Weil es ist wie es ist

20.06.2007 um 02:09 Uhr

Wertvoll

Es ist fast zwei Uhr nachts, mitten in der Woche. Das erst einmal für die Statistik. Und mein Telefon klingelt. Schier unglaublich.

Ich springe auf, erwarte das Allerschlimmste, überlege bereits, wo meine Autoschlüssel sind, damit ich sofort losfahren kann, sehe Horrorszenarien vor meinem inneren Auge vorbeifliegen.

Es ist Dirk.

Dirk ist mein bester Freund seit dem Abi. Dirk lebt in München, wo er auch studiert. Dirk ist stockschwul (in seinem Fall MUSS man das in die Personenbeschreibung mit aufnehmen, weil es so...sagen wir mal "signifikant" ist) und der mit Abstand chaotischste Mensch, den ich kenne.

Ich habe seit dem Unfall nicht mehr mit Dirk gesprochen. Eigentlich weiß Dirk nicht einmal von dem Unfall.

Jedenfalls ruft er an. Nicht wirklich ungewöhnlich, aber eben auch nicht wirklich gewöhnlich.

Er meldet sich mit einem "Ich hatte geahnt, dass Du noch wach bist" und fängt ohne Punktg und Komma an zu reden. Liebeskummer und Studienfrust, gepaart mit eine wenig Dramaqueen. Ich liebe Dirk. Und ich liebe ihn dafür, dass er mir eine Viertelstunde Normalität geschenkt hat, in der es nichts gab außer ihm und mir.

Und nun sitze ich hier und warte auf seinen Rückruf, nachdem er mich mit einem "Oh, warte mal, mein Handy klingelt! Ich ruf Dich gleich zurück!" abgewimmelt hat.

Wie gesagt, es ist zwei Uhr nachts, ich werde wohl mit knietiefen Augenringen bei der Arbeit ankommen, aber, ganz ehrlich, das ist es mir für den Moment wert.  

20.06.2007 um 01:54 Uhr

Schlaflose Gedanken

Ich sitze hier auf meinem kleinen Balkon und kann nicht schlafen. Mal wieder. Schlaflosigkeit ist bei mir nichts Neues, war es auch schon vor dem Unfall nicht.

Aber seit dem Unfall gibt mir diese Schlaflosigkeit mehr Zeit zum Nachdenken, die ich eigentlich nicht haben möchte. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man über die Zukunft nachdenkt - denn alle Hoffnungen ruhen ja irgendwie auf der Zukunft - aber nicht die geringste Ahnung hat, wie diese Zukunft aussieht.

Wenn die Ärzte mit mir über Andreas sprechen, bekomme ich regelmäßig weiche Knie: keine eindeutige Prognose möglich, Zustand momentan stabil, man muss sehen, wie weit die Wirbelsäule wirklich in Mitleidenschaft gezogen worden ist, aber das braucht Zeit, ... usw. usw.

Dabei ist der Unfall schon über einen Monat her. Eigentlich unglaublich.

Und es ist unglaublich, was sich schon alles verändert hat.

Andreas und ich sind in diesen vier Wochen näher zusammengewachsen, als es bei Paaren, die erst so kurz zusammen sind, "normal" ist.

Ich habe seine Eltern, Freunde und Familie kennengelernt, teilweise sehr gut. Und das ohne ihn - auch keine ganz normale Situation, aber eine wirkungsvolle. Ich denke, das wäre sonst nach so kurzer Zeit auch nicht so gewesen.

Mein komplettes Leben dreht sich verständlicherweise um ihn und spielt sich nur noch zum Schlafen zu Hause ab (und das funktioniert ja, wie man sieht, auch nur begrenzt), ansonsten im Krankenhaus oder bei der Arbeit.

Ein wirre Zeit.

Und eine schlaflose.

