Was ich lese

16.08.2017 um 09:49 Uhr

Jeffrey Eugenides, Middlesex

von: magger

(im Original gelesen)

Jeffrey Eugenides, Middlesex

Heraklit: Alles bewegt und alles ȁndert sich, die Gegensȁtze folgen sich im ewigen Kreislauf, für den das Feuer Ursache ist. Du steigst nie zweimal in denselben Fluss.

Androgynitȁt

Wie sind wir doch an die Rollen von Frau und Mann gewohnt! Die ewigen Gefühle der Frau, wȁhrenddem die mȁnnlichen Exemplare unter uns in sich selbst gefangen sind und nicht in der Lage sind, auch nur die kleinste Emotion auszudrücken! Es erinnert uns irgendwie an den Film mit Meg Ryan und Mark Ruffalo, wo sie im Restaurant einen – wenn auch vorgespielten – Orgasmus hat.

Es ist wahrlich an der Zeit, anders an Sex und Gender heranzugehen! Und dies hat schon begonnen: wie lieben wir doch die Outfits von Boy George, David Bowie, Brian Molko (dem Frontmann von “Placebo”), Tilda Swinton, Michael Stipe, Tanita Tikaram, K.D. Lang, Annie Lennox, Marla Glen, Michael Jackson und mittlerweile vielen andern Sȁngerinnen und Schauspielern, die unbefangen mit den Gendern spielen! Alles scheint zwischen Heterosexuell, Homosexuell, Lesbisch und Transsexuell möglich, wie in der Antike, als niemand sich über Hermaphroditen wunderte, diese sogar oft als Wahrsager und Schamanen verehrt wurden. Beispiel: der Seher Teiresias, erst Mann, dann Frau. Beispiel: Hermaphroditos selbst, der sich mit der Nymphe Salmakis so innig vereinte, dass beider Körper eins wurden.

Jeffrey Eugenides behandelt dieses Thema in seinem Buch “Middlesex” am Beispiel einer Familiensaga. Sogar der Titel – obwohl ja nur eine Adresse in Detroits Vorort Grosse Pointe - mag eine Anspielung auf dieses “inmitten dazwischen” sein.

Callie/Cal Stephanides, unsere Heldin, unser Held, erfȁhrt dies am eigenen Leibe, erst als Mȁdchen, ab 14 dann als Junge...

Sie ist die Erzȁhlerin in diesem Roman, sie wechselt dabei vom Ich-Erzȁhlstil zur allwissenden Erzȁhlerin (sie beginnt ihren Bericht schon im vorgeburtlichen Stadium), dringt sogar in die Gedanken von Pater Mike ein. Sie/er ist gerade 41 Jahre alt, lebt in Berlin und findet da eine neue Freundin. In langen Rückblenden wird die Geschichte ihrer Familie erzȁhlt, von den Grosseltern Desdemona und Lefty, von den Eltern Tessie und Milton, vom Bruder Chapter Eleven, von Onkeln und Tanten.

“Wachse in Detroit auf und du wirst früh mit der allgegenwȁrtigen Entropie vertraut werden.”

Die Spannweite reicht vom anatolischen Dorf bei Bursa bis zum amerikanischen Detroit. Der “Faden” der verbindende Hintergrund, ist dabei die Seidenraupe und die Seide, die Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling, das Einspinnen in den Kokon. Nach meiner Meinung das verbindende Moment der langen Erzȁhlung (neben dem Motiv des Feuers – Smyrna – Miss Liberty – Rassenunruhen in Detroit – Wappen der Stadt)

Das Hauptthema aber bleibt Sex und Gender. Wie fliessend sind doch die Übergȁnge zwischen den Geschlechtern! An einem Punkt wird sogar klar gesagt, dass im Grunde die Hermaphroditen, das “Dritte Geschlecht”, die Zukunft, verkörpern. Aber auch viele Beispiele aus der Vergangenheit werden zitiert: Das Orakel von Delphi, eine Jungfrau, berauschende Dȁmpfe einatmend - das würde dem meist unter Marihuana stehenden Chapter Eleven gefallen! - und dabei ziemlich unverstȁndliche Prophezeiungen ausstossend, Tiresias, Homer, Heraklit mit seinem “panta rhei”, Ovid, die Nymphe Salmakis (deren Quell, das nebenbei gesagt, in Bodrum situiert wird), die erste Poetin Sappho...

