Der Deutsche Lehrerverband Hamburg zur Bildungs- und Schulpolitik

16.05.2007 um 12:46 Uhr

Gemeinsame Erklärung des Bundesverbandes und Landesverbandes Hamburg des vlw

Qualität der Hamburger beruflichen Schulen muss erhalten bleiben

Systemvorteile dürfen im Rahmen der Strukturdebatte nicht aufs Spiel gesetzt werden (26.02.2007)


Die CDU plant die Einführung so genannter Stadtteilschulen und will die Beruflichen Gymnasien über das sog. „Zwei-Säulen-Modell“ in diese neue Schulform einbringen. Der VLW sieht in der Ausgliederung der Beruflichen Gymnasien erhebliche Nachteile für die Hamburger Schulentwicklung, weil die Qualität der beruflichen Bildung in Hamburg aufs Spiel gesetzt wird. Die mit der geplanten Schulreform verbundenen Konsequenzen für die beruflichen Schulen stellen das System der beruflichen Schulen ins Abseits und führen zu nicht vertretbaren Qualitätsverlusten der Bildung im Medium des Berufs.
Die Stadtteilschule wird in der Mittelstufe ihre Kompetenzen aufbauen müssen; für die Oberstufe sind die Beruflichen Gymnasien der natürliche Partner. Die Kompetenz der Beruflichen Gymnasien gilt es zu erhalten und auszubauen.
Der Bundesvorsitzende des VLW, Dr. Wolfgang Kehl, wendet sich mit eindeutigen Worten gegen den Plan des bildungspolitischen Sprechers der CDU, Robert Heinemann: „Dieser systemverändernde Ansatz ist bisher zu Recht in keinem anderen Bundesland öffentlich vorgebracht worden. Er wird praktisch zu einer Zerschlagung der Beruflichen Schulen und der beruflichen Bildung in der Hansestadt führen. Synergieeffekte des Systems werden aufgegeben. Hamburg stellt damit seine berufliche Bildung ins Abseits. Es ist dringend angeraten, über das Konzept und seine Wirkungen und Nebenwirkungen noch einmal gründlich nachzudenken.“ Dr. Wolfgang Kehl erläutert seine Feststellung mit dem Hinweis: „Die Nähe der beruflichen Gymnasien zur Wirtschaft und ihre Anbindung an das duale System gehen verloren. Gerade in Hamburg, wo diese Nähe in der Debatte besonders hervorgehoben wurde, ist dies mehr als verwunderlich.“

 

Walter Plinke, Stellvertretender Vorsitzender des VLW Hamburg, erläutert diese Verbindung, indem er daran erinnert, dass für die Beruflichen Gymnasien die personelle Anbindung an eine Berufliche Schule zwingend notwendig ist: „Die im Beruflichen Gymnasium unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen erhalten aus ihrer Unterrichtstätigkeit in den dualen Berufsbildungsgängen wertvolle Impulse, die sie an die Schülerinnen und Schüler der Beruflichen Gymnasien weitergeben. Sie tragen damit ganz wesentlich zur Sicherstellung des Praxisbezugs und damit der Qualität der Ausbildung an den Beruflichen Gymnasien bei. Diesen unschätzbar wertvollen Vorteil darf Hamburg nicht aufgeben!“

Der VLW warnt auch davor, durch die Zuordnung von bestimmten Berufszweigen die Schülerinnen und Schüler nach Klasse vier bereits zu zwingen, sich für eine bestimmte berufliche Fachrichtung zu entscheiden. „Diese Entscheidung ist im Alter von zehn Jahren noch nicht leistbar. Wer kann schon in diesem Alter sagen, dass ein bestimmtes Berufsfeld und kein anderes in Frage kommt?“, so Dr. Wolfgang Kehl. Die Alternative, an jeder Stadteilschule jede berufliche Richtung vorzusehen, würde zu „Monsterschulen“ führen, die jenseits jeder Vorstellungskraft liegen.


Die beruflichen Schulen und ihre Bildungsgänge, so fordert der VLW, seien in einem eigenen Schulentwicklungsplan weiter zu entwickeln. Die anerkannte Gleichwertigkeit beruflicher und allgemeiner Bildung müsse zum Erwerb der formalen Bildungsabschlüsse wie Realschulreife, Fachhochschulreife und Allgemeine Hochschulreife in den entsprechenden beruflichen Bildungsgängen führen und in einer eigenständigen Ausprägung über die Bildung im Medium erworben werden können.


