Der Deutsche Lehrerverband Hamburg zur Bildungs- und Schulpolitik

27.08.2005 um 21:43 Uhr

Und noch ein Workshop: "Schulqualität entwickeln" (23.08.05 in HH)

Im Rahmen des "Projekts Reform der Beruflichen Schulen" in Hamburg (ProReBeS) waren ca. 100 Lehrkräfte von Hamburger Beruflichen Schulen zu einem Workshop eingeladen, damit sie sich in die Überlegungen zur Entwicklung von Schulqualität "einbringen" könnten. Interessant ist hierbei, dass zunächst nicht die Schulleitungen hierzu eingeladen waren, sondern das normale Fußvolk.
  • Zeigt sich hier nur eine neue Vorgehensweise bei der Umsetzung oder deutet dies auf eine größere Ergebnisoffenheit hin?
Der einladende Schulleiter, Herr Lund, wies in seiner Begrüßung auch auf die zeitliche Enge dieses Projekts und die mit diesem Projekt zusammenhängenden Sparbeschlüsse hin.
  • Eine Ehrlichkeit, zu der man gratulieren kann; leider waren keine Konsequenzen hieraus zu erkennen.
Auch Prof. Schratz (Uni Innsbruck) erwähnte Budgetzwänge, die nach seiner Erfahrung oft der eigentliche Grund für die Verlagerung von Verantwortung nach unten sei. Mit anderen Worten: Hauptziel dieser Reform ist nicht die Entwicklung und Steigerung von Schulqualität, sondern die Erwirtschaftung von Einsparungen im System. Dies zeigt sich im Übrigen auch am Hamburger Haushalt, in dem bereits eine Position "vorweg genommenen Effizienzrendite aus der Berufsschulreform" enthalten ist, obwohl diese Strukturveränderungen erst in diesem Schuljahr pilotiert werden.
Aus der Sicht des "Fußvolks" am interessantesten waren jedoch die Ausführungen des Experten aus NRW vom Berufskolleg Köln, der auf langjährige Erfahrungen bei der Entwicklung von Schulqualität zurückblicken kann:
Trotz dieses langen Vorlaufs bei der Schulqualitätsentwicklung erbrachte die Frage aus dem Publikum nach einer messbaren Unterrichtsverbesserung durch die verschiedenen Maßnahmen ein wörtlich nur ein "Kann ich einfach nicht beantworten"! Offenbar wird auch in NRW nur mit Wasser gekocht. Stellt sich aus Hamburger Sicht nur die Frage, woher man eigentlich dort weiß, wie gut man kocht. Kurz gefasst scheint der Ansatz des dortigen Berufskollegs die Bildung von weitgehend eigenständigen Lehrerteams im Zentrum der Organisationsentwicklung zu bestehen. Jede Lehrkraft soll i.d.R. mindestens in zwei Teams arbeiten, sodass hierdurch eine fruchtbare Vernetzung entstehe. Die ca. 15 Teams der Schule wählten Teamsprecher, die Mitglieder der schulischen Steuergruppe seien. Hierdurch und durch die unterrichtsbezogenen Teambesprechungen ließe sich die innerschulische Kommunikation verbessern. Allerdings hatte die Schule aus einem Modellversuch zu einer selbständigeren Schule zusätzliche Mittel erhalten, was bekanntlich für die flächendeckende Einführung in Hamburg nicht geplant ist.
Nach der Rolle der Ausbildungsbetriebe bei der Qualitätsentwicklung in der Berufsschule befragt, führte der Experte diverse Beratungsmöglichkeiten an, und auf Nachfrage, wie er denn eine hälftige Mitbestimmung von Wirtschaftsvertretern in der Schule einschätzen würde, sprach er von "erheblichen Reibungsverlusten".
Fazit: Auch in anderen Bundesländern wird nur mit Wasser gekocht. Der Hinweis des DLH, dass die Hamburger Beruflichen Schulen auch im nationalen Vergleich gut dastehen, kann nur wiederholt werden.
Dies gilt aber auch für die DLH-Warnung, dass eine zu große Einflussnahme Außenstehender in den Beruflichen Schulen (wie z.B. Kammerfunktionären) kontraproduktiv sein kann!