 

20.06.2007 um 01:36 Uhr

Ruhe

Es scheint, als sei ein wenig Ruhe eingekehrt. Als ich ihn heute besucht habe, wirkte er wunderbar ruhig, nicht mehr so verkrampft. Natürlich liegt das zum Teil an den Schmerz- und Beruhigungsmitteln, die er bekommt, keine Frage, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass da noch mehr ist, dass ihn beruhigt. Auch ich bin seit gestern ruhiger, beruhigter, habe das Gefühl, als könne ich besser ertragen. Und selbst, wenn dieses Gefühl nur einen Moment anhält, egal. 

Als wir uns heute wiedersahen, stand noch immer der Einruck des gestrigen Tages im Raum. Ich kann es nicht beschreiben, aber es war, als ob diese Augenblicke gestern etwas Grundlegendes bestimmt haben, eine grundsätzliche Sicherheit, ich weiß es nicht. So, als ob in diesen Momenten ganz klar war, was wir einander bedeuten. Herrje, ich werde kitschig, ich weiß. 

Jedenfalls war mein Besuch heute geprägt von Ruhe, und das war ein unheimlich schönes Gefühl. 

Dennoch bleibt noch ein großer Meilenstein auf dem Weg in die Normalität.

Marks Tod.

Ich habe vorhin mit Jan telefoniert (ja, das scheint sich einzuschleifen) und mit ihm darüber gesprochen. Wir wissen beide, dass wir ihm diese Nachricht nun nicht mehr lange vorenthalten können, aber wir wissen nicht, wer es ihm sagen soll.

Ein Arzt? Jan? Seine Eltern?

Oder ich? Nein, das könnte ich nicht. Ich weiß, das ist feige, aber das würde ich einfach nicht hinbekommen.

Und wann sollen wir es ihm sagen? Wann? 

18.06.2007 um 23:30 Uhr

en detail

Nachdem ich telefonisch allen Leuten, die heute Morgen mit mir gezittert haben, die freudige Nachricht überbracht habe, habe ich den Abend mit Franzi ruhig ausklingen lassen, und kann nun noch einmal en detail berichten.

Ich war ab 12.30 Uhr in der Klinik und wartete dort. Um 13.30 Uhr kam er aus dem OP (unnötig zu erwähnen, dass die eine Stunde Wartezeit mich fast den Verstand gekostet hat).

Bevor ich zu ihm durfte, konnte ich noch kurz mit dem behandelnden Arzt sprechen, der mir versicherte, dass alles soweit gut gelaufen sei und es ihm den Umständen entsprechend gut gehe. An dieser Stelle sei erwähnt, dass das kein normales Vorgehen ist. Ich bin keine Verwandte und habe damit eigentlich auch kein Anrecht auf medizinische Auskunft. Seine Eltern haben allerdings diese Sperre für mich aufheben lassen, worüber ich immer wieder wahnsinnig dankbar bin!!!

Ich durfte allerdings erst zu ihm, nachdem er schon eine Weile wieder wach war, und allein mit der Auflage, dass ich nicht zu lange bleiben dürfe. Mir war egal, wie lang oder kurz, die Hauptsache war für mich, ihn überhaupt sehen zu dürfen.

Und obwohl ich wusste, dass nun das Schlimmste überstanden war, hatte ich Angst. Wahnsinnig, irrationale Angst und ich betrat sein Zimmer mit weichen Knien.

Andreas schien sehr erschöpft und an seinem schweren Atem konnte ich erkennen, dass er starke Schmerzen hatte. Als ich seine Hand berührte, merkte ich, dass er leicht zitterte. Er bemerkte mich erst durch diese Berührung und als er mich ansah, traf es mich mit voller Wucht - die ganze Angst und Anspannung der vergangenen Stunden. Erst in dem Moment habe ich wirklich erkannt, wie sehr ich befürchtet hatte, ihn nie wieder zu sehen. Und trotz aller guten Vorsätze habe ich in diesem Moment geweint. Und auch Andreas hatte Tränen in den Augen und wusste ohne dass ich etwas gesagt hatte, genau, was ich dachte.
"Ich bin noch da." flüsterte er und versuchte ein Lächeln.

