Fabs0rs Medien- und Gezuppelwelt

21.05.2008 um 07:33 Uhr

Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull

von: Fabse

indy 

Die Atombombe zerreißt die auf dem Testgelände aufgebaute Siedlung und selbst die Marines, die mit dem Auto auf der Flucht sind, werden von der Druckwelle ins Jenseits befördert. Über sie hinweg fliegt ein Kühlschrank, der einige hundert Meter weiter auf den Boden knallt. Der Mann, der unversehrt dort heraus steigt, hebt seinen Hut vom Boden auf und blickt gen Himmel. Am Horizont baut sich ein Atompilz auf – Willkommen zurück, Dr. Jones!

 

Das Flehen der Fans hat nach 19 Jahren endlich ein Ende gefunden, denn unser aller Lieblings-Archäologe Henry Jones Jr. greift wieder zu Hut und Peitsche. Bereits 1992 hatten die Mannen um George Lucas und Steven Spielberg ein Skript gezimmert, dessen Hauptaugenmerk der Suche nach der versunkenen  Stadt Atlantis galt, und das letztlich - in der Form eines Point-and-Click-Adventures umgesetzt - die Computer-Spiel-Fans nachhaltig begeistern sollte. Es machten Gerüchte die Runde, dass das aus der Lucas Arts-Schmiede stammende Game die Vorlage für die nächste cineastische Jagd nach Artefakten darstellen könnte, doch im Laufe der Zeit wurde eine filmische Umsetzung von „Fate of Atlantis“ immer unwahrscheinlicher. Mit Lucas als ausführenden Produzenten und Spielberg auf dem Regiestuhl darf der Vater aller Abenteurer jetzt endlich wieder über die Leinwand springen und peitschen: Statt Atlantis geht es bei  „Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull“ allerdings auf die Suche nach der goldenen Stadt Eldorado.

 

1957: Knapp zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit Indiana Jones (Harrison Ford)  gemeinsam mit Sallah, Marcus Brody und seinem Vater gen Horizont ritt. Die Wettrennen gegen die Nazi-Expeditionen sind ebenso Geschichte, wie auch das recht unbeschwerte Leben als Lehrkraft am Marshall College. Nach dem Tod  von Marcus prangt eine Statur zu seinem Gedenken vor der Lehranstalt und an Indys Vater erinnert ein Foto auf seinem Schreibtisch. Als Jones auch noch nach einem Zwischenfall auf dem Gelände der Area 51 seinen Lehrstuhl einbüßt, beschließt er nach Leipzig zu reisen um dort seine Tätigkeiten als Professor der Ägyptologie und Archäologie fortzuführen. Weit kommt Indy dann aber doch nicht, denn der Teenager Mutt (Shia  LaBeouf) kreuzt seinen Weg und berichtet davon, dass Jones’ einstiger Studienfreund Professor Oxley  (John Hurt) verschwunden sei. Verfolgt von einer sowjetischen Armeetruppe um die Parapsychologin Dr. Spalko (Cate Blanchett) macht sich das Duo daran, den vermissten Freund aufzuspüren.

  

Kaum ein Film seit Lucas’ „Star Wars-The Phantom Menace“ war mit solch einer Erwartungshaltung konfrontiert worden, wie „Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull“. Der Pessimismus der sich seit der Sichtung der Prequels des Mannes von der Skywalker Ranch eingestellt hatte, war auch  maßgebend, als die neusten Abenteuer Indys von offizieller Seite aus bestätigt wurden. Würden etwa der Look , die neuen Figuren und die Story ähnlich bei den Fans für Unmut sorgen  wie einst Jar Jar Binks und die krude Star Wars-Vorgeschichte? Würde Shia LaBeouf etwa genauso fehlbesetzt sein wie ein Hayden Christiansen, der den Anakin-Charakter mit seiner schauspielerischen Talentlosigkeit zur Lachnummer degradierte?

