Der Deutsche Lehrerverband Hamburg zur Bildungs- und Schulpolitik

25.05.2005 um 13:50 Uhr

DLH zur De-Facto-Schließung der Staatl. Fremdsprachenschule in Hamburg

Sparbeschluss: Tod der  Staatlichen Fremdsprachenschule auf Raten!
Ende voriger Woche ist der Staatl. Fremdsprachenschule (SFS, H 15) die Entscheidung der Senatorin mitgeteilt worden, die seit über 40 Jahren bestehende einjährige Berufsfachschule für die kaufmännische Assistenz, Fachrichtung Fremdsprachen für Abiturienten zu streichen. Diese Entscheidung trifft die Schule ins Mark, da sie die Kernkompetenz Berufsbildung in Verbindung mit einer Sprachausbildung in den 3 Fremdsprachen Englisch, Französisch und Spanisch betrifft. Die verbleibende Berufsausbildung kfm. Assistenz für Realschüler sieht nur die 2 Fremdsprachen Englisch und Französisch vor.

Thomas Schuback (Vorstand DLH) kritisiert vehement diesen in vieler Hinsicht einmaligen Vorgang: „Der Sparbeschluss ist frauen- und innovationsfeindlich, unsozial und wird falsch begründet. Da die Kernkompetenz der Schule betroffen ist, bedeutet dies praktisch die Schließung der Schule. In Hamburg wird mehr und nicht weniger Fremdsprachenkompetenz benötigt.“

Hohe Anmeldezahlen

Thomas Schuback: „Die gestiegene Zahl der Anmeldungen spricht eine eindeutige Sprache. 2005 ist die Zahl der Anmeldungen um 35 % auf ca. 220 gestiegen. In der Berufsbildung kennt die Senatorin offensichtlich andere Gesetzmäßigkeiten als sie sonst für Schulen gelten: Hier soll eine Schule geschlossen werden, obwohl es mehr und nicht weniger Anmeldungen gibt.“

Hoher Praxisbezug

Olaf Krüger, seit ca. 30 Jahren Lehrer an der SFS u. stellvertr. Vors. kfm. Schulen DLH, verweist auf den Praxisbezug der Assistenzausbildung: „Die Ausbildung beinhaltet ein Praktikum und es wird in Lernfeldern unterrichtet. Das hohe Niveau der Absolventen in den Fremdsprachen wird gerade bei den Abiturienten international anerkannt. Die Schülerinnen weisen jedes Jahr durch herausragende Facharbeiten, in schulinternen und -externen Prüfungen (z. B. Prüfungen der ausländischen Handelskammern London, Paris und Madrid) ihr hohes Leistungsvermögen nach. Die Assistenz-Ausbildung an der SFS muss als berufliche Ausbildung sui generis angesehen werden.“

Kfm. Assistenzausbildung für Abiturienten von der Wirtschaft nachgefragt

  • Sowohl im Rahmen der Praktika als auch bei Kooperationen mit Unternehmen zeigt sich, dass die Ausbildung sehr hohe Kompetenzgrade schafft, welche exakt zu den Erfordernissen der Wirtschaft passen.
  • Angesichts zunehmend globalisierten Wirtschaftens steht die Notwendigkeit, vermehrt sprach- und wirtschaftskompetente Assistenten/Assistentinnen auszubilden, außer Frage. Dieses Profil wird von der SFS in Richtung interkulturelle Kompetenz weiterentwickelt.
  • Der Bildungsgang genießt belegbar seit 40 Jahren traditionell hohes Ansehen, wird ständig reformiert und hat bisher die hohe Qualität des Hamburgischen Bildungswesens repräsentiert. In anderen Bundesländern wurden erst wesentlich später ähnliche Bildungsgänge ins Leben gerufen.

Einseitige Argumentation und alternative Sparmöglichkeiten

Thomas Grundt (Vorstandsmitgl. kfm. Schulen DLH) äußert sein Unverständnis, dass die Senatorin so rigoros eine berufliche Schule einem vermeintlichem Sparziel opfert, ohne den Spareffekt auf Stichhaltigkeit  oder auf Alternativen hin zu prüfen: „Die Senatorin hat mit dem neuen Berufsbildungsgesetz seit April 2005 die Möglichkeit, die kfm. Ausbildung  zur Assistentin bzw. zum Assistenten bei einer anschließenden kfm. dualen Berufsausbildung anrechnen zu lassen. Auf diese Weise wäre der Sparbeitrag zum Haushalt der FHH gesichert. Andererseits ist es verständlich, dass Jugendliche, die studieren wollen,  vor einem Studium eine Berufsausbildung ergreifen, und wenn dies nicht mehr 1-jährig möglich ist, die Alternative einer dualen Berufsausbildung wählen dürften, selbst wenn diese dann z. B. 2 ½ Jahre dauert. Ich halte diese Verhaltensweise für rational und volkswirtschaftlich sinnvoll. Eine Berufsausbildung kombiniert mit tiefer gehenden beruflich ausgerichteten Fremdsprachenkenntnissen vor einem Studium kommt später der Wirtschaft zugute.“

