüpfte und mir meinen Mantel anzog. Noch einmal tief durchatmend öffnete ich das Fenster und schulterte dann die Taschen. Ich angelte mit der rechten Hand nach einem dicken Ast des Baumes, doch wie erwartet war es doch etwas zu weit. Ich würde wohl oder übel springen müssen. Ich nahm mein bisschen Mut  zusammen und stieg auf das Fensterbrett. Trotzdem ich nicht unter Höhenangst leide und ich mich gerade mal im zweiten Stock befand, würde mir etwas mulmig zumute, als ich nach unten sah. „Es hilft ja nichts...", dachte ich seufzend und setzte zum Sprung an. Wieder erwarten landete ich sicher im Baum und fand auch sehr schnell Halt zum herunterklettern. Nicht mal zwei Minuten und ich war unten angekommen. Etwas stolz auf mich selbst sah ich mich um. Es brannte nur hinterm Küchenfenster, dass cirka zehn Meter entfernt von mir lag, Licht und ich konnte auch sonst keine weiteren Geräusche aus dem Haus wahrnehmen. Scheinbar war meine Flucht bis jetzt unbemerkt geblieben. Ich wollte mein Glück nicht herausfordern und nachsehen, ob jemand in der Küche sitzt, also schlich ich mich einfach davon. Weg vom Haus, in die entgegengesetzte Richtung zu Spuckstatt und weit ab von dem gepflasterten Steinweg hinaus in die ungewisse dunkle Nacht. 

08.10.2006 um 19:43 Uhr

Ich glaub, da schlürft wer ...

Mir ist schlecht. Kaum, da ich aufgewacht war und ich mich aufgesetzt hatte, wurde mir prompt schwindelig und schlecht. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht das Bett voll zu reihern. Und wieder hatte ich diese dumpfen Nackenschmerzen. Stöhnen schleifte ich mich vom Bett ins Badezimmer und wusch mir das Gesicht mit dem eiskalten Wasser aus einer Schüssel. Denn fließendes Wasser gab es hier nicht. Ich trocknete mir gerade das Gesicht ab und sah hinaus in die Dunkelheit, es musste noch sehr früh sein, als ich etwas seltsames in meinem Spiegelbild in der Fensterscheibe sah. Ich trat erschrocken zurück und meine Hand fuhr unwillkürlich an die Seite meines Halses. Ein Spiegel! Ich brauche einen Spiegel! Unruhig lief ich im Bad umher und suchte nach einem. Ich musste mich verguckt haben, dass konnte nicht wahr sein! Im Bad fand ich keinen Spiegel und begann zu fluchen. Überhaupt war mir aufgefallen, dass es in diesem Haus kaum Spiegel gab. Ich ging zurück ins Gästezimmer und stürzte mich förmlich auf die Kommode und den dort liegenden Handspiegel, den mir Valant geschenkt hatte.

Doch ich bekam wieder das selbe zu sehen. An der Seite meines Halses waren zwei kleine rote Einstichwunden, wie bei einem ... Eine Hand legte sich plötzlich auf meine Schulter und ich fuhr mit einem Schreckensschrei herum. Ich hatte niemanden hinter mir im Spiegel sehen können. Valant stand vor mir und sah mich erschrocken an. „Was ist denn los? Warum schreist du denn? Hab ich dich etwa erschreckt?" Er grinste wieder so komisch. Ich zitterte und versuchte unauffällig etwas von ihm weg zu gehen. „Ja, d- du hast mich erschreckt!" Mein herz hämmerte wie wild. „Wirklich? Das tut mir aber leid." Wieso bloß glaubte ich ihm nicht? Er schritt auf mich zu und ich wich automatisch zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wand stieß. Er blieb ganz dicht vor mir stehen und fing an, mit meinen Haaren zu spielen. „Ich will hier weg, ich will hier weg, ich will hie weg!!!!!", das waren meine einzigen Gedanken im Moment. Jetzt endlich hatte ich begriffen, was hier nicht stimmte und was Valant gestern in der Stadt damit meinte, dass man ´so was wie mich` hier nicht all zu oft sah.

Mein Herz hämmerte immer noch gegen meinen Brustkorb. Scheinbar kräftig genug, um es zu hören. „Hast du etwa plötzlich Angst vor mir?" Das war keine Frage, das war eine Feststellung. Sein kalter Atem schlug mir ins Gesicht. Ich fing sogar schon an, mich wieder nach dem Strand zu dem Werwolf zu wünschen, als Valant plötzlich zu lachen anfing. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Mein Hals war wie zugeschnürt. Er sah mich durchdringend an und grinste noch breiter, nur mit dem klitzekleinen Unterschied, dass diesmal zwei spitze Fangzähne seine obere Zahnreihe schmückten und seine dunklen Augen plötzlich rot waren. Meine Knie wurden weich wie Pudding und gaben unter mir nach, doch Valant packte mich bei den Schultern und drückte mich an die Wand, so das ich nicht zu Boden rutschen konnte. „Na na, wer wird denn gleich in die Knie gehen." Seine Augen wurden etwas schmaler, doch sein Grinsen blieb. Ich hörte, wie noch jemand das Zimmer betrat und warf hektisch einen Blich über Valants Schulter zur Tür. Seine Dienerin stand im Türrahmen und lehnte sich an ihn. Auch sie hatte ihre Fangzähne ausgefahren, Blickte mit einem kühlen Lächeln zu mir rüber und winkte mit den Fingern. Ich saß in einer Falle. Tränen schossen mir in die Augen und liefen heiß über meine bleichen Wangen. „Ich bin tot ..."