23.08.2005 um 15:42 Uhr

Pilotierung der sog. Reform der Beruflichen Schulen in Hamburg gestartet

Nun hat sie begonnen, die "Erprobungsphase" mit Pilotberufsschulen in Hamburg, die verstärkte Eigenständigkeit unter sehr weitgehendem Einfluss von Wirtschaftsvertretern mit sich bringt. Interessant, wie die Senatorin Dinges-Dierig dabei versucht, die kritische Stellung der betroffenen Lehrerkollegien auf Uninformiertheit zurück zu führen: Die Lehrer wüssten noch nicht genau, was auf sie zukäme. (Vgl. Bericht des Hamburger Abendblatts vom 17.08.05; Hyperlink unten) Dabei war es doch gerade der Deutsche Lehrerverband Hamburg der sie und ihre beiden Vorgänger, die FDP-Bildungssenatoren Lange und Soltau davor gewarnt hatte, dass diese Strukturveränderungen an den Interessen und Möglichkeiten der kleineren Ausbildungsbetriebe vorbei gingen. (Ältere Stellungnahmen des DLH, die diese Warnungen enthalten, können unten per E-Mail angefordert werden.) Jetzt konstatiert auch die Senatorin: "Die kleinen Ausbildungsbetriebe sind bei der Mitwirkung im Schulvorstand eher zurückhaltend."
Selbst Peter Ulrich Meyer, wahrhaftig kein Journalist, der den Lehrern nach dem Mund redet, benennt in seinem gleichtägigen Kommentar im Abendblatt (Link unten) genau die Kritikpunkte, die der Deutsche Lehrerverband Hamburg mehrmals deutlich gemacht hat: Weder die Notwendigkeit dieser Strukturveränderungen noch ihre pädagogischen Ziele seien überzeugend dargelegt worden; außerdem dürfe eine derart weitgreifende Veränderung nicht gegen die Beteiligten durchgesetzt werden.
Daher bleibt zu hoffen, dass die Hamburger Bildungssenatorin zukünftig mehr auf das Beratungsangebot des DLH zurück greift.
Hyperlinks:

16.08.2005 um 14:41 Uhr

Schuljahresanfang in Hamburg: Pseudopilotprojekte und die Berufsschulreform

Am 1.8. hat offiziell die Pilotierung der sogenannten Berufsschulreform  begonnen:

Der DLH lehnt diese Pilotierung  weiterhin ab:

  • die Kollegien haben sich - aus guten Gründen - gegen diese Pilotierung ausgesprochen

  • die Pilotierung soll nur ein Jahr dauern - bereits zum nächsten Schuljahr sollen alle Hamburger Beruflichen Schulen reformiert werden
  • die Evaluierung muss innerhalb dieses Zeitrahmens erfolgen

  • die Klage des Bündnisses "Bildung ist keine Ware"  vor dem Verfassungsgericht

Der DLH bezweifelt vor allem die Zweckmäßigkeit einer solchen Pilotierung:"Was will die Behörde in wenigen Wochen erreichen?"

  • Qualitätsmanagement kann kann keine kurzfristigen Ergebnisse produzieren

  • nach wenigen Wochen können noch keine Lehren aus erweiterten haushaltsrechtlichen Möglichkeiten gezogen werden
  • die Probleme mit neuen Gremien an den Schulen sind langfristig angelegt.

Wir fordern, dass endlich die Beruflichen Schulen weiterentwickelt werden - ohne zuätzliche Bürokratie und ohne Globalbudgets. Eine Stärkung der Schulen kann es nur geben, wenn diese auch langfristig finanziell abgesichert. Deshalb hat zum Beispiel Schleswig-Holstein ausdrücklich keine Globalbudgets eingeführt.

Der DLH fordert die Senatorin auf, das Projekt ProReBeS insgesamt  zu verschieben,

  • bis eine Entscheidung des Verfassungsgerichtes zum Antrag der Volksinitiative "Bildung ist keine Ware" bzgl. des Beschlusses der Bürgerschaft vom 24.11.2004 vorliegt,
  • bis die Senatorin die für eine solch umfassende Reform notwendigen Ressourcen bereitstellen kann
  • damit genügende Zeit für die Planung bleibt
  • damit die bestehenden Gremien an den Schulen in die Entscheidungsfindung eingebunden werden können

  • um von den Erfahrungen in den anderen Bundesländern zu profitieren


Der DLH lehnt bei dieser Reform insbesondere die sogenannten Globalbudgets und die Beteiligung der Wirtschaft und Kammern an den Schulen ab. Dies gibt es in keinem Bundesland - warum macht  Hamburg hier einen Alleingang?

 

11.08.2005 um 12:36 Uhr

Pressemitteilung zu Ausbildungsmarkt in Hamburg (11.08.05)

Ausbildungszahlen – Bemühungen reichen nicht – Schulsenatorin muss ihre Politik ändern!

