Wenn Steffi Graf Schulkinder überfahren will und die Scorpions Entjungferung propagieren
Hier mal für alle, die Buchbesprechung zu "Nur für Erwachsene", die in der in zwei Wochen erscheinenden PNG No.68 zu finden sein wird.
Roland Seim und Josef Spiegel liefern in ihrem Buch „Nur für Erwachsene“ eine exemplarische Bestandsaufnahme aus den vergangenen 50 Jahren Zensur innerhalb der Rock- und Popgeschichte.
Als G.G. Allin noch zu Lebzeiten in der Jerry Springer Show das Geständnis „My body is a Rock’n’Roll-Temple“ verkündete und somit seine Auffassung vom wahren Spirit der Punk-Rock-Bewegung proklamierte, gehörte ein gesundes Selbstverständnis zur Provokation innerhalb der Rock-und Pophistorie bereits zum festen Bestandteil der verschiedensten Jugendbewegungen. Die Auswüchse des geregelten und unbändigen Tabubruches waren längst zum etablierten Teil des Rock’n’Roll-Geschäfts geworden und spätestens seit den inszenierten Skandalen um die Sex Pistols als marktstrategisches Kalkül in jedes Handbuch für angehende Kapellen mit anvisierten Chartplatzierungen gewandert. Reichte es im UK der 70ern noch, die englische Queen mit Spottliedern zu verhöhnen oder Four letter-Words über seine Hörer zu ergießen, so verlagerten sich die Grenzen innerhalb des moralischen Gefüges der Gesellschaft mit der Zeit in unterschiedliche Richtungen, deren Freiräume je nach Zeitgeist und betreffender Mentalität der verschiedenen Kulturen anders gesetzt sind.
Grund genug also, für die Soziologen Dr. Roland Seim und Dr. Josef Spiegel sich mit dem Sujet näher zu befassen und im Jahre 2004 in Zusammenarbeit mit Heinz Kock und Studierenden des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Hamburg die Ausstellung „Nur für Erwachsene“, so wie den vorliegenden, begleitenden Katalogband zu realisieren. Was die Beteiligten dabei an interessantem Material zusammengetragen haben, ist gerade zu bezeichnet für moralische Werteverschiebungen im Wandel der Zeit und wirft ein aufschlussreiches Licht auf die Entwicklungen der Rock-und Popkultur unter den Auflagen staatlicher Zensur. Dabei kann das Buch auch allein stehend außerhalb der Ausstellung durchweg überzeugen. Gerade da durch, dass der Spreizschritt zwischen wissenschaftliche dedizierter Herangehensweise extrem unterhaltsamem Stil gelingt, verweigert sich „Nur für Erwachsene“ der vorherrschenden Trockenheit, die ähnliche themenrelevante Publikationen inne haben. Die Struktur des Inhaltes gliedert sich lesefreundlich in eine Essay-Sammlung, die verschiedene Aspekte der Thematik erläutert und den Weg seit Elvis’ berühmten Hüftschwung bis zur Zensur der Bush-Regierung in Zeiten des Irak-Krieges nachzeichnet, einen Abbildungsteil, der Zensur an Plattencover in den Bereichen Political Correctness, Gewaltdarstellung und ähnlichem bietet, sowie einem lexikalischen Teil, der von einer Bibliographie und einem Textanhang abgerundet wird.
Ebenso bunt wie die aufgegriffenen Beispiele aus der Musikgeschichte, die so ziemlich jedes Genre betreffen, sind auch die Beiträge im einleitenden Aufsatzteil vertreten: Josef Spiegel widmet sich der Geburtsstunde des Rock’n’Roll, der Aufforderung der Bravo-Redaktion, dass sich Elvis doch mal die Haare schneiden lassen sollte und streift auch den Bereich Faschismus innerhalb der Musikkultur, Roland Seim beschäftigt sich mit den staatlichen Kontrollinstanzen, Willem Pasinski setzt den Schwerpunkt beim Heavy Metal, Jacob Sello zeigt auf, warum Raves in den USA mit Drogenmissbrauch gleich gesetzt werden und Christiane Rohr betrachtet den zensorischen Konsequenzen nach dem 11. September 2001. Mel Brooks’ Hitler-Rap ist dabei genau so Thema, wie zum Beispiel ein ausgerufener Boykott gegen Sheryl Crow und Steffi Grafs Klage gegen die Funpunks von den „Angefahrenen Schulkindern“. Den größten Teil des 250 Seiten starken Buches macht dann der Abbildungsteil aus, der unter anderem verrät, warum Paul McCartney im Jahre 2003 das Rauchen auf der Abbey Road LP verboten wurde und wie die Scorpions von „Virgin Killers“ zu braven Rockern konvertierten. Im lexikalischen Teil findet sich dann noch alphabetisch geordnet vielerlei kurioses aus der Musikwelt, bei dem Janette Jacksons Nippel-Skandal sich inmitten von Atari Teenage Riot’s „Burn Berlin, burn“-Ausrufen und religiösen Gruppen die Marilyn Manson stoppen wollen, in bester Gesellschaft befindet.
Bei so einer geballten Masse an Information ist es allerdings nicht verwunderlich, dass sich einige kleine Fehler eingeschlichen haben: So ist zum Beispiel das Erscheinen von „ATR’s“ „The Future of War“ fälschlicherweise mit 2001 statt 1996 angegeben, Shane MacGowans Zähne-Gag in einer US-Lateshow wird damit ausgewiesen, dass man ihm verkaufsfördernd für US-Pogues- Veröffentlichungen ein intaktes Gebiss verpasst hatte und aus Sheryl Crow wird auch mal eine Cherrill Crow. Schade auch, dass der Eingangs von mir erwähnte G.G. Allin es leider nicht ins Buch geschafft hat. Obwohl, gerade der Kampf zwischen Ordnungshütern und den „Murder Junkies“ als Themenkomplex hier sicherlich gut aufgehoben gewesen wäre. Insgesamt aber keinesfalls gravierende Schnitzer, die den großartigen Gesamteindruck des Buches irgendwie schmälern könnten. So ist „Nur für Erwachsene“ ein klarer Fall von „Must have“ für jedes Buchregal von Musik- und Zensurinteressierten. Wer erstmal beim Schmökern Blut geleckt hat, dem seien auch die anderen Veröffentlichungen aus dem Telos Verlag ans Herz gelegt, die viele der angerissenen Themen des Buches noch an anderer Stelle vertiefen.
„Nur für Erwachsene- Rock- und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen“, herausgegeben von Roland Seim und Josef Spiegel, ist erschienen im Telos Verlag und unter der ISBN-Nr. 3-933060-16-8 für 24,80 Euro zu beziehen. (www.telos-verlag.de)
Danke an Dr. Roland Seim, der das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.