Valant warf seiner Dienerin einen scharfen Blick zu und fauchte sie an: „Lass uns allein!" Missmutig folgte sie seinem Befehl, trat aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Endlich löste er den eisernen Griff um meine Schultern und ließ mich zu Boden sinken. Ich blieb schluchzend auf meinen Knien sitzen. Valant hockte sich ebenfalls auf den Boden und streckte seine Hand nach meinem Gesicht aus. Ich zuckte sofort zusammen. Doch er wischte mir nur vorsichtig die Tränen aus dem Gesicht. „Du brauchst keine Angst zu haben.", sagte er leise und fast zärtlich. „Wenn ich dir hätte weh tun oder dich gar hätte töten wollen, hätte ich das doch schon längst tun können, oder?" Ich sah ihn ängstlich und irritiert an, nickte aber leicht. „Na siehst du, also keine Angst." Er begann zu lächeln und meine Tränen versiegten, aber die Angst blieb. Er fing wieder an, mit meinen langen braunen Haaren zu spielen. Ich schluckte schwer. „Ihr seid also ... Vampire?" Er lachte kurz auf. "Gut erkannt, Menschenkind." Seine Finger wanderten an meinem Hals hinunter zu den Bissspuren. „So etwas kostbares wie dich darf man nicht töten, es wäre eine Schande jemandem mit so gutem Blut aus zu löschen."

Er beugte sich mit dem Gesicht zu meinem Hals. Schlagartig  löste sich meine Starre und ich stieß ihn weg. Es hatte zwar nicht viel Wirkung, denn er fiel nur nach hinten, konnte sich aber mit den Händen abfangen. Um aufzustehen zitterten meine Beine noch zu sehr, also kroch ich auf allen Vieren an der Wand entlang Richtung Bett. Ich hörte, wie Valant kurz hinter mir auflachte. „Niedlich. Soll das etwa ein Fluchtversuch werden?" Er stand auf und ging mir gemächlich hinterher. Ich war am Bett angekommen und wollte mich an dessen Rahmen gerade hochziehen, als sich Valant vor mich kniete und meine Hand festhielt. „Vergiss es, Evastochter, du kommst hier nicht mehr weg. Aber ich werde es dir hier so angenehm wie möglich machen." Ich konnte nicht anders und fauchte ihn an. „Na schönen Dank auch, was nutzt mir das bitte? Ich werde so oder so als lebende Blutkonserve benutzt! Tolle Aussichten!" Er grinste nur weiter breit und präsentierte sein Gebiss. „Du wirst dich daran gewöhnen." Er beugte sich wieder zu mir hin ich legte meine freie Hand um meinen Hals und wandte mich mit geschlossenen Augen von ihm ab. Doch er biss mich nicht. Viel schlimmer, er gab mir einen Kuss auf die Wange. Verdutzt sah ihn an, doch er war schon aufgestanden und hatte sich Richtung Tür gedreht. Ohne ein weiteres Wort verlies er das Zimmer und ich hörte, wie ein Schlüssel in deren Schloss umgedreht wurde. Ich war eine Gefangene.

08.10.2006 um 09:14 Uhr

Im Traum befangen

Stimmung: Wechselnd
Musik: Demo (Letzter Tag) von Herbert Grönemeyer

Ich hänge über einem tiefen Abgrund, die Hände nach oben gestreckt. Gefährlich baumeln meine Füße in die gähnende Leere unter mir hinein, während alles was mich hält ein Baum ist, der es geschafft hat sich mit seinen Wurzeln in den staubig-grauen Fels zu bohren. Meine Hände umklammern einen der Äste und ich verliere den Glauben, diese Position noch lange durchhalten zu können. Zwar habe ich einen festen Griff, aber die Schwerkraft scheint immer unerbittlicher an mir zu zerren - wie ein kleines Kind an seiner Puppe.

Ich klammere mich weiter fest, fühle wie die Kraft langsam aus mir weicht, aber gebe nicht auf. Ich will nicht sterben. Zumindest nicht nach einem langen Fall... Ich blicke hoch zu dem Ast, an dem ich mich festhalte, und stelle plötzlich fest, wie dünn er ist. Noch im selben Moment knackst es unheilvoll und ich fühle die Luft um mich herum schlagartig nach oben brausen, während der Baum über mir in der Unendlichkeit verschwindet. Mein Sichtfeld wird wieder schwarz.