Es war ein unglaublich emotionsgeladener Moment, den ich noch vor wenigen Wochen als kitschig belächelt hätte.Die übrige Zeit sprachen wir nicht, sondern schauten uns nur an, ich streichelte seine Hand, strich ihm das Haar aus der Stirn und versuchte ihm ein wenig Ruhe zu vermitteln. Zu vermitteln, dass ich da bin, immer, und dass ich alles, was mir möglich ist, für ihn tun werde. Am liebsten hätte ich ihn genommen und gedrückt und nicht wieder losgelassen. Es gab einfach nichts Passendes, was man in diesem Augenblick hätte sagen können. Nichts, das unsere Gefühle angemessen wiedergegeben hätte.

Nach viel zu kurzer Zeit musste ich dann wieder gehen. Ich gab ihm einen vorsichtigen Kuss, sagte ihm, dass ich ihn liebe und ging.

Selbst wenn ich jetzt darüber nachdenke, könnte ich noch heulen.

Und ab jetzt MUSS es einfach bergauf gehen.

In der Tat lernt man durch solche Ereignisse manche Dinge schätzen. Hier nur ein paar von meiner Liste:

Seine Stimme, sein Lachen, zusammen spazierengehen, seinen Arm um meiner Schulter, seine Haut auf meiner, das Funkeln in seinen Augen, zusammen einkaufen gehen und kochen, Urlaubspläne schmieden, lange Autofahrten, auf denen wir uns alles und nichts erzählen, ihn neben mir liegen und schlafen sehen, ihm morgens zusehen, wie er sexy im offenen Hemd und Boxershorts durch die Wohnung tigert...

Ich hoffe, dass ab heute wieder alles auf diese Normalität hinsteuert. Und dass ich sie dann viel mehr zu schätzen weiß als noch vor ein paar Wochen.

 

18.06.2007 um 18:27 Uhr

Update

Er hat die Operation den Umständen entsprechend überstanden, sein Zustand ist stabil. Er wirkte sehr erschöpft und hatte starke Schmerzen, als ich bei ihm war, so dass wir kaum ein Wort wechseln konnten.

An seinem linken Bein ist nun ein externer Fixateur befestigt - ein gruseliges Folterinstrument. Und durch die Operation an der Beckenschaufel ist eine Narbe entstanden, die von einem Beckenknochen zum anderen verläuft (die ich nicht gesehen habe, aber die Krankenschwester hat es mir so erklärt).

Insgesamt durfte ich nur zehn Minuten bei ihm sein. Und auch wenn es ihm noch nicht besonders gut geht, war es wunderschön, ihm wieder in dei Augen sehen zu können. Es war ein wirlich emotionaler Moment.

Vielleicht melde ich mich nachher nochmal ausführlicher. Im Moment bin ich einfach nur platt.
Und unendlich erleichtert.

18.06.2007 um 11:31 Uhr

Warten

von: EinfachMarie   Stichwörter: Warten, Angst

Bin gerade nach Hause gekommen. Wie schon vermutet, war ich bei der Arbeit keine große Hilfe, eher im Gegenteil.

Bin in Gedanken sowieso nur bei Andreas und kann mich auf nichts konzentrieren. 

Ich solle nicht damit rechnen, dass die OP vor 13 oder 14 Uhr vorüber sein wird, hat man mir gestern gesagt. Himmel, das ist noch so lange hin. 

Und alle Menschen, mit denen ich sprechen könnte, sind bei der Arbeit. Alleinsein und Warten ist keine gute Kombination. 

Vielleicht gehe ich gleich noch einkaufen. Notdürftige Ablenkung, aber immerhin

17.06.2007 um 22:57 Uhr

Hoffen

von: EinfachMarie   Stichwörter: Angst

Er hat Angst. Und ich auch.

