Bücherregal: Inferno Part 1
Einige Wochen sind in der Gezuppelwelt ja schon vergangen, ohne, dass das Bücherregal wieder von sich Reden gemacht hätte. Um es auf den Punkt zu bringen: Es war nur die Ruhe vor dem Sturm, denn nun folgt der erwartete Overkill an neuen Errungenschaften, die jede Ikea-Vitrine feucht werden lassen sollten. Hier der erste Teil (Die Folgen 2 und 3 kommen in den nächsten zwei Tagen online).
Was wäre wohl besser geeignet als das Sperrfeuer im Regal zu beginnen als die Schriften des „Father of Gonzo”? Selbst wer von Thompsons radikalen Schreib- und Recherchestil bis jetzt noch nichts gehört haben sollte, der könnte jedenfalls schon einmal über die Verfilmung des Kultromans „Fear & Loathing in Las Vegas“ durch Terry Gilliam gestolpert sein. Gerade für Freunde der Adaption sollte der Roman daher schon zur Pflichtlektüre erkoren werden. Einen ganzen Batzen an Drogen im Kofferraum und dicht bis in die Haarspitzen machen sich der Journalist Raoul Duke und sein Anwalt Dr. Gonzo, gegen Ende der 70er, auf um vom Mint 44 –Motocross –Rennen in Las Vegas zu berichten. Neben Chaos, verwüsteten Hotelzimmern und verdutzten Polizisten hinterlässt das Duo dabei eine Schneise der Verwüstung und die Gewissheit, dass die Woodstock-Generation auch nur einer Seifenblase von Freiheit aufgesessen ist. Thompsons Werk zeichnet sich durch einen äußerst brachialen Schreibstil aus, der schon Suchtpotenzial entfaltet nachdem die erste Seite umgeblättert wurde. Entgegen ähnlich gelagerten Berichten in Romanform ist es überaus schwer das Buch auch nur kurze Zeit aus den Händen zu legen. Besonders Kennern der Verfilmung sei hierzu geraten, denn neben einer chronologischen Veränderung der Erzählung finden sich noch einige Passagen, die überaus vergnüglich gestaltet nur dem Roman vorenthalten sind. Sollte man in Versuchung geraten, das Buch mit dem Film zu vergleichen ( Also echt!?!), so wird das Erstaunen groß sein, wie eng sich doch Gilliam an die Vorlage hält. Rein dramaturgisch ist das, als unverfilmbar betitelte, Buch ein Glücksgriff für das Kopfkino.
Im Jahre 1959 macht sich der Journalist Paul Kemp auf nach Puerto Rico um einen Job bei dem Blatt „San Juan Daily News“ anzunehmen. Schon nach der Ankunft in der Redaktion merkt Kemp, dass das tropische Idyll , das er vermutet vorzufinden langsam dem Verfall nahe ist. Neben Alkohol in Hülle und Fülle, sexuellen Abenteuern und orgastischen Karnevalsfeiern in den Strassen erfährt Kemp, wie jäh die amerikanische Arroganz das Paradies dem totalen Zusammenbruch immer näher rückt. Am Rande seiner Jugend wirkt Paul dabei tatkräftig mit. Thompsons, lange verschollen geglaubten, Debütroman wohnt der später als Gonzo bezeichnete Stil schon inne, ohne dabei allerdings die Weirdness eines „Fear & Loathing in Las Vegas“ zu postulieren. Eher entspannter und mit reumütiger Melancholie behaftet erstreckt sich die literarische Bestandsaufnahme von Thompsons Alterego Kemp. Zwar sind die Höhepunkte der Erzählung etwas spärlicher gesät als in anderen Arbeiten Thompsons, aber das aufpeitschende „Nimm dir was du kriegen kannst, bevor alle Träume sich auflösen“, welches sich stilistisch durch sein Gesamtwerk zieht ist ebenso latent vorhanden.
Holden
Caulfield wird der Pency, einem Internat in Pennsylvania, verwiesen und
beschließt drei Tage vor dem Beginn der Winterferien nach New York zu
reisen. Da seine Eltern keinen Verdacht schöpfen sollen, streift der
17-Jährige durch die verschneite Metropole und gibt sich dem Nachtleben
hin. Zwischen Bars und Hotels pendelnd ereignen sich fatale Treffen mit
allerlei Menschen die Holdens Hass und Ablehnung zu spüren bekommen.
Ob jetzt J.D. Salingers „Catcher in the Rye“ wirklich der Adoleszenzroman schlechthin
ist, zu dem ihn manche machen, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die
Odyssee des jugendlichen Antihelden an der Schwelle zum Erwachsenwerden
in ähnlicher Form auch funktionieren würde. Egal, ob sich Caulfield
mehrfach ein blutendes Gesicht einfängt, seine Mitmenschen bewusst und
zeitgleich naiv provoziert oder der verlogenen Gesellschaft ans Bein
pisst: Geltende Normen des Systems und Idealisierungen unterminiert
Salinger ebenso, wie er deren Lächerlichkeiten vorführt. Weniger
Jugendbuch als vielmehr Demaskierung gesellschaftlicher
Selbstverständlichkeiten.
Nach seinen Kurzgeschichten in „Russendisko“ über das Leben als russischer Intellektueller in Berlin nimmt Kaminer die Leser diesmal mit auf eine wilde Reise durch seine Jugend in Moskau. Dass es hier nicht wirklich ernst zugeht und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ineinander übergehen, sollte weniger verwundern als Rust auf dem Roten Platz oder gar der Berufswunsch „Mongoloider“.