 

Geweckt werde ich von einer ganz sachten Berührung an meiner Wange. Ich blinzle verschlafen und schaue aus halboffenen Augen durch den Schleier meiner Müdigkeit nach oben. Meine beste Freundin lächelt mich an, richtig liebevoll strahlen ihre blauen Augen. Und ich muss ebenfalls lächeln bei dem Anblick, zufrieden mit uns und der Welt. "Gdn Morgn...", nuschle ich verpennt und kuschle mich einfach bei ihr an, statt aufzustehen. Sie lacht und während ich nochmal entspannt die Augen schließe, höre ich ihre Stimme wie aus weiter Ferne: "Aufstehen..."

 

"Aufstehen!" Plötzlich schubst mich jemand unsanft aus dem Bett und ich lande auf dem Boden. "Aua!", kommentiere ich und blicke über die Bettkante nach oben. Dort steht tatsächlich ein Mann mit goldblonden Locken, gehüllt in einen fliederfarbenen Umhang, und strahlt mich mit einer unerträglichen Form der guten Laune an. Ich blicke nur halbentsetzt zurück. "Was machen Sie in meinen Räumlichkeiten, Gilderoy?!", frage ich mit undeutbarer Stimme und hiefe mich an meinem Bett hoch. Mein erster Blick geht an Gilderoy Lockhart,meinem Lehrerkollegen an Hogwarts, vorbei in den mannshohen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Prüfend schaue ich mir in die grauen Augen und streiche mir eine unverschämte weiße Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor ich mich zu meiner vollen Größe ausrichte und den eifrig plaudernden Gilderoy unterbreche. "Sehr interessant, Herr Kollege, es würde mich freuen beim Frühstück mehr davon zu hören. Aber nun würde ich mich gerne umziehen" Mit diesen Worten habe ich meine Hand bereits auf seinen Rücken gelegt und ihn sanft aber bestimmt zur Tür und hinaus geschoben. Einige Schüler sehen mich etwas verdutzt an, weil ich noch im Pyjama dastehe - so sind sie ihren Tanzlehrer, den sonst so sorgsam gekleideten Phineas Phoney, nicht wirklich gewohnt.

 

to be continued... 

07.10.2006 um 21:16 Uhr

Man lernt nie aus.

Stimmung: Gedämpft, Innerlich "aufgegeben"

Ich glaube mein Hirn ist eingefroren. Denken funktioniert nicht mehr richtig. Zwar kann ich es noch, aber meine ganze geistige Fähigkeit beschränkt sich auf den Gedanken: Kalt.

Kalt. Beim Einschlafen kalt. Bein Aufstehen kalt. Beim Fertigmachen kalt. Ich stelle sogar fest, dass meine Körperhygiene mir urplötzlichsonstwo vorbeigeht, allein aufgrund des Faktes, dass es so wahnsinnig kalt ist. Kalt genug, um Wasser zwar nicht zu hassen, dafür aber zu fürchten und peinlich genau zu meiden. Sogar davor, zu trinken habe ich Angst. Davor, dass die Flüssigkeit auf dem Weg in meinen Körper oder daraus heraus gefrieren könnte. Ich hab keine Lust darauf, an einem Eiszapfen zu ersticken.

 

Meine Laune wird auch durch das Feuerchen nicht besser, das Hynreck, der Teufel weiß wie, zustande gebracht hat. Die wärmende Ausstrahlung der Flammen versagt an der klammen Feuchtigkeit, die bis in meine Knochen vorgedrungen ist und meine Hände steif und unbeweglich macht. Auch unsere vierbeinigen Begleiter fühlen sich unwohl - sind sie doch die Wiesen um die Silberstadt herum gewohnt gewesen, auf denen für gewöhnlich die Sonne schien. Aber damit dürften sie immer noch deutlich abgehärteter sein als ich, das verweichlichte Stadtmöhrchen.

Umso erleichterter bin ich diesmal, als Hynreck eifrig zum Aufbruch bläst. Hetze hin oder her, Bewegung hilft gegen Kälte, und davon gibt es mehr als genug. Kein Wunder, dass mein sonst berittener Freund heute seine Beine denen des Pferdes ebenfalls vorzieht und wir alle gemeinsam über das kalte, schwarze Gestein traben.

 

Wie lange wir schon gegangen sind, kann ich gar nicht sagen. Die Tageszeit lässt sich nicht am Wetter bestimmen und der Weg, den wir genommen haben, nicht an unserer Umgebung. Beides bleibt immer gleich und der monotone Anblick von schwarzen Kratern und grauweißen Wolken gibt mir das zusätzliche Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Resignation. Ich weiß plötzlich gar nicht mehr was schlimmer ist - weiterzulaufen oder... Doch mit einem Kopfschütteln hole ich mich aus diesen Gedanken wieder zurück und schiele auf den Kopf des Vogels hinunter, der sich noch immer an meiner Brust befindet.