Die Operation ist für morgen neun Uhr angesetzt. Die Ärzte bezeichnen den Eingriff als schwer, zumal mit seinen schlechten Blutwerten und seinem schwachen Kreislauf. Auch wenn sie das Wort "lebensgefährlich" nicht in den Mund nehmen, schwingt es dennoch mit.

Er sagte "Ich liebe Dich", als ich ging, ganz so, als wäre es ein Abschied für immer. Aber ich habe mich zusammengerissen, wenigstens bis ich aus dem Raum war. Habe ihm gesagt, dass alles gut werden würde, und dass ich da sein werde, wenn er wieder aufwacht. Und ich habe ihm auch gesagt, dass ich ihn liebe und dass noch so viel vor uns liegt, auf das ich mich freue.

Zu Hause habe ich dann Jan angerufen, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte und das Gefühl hatte, durchzudrehen. Er kam vorbei, brachte Beruhigungstee mit und wir redeten bis eben. Jetzt bin ich ein wenig ruhiger, fühle mich aber nach wie vor leer und weiß nicht, wie ich die Nacht überstehen soll. Jan hat mir angeboten, ihn jederzeit anzurufen.

Ich werde versuchen, jetzt schlafen zu gehen und den morgigen Tag irgendwie hinter mich zu bringen. Ich mache schon mittags Feierabend, damit ich rechtzeitig im Krankenhaus sein kann. Werde wohl so oder so morgen keine große Bereicherung beid er Arbeit sein.

 

17.06.2007 um 16:23 Uhr

Sanne

von: EinfachMarie   Stichwörter: Sanne

Heute morgen rief mich Sanne an. Sie ist eine enge Freundin von Andreas. Wir haben uns bei ein paar Partys gesehen und waren uns von Anfang an sympathisch. Aber eigentlich weiß ich recht wenig über sie.

Seit dem Unfall habe ich sie nicht mehr gesehen und so war ich reichlich erstaunt über ihren Anruf. Jan hat ihr meine Nummer gegeben und sie fragte, ob wir einen Kaffee trinken gehen. Sanne (eigentlich Susanne) ist die Art von Person, der man nicht widerstehen kann. Sie ist direkt und offen, lustig und warmherzig. Und so gab es in der Tat keinen Grund, sich nicht mit ihr zu treffen.

Wir trafen uns in einem Café in der Stadt. Und zu meinem Erstaunen fühlte es sich gleich vertraut an. Sie fragte nach Andreas, und erzählte, dass sie schon mit seiner Mutter gesprochen habe, aber auch hören wolle, wie es mir gehe. Ähnlich wie bei Jan war es ein schönes Gefühl, mit jemandem zu sprechen, der Andreas kennt und liebt. Sie erzählte mir, wie sehr er ihr am Telefon immer von mir vorgeschwärmt habe und dass sie ihn in den vergangenen Monaten als sehr glücklich erlebt habe.


Natürlich kennt auch sie Mark, war auf der Beerdigung, weiß um die Lügengeschichte. Aber sie beruhigt mich, nimmt mir mit ihren Worten einen großen Teil der Last von den Schultern. Sagt, dass er verstehen wird. Vielleicht nicht sofort und das solle ich auch nicht erwarten, aber er würde verstehen, ganz bestimmt.

Sie erzählt mir, dass sie schwanger sei. Sie wisse es seit zwei Wochen. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund meine ich, dass dies eine so gute Nachricht ist, dass Andreas sie erfahren sollte, denn er weiß davon natürlich nichts.

Und so ist es fast Mittag, als wir gemeinsam ins Krankenhaus fahren. Es ist schön, nicht allein zu fahren und ich freue mich auf seine Augen, wenn er Sanne sieht. Zwar gelten auf der Intensivstation eingeschränkte Besuchsregelungen, aber in meiner Begeleitung darf Sanne kurz mit zu ihm. Ich muss zugeben, dass ich erleichtert bin, als ich sehe, dass seine Eltern noch nicht da sind.

