Was ich lese

30.11.2017 um 11:05 Uhr

Ursula Krechel, Landgericht

von: magger

Lese grade "Landgericht" von Ursula Krechel. Eben schildert sie die Zeit des Aufkommens der Nazis (aus der Perspektive eines jüdischen Assessors, der bald emigrieren wird). Hab ungute Gefühle: sind wir heut nicht in einer ganz aehnlichen Situation? Nur ham wirs mit Moslembrüdern zu tun. 
Guckt D an: da hat selbst die "Befreiung" vom Hitlerregime net viel genutzt. Schon bald nannten sich die Altnazis "Entnazifizierungsopfer" und vom fruchtbaren Schoss aus dem dies kroch brauchn wir ja net zu reden, oder, Herr Bouffier?

29.11.2017 um 09:13 Uhr

Virginie Despentes, Vernon Subutex

von: magger

(Habe es auf Französisch gelesen)

Vernon, der in Paris jahrzehntelang einen Plattenladen geführt hat, muss diesen wegen der Zeitenlȁufte aufgeben, obwohl er Pop-Musik-Fachmann ist, findet mit 48 Jahren keinen weiteren Job mehr, verkauft Hab und Gut über E-Bay, wird dann obdachlos, schlȁgt sich eine Zeit bei Bekannten und Freundinnen als Gast durch und landet schliesslich auf der Strasse. Alex Bleach, der schwarze Sȁnger, der ihn bisher über Wasser gehalten hatte, bringt durch seinen Selbstmord die Dinge ins Rollen, begleitet uns als nachtodliches Schemen auch weiter durch den Roman. Wir sind es ja – etwa von Dostojewski her – gewohnt, dass unsere Helden leiden. Meist aber rappeln sie sich am Ende doch wieder auf, und sei es auch nur im Glauben an das Fatum. Nicht aber Vernon. Je lȁnger es dauert, desto apathischer wird er.

Der Reihe nach stellt uns Despentes die verschiedensten Bekannten Vernons vor, mal erzȁhlt dieser selbst, mal denken die vor sich hin und beschreiben ihre Lage. Despentes Sprache ist dabei erbarmungslos scharf und offen und sie führt uns durch ein Panoptikum von (Ex)Punks, Schwulen, Pornostars, Transvestiten, “Arabern”, Internetfreaks, Schickimickies, Clochards und Schlȁgern, entwirft dabei ein schonungsloses Bild der gegenwȁrtigen französischen (Stadt)Gesellschaft.

Une blonde en doudoune, un cabas rose fuchsia coincé sous le bras, lit le dernier Stephen King, en se tenant à la barre. Une brune à lunettes mâche son chewing-gum, elle a laissé ouvert les boutons du haut de sa chemise noire à pois blancs, elle porte des perles nacrées aux oreilles. Elle a une allure de délurée giscardienne. Un adolescent black, teddy rouge, crâne rasé, lunettes à épaisse monture noire, tape un texto sur son portable, quelque chose semble le contrarier. Un quadragénaire, sac au dos et écouteurs fluo jaunes, est assis les jambes écartées, il n’a pas l’air de connaître la ville.” (zu faul zum Übersetzen)

In Aufbau und Dialektik ist Despentes ein Meisterwerk gelungen: Etwa, dass des promisken Vernon einzige und grosse Liebe ausgerechnet der Tranvestit Marcia ist, das Pornostar Pamela Kant ein Kinderbuch über Sex verfassen will, dass das Gedenken an verstorbene Hunde die unterschiedlichsten Leute vertraulich werden lȁsst, dass sie (die Autorin) in einem einzigen Satz über die Wohnungsausstattung der fülligen Emilie deren Verwandlung vom Punk zur Bürgerbiene zu schildern vermag – oder das gegen Ende die prollige Streetgang ausgerechnet einen Schlȁger ins Koma kickt....

Alle zur Zeit gesellschaftlich relevanten (“auf den Nȁgeln brennenden”) Themen werden ins Bild gebracht, auch etwa die Meinung der “Leute” zum Islam in Frankreich.