Thomas Grundt vom Landesverband Hamburg weist auf einen weiteren Aspekt des Vorschlages von Robert Heinemann hin: „Ein Einsatz von Berufsschullehrern in den Klassen 5 - 10 ist nicht qualitätssteigernd, da die Kolleginnen und Kollegen für Unterricht auf hohem fachlichen, berufspezifischen Niveau und nicht für die Sekundarstufe I ausgebildet worden sind. Für diese Altersstufe sind die Experten die Lehrkräfte der allgemeinbildenden Schulen. Nichts spricht gegen Kooperationsprojekte von beruflichen Schulen und Schulen der Sekundarstufe I, um eine Hinführung auf das Lernen im Medium des Berufs sicherzustellen. Dazu braucht man aber keine Zusammenlegung.“
Thomas Grundt plädiert für einen Erhalt der Durchlässigkeit zwischen beruflichen und allgemeinbildenden Schulen: „Wenn die CDU das 2-Säulen-Modell unbedingt durchsetzen möchte, müssen die Beruflichen Schulen und deren Gymnasien unangetastet bleiben. Es müsste dann möglich sein, dass die Schülerinnen und Schüler, die sich für das berufliche Gymnasium entscheiden, aus beiden Säulen kommen.“

Bundes- und Landesverband des VLW sprechen sich für eine Erhöhung der Abiturientenzahlen an beruflichen Gymnasien aus und sehen sich darin durch entsprechende Äußerungen von Bundesbildungsministerin Schavan bestätigt.
Thomas Grundt erinnert außerdem daran, dass die Ausbildungszahlen der Betriebe konjunkturellen Schwankungen unterliegen. Hier gab es in der Vergangenheit einen Ausgleich zwischen den Vollzeitschulen und dem Dualen System an den beruflichen Schulen: Bei steigenden Ausbildungszahlen gab es in der Regel weniger Schüler an den Vollzeitschulen und umgekehrt. So konnte jederzeit eine berufliche (Aus-)Bildung der Schülerin-nen und Schüler und ausreichende Versorgung des Dualen Systems mit Lehrkräften gesichert werden. Diese Planbarkeit der beruflichen Bildung wird bei Umsetzung der CDU-Pläne in Zukunft deutlich erschwert.
Angesichts der steigenden Jugendarbeitslosigkeit sollten die für die geplante Reform vorgesehenen Mehrausgaben zu einer Stärkung des Systems der beruflichen Schulen verwendet werden. In diesem Zusammenhang fordert der VLW-Hamburg im Interesse der betroffenen Jugendlichen, die Schnittmengen von dualer Ausbildung mit vollzeitschulischen Bildungsgängen besser zu nutzen – so wie es das BBiG vorsieht.
Olaf Krüger: „Nachdem die Rahmenbedingungen der Berufsschulreform im neuen Schulgesetz gerade erst festgezurrt worden sind, hatten sich die Berufsschulen erhofft, ohne weitere bildungspolitische Abenteuer den kontiuierlichem Prozess der Qualitätsverbesserung des Berufsschulunterrichtes in allen Bildungsgängen weiter vorantreiben zu können. Wir appellieren an die Abgeordneten, das Berufsbildungssystem in Hamburg nicht zu zerschlagen. Hamburg darf sich nicht durch einen weiteren Sonderweg berufsschulpolitisch ins Abseits stellen.
Thomas Grundt ergänzt: „Wieder einmal geht es in Hamburg nur um eine Veränderung der Strukturen - und nicht um eine Verbesserung der Unterrichts- und Ausbildungsqualität. Diese Reform wird in der Umsetzungsphase sehr teuer; dieses Geld sollte besser in den Unterricht und dessen Qualität investiert werden.“


Die "Integration" der Beruflichen Gymnasien in die sogenannte Stadtteilschule brächte zusätzlich erhebliche praktische Probleme mit sich: Welche bestehenden allgemeinbildenden Schulen könnten ein 5-zügiges Berufliches Gymnasium samt Computernetzwerken, Werkstätten und Laboren aufnehmen? Sowohl die Räume als auch die technischen Einrichtungen sind an den Beruflichen Schulen vorhanden, werden dort für die duale Berufsschule und die anderen beruflichen Bildungsgänge benötigt und können dort gemeinsam genutzt werden. Gleiches gilt für die Ingenieure, Handelslehrer und Werkstattlehrer an den Beruflichen Schulen. Schüler können zwar im Einzelfall mal auch zwischen unterschiedlichen Standorten wandern, als Dauerlösung ist dies aber u. a. aus pädagogischen Gründen abzulehnen.