Als wir ins Zimmer kommen, liegt er mit geschlossenen Augen da. Sanne sieht erschrocken aus, ich sehe, wie ihr Tränen in die Augen steigen. Und ich merke, dass ich mich an die vielen Schläuche, Drähte und Maschinen scheinbar schon gewöhnt habe.
Ich begrüße ihn mit einem Kuss auf die Stirn und er öffnet langsam die Augen, lächelt mich müde an.

Und er freut sich, Sanne zu sehen. Sie steht an seinem Bett, streichelt seinen Unterarm und erzählt, erzählt, erzählt. Und schließlich kommt sie auch zu ihrer größten Neuigkeit. Ich sehe, wie er sich freut, als sie sich ganz dicht zu seinem Gesicht hinunterbeugt und sagt: "Und Du weißt hoffentlich, dass Sven und ich Dich als Patenonkel eingeplant haben. Also sieh zu, dass Du schnell wieder fit wirst!"

Es war ein schöner Start in einen Sonntag, der ein wenig von der allgemeinen Angst abgelenkt hat, auch wenn Sanne vor dem Krankenhaus kurz in Tränen ausgebrochen ist.

Ich werde nachher noch einmal zu ihm fahren, momentan sind seine Eltern bei ihm und ich denke, dass es unsinnig ist, mit drei oder vier Leuten um sein Bett zu sitzen.

Sanne und ich haben jedenfalls Telefonnummern ausgetauscht und ich hoffe, dass wir uns in Zukunft häufiger sehen werden.

17.06.2007 um 01:07 Uhr

Hawaii

von: EinfachMarie   Stichwörter: Hawaii


Eine Woche nach der Party, auf der wir uns kennengelernt hatten, wurden wir ein Paar. Zwei Tage später flog er für zwei Wochen nach Hawaii, zum Wellenreiten. Mit seinem besten Freund. Mark.

Diese Zeit kam mir schier unendlich vor, obwohl wir telefonierten, SMS und eMails schrieben. 

Es war eine bittersüße Version von Verliebtsein, so nah und doch so fern. 

Die beiden kamen mitten in der Nacht am Flughafen an. Ich versprach, sie abzuholen. Ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er mir durch die Glasscheibe zuwinkt - braungebrannt, übernächtigt, einfach hinreißend. Wir brachten Mark nach Hause und fuhren zu ihm. Und obwohl eine halbe Weltreise hinter ihm lag, war an schlafen nicht zu denken. Wir lagen im Dunkeln auf seinem Bett und ich ließ ihn erzählen. Er schwärmte von Hawaii, wie schön es dort sei. Und wie sehr er mich vermisst habe. Und ich erinner mich, dass ich in seinem Arm lag und das Gefühl hatte, es könnte nicht schöner werden. Alles war perfekt in genau diesem Moment. Ich hörte seinen Atem, spürte seine Wärme, hörte seine Stimme und wusste, dass er es war. ER. Es war Verliebtheit, keine Frage. Aber es war auch mehr. Es war eine Verbundenheit und Vertrautheit, die ich bis dahin nicht kannte. Es war das Gefühl, so ganz und gar beianander zu sein, zu verstehen, in sich zu ruhen. Es war unbeschreiblich. 

An diesem Abend schliefen wir zum ersten Mal miteinander. Und es war unbeschreiblich schön und intensiv, ihn bei mir zu spüren, in mir. Es war nicht nur Sex, es war seelenrandvoll trinken, wie das Ende einer Suche, ein Verlieren im andern, Versinken. 

Hawaii ist für uns beide zum Synonym für dieses Gefühl geworden und in dieser Zeit scheint ein Urlaub auf Hawaii wie die ultimative Erfüllung aller Fantasien. 