Xavier a envie de décocher un formidable coup de pied dans le cul de la grosse Arabe voilée qui se pavane devant lui. Est-ce qu’on pourrait, par pitié, faire deux cents mètres dans la rue sans avoir à supporter leur voile, leur main de Fatima au rétroviseur ou l’agressivité de leurs rejetons ?... Sale race, m’étonne pas qu’on leur en veuille ! Lui, il est là à faire les courses au lieu de bosser parce que sa femme ne veut pas qu’on la prenne pour une bonniche, et pendant ce temps ces sales feignasses de crouilles traînent dehors, peinards, à rien foutre, entre chômeurs grassement entretenus par les allocations, ils passent la journée au café pendant que leurs meufs triment. Non contentes de s’occuper de tout dans la maison sans jamais se plaindre, et d’aller bosser pour les entretenir, elles ressentent encore le besoin de porter le voile pour afficher leur soumission. C’est de la guerre psychologique, ça : c’est fait pour que le mâle français sente comme il est dévalué.

(“Xavier juckt es, der dicken, verschleierten, vor ihm stolzierenden Araberin einen gewaltigen Arschtritt zu verpassen. Kann man vielleicht zweihundert Meter gehen, ohne einen Schleier oder Fatimas Hand im Gesicht zu haben? Dreckige Rasse, kein Wunder, dass sie verfolgt werden! Er geht einkaufen anstatt zu arbeiten, weil seine Frau nicht möchte, dass man sie mit einer Art Dienstmagd verwechselt...wȁhrend diese miesen Typen von Moslems ihre Tage im Café verbringen derweil ihre Ischen malochen. Nicht zufrieden damit, den ganzen Haushalt zu machen ohne je zu klagen und dann arbeiten zu gehen um die Familie zu erhalten, setzen sie auch noch das Kopftuch auf, um ihre Unterwerfung öffentlich zu zeigen. Das ist psychologischer Krieg! Das ist, um dem Franzmann zu zeigen, wie wenig Wert er hat...” – Übersetzung von mir)

Der Name Subutex: Subutex ist anscheinend ein Schmerzmittel. Nun, wir brauchen beim Lesen was gegen Schmerzen. Wieviel mehr braucht Vernon das?

Mir kam aber auch der Gedanke, dass “Subutex” Subtext bedeuten könnte? Wenn man so will ist das gesamte Buch Intertextualitȁt, denn mehr als um Vernon geht es um die angerissenen gesellschaftlichen Spannungsfelder, welche zum Teil nachgerade unlösbar scheinen und einige Gruppen von Leuten mit nichts als Hass zurücklassen...

In unserer Gruppe lasen wir davor “Rückkehr nach Reims” von Didier Eribon. Welch gute Wahl haben wir unbewusst getroffen! Eribon und Despentes behandeln nahezu das gleiche Thema, aber wie unterschiedlich! Eribon stellt sich selbst ganz in den Vordergrund, Despentes aber nimmt sich völlig zurück, beschreibt die unterschiedlichsten Menschen und Ansichten mit gleicher Empathie. Zudem ist ihre Sprache (ich las das Buch auf Französisch) weit echter, weit mehr von dem tȁglichen Argot durchzogen als das des typischen -mȁnnlichen – französischen Intellektuellen Eribon. “Rückkehr nach Reims” ist auch gut zu lesen, aber eigentlich doch ein Essay über die befindlichkeiten eines schwulen Professors. Foucault hȁtte es vielleicht besser gekonnt.

Despentes stellt uns Fortsetzungen von “Vernon Subutex” in Aussicht. Ich bin gespannt.

06.09.2017 um 11:03 Uhr

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims

von: magger

(Habe es auf Deutsch gelesen)

Der französische Soziologie-Professor schildert in dem Buch sein schwieriges Erwachsenwerden aus dem Arbeitermilieu zu einem (schwulen) Intellektuellen.

Höchst bedenkenswert seine Erwȁhnung einer doppelten Scham: einer sexuellen und einer sozialen, wobei mich die Gewalt gegen Homosexuelle, die mir ja bekannt ist, in seinen Schilderungen erneut erschütterte.

Ist das Buch ein Roman oder eine wissenschaftliche Abhandlung? Beides, und wie sein Leben langsam aber stetig aus Reims heraus ging, geht seine Schrift von der Erzȁhlung stetig in wissenschaftliche Essayform über. Sehr lesenswert! Mit dem Nachteil, dass man sich vornimmt, Bourdieu, Sedgwick, Chauncey, Dumézil, Ernaux u.a. zu lesen, Foucault, Sartre und Genet wiederzulesen...