Langsam frieren die Gedanken so weit ein, dass auch das letzte Wort aus ihnen verschwindet. Ich starre nur noch vor mir auf den Boden, um meine Beine zu jedem Schritt zu zwingen, während hinter und vor mir Hufe auf den Fels klappern. Mein Atem hängt vor mir in der Luft und ich habe das Gefühl, gegen einen Eischleier zu laufen, wenn ich ihn passiere. Langsam gerate ich in eine Art Trance. Vor meinen Augen flimmern Bilder auf. Von Zuhause. Ich sehe mich mit Mama Pilze sammeln und Plätzchen backen. Oder auf der Treppe im Schulhaus neben meinen Freundinnen sitzen. All die Menschen, die ich liebe, ziehen in glasfensterhaften Bildern an mir vorbei und plötzlich schreien mir innere Stimmen zu, dass ich sie nie wieder sehen werde. Nie mehr. Weil ich ewig durch diese Kälte wandern werde. Ewig über diesen schwarzen...

 

Mit einem Mal trete ich in etwas Weiches, Wärme breitet sich in meinem Fuß aus und die Bilder zerfallen, weil die schwarze Eintönigkeit von etwas anderem gebrochen wurde.

Weiß.

Erstaunt starre ich auf das eine Bein, das im Schnee steht. Langsam hebe ich dann das andere, um es ganz langsam ebenfalls in die weiche, helle Masse zu senken. Das charakteristische Knirschen erklingt, das ich über alles liebe. Ich trete noch ein paar Mal auf der Stelle, um es nochmal und nochmal zu hören. Unfassbar. Schnee. Immer noch mit großen Augen blicke ich zum grauweißen Himmel auf, gegen den sich nun einige Flocken abheben, auf uns zu kreiselnd. Mir fliegt eine in die Augen und ich muss sie kurz zukneifen.

 

Hynreck hat es offenbar ebenfalls die Sprache verschlagen. Stumm steht er neben mir, als ich ihm einen Blick zuwerfe, und starrt in die Ferne. Ich mache es ihm nach und sofort steigt auch in mir das Gefühl einer Depression wieder hoch. Der schwarze Fels hatte sich wenigstens vom Himmel noch abgehoben. Nun, wo der Schnee ihn bis zum Horizont bedeckte, konnte man diesen nicht einmal mehr sehen. Alles war weiß, Himmel und Erde verschmolzen einfach zu einer blendend hellen Einheit.

Patáplan tritt neben mich. Auch er hebt sich von der Umgebung kaum ab, mit seinen hellen Schwanenflügeln und seinem weißen Fell. "Ich will hier nicht weiter, glaube ich", sage ich vorsichtig und etwas erschöpft. Doch Hynreck schenkt mir nur einen - zum ersten Mal - kalten Blick aus seinen blauen Augen. "Ihr selbst habt von mir verlangt, Euch mitzunehmen.", sagt er nur ruhig und ich nicke. In Büchern gehen all diese Strapazen des Weges meist unter, den die Helden nehmen. Da heißt es nur "Und er lief drei eiserne Paar Schuhe durch" oder "Er reiste bis ans Ende der Welt." Wenn die Bücher dann wieder ins Detail gehen, ja dann, dann ist von Sternenklöstern die Rede, von silbernen und goldenen Wäldern oder gläsernen Palästen. In Büchern liest man oft nur die angenehmen Seiten des Abenteuers. Auch ich habe die negativen vergessen. Denn ja, die werden auch beschrieben. Aber vor allem das Gute bleibt im Gedächtnis zurück und man bekommt Sehnsucht danach.

Als Hynreck mit einem tiefen Atemzug Luft in seinen Körper pumpt und kraftvoll durch die weiße Decke ausschreitet, dauert es ein paar Sekunden, bis ich ihm folge. Doch als ich es tue, fühle auch ich mich stärker. Ich habe bekommen, was ich wollte: Ein Abenteuer. Und dazu gehören eben auch die durchgelaufenen Eisenschuhe oder das kaltschwarze Felsgestein. Aber ich habe mich dafür entschieden. Patáplan bleibt sogar noch etwas weiter zurück als ich, bevor er sich in Bewegung setzt. Er ist inzwischen besonders still geworden - was mich nicht wundert, denn bei der Kälte muss man fürchten die Zunge fröre einem fest, öffnete man den Mund.