17.06.2007 um 00:45 Uhr

Berg und Tal

Am Montag wird er nochmal operiert. Beckenschaufel und Wirbelsäule sollen verschraubt, das Fußgelenk rekonstruiert werden, wenn sein Zustand es zulässt. Diese Dinge konnten in der Notoperation am Tag des Unfalls nicht gemacht werden, "weil er sonst möglicherweise nicht durchgehalten hätte".

 

Leberriss, Abriss der Symphyse, Rippenbrüche, Trümmerbruch Oberschenkel und Unterarm, Fraktur Fußgelenk, Blutungen in der Lunge, Beckenringfraktur... - es ist unglaublich, in wie kurzer Zeit man unglaublich viele medizinische Begriffe kennen und fürchten lernt. 

Schon der Bericht über die fast zehnstündige Notoperation hatte mich das Schaudern gelehrt. Andreas hatte schlimmste innere Verletzungen gepaart mit unzähligen Knochenbrüchen, z.T., Trümmerbrüchen, Quetschungen, Verdrehungen etc. Wenn man den Bericht liest, glaubt man, dieser Mensch kann gar nicht mehr leben. 

 

Und nun also noch mindestens eine Operation. Andreas hat unglaubliche Angst vor dem Eingriff. Ich auch. Er kann sich nach wie vor nicht wirklich äußern, ist durch die Morphiumspritzen  benommen. Und wenn deren Wirkung kurzfristig nachlässt, ist er kaum ansprechbar durch die starken Schmerzen. Ich frage mich, wie er eine weiter Operation wegstecken wird. Allein bei dem Gedanken wird mir schlecht. 

 

16.06.2007 um 00:21 Uhr

Hilfe

Ich hatte gedacht, ich hätte mich schon ein wenig daran gewöhnt. Aber gerade heute hat es mich wieder vollkommen umgehauen.

Ja, die Ärzte sagen, dass man keine Wunder erwarten soll und dass sich sein Zustand nur sehr langsam verbessern kann, aber dass man letztlich für jeden Tag, den er stabil ist, dankbar sein sollte.

Ich weiß.

Dennoch - an Tagen wie heute habe ich das Gefühl mit der ganzen Situation überfordert zu sein. 

Es geht im schlecht. Nach wie vor ist es nicht wirklich möglich mit ihm zu sprechen. Ich erzähle ihm viel, versuche so sehr es geht bei ihm zu sein. Ihn zu beruhigen, wenn ich den Eindruck habe, dass es ihm besonders schlecht geht. Mir nicht anmerken zu lassen, dass ich genauso Angst habe wie er, wenn er vor Schmerzen kaum ein Wort herausbekommt, am ganzen Körper zittert oder ihm Tränen in den Augen stehen.

Ich sage ihm, dass ich ihn liebe und da bin und dass ich, was auch immer passieren wird, da sein werde. Und daran besteht in der Tat kein Zweifel.

Und wenn ich dann das Zimmer verlasse, sitze ich auf dem Flur und heule mir die Augen aus dem Kopf, weil ich entsetzliche Angst habe, vor dem was kommt und vor dem Moment, in dem er die ganze Wahrheit erfährt.

Wann auch immer der Moment sein wird.

Ich möchte ihm so gerne helfen und viel mehr für ihn da sein. Ich kann seine Angst in seinen Augen sehen und sie ihm natürlich nicht nehmen.

14.06.2007 um 19:06 Uhr

Andy

Ich kannte seinen Bruder bisher nur von Fotos und Geschichten. Heute habe ich ihn im Krankenhaus kennengelernt.