31.08.2017 um 09:52 Uhr

Annie Proulx, Accordion Crimes (Das grüne Akkordeon)

von: magger

gelesen auf Deutsch, zum Teil auf Englisch)

Ein weiteres der vielen Bücher, die vom Auswandern in die USA erzaehlen: Ein Sizilianer - Akkordeonbauer - wandert nach New Orleans aus, natürlich mit seinem kostbaren Instrument, welches irgendwie die Hauptrolle in dem Buch spielt, denn der Mann kommt ums Leben, aber das Akkordeon gelangt in viele andere Haende und durchs ganze Land.... schönes Buch!

 

16.08.2017 um 09:49 Uhr

Jeffrey Eugenides, Middlesex

von: magger

(im Original gelesen)

Jeffrey Eugenides, Middlesex

Heraklit: Alles bewegt und alles ȁndert sich, die Gegensȁtze folgen sich im ewigen Kreislauf, für den das Feuer Ursache ist. Du steigst nie zweimal in denselben Fluss.

Androgynitȁt

Wie sind wir doch an die Rollen von Frau und Mann gewohnt! Die ewigen Gefühle der Frau, wȁhrenddem die mȁnnlichen Exemplare unter uns in sich selbst gefangen sind und nicht in der Lage sind, auch nur die kleinste Emotion auszudrücken! Es erinnert uns irgendwie an den Film mit Meg Ryan und Mark Ruffalo, wo sie im Restaurant einen – wenn auch vorgespielten – Orgasmus hat.

Es ist wahrlich an der Zeit, anders an Sex und Gender heranzugehen! Und dies hat schon begonnen: wie lieben wir doch die Outfits von Boy George, David Bowie, Brian Molko (dem Frontmann von “Placebo”), Tilda Swinton, Michael Stipe, Tanita Tikaram, K.D. Lang, Annie Lennox, Marla Glen, Michael Jackson und mittlerweile vielen andern Sȁngerinnen und Schauspielern, die unbefangen mit den Gendern spielen! Alles scheint zwischen Heterosexuell, Homosexuell, Lesbisch und Transsexuell möglich, wie in der Antike, als niemand sich über Hermaphroditen wunderte, diese sogar oft als Wahrsager und Schamanen verehrt wurden. Beispiel: der Seher Teiresias, erst Mann, dann Frau. Beispiel: Hermaphroditos selbst, der sich mit der Nymphe Salmakis so innig vereinte, dass beider Körper eins wurden.

Jeffrey Eugenides behandelt dieses Thema in seinem Buch “Middlesex” am Beispiel einer Familiensaga. Sogar der Titel – obwohl ja nur eine Adresse in Detroits Vorort Grosse Pointe - mag eine Anspielung auf dieses “inmitten dazwischen” sein.

Callie/Cal Stephanides, unsere Heldin, unser Held, erfȁhrt dies am eigenen Leibe, erst als Mȁdchen, ab 14 dann als Junge...

Sie ist die Erzȁhlerin in diesem Roman, sie wechselt dabei vom Ich-Erzȁhlstil zur allwissenden Erzȁhlerin (sie beginnt ihren Bericht schon im vorgeburtlichen Stadium), dringt sogar in die Gedanken von Pater Mike ein. Sie/er ist gerade 41 Jahre alt, lebt in Berlin und findet da eine neue Freundin. In langen Rückblenden wird die Geschichte ihrer Familie erzȁhlt, von den Grosseltern Desdemona und Lefty, von den Eltern Tessie und Milton, vom Bruder Chapter Eleven, von Onkeln und Tanten.

“Wachse in Detroit auf und du wirst früh mit der allgegenwȁrtigen Entropie vertraut werden.”

