Was ich lese

22.06.2017 um 15:17 Uhr

Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd)

von: magger

(im englischen Original gelesen. Es gibt es aber auch auf Deutsch und es ist verfilmt worden)

Das ist ein Knaller! Besonders, da ich höre, dass Margaret Atwood gerade den Friedenspreis des Deutschen Buchhandles gewonnen hat. Friedlich ist das Buch zwar gerade nicht, es wird gehȁngt, es wird erschossen, es wird zerfleischt. Im ganzen Land herrscht Friedhofsruhe, seitdem eine Gruppe fundamentalistisch religiöser Offiziere den Kongress und die Verfassung beseitigt und die Republik Gilead – wie sagen wir? – alttestamentarisch - ausgerufen hat. Ihr kennt sicher das geflügelte Wort: “Wer in der Demokratie schlȁft, wird in der Diktatur aufwachen”. Es herrscht Krieg, irgendwo gibt es auch atomar verseuchte Gegenden, die “Kolonien”. In Gilead geht es streng geordnet zu, die Frauen sind verhüllt und in Kasten eingeteilt: die Mȁdchen (weiss), die Ehefrauen (blau), die “Handmaids” (rot), die Marthas (die ich eher als Mȁgde sehen würde, der deutsche Titel ist unglücklich gewȁhlt, grün), die Tanten als Aufsichtspersonen (“Aunts”, grau). Die Mȁnner scheinen grösstenteils Soldaten, Wȁchter, Chauffeure und ȁhnliches zu sein. Die Handmaids dienen der Fortpflanzung, denn die Geburtenrate bereitet grosse Probleme. Wird eine Ehefrau nicht schwanger (und dass muss doch an ihr liegen?), springt die Handmaid in einer allwöchentlichen Zeremonie ein, legt sich der Ehefrau zwischen die Beine und wird dort dann vom Ehemann gefickt. Es ist lebensrettend für sie, wenn sie schwanger wird! Aber das Kind muss sie abgeben.

Unsere Geschichte wird von einer solchen Handmaid erzȁhlt, Offred heisst sie “Of Fred” nach dem Vornamen ihres Kommandanten (oder offered? Ein nettes Wortspiel der Atwood). Namen sind streng reglementiert, viele Wörter streng verboten. Der dystopische Roman erinnert an Orwell oder Huxley, hat mich einige Alptrȁume gekostet, besonders, wenn ich las, wie alles anfing. Die Sprache aber ist fein geschliffen. Ausserdem wird Scrabble gespielt, was ja auch ein Wortspiel ist *smile*. Meine Empfehlung deshalb: Lesen!

21.06.2017 um 08:59 Uhr

Volker Weidermann, Ostende

von: magger

(Deutsch im Original gelesen)

“Ostende” von Volker Weidermann

Ist das Buch nun ein Roman, eine Dokumentation mit vielen Zitaten oder eine Ortsbeschreibung? Das Ostende von heute jedenfalls hat – bis auf einige spȁrliche Reste wie zum Beispiel das James-Ensor-Museum - nicht mehr viel mit dem von 1938 oder gar 1914 zu tun.

In dem Ort – so wird es in dem Buch beschrieben – treffen sich zu einem letzten gemeinsamen Urlaub Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth, Herrmann Kesten, Arthur Koestler, Willi Münzenberg, das Ehepaar Toller und andere... Sie sind aus dem Deutschen Reich geflohen und auf dem Weg ins Exil. So ist die Stimmung der meist jüdischen Schrifsteller (Keun: Bin die einzige Arierin hier!) bei aller gemütlichen Feierei mit Wehmut  und auch von Existenzȁngsten durchzogen.

Volker Weiderman, den wir ja aus dem Literarischen Quartett kennen können, beschreibt das alles in einem recht leicht zu lesenden Stil, die Zitate sind ausgesucht treffend, seine Recherchen (jedenfalls für mich) lehrreich. Viele von uns werden auch Bücher der dort anwesenden Personen kennen (etwa “Das kunstseidene Mȁdchen” von Irmgard Keun, “Sternstunden der Menschheit” von Zweig oder Roths “Radetzkymarsch”)

Deckt sich das Erzȁhlte mit unseren Vorstellungen der Dichterinnen und Dichter? Oder verȁndert Weidermann das Bild, das wir bisher von den Hauptpersonen haben,  zu sehr?