Und mittlerweile gewöhne ich mich daran, seine komplette Familie auf diese Art und Weise kennezulernen. Allerdings war es mit seinem Bruder anders als beispielsweise mit seinen Eltern. Wir saßen beinahe zwei Stunden in der Cafeteria im Krankenhaus und redeten. Er ist Andreas, den er nur Andy nennt, sehr ähnlich, sowohl optisch als auch vom Wesen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und ich hatte sofort das Gefühl, voll und ganz akzeptiert zu sein - im Gegensatz zu seinen Eltern, bei denen ich auch jetzt noch das Gefühl habe, "nur" die Freundin zu sein, die er ja gerade erst seit drei Monaten kennt. 

Er erzählte mir eine Menge über seinen Bruder, über ihre Kindheit, über Eigenarten und Macken, kleine Geschichten. Und ich merkte, dass es genau das war, was mir gefehlt hatte. Mit jemandem zu sprechen, der Andreas in und auswendig kennt und ihm sehr nah ist. Der ähnlich fühlt wie ich und der nicht "nur" aus Mitleid Sätze sagt wie "Kopf hoch" oder "Das wird schon wieder" - so lieb diese auch gemeint sind.

 
Es fühlte sich an, wie nach hundert Jahren wieder Kraft tanken und kurz verschnaufen.

 
Gestern Abend hatte ich ein Gespräch mit meiner Mutter, die, naja, nicht gerade für ihre feinfühlige Ader bekannt ist. Sie fragte mich, wie ich mir denn eigentlich die Zukunft vorstellen würde - man wisse ja schließlich nicht, was wird und ob ich mir das alles gut überlegt hätte. Ja, sie sprach nur in Andeutungen, aber in der Übersetzung sollte es wohl heißen: "Kind, Du kennst den Mann drei Monate. Wenn er nicht wieder gesund wird, hast Du womöglich wertvolle Zeit weggeworfen. Also versteif Dich nicht allzusehr auf eine Zukunft mit ihm."

Auch wenn ich weiß, wie meine Mutter nunmal ist, hat mich dieses Gespräch sehr aus der Bahn geworfen.

Das Gespräch mit Jan hingegen, hat vieles wieder ins rechte Licht gerückt und hat so unendlich gut getan, zumal wir auch sehr offen darüber gesprochen haben, was noch kommen könnte. Und es ist erstaunlich, wie sehr er seinem Bruder doch ähnelt  - die gleich ruhige Art, die einem das Gefühl gibt, solange er nur da ist, KANN gar nichts Schlimmes passieren.

Natürlich habe ich auch schon darüber nachgedacht, was wäre wenn... Aber jedes Mal, wenn ich Andreas besuche, ihn sehe und bei ihm bin, weiß ich, dass es da gar keine Frage gibt. Drei Monate hin, drei Monate her. 

11.06.2007 um 22:55 Uhr

gelogen

Wie sagt man jemandem, der gerade aus dem Koma aufgewacht ist, dass sein bester Freund tot ist?

 

Wie ich heute gelernt habe: Man sagt es ihm gar nicht. Wenigstens noch nicht. So lautet die Empfehlung der Ärzte. Aufgregung fernhalten, dazu ist er noch nicht stabil genug.

Er ist ohnehin nur sehr eingeschränkt ansprechbar, das Sprechen scheint ihn unendlich anzustrengen. Die meiste Zeit spreche ich mit ihm, erzähle ihm von meinem Tag, streichle seine Hand und versuche, Ruhe zu verbreiten.

Heute dann sah er mich an und fragte: "Mark?"

Ich habe ihm gesagt, Mark ginge es gut. Und gelogen. Da sitze ich, die auf Marks Beerdigung war, und sage ihm, alles sei gut.  Seinem Freund ginge es prima, nur ein paar Kratzer. Ich fühle mich wie der letzte Mensch.

Und ich habe solche Angst vor dem Moment, in dem er die Wahrheit erfahren muss.



 

10.06.2007 um 23:43 Uhr

ZURÜCK

Er ist wach. Seit gestern Nacht.  Als seine Mutter mich mitten in der Nacht anrief, blieb mir kurz das Herz stehen- es hätte schließlich auch eine schlechte Nachricht sein können.