 

Doch nach einer Weile verfliegt mein Enthusiasmus wieder. Weiß umgibt uns längst nach allen Seiten - selbst wenn ich wollte, könnte ich jetzt nicht mehr zurückfinden. Und es fällt mir schwer, Hynreck im ständig stärker werdenden Schneegestöber zu folgen. Rufen will ich nicht nach ihm. Meine Nörgelei vorhin ärgert mich im Nachhinein schon viel zu sehr, nun will ich ihm beweisen, dass ich es doch schaffe. Verbissen stemme ich mich gegen eine Windböe, die mich direkt vorher fast umgeworfen hätte, und fröstle. Inzwischen fühlt sich der Schnee wieder kalt an, obwohl er wärmer zu sein scheint als das darunter liegende Felsgestein. Die Kälte und das viele Weiß gibt mir den Eindruck, fast blind zu sein. Und der lange Marsch mit beidem kombiniert macht mich unsagbar müde. Schon strauchle ich das erste Mal, weil meine Beine so steif und schwer geworden sind, dass ich selbst über den Schnee stolpere. Ich traue mich aber auch nicht, meine Hände aus den Achseln zu nehmen, wo ich sie zwecks Wärmung vergraben habe, um nach meinen Waden zu greifen. Warum zieht sich der Tag heute nur so ewig hin? Ich wünschte, es wäre Abend, und Hynreck würde uns das Lager aufbauen. Hynreck. Ich blinzle in den Schnee. Er ist weg. Ich sehe weder ihn noch das Pferd. "Hynreck?!" Oh nein, nicht schon wieder. Ich bemühe mich, schneller zu gehen, obwohl meine Beine zittern und mich kaum gegen den schneereichen Wind ankommen lassen wollen. "Hynreck!" Durch den dicken weißen Schleier kann ich mühsam zwei Gestalten erkennen. Anscheinend ist das Pferd zusammengebrochen und er versucht es hochzuziehen.

Ich kämpfe mich näher an die beiden heran, stelle mich zu ihm und ziehe mit an den Zügel. Der Schwarze sträubt sich mit müden Augen. Aber er darf hier nicht schlafen. Das dürfen wir alle nicht. Langsam finden Hynreck und ich einen gemeinsamen Takt, in dem wir ziehen. Doch ich spüre, wie unser beider Kräfte schwinden, egal, wie sehr wir uns reinhängen. Es ist gar nicht mehr das Pferd, gegen das wir ankämpfen. Es ist unser eigener Wunsch, uns einfach in den Schnee zu legen, zusammenzurollen und einzuschlafen. Weg von der Kälte, weg von der graußweißen Hölle um uns herum. Einfach nur friedlich schlafen. Doch in unseren Herzen schreien Stimmen dagene an, die leben wollen. In Hynreck wird es sicher der Wunsch sein, Oglamar zu retten. In mir ist es der, zurückzukehren. Meine Freunde wiederzusehen. Meine Mutter in den Arm zu nehmen. Und... da ist noch jemand. Die Konturen eines Gesichtes tauchen vor meinem inneren Auge auf, ein Gesicht, dass mich liebevoll anlächelt. Und dieses Lächeln, ein wenig verschmitzt, lässt mein Herz sofort schneller schlagen, mich ruckartig fester ziehen. Ich kenne dieses Gesicht aus meinem Leben vor Phantásien - ich sehe es immer wieder vor mir. Aber ich kann mich selbst mit aller Kraft nicht daran erinnern, woher und warum. Ich muss es herausfinden. Muss. Muss!

 

Ich ziehe mit all der mir verbliebenen Kraft, was überraschend viel zu sein scheint. Neben mir sehe ich aus dem Augenwinkel Hynreck in den Schnee fallen, auf die Knie, und den Kopf senken. Seine Hände ballen sich im Schnee zu Fäusten, während ich die Zügel loslasse und versuche, mich auf den Beinen zu halten. "Nicht du auch noch!", brülle ich ihn an. "Nicht DU auch noch! Steh auf!" Das höfliche Ihr der Märchenwelt ist mir plötzlich genauso egal wie mein Wissen um das Gewicht der Metallrüstung, die er trägt. Und das der Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet. Dabei weiß ich selbst, wenn ich mich auch nur hinhocke, werde ich selbst nicht mehr die Kraft haben aufzustehen. "Steh auf!" Panisch trete ich gegen seine Rüstung. Er reagiert nicht. "Wenn du nicht weitergehst, was wird dann aus mir, du Egoist?!", brülle ich und halte nur mit Mühe die Tränen zurück. Sie könnten auf meinem Gesicht gefrieren.  "Du wolltest mich beschützen! Hast du das vergessen? Antworte!!" Meine Stimme klingt erstickt und langsam verlässt mich die Kraft. "Sag was! Was wird dann aus Oglamar?! Aus Patáplan?!" Mit Schrecken fällt mir ein, was Jicha gesagt hat. Dass Patáplan sterben würde. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag - habe ich ihn umgebracht? Ist er hinter uns im Schneesturm liegengeblieben? In mir rasen tausende Gedanken herum, während der Schnee um mich herum tobt und meine Erschöpfung und mein Überlebensinstinkt verbissen miteinander ringen. Im Buch stand, dass Hynreck es zu Smärg schafft. Im Buch stand, dass Patáplan ein großes Abenteuer erlebte. Habe ich den Lauf der Dinge verändert, den Bastian für sie vorsah? Habe ich zerstört, was er erschuf?

