Herzschmerz
Ich habe euch ja schon von "Die Brautprinzessin" erzählt. Es gibt eine Passage, eine der Vielen, die ich besonders schön finde. Vielleicht wissen einige warum, ich glaube es auch zu wissen, auf jeden Fall gesteht Butterblume Wesley gerade ihre Liebe.
Die Brautprinzessin von William Goldman, Kapitel 1, "Das Geheimnis erfolgreicher Viehzucht"
„Ich liebe dich!“, sagte Butterblume. „Ich weiß, dass muss dir ein bisschen überraschend kommen, denn ich habe dich immer nur verlästert und heruntergemacht und gequält. Aber jetzt liebe ich dich schon seit mehreren Stunden und jede Sekunde mehr. Vor einer Stunde dachte ich, ich liebe dich mehr als je eine Frau einen Mann geliebt hat. Aber eine halbe Stunde später wusste ich, dass meine Gefühle vorhin nichts waren gegen meine Gefühle jetzt. Aber wieder zehn Minuten später begriff ich, meine Liebe vorhin war nur wie eine Pfütze im Vergleich zu der hohen See vor dem Sturm, so sind deine Augen, wusstest du das? Ja, so sind sie. Wie weit war ich gekommen bis vor zwanzig Minuten? Ah, hatte ich meine Gefühle schon so beschrieben, wie sie vor zwanzig Minuten waren? Es ist nicht wichtig.“ Butterblume konnte ihn immer noch nicht ansehen. Hinter ihr ging jetzt die Sonne auf. Sie fühlte die Wärme im Rücken, und das gab ihr Mut. „Ich liebe dich so viel mehr, jetzt, als vor zwanzig Minuten, dass es nicht zu vergleichen ist. Ich liebe dich so viel mehr, jetzt, als eben, als du die Tür aufmachtest, dass es nicht zu vergleichen ist. In meinem Leib ist für nichts mehr Platz als für dich, meine Arme lieben dich, meine Ohren beten dich an, meine Knie zittern vor blinder Leidenschaft. Meine Seele bittet dich, etwas zu verlangen, damit sie gehorchen kann. Willst du, dass ich dir folge, für den Rest deiner Tage? Ich werde es tun! Willst du, dass ich auf dem Boden krieche? Ich werde kriechen. Ich werde für dich still sein oder für dich singen. Oder wenn du hungrig bist, dann lass mich dir zu Essen bringen. Oder wenn du Durst hast und nichts kann ihn stillen als arabischer Wein, dann gehe ich nach Arabien, auch, wenn es um die ganze Welt ist und hole dir eine Flasche zum Mittag. Was ich für dich tun kann werde ich für dich tun. Was ich nicht für dich tun kann, werde ich noch lernen. Ich weiß, mit der Gräfin kann ich nicht mithalten an Gewandtheit, Klugheit oder Reiz. Und ich habe gesehen, wie sie dich angeblickt hat. Und ich habe gesehen, wie du sie angeblickt hast. Aber bitte denk dran, dass sie schon alt ist und andere Interessen hat, während ich siebzehn bin und für mich gibt es nur dich. Liebster Wesley... ich habe dich doch noch nie so genannt, nicht? Wesley, Wesley, Wesley… Wesley, mein Liebling, Wesley, mein angebeteter Wesley, süßer, unübertrefflicher Wesley. Flüstere mir zu, dass ich eine Chance habe, deine Liebe zu gewinnen.“, und mit diesen Worten wagte sie das Kühnste, was sie je getan hatte. Sie sah ihm geradezu in die Augen. Er machte ihr die Tür vor der Nase zu. Ohne ein Wort. Ohne EIN Wort. Butterblume rannte. Sie fuhr herum und stürmte davon und bittere Tränen kamen ihr. Sie konnte nichts sehen, sie stolperte, prallte gegen einen Baumstamm, fiel hin. Stand auf, rannte weiter. Die Schulter tat ihr weh, wo sie sich an dem Baum gestoßen hatte. Und der Schmerz war heftig, aber nicht heftig genug um von ihrem zertrümmerten Herzen abzulenken. [...]
Hinter der verriegelten Tür ertränkte sie die Welt in Tränen. Auch nicht ein Wort. So viel Anstand hatte er nicht gehabt. „Bedaure.“, hätte er sagen können. Hätte ihm das denn geschadet, wenn er „Bedaure“ gesagt hätte? „Zu spät.“, hätte er sagen können. Warum hatte er nicht wenigstens irgend etwas sagen können? Butterblume dachte einen Augenblick sehr scharf nach. Und plötzlich hatte sie die Antwort. Er hatte nichts gesagt, denn wenn er den Mund aufmachte war alles klar. Sicher war er hübsch. Aber wie blöd! Sobald er seine Zunge gebraucht hätte, wäre alles vorbei gewesen. „Äh... ähm... hm.“ Das hätte er gesagt. Das war so, was Wesley sagte, wenn er sich wirklich stark fühlte. „Äh... uhm... hm... ähm... danke, Butterblume.“ Sie trocknete ihre Tränen und fing an zu lächeln. Sie atmete einmal tief ein und stieß einen Seufzer aus. Das gehörte alles mit zum Erwachsen werden. Man bekommt so kleine schnelle Anfälle. Man zwinkert einmal, und sie sind fort. Man vergibt Fehler, findet Vollkommenheit, verliebt sich irrsinnig. Dann, am nächsten Tag, geht die Sonne auf und es ist vorbei. Schreib es dir hinter die Ohren Mädchen, und dann sehen wir weiter. Butterblume stand auf, machte ihr Bett, zog sich um, kämmte ihr Haar, lächelte. Und dann brach sie von Neuem in Tränen aus. Denn es hatte eine Grenze, wie weit sie sich belügen konnte. Wesley war nicht blöd. Sie konnte so tun, als wär er’s. Sie konnte lachen über seine Schwierigkeiten mit der Sprache. Sie konnte sich selbst die Torheit vorwerfen, in diesen Deppen vernarrt zu sein. Die Wahrheit war einfach, er hatte auch einen Kopf auf den Schultern mit einem Gehirn darin, das um nichts schlechter war als seine Zähne. Er hatte seinen Grund, warum er nichts gesagt hatte. Mit seinen Grauen Zellen hatte das nichts zu tun. Er hatte nichts gesagt, weil es für ihn einfach nichts zu sagen gab. Er liebte sie eben nicht. Und das war alles.
Die Tränen, die Butterblume den Rest des Tages Gesellschaft leisteten, waren ganz anders als die Tränen, die sie geblendet hatten als sie gegen den Baum rannte. Das waren laute und heiße Tränen gewesen, sie pulsierten. Diese jetzt flossen leise und stetig dahin. Sie erinnerten sie nur daran, dass sie nicht gut genug war. Sie war siebzehn, und jedes männliche Wesen das sie je gekannt hatte, war ihr zu Füßen gelegen und es bedeutete ihr nichts. Das eine Mal, wo es drauf ankam, da war sie nicht gut genug.
