Fabs0rs Medien- und Gezuppelwelt

08.05.2008 um 21:42 Uhr

Charlotte Roche rennt gegen die Wand: Feuchtgebiete

von: Fabse

Der Charmin-Bär liegt erschlagen auf der Lichtung und der netten Fahrradfahrerin aus der Werbung hat man das blutige Tampon in den Mund gedrückt. Sollte es irgendwem einfallen um Hilfe zu schreien oder Raumspray auf die Leichen zu sprühen, so hagelt es Schläge und die Reste der letzten Darmspülung.

Einen (literarischen) Kreuzzug gegen die „Generation Sagrotan“ und die Stereotypie einer klinisch reinen Gesellschaft hatte sich Charlotte Roche auf die Fahnen geschrieben als es darum ging, den inhaltlichen Schwerpunkt eines Autoren-Debüts auszubalancieren, doch der Feuilleton-Liebling verhebt sich durch die krude Ansammlung von Themen-Komplexen, die zwar vermeintliche Situationsdeixis beweisen wollen, aber letztlich inkohärent verpuffen.roche

 

  Im Mittelpunkt des Geschehens findet sich die 18-jährige Helen Memel, die sich nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus auf der Proktologie-Station  wieder findet. Während Roches  Protagonistin sich von ihrer Operation im Rektalbereich erholt, bekämpft sie die Langeweile des Klinikalltages durch Masturbation, Verspottung der Konsens-Gesellschaft und dem Sinnieren über ihre zahllosen favorisierten Sexualpraktiken.Nebenher findet Scheidungskind Helen, dass so ein Krankenhausaufenthalt eine gute Gelegenheit wäre, ihre Eltern wieder zu vereinen. 

 

 

 Was sich vom Plot her für eine launige Erzählung empfehlen würde, begräbt „Feuchtgebiete“ unter Unmengen von Fäkalien und stilistischen Unzulänglichkeiten. Roche ist so eifrig dabei sämtliche Tabus zu brechen, dass die Einsicht, offene Türen einzurennen sich einfach nicht mehr einstellen mag. Anal-Sex, Elektra-Komplexe, das trinken eigener und fremder  Kotze, Drogenkonsum, Atheismus: Absolut alles was anecken könnte bei Person X oder Y muss dem Leser um die Ohren geprügelt werden. Streckenweise mag das anmuten, als ob Bushido damit beauftragt wurde eine Zusammenfassung von „American Psycho“ , „Josefine Mutzenbacher“ und  gesammelten Catherine Breillat-Werken niederzulegen.  Kurz, aber alles andere als prägnante, Sätze reihen sich aneinander und wollen Tempo suggerieren, denn die absolute Befreiung von allem was irgendwo als mädchenhaft verkauft werden könnte, kennt bei Roche keine Pause. Auf dem Weg zum Ziel verliert „Feuchtgebiete“ jedoch selbiges komplett aus den Augen und stößt beinahe vorhersagbar gegen jede noch so kleine Wand des selbstgebauten Irrgartens. Letztlich ergießt sich die Erzählung sogar noch in Splatter-   Exzesse, doch bereits da weiß der Rezipient genau, dass die vorhergehenden 170 Seiten aus mindestens 130 Seiten Tristesse und Langeweile bestanden haben.   

 

 

Zum Auftakt hin ist man noch recht angetan davon, dass Ich-Erzählerin Helen im feinsten Gossenjargon ihre inneren Monologe abhält, doch entgegen dem  Straßenpoeten Bukowski – Der jenen in der Gegenwartsliteratur implantierte - schafft es Charlotte Roche einfach nicht an der Oberfläche zu kratzen. Nach zehn Seiten „Feuchtgebiete“ erkennt man das Muster nachdem das Buch wohl funktionieren soll: Pro Seite möglichst oft „Arsch“ und „Muschi“ als Leitvokabeln untergebracht sowie explizit und voller Detailverliebtheit auswalzen welche Ausscheidungen man sich wieder wie genussvoll einverleiben kann.  Dem Belletristikmarkt bringt diese Formel einen neuen Bestseller, der Roche Geld aufs Konto, aber wer hinter dem Werk - Welches ja Diskussionen über multimedial vertretene Ideale ankurbeln sollte – mehr sucht, der wird kaum Befriedigung erfahren.   

 

 

 Lichtblicke hingegen erfährt die Mär um die widerlichen Ausschweifungen des verhaltensgestörten Teens immer dann, wenn die Autorin versucht ihre Protagonistin gegen Hygiene-Fanatiker Amok laufen zu lassen: Kleine Streiche, wie selbst gebastelte Tampons, die den Aufzug besudeln und das bösartige Verteilen von  Bakterien unter Unschuldigen lassen kleine Momente schwarzhumorigen Talents durchscheinen. Leider verfehlt es Roche dann doch diese Ansätze weiter auszubauen. Der erheiternde Zynismus wird schnell wieder zugemüllt von Fickgeschichten und der äußerst platt präsentierten „Mutti-und-Vati-haben-sich-und-uns-nicht-mehr-lieb“-Storyline. Zum Ende hin entlässt man die Anti-Heldin in die Verzweifelung und hinein in neue Fick-Abenteuer mit dem Pfleger. Natürlich ist das genauso unverständlich und unoriginell wie der Großteil des Buches. 

 

 

 Die Autorin selbst äußerte sich jüngst noch darüber, dass ihr Werk Diskussionen rund um den Hygienewahn und die sexuelle Selbstbeschreibung der Frau entfachen sollte, doch würde „Feuchtgebiete“ in vorliegender einen Diskurs innerhalb der Gender Studies  in der Literatur wohl nur  in so weit aufpeppen, wie ein Komapatient die Metaphysik umkrempeln, wenn man ihn auf seinen Bewusstseinszustand hinweisen würde.  Charlotte Roches Debüt ist mehr Waterloo denn Freiburg 2.0 und trotzdem hagelt es Autogramme vis a vie. Vielleicht sollte unser aller Ex-Lieblingsmoderatorin die Kapitulation ausrufen, denn den Wink mit Helens Arsch kennen wir schon vom Videoclip-Meister MacG.