Thomas Schuback (39, DLH-Vorstand) zieht ein Resümee anlässlich des Schuljahresbeginns für die Berufsschulen und leitet entsprechende Forderungen daraus ab: „Aus der Sicht des DLH sprechen die Zahlen der Ausbildungsbilanz eine eindeutige Sprache: 790 Jugendliche suchten am 1.8. noch einen Ausbildungsplatz. Gleichzeitig hält die Senatorin an Ihrer Entscheidung fest, 200 Ausbildungsplätze für junge Frauen an der Staatlichen Fremdsprachenschule ("Kaufmännische Assistenz, Fachrichtung Fremdsprachen")  zu vernichten. Anlässlich dieser Tatsachen fordert der DLH die Senatorin Frau Dinges-Dierig auf, ihre Schulpolitik  zu ändern.“

Gleichzeitig dankt der DLH der ausbildenden Wirtschaft und lobt die Bemühungen der Kammern (Handels-, Handwerks, Steuerberaterkammer etc.) für zusätzliche Ausbildungsplätze zu werben. Thomas Schuback: „Der DLH sieht das Engagement vieler ehrenamtlicher und hauptamtlicher Mitarbeiter der Kammern durchaus und weiß dies zu schätzen. Leider muss man aufgrund der Ausbildungszahlen den Umkehrschluss ziehen, dass bei allem Engagement und trotz der florierenden Außenwirtschaft es in Hamburg nicht gelingt, allen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu bieten.“

Ausbau beruflicher vollzeitschulischer Bildungsgänge Der DLH stellt zum neuen Schuljahr fest, dass in den vollzeitschulischen Ausbildungen eine starke Steigerung der Nachfrage zu verzeichnen ist. Der DLH erinnert an seine bekannte Forderung, entsprechende berufliche vollzeitschulische Bildungsgänge auszubauen und eine echte Alternative zur dualen Berufsausbildung anzubieten - damit auch die Jugendlichen ohne eine Ausbildungsstelle eine Chance haben.

Der DLH stellt fest, dass die Senatorin in Hamburg genau das Gegenteil erreichen will. Thomas Schuback: „Dies ist eine vollkommene verfehlte Bildungspolitik und am Beispiel der Staatlichen Fremdsprachenschule fordert der DLH statt einem Rückbau einen Ausbau und eine qualitative Weiterentwicklung der vorhandenen Bildungsgänge. Diverse Konzepte liegen auf dem Tisch.“

Aus dem Büchergeld-Chaos für die Berufsschulreform lernen!

Thomas Schuback weist auf die geleistete Mehrarbeit von Schulleitungen, Lehrern und Schulsekretärinnen gerade auch während der Ferienzeit hin und meint: „Die Einführung des Büchergeldes ist in vielen Punkten, z. B. wegen der nicht rechtzeitig zur Verfügung stehenden fehlerfreien Software äußerst schlecht gelaufen.“  

Schlimmeres befürchtet der DLH für die Berufsschulreform. Nicht nur aus dem Gesichtspunkt der Mitarbeitermotivation ist die Anordnung der Modellversuche gegen den Willen der betroffenen Lehrerinnen und Lehrer unglücklich.  Eine Diskussionsveranstaltung des DLH Ende Juni mit einem Schulleiter einer selbstverwalteten beruflichen Reformschule aus Schleswig-Holstein hat diverse Risiken für die Schulen und damit auch für die Jugendlichen aufgezeigt, die es zu vermeiden gilt, z. B. die Mitsprache von Wirtschaftsfunktionären und die Einführung der Globalbudgets an den hamburgischen Berufsschulen.  Dies gibt es so in keinem anderen Bundesland und der DLH warnt eindringlich vor den Gefahren einer überhastet eingeführten Reform, einer schlechten Umsetzung und falschen Zielen.

Thomas Schuback: „Der DLH sieht die Gefahr – ähnlich wie bei der Einführung des Büchergeldes – dass aktuelles Durchwursteln durch die schulpolitischen Probleme wie bei den  Sparmaßnahmen bezüglich der  Staatlichen Fremdsprachenschule und bei der Berufsschulreform Vorrang vor planvollem Handeln im langfristigen Interesse der Jugendlichen hat. Bei der Berufsschulreform droht nicht nur "Chaos" - es ist das Ende der sogenannten Partnerschaft zwischen Schule und Betrieb. Hamburg geht hier einen Sonderweg und der DLH lehnt dies ab. Gerade im Pisa-"Musterland" Baden-Württemberg geniessen Berufliche Schulen eine besondere Anerkennung - so sind zum Beispiel in de letzten Jahren die beruflichen Gymnasien ausgebaut und weiterentwickelt worden.

 Wir wünschen der Senatorin den Mut, die von Senator Lange angestossene Reform der Beruflichen Schulen zu stoppen.“