Der Schnee flimmert vor meinen Augen und Hynreck und die Welt um mich herum rücken mit einem Mal weit von mir ab. Wie in einem Film sehe ich den Schnee auf mich zuwachsen, sehe Hynrecks ausdrucksloses Gesicht, das sich über mich beugt, und wie das Bild langsam verschwimmt und Schwärze weicht. Ich habe das Gefühl, etwas würde mich aus meinem Körper ziehen. Doch Kraft meines sturen Willens balle ich eine Hand zur Faust und kann mich an etwas festhalten. Es ist kalt und fühlt sich metallen an, aber die Bewegung scheint mich und meinen Körper aneinander zu halten, während ich in eine vertraute Traumwelt versinke.

07.10.2006 um 18:42 Uhr

Willkommen in Spukstadt

Irgendetwas kitzelte an meiner Nase. Ich öffnete die Augen. Valant saß neben meinem Bett und lachte. „Endlich wach?" Er hielt eine schwarze Feder in der Hand. Ich rieb mir schlaftrunken die Augen und nickte. „Dann komm, lass uns in die Stadt gehen und bessere Kleidung für dich suchen."

Valant, das war der Blondschopf, der mich vor Mephio gerettet hatte. Er hatte mich mit zu sich nach Hause genommen. Er wohnte gar nicht so weit vom Strand entfernt. Wäre ich damals anstatt nach links nach rechts gerannt, wäre ich schon nach wenigen Metern auf eine Steintreppe im Fels gestoßen, die oben zu einem gepflasterten Weg wurde, der an Valants Haus vorbei führte.

Er hatte mir erzählt, dass er zur Oberschicht im Gelichterland zählte und außerdem um ein paar Ecken mit einer gewissen Gaya verwandt war, die hier herrschte. Daher stand er unter ihrem Schutz und war somit für `Ungeziefer aller Art`, wie er es betitelte, unantastbar. Hätte es Mephio jedoch trotzdem gewagt, ihm etwas anzutun, hätte Gaya dafür gesorgt, dass er verfolgt und für seine Tat zur Rechenschaft gezogen würde. Jetzt wusste ich wenigstens so ungefähr wo ich war, im Gelichterland. Sagte mir zwar rein gar nichts, aber egal. Valant besaß ein großes Grundstück mit einem zweistöckigen, meiner Meinung nach verdammt unheimlich wirkendem Haus und eine Wohnung im nahegelegenen Spukstadt. Es schien ihm Spaß zu machen, mit seinem Reichtum zu prahlen, aber ich ließ das Gefasel über mich ergehen, schließlich beherbergte und bewirtschaftete er mich.

An dem Tag, wo er mich mehr oder weniger `befreit` hatte, gab er mir als erstes Kleider von seiner Dienerin zum anziehen und zeigte mir dann stolz sein Grundstück. Ich musste mich anfangs erst daran gewöhnen, in diesem langen Kleid zu laufen. Normalerweise trage ich nur ungern Röcke und Kleider, aber in dem Moment war alles an Kleidung, was trocken und warm war recht. Ich freute mir fast ein Loch in den Bauch, als ich nach fünf Tagen endlich wieder ein voll ausgestattetes Badezimmer vorfand. Mit voll ausgestattet meine ich mit funktionierendem Klo und Klopapier. In den Tagen am Strand hatte ich immer Taschentücher benutzen müssen, wenn ich mich in einer Ecke des Vorsprung erleichtert hatte ...

Gegen Abend ließ er dann ein wahres Festmahl mit vier Gängen für mich anrichten. Ich war danach so satt wie in meinem ganzen Leben noch nicht, obwohl ich zugeben muss, dass das Essen etwas gewöhnungsbedürftig war. Anscheinend mochten die Leute hier bittere Sachen äußerst gerne. Komischerweise aßen weder Valant noch seine Dienerin etwas. Nach dem Essen führte mich seine Dienerin in eines der Gästezimmer und machte sich daran, meine Wunden zu versorgen. Auch sie war mir nicht ganz geheuer. Sie hatte langes schwarzes Haar und sehr blasse Haut, noch blasser als Valants. Außerdem hatte sie noch kein einziges Wort mit mir geredet. Ich überlegte schon, ob sie stumm war, doch als Valant dann später ebenfalls ins Zimmer kam, um mir eine gute Nacht zu wünschen, fing sie an, sich mit ihm über irgendwelche Vorräte zu unter halten.

