Jegliches braucht seine Zeit

29.09.2010 um 19:10 Uhr

Kneipp'sche Kur im Park

Hier hatte es, wie in weiten Teilen Deutschlands auch, drei Tage lang fast ohne Unterbrechung geschüttet und geschüttet. Am dritten Tag dachte ich mir bereits, dass dies auch zu Überschwemmungen geführt haben könnte. Als ich gestern dann nach der Arbei laufen ging, wurde diese Vermutung bestätigt:

Ich hatte über die Hälfte meiner Laufstrecke absolviert, da kam mir ein ebenfalls joggendes Paar entgegen. Der junge Mann guckte mich an und sagte irgendetwas, was ich zunächst nicht verstand, weil ich meinen MP3-Player extrem laut gestellt hatte. Ich stellte ihn also ab und konnte nun vernehmen, dass es keinen Sinn machen würde weiter zu laufen, da "da hinten alles überschwemmt" sei. Ich lächelte freundlich, bedankte mich für den Rat und - natürlich - lief weiter; direkt in mein Verderben. Keine Ahung warum aber ich will mein Unglück immer lieber mit eigenen Augen sehen, bevor ich es glaube. 

Nach einer Weile sah ich dann bereits auch Teile des Unglücks: links vom Weg plätschert normalerweise ein kleiner Bach, rechts von Weg ist dauerhaft überschwemmtes Gebiet. Der Bach war nun so angeschwollen, dass er leicht übers Üfer schwappte und sich aufmachte Richtung natürlichem Überschwemmungsgebiet. Dazwischen war jedoch noch ein schmaler Streifen, der relativ trocken war. Was tat ich also? Logisch! Auf genau jenem trockenen Streifen vorsichtig weiterlaufen und jene belächeln, die deswegen umgedreht waren. Gut, ein wenig Wasser drang dabei schon in die Schuhe aber davon lässt man sich als passionierte Läuferin nicht schrecken!

Ein wenig mehr Kopfzerbrechen machte mir dann der Anblick, der sich bald darauf bot: eine Strecke von ca. 100 Metern, auf denen der Bach nun ungebremst über den Weg floss. Verständnis dafür, dass manche hier umgedreht sind, kaum nun auch plötzlich auf. Etwas unschlüssig schaute ich hin und her. Umkehren? Niemals! Mit Schuhen durchlaufen? Unmöglich! Zumindest ohne Gummistiefel. Also tat ich das einzig Mögliche: ich zog Schuhe und Strümpfe aus, nahm sie in die Hand, krämpelte die Laufhose hoch und tapste barfuß durchs eiskalte Wasser. Es war wirklich saukalt! Bei Kneipp, dachte ich bei mir, da haben die Menschen dafür gezahlt - ich hab das hier umsonst! Ja und es hatte auch etwas nostalgisches. Wann bin ich zuletzt barfuß durchs Wasser gelaufen, sieht man vom Meer einmal ab? Das muss über 30 Jahre her sein ...

25.09.2010 um 15:22 Uhr

Ein Grund meiner langen Schweigsamkeit

Mir spukt dieser Bericht nun schon so lange im Kopf herum, dass es Zeit wird, ihn endlich aufzuschreiben. Vielleicht sortiert das auch nochmal meine Gedanken und Gefühle, die mich nun bereits einige Zeit begleiten. Ein Grund, warum ich lange Zeit schweigsam war, ist mein alter Kater. Im Mai bereits war er sehr krank: Bauspeicheldrüsenentzündung. Ich verschob meinen Urlaub, um ihn wieder gesund pflegen zu können. Er rappelte sich tatsächlich wieder und auch eine kleine Erkältung, die er sich anschließend an die Entzündung zuzog, verging rasch wieder. Allerdings wies der Arzt auf veränderte Blutwerte hin, die er nach meinem Urlaub nochmals überprüfen wollte. Wieder heimgekehrt ließ ich die Blutwerte also nochmals überprüfen und leider stellte sich heraus, was ich bereits ahnte und befürchtete: Er hat ein Nierenleiden. Der Arzt war optimistisch - wies darauf hin, dass dies rechtzeitig erkannt worden sei und man nun noch etwas tun könne. Der Kater bekam sofort Tabletten, die er einmal pro Tag bekomen muss, und ein Spezialfutter verordnet, das seine Nieren schont. Nach vier Wochen sollten dann die Werte nochmals überprüft werden.