Die Spannweite reicht vom anatolischen Dorf bei Bursa bis zum amerikanischen Detroit. Der “Faden” der verbindende Hintergrund, ist dabei die Seidenraupe und die Seide, die Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling, das Einspinnen in den Kokon. Nach meiner Meinung das verbindende Moment der langen Erzȁhlung (neben dem Motiv des Feuers – Smyrna – Miss Liberty – Rassenunruhen in Detroit – Wappen der Stadt)

Das Hauptthema aber bleibt Sex und Gender. Wie fliessend sind doch die Übergȁnge zwischen den Geschlechtern! An einem Punkt wird sogar klar gesagt, dass im Grunde die Hermaphroditen, das “Dritte Geschlecht”, die Zukunft, verkörpern. Aber auch viele Beispiele aus der Vergangenheit werden zitiert: Das Orakel von Delphi, eine Jungfrau, berauschende Dȁmpfe einatmend - das würde dem meist unter Marihuana stehenden Chapter Eleven gefallen! - und dabei ziemlich unverstȁndliche Prophezeiungen ausstossend, Tiresias, Homer, Heraklit mit seinem “panta rhei”, Ovid, die Nymphe Salmakis (deren Quell, das nebenbei gesagt, in Bodrum situiert wird), die erste Poetin Sappho...

Dabei ist Eugenides wenig didaktisch, schreibt immer lebendig und mit trockenem Humor. Dafür einige Beispiele (übersetzt von mir):

“Sie ergab sich ihm erst, als Japan sich ergab.”

“Die Tage des Harems sind vorüber. Es lebe die Ära des Rücksitzes! Das Auto ist der neue Tempel der Vergnügungen. Aus dem einfachen Mann wurde ein Sultan der Strasse.”

“Ich hielt meinen Mund ans Intercom und sagte mit tiefer Stimme: ‘Ich werde nicht zu dieser Beerdigung gehen!’ ‘Warum nicht?’ ‘Hast du gesehn, wieviel sie für diese verfluchten Votivkerzen verlangen?’”

“Singe mir, Muse, von griechischen Damen und deren Kampf gegen Behaarung! Singe von Depilation, von Schönheitscrèmes und Pinzetten! Von Bleichmitteln und Bienenwachs!” (uns fȁllt ein, dass Calliope ihren Namen einer Muse verdankt)

“An schönen Tagen schaffte es der See, blau auszusehen. Meist aber hatte er die Farbe kalter Erbsensuppe.”

“Im April 1972 wartete Desdemonas Antrag auf himmlische Vereinigung mit ihrem Gemahl immer noch irgendwo in der weiten Bürokratie des Jenseits.”

Erstes Encore:

Manche sind der Meinung, nur die Geschichte von Bruder und Schwester aus dem brennenden Smyrna sei fesselnd, der lange Rest des Buches etwas langatmig. Ich bin nicht dieser Meinung, habe vielmehr “Middlesex” wie einen Krimi bis zur letzten Seite gelesen.

Zweites Encore:

Die Figuren des Romans sind mit wenigen Strichen treffend charakterisiert aber schon den Namen nach denkwürdig: Peter Tatakis, der Chiropraktiker, Jackie Halas, Pater Mike, Sourmelina (laut Tante Zo “eine von denen, nach denen die Insel Lesbos ihren Namen hat”), Dr. Philobosian, Armenier, ebenfalls Flüchtling (“er roch wie eine alte Couch nach Haaren und vergossener Suppe...Sein Diplom war wohl noch auf Pergament geschrieben worden”), die Hure Irini, Kapitȁn Kontoulis, Jimmy Zizmo, die Friseusin Sophie Sassoon, Marius Wyxzewixard Challouehliczilczese Grimes, die Charm Bracelets, das Obskure Objekt der Begierde, Maxine Grossinger, Mr. da Silva, Zora, die keine Frau sein will, Bob Presto, Julie Kikuchi und viele andere...

Drittes Encore:

Immer und oft werden die uns ja bekannten Thesen von der Umgebung/Erziehung als geschlechtsbestimmend und die der Genetik (“...ich versuche, vor die Zeit zurückzugehen, in der jedermann zu sagen pflegte: ‘s’ist halt in den Genen’”) gegenübergestellt. Eugenides – und das leuchtet mir ein! – schafft die dialektische Verbindung, indem er sagt, dass ein/e jede/r einen freien Willen habe!

“Was ist der Grund, Geschichte zu studieren? Um die Gegenwart zu verstehen oder sie zu vermeiden?”

Dieser Bericht endet mit dem Spruch aus Detroits Stadtwappen: “Speramus meliora; resurget cineribus.” (Wir hoffen auf Besseres; es soll aus der Asche steigen.)