Dabei ist Eugenides wenig didaktisch, schreibt immer lebendig und mit trockenem Humor. Dafür einige Beispiele (übersetzt von mir):

“Sie ergab sich ihm erst, als Japan sich ergab.”

“Die Tage des Harems sind vorüber. Es lebe die Ära des Rücksitzes! Das Auto ist der neue Tempel der Vergnügungen. Aus dem einfachen Mann wurde ein Sultan der Strasse.”

“Ich hielt meinen Mund ans Intercom und sagte mit tiefer Stimme: ‘Ich werde nicht zu dieser Beerdigung gehen!’ ‘Warum nicht?’ ‘Hast du gesehn, wieviel sie für diese verfluchten Votivkerzen verlangen?’”

“Singe mir, Muse, von griechischen Damen und deren Kampf gegen Behaarung! Singe von Depilation, von Schönheitscrèmes und Pinzetten! Von Bleichmitteln und Bienenwachs!” (uns fȁllt ein, dass Calliope ihren Namen einer Muse verdankt)

“An schönen Tagen schaffte es der See, blau auszusehen. Meist aber hatte er die Farbe kalter Erbsensuppe.”

“Im April 1972 wartete Desdemonas Antrag auf himmlische Vereinigung mit ihrem Gemahl immer noch irgendwo in der weiten Bürokratie des Jenseits.”

Erstes Encore:

Manche sind der Meinung, nur die Geschichte von Bruder und Schwester aus dem brennenden Smyrna sei fesselnd, der lange Rest des Buches etwas langatmig. Ich bin nicht dieser Meinung, habe vielmehr “Middlesex” wie einen Krimi bis zur letzten Seite gelesen.

Zweites Encore:

Die Figuren des Romans sind mit wenigen Strichen treffend charakterisiert aber schon den Namen nach denkwürdig: Peter Tatakis, der Chiropraktiker, Jackie Halas, Pater Mike, Sourmelina (laut Tante Zo “eine von denen, nach denen die Insel Lesbos ihren Namen hat”), Dr. Philobosian, Armenier, ebenfalls Flüchtling (“er roch wie eine alte Couch nach Haaren und vergossener Suppe...Sein Diplom war wohl noch auf Pergament geschrieben worden”), die Hure Irini, Kapitȁn Kontoulis, Jimmy Zizmo, die Friseusin Sophie Sassoon, Marius Wyxzewixard Challouehliczilczese Grimes, die Charm Bracelets, das Obskure Objekt der Begierde, Maxine Grossinger, Mr. da Silva, Zora, die keine Frau sein will, Bob Presto, Julie Kikuchi und viele andere...

Drittes Encore:

Immer und oft werden die uns ja bekannten Thesen von der Umgebung/Erziehung als geschlechtsbestimmend und die der Genetik (“...ich versuche, vor die Zeit zurückzugehen, in der jedermann zu sagen pflegte: ‘s’ist halt in den Genen’”) gegenübergestellt. Eugenides – und das leuchtet mir ein! – schafft die dialektische Verbindung, indem er sagt, dass ein/e jede/r einen freien Willen habe!

“Was ist der Grund, Geschichte zu studieren? Um die Gegenwart zu verstehen oder sie zu vermeiden?”

Dieser Bericht endet mit dem Spruch aus Detroits Stadtwappen: “Speramus meliora; resurget cineribus.” (Wir hoffen auf Besseres; es soll aus der Asche steigen.)