Gestern war auch wieder ein recht seltsamer Tag. Nachdem ich aufgestanden war, fand ich in der Küche ein für mich hergerichtetes Frühstück, doch weder Valant noch seine Dienerin waren irgendwo zu sehen. Nachdem ich ein wenig gegessen hatte (das Essen schmeckte wieder etwas merkwürdig ), fing ich an, die beiden zu suchen. Mir gefiel der Gedanke nicht, allein in diesem Haus zu sein. In der Obersten Etage, wo auch mein Zimmer lag, war niemand zu finden und das sie auf dem Dachboden waren, hielt ich für unwahrscheinlich. Auch im Erdgeschoss war niemand zu finden, außer ein paar Spinnen in einem scheinbar ungenutzten Arbeitszimmer. Hier gab es auch zwei verschlossene Türen, wahrscheinlich die Schlafzimmer der Beiden. Dann Blieb eigentlich nur noch der Keller, doch schon als ich vor der Kellertür stand bekam ich eine furchtbare Gänsehaut. Ich war halt immer noch ein Hasenfuß, deshalb gab ich meine Suche auf und ging wieder in das Gästezimmer. Ich legte mich aufs Bett und versuchte einzuschlafen. Gar nicht so einfach, wenn man ängstlich ist. Ich musste dann doch irgendwann eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte war es schon wieder stockfinster draußen. Mir war sowieso schon aufgefallen, dass die Sonne hier nie richtig aufging. Kein Wunder also, dass mein Gastgeber und seine Dienerin so blass waren. Als ich mich aufsetzte hatte ich furchtbare Nackenschmerzen, doch als ich mir gerade mit den Händen den Nacken massieren wollte fiel mir auf, dass die Verbände ab waren. Ich stutzte als ich meine Handflächen sah. Sie waren komplett verheilt. Seltsam. Ich sah nach meiner Wunde am Bein und siehe da, auch die war verheilt. Was hatte sie mir da bloß auf die Verbände geschmiert? Moment ... sie hatte da gar nichts rauf getan, nicht mal eine Salbe oder so. Mich fröstelte es. Irgendwas war hier hundert pro nicht in Ordnung. Ich hörte Geräusche aus der Küche und als ich nachsah, saßen sowohl Valant als auch seine Dienerin am Tisch und plauschten. Als ich kam, machte sie mir schnell etwas zu essen, während ich Valant darüber ausfragte, wo sie denn gewesen waren. Er behauptete, sie hätten Besorgungen in der Stadt gemacht.

Und genau dorthin wollte er mich heute mitnehmen. Als er das Zimmer verlassen hatte, machte ich mich schnell zurecht. Er wollte eigentlich noch, dass ich Frühstücke, doch ich lehnte dankend ab. Ich hoffte, ich würde in der Stadt etwas finden, das genießbarer war.