Trotz der überwiegenden Durchschnittlichkeit welche Spielberg in den letzten Jahren auf die Leinwand brachte, zeigt sich Hollywoods einstiges Wunderkind bei der Wiederbelebung der Jones-Franchaise glücklicherweise wieder in Top-Form.  

Die Nazis als Gegenspieler hat Spielberg endgültig ad acta gelegt und den WW II. ausgiebig  in seinen „seriösen“ Filmen behandelt. Von daher kaum verwunderlich, dass Indy nun in Zeiten des Kalten Krieges seine Peitsche schwingen darf und sich mit den Sowjets ein Rennen um einen mysteriösen Kristallschädel liefert.

Nach bewährten Rezept dient der McGuffin um die Suche nach dem Kristallschädel der Zusammenführung  zweier Generationen und wieder einmal mehr trotzen die haarsträubenden Action-Sequenzen jeglichen physikalischen Gegebenheiten. Innerhalb des Indiana Jones-Universums macht das sogar Sinn. Auch wenn diesmal zahlreiche CGI-Effekte zum Einsatz kommen, fühlt sich die Mischung aus Selbstreferenzen, üblichen Klamaukeinlagen und Verfolgungsjagden homogen an. Waren es bei den Vorgängern noch die Action-Serials der 30er Jahre, so würdigen Spielberg und Lucas nun die  Science-Fiction-Streifen der 1950er Jahre und reichern diese mit den bekannten und beliebten Zutaten der Vorgänger-Filme an.  Ein Film für die Fans hatten Lucas und Spielberg versprochen – und genau das ist Kingdom of the Crystal Skull letztlich auch geworden. Einzig die Schlusssequenz kann das Niveau der vorangegangenen zwei Stunden nicht ganz halten und versteht sich eher als Zugeständnis an die „Notting Hill“-Fraktion.

08.05.2008 um 21:42 Uhr

Charlotte Roche rennt gegen die Wand: Feuchtgebiete

von: Fabse

Der Charmin-Bär liegt erschlagen auf der Lichtung und der netten Fahrradfahrerin aus der Werbung hat man das blutige Tampon in den Mund gedrückt. Sollte es irgendwem einfallen um Hilfe zu schreien oder Raumspray auf die Leichen zu sprühen, so hagelt es Schläge und die Reste der letzten Darmspülung.

Einen (literarischen) Kreuzzug gegen die „Generation Sagrotan“ und die Stereotypie einer klinisch reinen Gesellschaft hatte sich Charlotte Roche auf die Fahnen geschrieben als es darum ging, den inhaltlichen Schwerpunkt eines Autoren-Debüts auszubalancieren, doch der Feuilleton-Liebling verhebt sich durch die krude Ansammlung von Themen-Komplexen, die zwar vermeintliche Situationsdeixis beweisen wollen, aber letztlich inkohärent verpuffen.roche

 

  Im Mittelpunkt des Geschehens findet sich die 18-jährige Helen Memel, die sich nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus auf der Proktologie-Station  wieder findet. Während Roches  Protagonistin sich von ihrer Operation im Rektalbereich erholt, bekämpft sie die Langeweile des Klinikalltages durch Masturbation, Verspottung der Konsens-Gesellschaft und dem Sinnieren über ihre zahllosen favorisierten Sexualpraktiken.Nebenher findet Scheidungskind Helen, dass so ein Krankenhausaufenthalt eine gute Gelegenheit wäre, ihre Eltern wieder zu vereinen. 