 

 

 

 

09.08.2017 um 06:25 Uhr

Milorad Pavic, Khazarisches Wörterbuch

von: magger

Milorad Pavic: Khazarisches Wörterbuch

(ist es deutsche Literatur? Ich habe es in Deutsch gelesen, obwohl es vermutlich khazarisch oder serbisch geschrieben wurde, man kann es bestimmt auch in Englisch, Türkisch oder Französisch lesen):

Prinzessin Ateh aus dem verschwundenen Volk der Khazaren lȁsst einen Priester, einen Imam und einen Rabbi an ihren Hof kommen, aus deren Disput will sie herausfinden, welche der drei Religionen für sie und die Khazaren die beste ist. Deshalb hat das Lexikon auch drei grosse Kapitel: das rote, das grüne und das gelbe. Ausserdem gibt es das Ganze auch in weiblicher und mȁnnlicher Fassung (an Dir herauszufinden, wo der Unterschied liegt).
Das mȁrchenhafte Buch hat aber den Vorteil, dass es egal ist, wo du zu lesen beginnst: Bei den Traumjȁgern, bei den Ikonenmalern, bei den Nachtfechtern, beim Kapitel vom Ei und dem Geigenbogen, bei den drei Spiegeln der Zeit oder bei den Schatten, die lȁnger verharren als ihre Besitzer.
Die Khazaren sind heute weitgehend verschwunden: wir erkennen sie aber in manchen türkischen Tavla-Spielern, in den Stammkunden Belgrader Billardsalons oder Stuttgarter Dönerbuden noch wieder......

29.06.2017 um 09:23 Uhr

Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel (Gravity’s rainbow)

von: magger

Wer einmal richtig was schweres lesen will, nehme sich das Buch vor (ich lese es auf Deutsch in der Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz, auch die grossartig!). Ich lese nun seit etwa fünfeinhalb Jahren daran und bin noch nicht durch (kommt wohl auch daher, dass ich Fussnoten dazu verfertige – manchmal liege ich eben Büchern zu Füssen). Ulysses war leichter. So viele Personen! So zahlreiche Schauplȁtze! England, Holland, Frankreich, Schweiz, Argentinien, Sibirien, Japan, Mecklenburg-Vorpommern....und natürlich Berlin, Berlin, Berlin!

Das Buch handelt vom Ende des Zweiten Weltkrieges und vor allem von der deutschen Rakete V1, die in einer exquisiten Parabel auf London niedergeht und dort Tod und Verderben anrichtet. Aber ob im südfranzösischen Kasino, in den Bergewerken des Harz, auf den Kreidefelsen Südenglands, auf dem aufgetauchten U-Boot mitten im Atlantik, im Siebenstromland, auf einem Kahn auf der Oder....stets schreibt und beschreibt Pynchon imaginativ, schonungslos und bis hinein in die letzten Exkremente. Aber er kann auch romantisch sein und liebt die Natur. Schau:

“Unsere Geschichte ist eine Summe aus letzten Augenblicken.”

“Überall um dich her siehst du kleine Büschel weisser Blumen spriessen.” (223)

“Für einen Augenblick ist dir egal, als wer und was du registriert bist. Für einen Augenblick bist du nicht der, den die Caesaren aus dir machen.” (220)

“…als wären die Züge die ganze Nacht durch das Reich der Toten gefahren…” (214)

“Herrlicher Morgen, Weltkrieg zwo.”

Wer mehr lesen möchte: Das Buch zur Hand! Wer sich noch nicht traut, soll hier lesen:

https://hibouh.wordpress.com/page/4/

Pynchon: umwerfend!