Außerdem wird von der SFS vorgeschlagen, die Sprachausbildung bei einem anschließenden Universitätsstudium anrechnen zu lassen. Dies erfolgt bereits bzgl. des kfm. Lernbereiches, da in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen die an der Staatlichen Fremdsprachenschule bescheinigten Rechnungsweseninhalte anerkannt werden.

Gerade der Bildungsgang der kfm. Assistenz  bietet einer nicht zu vernachlässigenden Zahl von Jugendlichen und Erwachsenen die ausgesprochen kostengünstige Möglichkeit einer Umschulung, wenn sie aus diversen Gründen ihren alten Beruf nicht mehr ausüben können. Diese würde ansonsten dem Staat auf einer anderen Art zur Last fallen.

Die Zahl der Studienabbrecher mit Studiengängen in den Fremdsprachen ist fast doppelt so hoch wie in anderen Studiengängen. Für diesen Fall bietet die Ausbildung an der SFS das Auffangnetz. Studienabbrecher, die anschließend eine duale Berufsausbildung einschlagen, fallen auch dem Haushalt der FHH zur Last.

Nicht berücksichtigte Berufsschulreform

Thomas Schuback äußert sein Unverständnis über die Streichung dieser Berufsausbildung zu diesem Zeitpunkt. „Am Donnerstag findet eine Personalversammlung zur Reform der Berufsschulen statt. Ich werde dort diese unsinnige Entscheidung vehement kritisieren. Sinnvoll wäre es, wenn sich die vorgesehene Arbeitsgruppe zu den vollzeitschulischen Bildungsgängen mit dem Problem der Abiturienten in der kaufmännischen Assistenz beschäftigen würde.“

Resultat des CDU-Haushaltsbeschlusses vom Dezember 2004, aber auch ein Opfer des mißlungenen Senatsplans, die Berufsschulen zu privatisieren!

Thomas Schuback äußert die Vermutung, dass gerade die Staatliche Fremdsprachen­schule auf dem Altar der verkorksten Berufsschulreform geopfert werden soll. Offiziell wird zwar von der Behörde die Streichung als Umschichtung aufgrund wachsender Schülerzahlen, der Finanzierung des Abiturs nach 12 Jahren und zusätzlicher Ganz­tagsschulen verkauft. Es wird aber auch intern auf die sog. Jesteburger Beschlüsse vom Mai 2002 verwiesen. Man erhoffte sich durch die Privatisierung der Berufsschulen eine „Effizienzdividende“, wie es in einem vertraulichen Senatsprotokoll hieß.

Staatliche Fremdsprachenschule vor dem „AUS“

Da allein mit einem Bildungsgang kfm. Assistenz fremdsprachlicher Richtung, aufbauend auf dem Bildungsabschluss mittlere Reife, die von der Wirtschaft geforderten Leistungen nicht erbracht werden können, bedroht die Einstellung des Bildungsganges für Abiturienten die Existenz der Staatlichen Fremdsprachenschule.

Dies wäre im Interesse vieler Jugendlicher zu bedauern. Es sollte zusätzlich bedacht werden, dass über 95 % der Absolventen junge Frauen sind und hiermit eine etablierte und fortschrittliche Möglichkeit der Bildung für Frauen gestrichen wird.

Im Interesse des Wirtschaftsstandortes Hamburg und der Jugend darf die Staatliche Fremdsprachenschule nicht auf Raten sterben.

Der DLH fordert die Senatorin auf:

  • Erhalten Sie die Assistenzausbildung für Abiturienten und nutzen Sie die Anrechnungsmöglichkeiten des neuen Berufsbildungs­gesetzes
  •  Erhalten Sie die drei Fremdsprachen an der SFS!
  • Bauen Sie die fremdsprachliche Berufsausbildung an der SFS aus!