 

 

 Was sich vom Plot her für eine launige Erzählung empfehlen würde, begräbt „Feuchtgebiete“ unter Unmengen von Fäkalien und stilistischen Unzulänglichkeiten. Roche ist so eifrig dabei sämtliche Tabus zu brechen, dass die Einsicht, offene Türen einzurennen sich einfach nicht mehr einstellen mag. Anal-Sex, Elektra-Komplexe, das trinken eigener und fremder  Kotze, Drogenkonsum, Atheismus: Absolut alles was anecken könnte bei Person X oder Y muss dem Leser um die Ohren geprügelt werden. Streckenweise mag das anmuten, als ob Bushido damit beauftragt wurde eine Zusammenfassung von „American Psycho“ , „Josefine Mutzenbacher“ und  gesammelten Catherine Breillat-Werken niederzulegen.  Kurz, aber alles andere als prägnante, Sätze reihen sich aneinander und wollen Tempo suggerieren, denn die absolute Befreiung von allem was irgendwo als mädchenhaft verkauft werden könnte, kennt bei Roche keine Pause. Auf dem Weg zum Ziel verliert „Feuchtgebiete“ jedoch selbiges komplett aus den Augen und stößt beinahe vorhersagbar gegen jede noch so kleine Wand des selbstgebauten Irrgartens. Letztlich ergießt sich die Erzählung sogar noch in Splatter-   Exzesse, doch bereits da weiß der Rezipient genau, dass die vorhergehenden 170 Seiten aus mindestens 130 Seiten Tristesse und Langeweile bestanden haben.   

 

 

Zum Auftakt hin ist man noch recht angetan davon, dass Ich-Erzählerin Helen im feinsten Gossenjargon ihre inneren Monologe abhält, doch entgegen dem  Straßenpoeten Bukowski – Der jenen in der Gegenwartsliteratur implantierte - schafft es Charlotte Roche einfach nicht an der Oberfläche zu kratzen. Nach zehn Seiten „Feuchtgebiete“ erkennt man das Muster nachdem das Buch wohl funktionieren soll: Pro Seite möglichst oft „Arsch“ und „Muschi“ als Leitvokabeln untergebracht sowie explizit und voller Detailverliebtheit auswalzen welche Ausscheidungen man sich wieder wie genussvoll einverleiben kann.  Dem Belletristikmarkt bringt diese Formel einen neuen Bestseller, der Roche Geld aufs Konto, aber wer hinter dem Werk - Welches ja Diskussionen über multimedial vertretene Ideale ankurbeln sollte – mehr sucht, der wird kaum Befriedigung erfahren.   

 

 

 Lichtblicke hingegen erfährt die Mär um die widerlichen Ausschweifungen des verhaltensgestörten Teens immer dann, wenn die Autorin versucht ihre Protagonistin gegen Hygiene-Fanatiker Amok laufen zu lassen: Kleine Streiche, wie selbst gebastelte Tampons, die den Aufzug besudeln und das bösartige Verteilen von  Bakterien unter Unschuldigen lassen kleine Momente schwarzhumorigen Talents durchscheinen. Leider verfehlt es Roche dann doch diese Ansätze weiter auszubauen. Der erheiternde Zynismus wird schnell wieder zugemüllt von Fickgeschichten und der äußerst platt präsentierten „Mutti-und-Vati-haben-sich-und-uns-nicht-mehr-lieb“-Storyline. Zum Ende hin entlässt man die Anti-Heldin in die Verzweifelung und hinein in neue Fick-Abenteuer mit dem Pfleger. Natürlich ist das genauso unverständlich und unoriginell wie der Großteil des Buches. 

 

 

 Die Autorin selbst äußerte sich jüngst noch darüber, dass ihr Werk Diskussionen rund um den Hygienewahn und die sexuelle Selbstbeschreibung der Frau entfachen sollte, doch würde „Feuchtgebiete“ in vorliegender einen Diskurs innerhalb der Gender Studies  in der Literatur wohl nur  in so weit aufpeppen, wie ein Komapatient die Metaphysik umkrempeln, wenn man ihn auf seinen Bewusstseinszustand hinweisen würde.  Charlotte Roches Debüt ist mehr Waterloo denn Freiburg 2.0 und trotzdem hagelt es Autogramme vis a vie. Vielleicht sollte unser aller Ex-Lieblingsmoderatorin die Kapitulation ausrufen, denn den Wink mit Helens Arsch kennen wir schon vom Videoclip-Meister MacG.