22.06.2017 um 15:17 Uhr

Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd)

von: magger

(im englischen Original gelesen. Es gibt es aber auch auf Deutsch und es ist verfilmt worden)

Das ist ein Knaller! Besonders, da ich höre, dass Margaret Atwood gerade den Friedenspreis des Deutschen Buchhandles gewonnen hat. Friedlich ist das Buch zwar gerade nicht, es wird gehȁngt, es wird erschossen, es wird zerfleischt. Im ganzen Land herrscht Friedhofsruhe, seitdem eine Gruppe fundamentalistisch religiöser Offiziere den Kongress und die Verfassung beseitigt und die Republik Gilead – wie sagen wir? – alttestamentarisch - ausgerufen hat. Ihr kennt sicher das geflügelte Wort: “Wer in der Demokratie schlȁft, wird in der Diktatur aufwachen”. Es herrscht Krieg, irgendwo gibt es auch atomar verseuchte Gegenden, die “Kolonien”. In Gilead geht es streng geordnet zu, die Frauen sind verhüllt und in Kasten eingeteilt: die Mȁdchen (weiss), die Ehefrauen (blau), die “Handmaids” (rot), die Marthas (die ich eher als Mȁgde sehen würde, der deutsche Titel ist unglücklich gewȁhlt, grün), die Tanten als Aufsichtspersonen (“Aunts”, grau). Die Mȁnner scheinen grösstenteils Soldaten, Wȁchter, Chauffeure und ȁhnliches zu sein. Die Handmaids dienen der Fortpflanzung, denn die Geburtenrate bereitet grosse Probleme. Wird eine Ehefrau nicht schwanger (und dass muss doch an ihr liegen?), springt die Handmaid in einer allwöchentlichen Zeremonie ein, legt sich der Ehefrau zwischen die Beine und wird dort dann vom Ehemann gefickt. Es ist lebensrettend für sie, wenn sie schwanger wird! Aber das Kind muss sie abgeben.

Unsere Geschichte wird von einer solchen Handmaid erzȁhlt, Offred heisst sie “Of Fred” nach dem Vornamen ihres Kommandanten (oder offered? Ein nettes Wortspiel der Atwood). Namen sind streng reglementiert, viele Wörter streng verboten. Der dystopische Roman erinnert an Orwell oder Huxley, hat mich einige Alptrȁume gekostet, besonders, wenn ich las, wie alles anfing. Die Sprache aber ist fein geschliffen. Ausserdem wird Scrabble gespielt, was ja auch ein Wortspiel ist *smile*. Meine Empfehlung deshalb: Lesen!

21.06.2017 um 08:59 Uhr

Volker Weidermann, Ostende

von: magger

(Deutsch im Original gelesen)

“Ostende” von Volker Weidermann

Ist das Buch nun ein Roman, eine Dokumentation mit vielen Zitaten oder eine Ortsbeschreibung? Das Ostende von heute jedenfalls hat – bis auf einige spȁrliche Reste wie zum Beispiel das James-Ensor-Museum - nicht mehr viel mit dem von 1938 oder gar 1914 zu tun.

In dem Ort – so wird es in dem Buch beschrieben – treffen sich zu einem letzten gemeinsamen Urlaub Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth, Herrmann Kesten, Arthur Koestler, Willi Münzenberg, das Ehepaar Toller und andere... Sie sind aus dem Deutschen Reich geflohen und auf dem Weg ins Exil. So ist die Stimmung der meist jüdischen Schrifsteller (Keun: Bin die einzige Arierin hier!) bei aller gemütlichen Feierei mit Wehmut  und auch von Existenzȁngsten durchzogen.

Volker Weiderman, den wir ja aus dem Literarischen Quartett kennen können, beschreibt das alles in einem recht leicht zu lesenden Stil, die Zitate sind ausgesucht treffend, seine Recherchen (jedenfalls für mich) lehrreich. Viele von uns werden auch Bücher der dort anwesenden Personen kennen (etwa “Das kunstseidene Mȁdchen” von Irmgard Keun, “Sternstunden der Menschheit” von Zweig oder Roths “Radetzkymarsch”)

Deckt sich das Erzȁhlte mit unseren Vorstellungen der Dichterinnen und Dichter? Oder verȁndert Weidermann das Bild, das wir bisher von den Hauptpersonen haben,  zu sehr?