Bücherregal 2.0: Fabian
Erich Kästner, seines Zeichens Schriftsteller, Drehbuchautor und Kabarettist, ist der breiten Masse ja eher als Verfasser, mehrfach verfilmter Kinderbuchklassiker ein Begriff, doch auch durchaus zeitkritische Literatur für Erwachsene Leser befindet sich in seinem Vermächtnis.
Der 1931 erschienene Roman „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ ist einer jener Vertreter, im literarischen Nachlass, der im Nachhinein leider nicht die ihm gebürtige Würdigung erfuhr. Umso schmerzlicher, da Kästners Portrait einer zerberstenden Gesellschaft nach wie vor aktuelle Thematiken fokussiert.
Berlin, Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts: Hohe Arbeitslosigkeit, zunehmende Industrialisierung und die Nachwehen des ersten Weltkrieges kündigen den Zusammenbruch der Weimarer Republik an. Der Germanist Jakob Fabian, der einem Job in der Werbebranche nachgeht, streift nachts mit seinem Freund Labude durch Bars und Bordelle. Mehr allerdings als distanzierter Beobachter, der den moralischen und gesellschaftlichen Verfall seiner Umwelt zynisch kommentiert. Anders als Labude, der versucht die Trauer um eine gescheiterte Beziehung zu kompensieren, befindet sich Fabian vielmehr auf der Suche nach einem Dreh- und Angelpunkt im Leben, der seiner Wertevorstellung einer idyllischen Existenz ein Fundament bieten kann. Als Fabian auf Cornelia Battenberg trifft, scheint sich sein pessimistisches Weltbild zu wandeln, doch kurz darauf verliert Fabian seinen Job und eine fatale Lawine gerät ins rollen. Nicht nur die Republik zerbricht, sondern auch jeglicher Optimismus und das Hoffen auf eine bessere Existenz sterben elend.
Das mag so gar nicht in die Welt vom „doppelten Lottchen passen“: Kästners Satire gibt sich wenig zahm und watet knietief durch provokant aufbereitete Gesellschaftskritik. Die Menschen, die den Hauptprotagonisten umgeben, strotzen vor Verlogenheit, begeben sich auf moralische Grenzgänge und zerstören andere bei der Verwirklichung ihrer eigenen Interessen. Neid, Missgunst und Chaos implizieren die totale Entfesselung des Niedergangs. Am Ende steht die Beobachtung, dass auch eine Anpassung an das Allgemeinbefinden nur den sinnleeren Tod bringen kann. Das Schwimmen gegen den Strom führt eher beiläufig zum ertrinken.