Dr. Wolfgang Kehl fasst zusammen: „Ein Verzicht auf die zahlreichen Synergieeffekte wäre ein bildungspolitischer und ökonomischer Fehler. Dieser bildungspolitische Alleingang Hamburgs behindert die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung und zerstört die Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern. Wir fordern die CDU Hamburg auf, die Sachargumente zu sehen und sich wegen der Wirkungen und Nebenwirkungen von der Idee der Integration der beruflichen Gymnasien in die Stadtteilschulen zu trennen. Die Systeme der beruflichen und der allgemein bildenden Schulen sind jeweils für sich gemäß ihres Bildungsauftrages - einschließlich des Aus-baus ja schon bestehender Kooperationen - weiter zu entwickeln.“


  • Bundesverband der Lehrer und Lehrerinnen an Wirtschaftsschulen e.V.
    An der Rosenhöhe 5 - 33647 Bielefeld
  • Landesverband der Lehrer und Lehrerinnen an Wirtschaftsschulen e.V.
    Papenstraße 18 - 22089 Hamburg

 

16.05.2007 um 12:36 Uhr

Zur Situation in Hamburg (Rundschreiben des Bundes-VLW vom Februar 2007)

In Hamburg ist offenbar Einigkeit zwischen CDU und SPD erzielt worden, die Haupt- und Realschulen zu Stadtteilschulen zusammenzuführen. Oberstufe der jeweiligen Stadtteilschule soll das berufliche Gymnasium sein. Die Lehrkräfte der beruflichen Gymnasien sollen bereits in der Sekundarstufe I mit unterrichten und so die Verzahnung mit befördern.
Es dürfte unstrittig sein, dass dies zur Zerschlagung der beruflichen Schulen führt, wenn z. B. das Wirtschaftsgymnasium aus den beruflichen Schulen herausgelöst wird und der Stadtteilschule zugeordnet wird. Für den dualen Bereich ist in Hamburg ja auch mit dem besonderen Modell der Einbindung der Wirtschaft ein besonderes Konzept gefunden, so dass sich die Vision von der Zerfaserung der beruflichen Schulen nicht von der Hand zu weisen ist. Allerdings wird es nicht ganz leicht für die beruflichen Gymnasien, wenn sie sich von den Stadtteilschulen abgrenzen und – was von der CDU in Hamburg auch deutlich gesagt wird - für die Attraktivität der Stadtteilschulen ein gangbarer Weg zum Abitur aufgezeigt werden muss. Dieses Argument könnte bei einer Abgrenzung der beruflichen Gymnasien dazu führen, dass die Stadtteilschulen einen eigenen Weg zum Abitur erhalten. Dies ist eine Option, die ein wenig an die Forderung des Realschullehrerverbandes in NRW erinnert, doch endlich den Realschulen die Möglichkeit zu geben, die Fachhochschulreife zu vergeben. Mit einer eigenen Oberstufe der Stadtteilschulen würden die beruflichen Gymnasien einen sehr schweren Stand haben, wenn es – gerade angesichts der demografischen Entwicklung – darum gehen wird, Schülerinnen und Schüler für den Bildungsgang zu gewinnen.

Es müsste genau geklärt werden, ob wirklich die Zerschlagung der beruflichen Schulen angedacht ist oder ob die Aussage, dass die beruflichen Gymnasien die Oberstufe der Stadtteilschulen sein sollen, gerichtet ist auf eine Verbindung ohne räumlich, personelle und sächliche Zusammenlegung mit einer Kooperation unter Einschluss des den Übergang erleichternden teilweisen Unterrichts von Lehrkräften der beruflichen Gymnasien in den Stadtteilschulen. Hier müssen die Kollegen in Hamburg ihre Position definieren.
Bundes- und Landesverband machen gemeinsam deutlich, dass eine Zerschlagung der beruflichen Schulen in aller Entschiedenheit abgelehnt wird.