Weil es ist wie es ist

10.11.2007 um 00:56 Uhr

Berührungsängste

Es gab kaum etwas, das in den letzten Monaten zwische uns unausgesprochen geblieben ist. Ich denke, ich habe noch nie zuvor so intensiv und offen über alle nur erdenklichen Formen von Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen gesprochen wie in der vergangenen Zeit.

Dennoch gab es immer ein Thema, das wir beide im wahrsten Sinne des Wortes nicht berührten.

Die Wochen vor dem Tag X waren geprägt von Berührungen und Zärtlichkeiten in allen Facetten.  Danach war nichts mehr wie zuvor. Und zunächst war das auch gar nicht wichtig. Doch mit der Zeit merkte ich, wie ich seine Nähe vermisste, wie es mir fehlte, in seinem Arm zu liegen, ihn zu spüren. Und, egal wie oberflächlich das auch klingen mag, mir fehlt auch der Sex und diese Form der vollkommenen Nähe.

Natürlich berührte ich ihn - aber eben anders. Sein Körper war sowohl für ihn als auch für mich zu einer großen Unbekannten geworden, der man sich nur mit äußerster Vorsicht nähern konnte. Ich hatte ständig Angst, ihm weh zu tun, etwas falsch zu machen, wie auch immer. Ja, natürlich, ich hielt seine Hand, küsste ihn, streichelte sein Gesicht - aber die Unbeschwertheit war weg. Und ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauern würde bis sie zurückkehrt.

Dennoch ist heute wohl zumindest ein kleiner Teil zurückgekehrt. Als ich Andreas heute Nachmittag besuchte, kam er gerade aus der Therapiebehandlung, lag in Jogginghose und T-Shirt auf dem Bett. Das ist für mich noch immer ein ungewohnter Anblick nach so langer Zeit, in der ich in quasi immer nur "unter der Decke" gesehen habe. Und jedes Mal und so auch heute denke ich, wie wahnsinnig er abgenommen hat. Er war immer sehr sportlich, ging regelmäßig joggen und ins Fitnessstudio.

Jedenfalls haben wir zusammen ferngesehen (eine völlig neue "Errungenschaft" der Reha - es mag unspektakulär klingen, aber es fühlt sich nach so langer Zeit einfach großartig an, wieder ganz alltägliche Dinge zusammen tun zu können. Auch wenn wir vor dem Unfall eigentlich fast nie ferngesehen haben, nun ja), als er irgendwann meine Hand nahm und sie auf seinen Bauch unter sein T-Shirt legte. Ich muss dazu erklären, dass ich diese Geste sehr liebe - die flache Hand auf den Bauch des anderen legen und einfach spüren, wie er atmet - ein großartiges Gefühl, wie ich finde. 

Und heute war es ein schier unglaubliches Gefühl. Ich wagte kaum meine Hand zu bewegen, spürte einmal mehr, wie sehr er abgenommen hatte, spürte aber auch seinen tiefen Atem. Es dauerte einige Zeit bis ich wagte, ihn ein wenig zu streicheln. Als ich seine OP-Narbe am Bauch streifte, zuckte ich kurz zusammen, aber er flüsterte nur "Alles in Ordnung, keine Angst".

Das mag jetzt wirklich trivial klingen, aber für uns war es ein fantastischer Moment körperlicher Nähe, den wir schon so lange nicht mehr hatten. Es tat so gut, ihn zu spüren, seine Wärme, seinen Atem.

Ich habe wirklich länger überlegt, ob ich dieses "Ereignis" hier aufschreibe, einfach weil ich dachte, dass ich die Bedeutung, die es für mich hat, sowieso nicht in Worte fassen kann. Aber eben weil es diese Bedeutung für mich hat, will ich es erwähnt wissen - und ich hoffe, dass der ein odere andere dieses Gefühl nachvollziehen kann.

 
Gute Nacht :) 

 


 



 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensternenschein schreibt am 10.11.2007 um 01:09 Uhr:Ich finde es absolut nicht oberflaechlich und auch nicht trivial. Und ich denke, so wie es fuer Dich wunderschoen war, war es dieses ganz sicher auch fuer ihn.
    Eben ein Stueck weit zurueckgekehrtes Leben.
    Und uebrigens, es freut mich und hoert sich wunderbar zaertlich an, getragen von Liebe.
    Noch viele derartige Fortschritte fuer Euch..
    Liebe Gruesse
  2. zitiereninge schreibt am 10.11.2007 um 12:48 Uhr:ja.... ich kann es nachvollziehen, dieses gefühl... wie schön es sein muss....
  3. zitierenEinfachMarie schreibt am 11.11.2007 um 15:13 Uhr:Ich danke euch, ihr Lieben.
    Es ist schön, sich verstanden zu wissen :)
    Und ja, es ist in der Tat zurückgekehrtes Leben und das ist so unglaublich schön!

    Liebste Grüße,
    Marie

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