20.06.2017 um 09:44 Uhr

Goce Smilevski, Freuds Schwester

von: magger

Sigmund Freud, in Seethalers "Trafikant" als vaeterlicher Freund beschrieben, zeigt sich hier von einer anderen Seite. Angesichts der drohnenden Nazigefahren nimmt er nur seine Tochter Anna nach England mit, besorgt aber keine Ausreisevisen für seine Schwestern, die daraufhin dem Verderben anheimgegeben sind. Aus der Sicht einer dieser Schwestern _ die andere ist erblindet und kann ohne Hilfe nicht auskommen - entsteht das Wien der Anschlusszeit mitsamt den bösen Aussichten für alle Nicht-Nazis.

20.06.2017 um 06:32 Uhr

David Foster Wallace, Infinite Jest

von: magger

Wieder einmal ein dickes Buch. Aber diesmal schwer zu lesen! Ich bin in Versuchung, es aufzugeben. Alles dreht sich um Tennis und Drogen, scheint mir. Der Autor hat ein unwahrscheinliches Talent, unbekannte Worte einzufügen. Noch das Alltaeglichste verfremdet er. Nach kurzer Zeit ist einem, als ob man selbst Drogen genommen haette...

19.06.2017 um 20:58 Uhr

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

von: magger

Musils “Mann ohne Eigenschaften”

Musils dickes Buch “Der Mann ohne Eigenschaften”

Hurra! Bin durch damit! Letzter Satz: “Aber von Ulrich war nichts zu sehen”. Hab’s ganz und gar auf Tablet gelesen und muss gestehen, dass es mir nicht einmal schwer gefallen ist…immer in kleinen Portionen.

Schon bald nach der Mitte kam mir der Gedanke, wie man wohl einen Film daraus machen und wer wohl dabei Regie führen könnte? Ein Amerikaner kȁme nicht in Frage, die brauchen Plot. Ich nȁme Rivette oder vielleicht Alain Resnais.

Der Titel wȁre (frei nach General Stumm): Referat D (Diotima)

Die Besetzung (aber vielleicht habt ihr andere Vorschlȁge):

Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften: John Malkovitch, jung

Agathe, seine Schwester: Cathérine Deneuve

Bonadea, Geliebte: Helena Bonham-Carter

Diotima, Cousine: Hanna Schygulla

Sektionschef Tuzzi, ihr Mann: Bruno Ganz?

Paul Arnheim, deutscher Geschȁftsmann und Intellektueller: Hans-Olav Henkel

Moosbrugger, Frauenmörder: Gérard Dépardieu

Rahel, Zofe Diotimas: Daliah Lavi, jung

Soliman, mohrischer Diener Arnheims: Jamel Debbouze

General Stumm: Gert Fröbe

Graf Leinsdorf: Gustav Gründgens

Clarisse, hysterische Freundin: Isabelle Huppert

Direktor Fischel: Charles Aznavour

Gerda, seine Tochter: Bulle Ogier, jung

Hans Sepp, Nazi: Daniel Brühl

Und welche Szenen? Jedenfalls die Parallelaktion im Hause Tuzzi, die Liebesaffȁre der Geschwister Ulrich und Agathe, Moosbrugger im Irrenhaus, die Fischels und das Haus von Clarisse und ihrem Mann Walther. Wie Moosbrugger von Clarissa befreit und mit Rahel an einem geheimen Ort untergebracht wird. Der Selbstmord von Hans Sepp. Das unvollendete Ende des Buches mit Diotima und Ulrich und dann Agathe und Ulrich…. Vieles bleibt wohl dem Medium Film verschlossen, die langen Gedankengȁnge so wie die Aufzeichnungen Ulrichs. In jedem Fall muss die morbide Stimung Kakaniens – am Beispiel Stumms, Tuzzis und Leinsdorfs – rüberkommen.

Es wȁre – meines Wissens – der erste Film zu dem Buch. Also: lesen!