Wir brauchten keine zehn Minuten, da kamen schon die Lichter von Spukstadt in sicht. Durch das Zusammenspiel von Lichtern und Nebel, machte die Stadt einen unwirklichen und beunruhigenden Eindruck. Wo war ich bloß gelandet? Aber egal, wenigstens gab es hier Zivilisation. Die Stadt war von einer hohen steinernen Mauer aus dunklen Ziegeln umgeben, wobei sie an manchen Stellen schon Löcher und Risse hatte, was mich irgendwie an eine verlassene Geisterstadt erinnerte. Passte aber perfekt zum Namen, Spukstadt. Das hier war wirklich die beste Gegend, in die ein Hasenfuß wie ich hätte geraten können. Ich rückte ein Stückchen näher an Valant heran. Anfangs liefen wir durch scheinbar leere Gassen, obwohl ich schwören könnte, ab und zu seltsame Schatten hin und her huschen gesehen zu haben. Erst als wir uns dem Zentrum der Stadt näherten, sah ich öfter mal Leute um uns herum. Und allesamt starrten mich immer so komisch an ... Dabei sahen sie selbst komplett merkwürdig aus. Scheinbar gab es in der Stadt nur zwei Arten von Frauen. Einmal junge, wunderschöne Damen, die verdammt anziehend wirkten, selbst für eine Frau, und dann wieder alte, hässliche und runzlige Omis, die alle voll den Psychoblick drauf hatten. Nur ganz selten sah ich Frauen, die Valants Dienerin ähnelten. Auch die Männer sahen alle .... na ja, halt komisch aus. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, jedenfalls „normale" Menschen waren hier nirgends zu entdecken. Vielleicht irritierte mich auch einfach die seltsame, mittelalterliche, gothic- oder punkmäßig angehauchte Kleidung, die hier wirklich alle trugen. Das heißt aber nicht, dass der Kleidungsstil hier mir nicht gefallen hätte. Ganz im Gegenteil, jetzt konnte ich es kaum erwarten mir irgendwo etwas in dieser Richtung auszusuchen. Ich war ganz in Gedanken, als ich plötzlich an der Schulter gepackt und nach hinten gezogen wurde. Ich war überrascht, als ich bemerkte, dass mich nun eine Schar von diesen alten Omis umringte. Mir wurde ganz mulmig. „Tatsächlich!", hauchte eine von ihnen. „Seht ihr, ich hab es euch doch gesagt!" Sie fingen an, mir in die Harre zu fassen und mich von oben bis unten zu inspizieren. „Sag mal mein Kind, du würdest mir nicht zufälliger Weise etwas Blut spenden, oder einen Finger?" Die Oma sah mich listig mit ihren wässrigen, blutunterlaufenden Augen an und auch in den Augen der anderen flackerte die Gier auf. „Bitte was?!" Ich versuchte, mich loszueisen, doch sie hatten sich zu dicht um mich gestellt. „Nix is! Ich hack mir doch nicht die Finger ab! Was seid ihr denn für Psychos?" Ich bekam langsam Panik „Meine Damen bitte! Lassen sie meinen Gast in Ruhe. Wir sind lediglich zum einkaufen in die Stadt gekommen." Valant schob die alten Frauen bei Seite und zog mich am Arm aus deren Mitte. Sofort klammerte ich mich an seinen Arm. „Danke.", sagte ich leise und mit zitternder Stimme zu ihm. Er lächelte mich an und wir gingen, ohne den weiter auf die meckernden Alten zu achten weiter. „Ich hätte dich vorwarnen sollen. So etwas wie dich gibt es hier nur sehr selten zu sehen, deshalb starren dich auch alle an." Er sah mich nicht an als er sprach, sondern suchte auf der anderen Straßenseite scheinbar nach etwas oder jemandem. „Wie, so was wie mich?" Ich verstand nicht, was er meinte. Natürlich waren hier alle etwas verquer, doch so ganz normal war ich doch eigentlich auch wieder nicht, jedenfalls war das zu Hause so. „Du wirst noch früh genug merken, was ich meine ..." Okay, der Ton gefiel mir ganz und gar nicht. Dennoch hielt ich mich weiter an seinem Arm fest. Das schien ihn auch ganz angenehm zu sein, denn er legte seine frei linke Hand auf meine Hände. Da merkte ich erst, wie kalt seine Haut eigentlich war. Ich weiß nicht wieso, aber plötzlich musste ich an den Film „Dracula" denken. Mich fröstelte es und wieder bekam ich eine Gänsehaut. „Keine Angst, wir sind gleich da." Toll, nur warum erleichterte mich das nicht im geringsten?

Ich kriegte mich vor Begeisterung nicht mehr ein. Wie ein kleines Kind im Spielzeugladen huschte ich von einem Kleiderständer zum nächsten und betrachtete mit großen Augen die Kleider die an ihnen hingen. „Und ich darf mir aussuchen, was ich will?" Mit großen Augen sah ich rüber zu Valant, der sichtlich amüsiert über meine Begeisterung lässig an der Wand lehnte und mich beobachtete. „Sicher, nimm dir mit, was dir gefällt."

Der Laden war sehr dunkle gehalten und die einzigen Lichtquellen waren Kerzen. Tausende von Kerzen, die überall im Laden standen. Es roch nach Filz, Staub und Rauch, doch die ganzen Klamotten ließen mich das vergessen. Ich streifte weiter durch die Kleiderständer und Regale. Alle Sachen hier sahen, wie schon bei der Kleidung der Bewohner erwähnt, etwas seltsam aus, aber gerade das gefiel mir. Und ich durfte mir aussuchen was ich wollte! Sofort wurde das Grinsen auf meinem Gesicht noch breiter. „Also, such dir was nettes aus. Ich mach noch ein paar Erledigungen in der Stadt und hole dich dann so in zwei Stunden wieder ab, in Ordnung?" „Hmhm." Ich achtete gar nicht mehr wirklich auf ihn.

Als Valant mich dann wieder abholte, hatte ich zwei Tüten mit Klamotten in der Hand. Er betrachtete sie und sah mich verwundert an. „Wie, mehr wolltest du nicht?" Er sah auch zur Verkäuferin, die nur mit den Schultern zuckte. Ich lächelte etwas verlegen. „Nein, das sind die Sachen, die mir am besten gefallen haben. Ich will dir schließlich nicht das ganze Geld aus den Taschen ziehen." Valant grinste wieder so komisch. „Wie nachsichtig von dir. Na dann, ab nach Hause mit uns." Nach Hause ... Sehnsucht kam in mir hoch. Und dann wurde mir klar, dass ich hier nicht bleiben konnte. Ich musste einen Weg nach Hause finden. Valant bemerkte meinen trüben Blick und sah mich durchdringend an. „Was ist?" Ich schrak aus meinen Gedanken. „N-nichts!", stammelte ich und verließ mit ihm den Laden.

Auf dem Weg zu seinem Haus, fiel mir wieder das eklige Essen ein, das seine Dienerin wahrscheinlich wieder für mich gemacht haben würde. Ich schauderte abermals. Nein, heute würde ich ohne Abendbrot ins Bett gehen.