Sein Zustand wird nach wie vor als "ernst" bezeichnet, aber es geht ihm definitiv besser als noch vor einigen Tagen.

Es war unglaublich schön, ihm wieder in dei Augen zu sehen.

Er wirkte noch sehr benommen, betäubt, nicht wirklich ansprechbar. Dennoch - er ist wieder zurück.

05.06.2007 um 10:35 Uhr

normal

Eigentlich ist es erstaunlich, wie schnell man in Situationen wie diesen eine gewisse Normalität entwickelt. Entwickeln muss, ganz gezwungenermaßen. Man funktioniert - was soll man auch sonst tun?

Die wirkliche Normalität, wie sie noch vor einigen Wochen herrschte, ist schier unendlich weit weg.

Am Anfang konnte ich nicht begreifen, wie andere Menschen um mich herum weitermachten wie zuvor. Wie sie das konnten. Seine Mutter ist zwei Tage nach dem Unfall wieder bei der Arbeit gewesen, ebenso wie sein Vater. 

Und mittlerweile ist das alles Routine. 

Wieder arbeiten. Ganz mechanisch, aber immerhin. Das Handy immer in der Tasche, immer wartend und hoffend auf den einen, den ganz wichtigen Anruf.

Dann jeden Tag ins Krankenhaus. Bis vor kurzem war ich noch nie auf einer Intensivstation, zum Glück. Mittlerweile kenne ich das ganze Prozedere in und auswendig.

Ich gewöhne mich daran, ihn so zu sehen, so mit ihm zu reden.

Und ich habe verlernt zu weinen.

In den ersten Tagen habe ich eigentlich ununterbrochen geweint. Aber nun habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr kann. Ich bin seltsam ruhig. Voller Angst zwar, aber ruhig.

Dennoch sehne ich mich unendlich zurück nach der alten Normalität, die es hoffentlich bald wieder geben wird... 

04.06.2007 um 23:31 Uhr

Schlaflos

Ich schlafe schon lange nicht mehr.

Traue mich auch jetzt nicht ins Bett, weil ich Angst habe, wach zu liegen und nachzudenken.

Gehe mittlerweile nachts spazieren, nur um nicht zu Hause sein zu müssen und nachzudenken.

Ich vermisse ihn so.  Alles an ihm.

Möchte mit ihm sprechen, ihn bei mir haben. 

Meine Gedanken kreisen um die Momente, die wir hatten. Um Gespräche, die wir geführt haben, Augebenblicke, an denen ich mich festhalte.

In sechs Stunden sollte ich eigentlich wieder aufstehen, aber ich traue mich nicht ins Bett, aus Angst vor den Gedanken, die mich dann wieder überfallen. 

Habe mittlerweile angefangen, Schlaftabletten zu nehmen. Homöopathische. Aber auch die helfen nicht.

Solche Angst.  

 

04.06.2007 um 12:48 Uhr

Einsamkeit

Es gibt nicht viel Neues zu berichten.

Die Arbeit lenkt mich gut ab, Franzi ist die meiste Zeit bei mir und es scheint, als liefe alles einfach so weiter.

Fast alles.

Ich bin jeden Tag im Krankenhaus und spreche mit ihm. Und hoffe, dass er einfach aufwacht. Er sieht so friedlich aus.

Und ich spreche mit seinen Eltern, die natürlich auch jeden Tag da sind. Ich weiß sehr zu schätzen, dass sie mich so lieb aufgenommen haben, obwohl ich ja eigentlich eine Fremde für sie bin.

Aber auch, wenn es ihnen so geht wie mir und auch, wenn Franzi bei mir ist und mir hilft, wo sie kann und auch, wenn ander Freunde sich um mich kümmern - ich fühle ich mich so unglaublich einsam. Einsam mit dieser wahnsinnigen Angst, das etwas wirklich Schlimmes passiert.