Ich spürte, dass ich mich vor dem neuen Termin drückte. Irgendwie war da in mir das Wissen, dass die neue Diagnose nicht gut ausfallen würde. So war dem dann auch: Die Werte hatten sich trotz Tabletten und Spezialfutter verschlechtert. Der Arzt sagte mir - und das war gut - dass da niemand etwas für könne. Ich habe alles richtig gemacht und bei manchen Tieren komme das Ende aufgrund dieser Erkrankung schneller, als bei anderen. Leider ist ein Nierenleiden immer tödlich, da die Nieren irgendwann versagen - allein die Geschwindigkeit bis zum Ende unterscheide sich. Ich nahm die Diagnose gefasst auf, hatte ich doch damit gerechnet. Mein Arzt erklärte mir, welche Symptome auftreten würden und wann es an der Zeit sei das Tier zu erlösen. Als ich die Praxis verließ weinte ich dennoch und die nächsten Tage und Wochen immer wieder. Es erschien mir so unbegreiflich, dass dieses Tier, das nun über 16 Jahre mit mir lebt, dann pötzlich einfach weg sein sollte. Der Tod in seiner ganzen Unbegreiflichkeit ergriff und schockierte mich. Oft schaute ich den Kater an, der sich nichts ahnend in der Sonne räkelte - der nicht wusste, dass dies höchstwahrscheinlich sein letzter Sommer sein sollte. Diese Gedanken trieben mir immer wieder die Tränen in die Augen. Auch der Gedanke an die Einschläferung, weil mir nicht klar war, wie ich diesen Moment durchstehen sollte.

Ich durchlebte Phasen, wie sie wohl normal sind. Ich leugnete die Krankheit - nahm an, dass es doch gar nicht sein konnte, weil es dem Kater doch so gut ginge. Ich zweifelte die Diagnose an - vielleicht irtte sich ja der Arzt?! Ich haderte mit dem Leben, das so viel Trauer bereit hält, wenn es endet. Am Ende verspürte ich selbst nur noch blankes Entsetzen angesichts meiner eigenen Sterblichkeit. Die Tatsache, dass unser Leben irgendwann endet - für immer und unabänderlich, können wir oft verdrängen, was auch gut ist, denn anders wäre Leben nicht möglich. Normalerweise können wir sogar den Gedanken an die Endlichkeit des Lebens denken aber er erreicht uns nicht emotional. Bei mir war da plötzlich dieser Filter nicht mehr vorhanden. Ich spürte und wusste, was es bedeutet selbst zu sterben und bekam jedes Mal, wenn ich diesen Gedanken dachte, nackte Panik. Panik und Entsetzen vor dem Tod.

Ich setze mich mit dem Thema auseinander und ein älteres Interview mit dem kürzlich verstorbenen Künstler Christoph Schlingensief war es, das mich wieder zurück in meine Lebensmitte brachte. Schlingensief war an Lungenkrebs erkrankt, dem er letztlich auch erlag. Er ging offensiv mit seiner Krankheit um und auch mit dem Thema Tod. Er berichtete in diesem Interview von seiner Erkrankung und davon, wie der drohende Tod seine Einstellung zum Leben verändert hatte. Dass er hoffe, mit seinem Buch "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!"(mittlerweile lese ich es - ein bewegendes und einmaligen Buch, das ich sehr empfehlen kann!), das er geschrieben habe, wenigstens einigen Menschen klarzumachen, warum sie am Leben sind, damit sie dies begreifen, bevor es zu spät ist - so wie bei ihm. Er sagte, dass das Leben etwas kostbares und wundervolles sei, das man schätzen müsse - nur leider seien alle immer nur schlecht gelaunt. Tatsächlich sei er selbst, seit er erkrank sei, viel häufiger viel besser gelaunt. Das erinnerte mich an meinen Unfall, den ich einmal hatte. Auch dieser hatte mich und meine Einstellung zum Leben verändert. Auch mir ging es jahrelang so gut, wie nie zuvor, weil sich mein Blick auf das Leben verändert hatte.

Ich kam innerlich zur Ruhe, was das Thema Tod betraf. Ich genieße nun die Zeit, die mir mit meinem Kater noch bleibt. Ich bin nicht mehr schockiert und ängstlich - habe innerlich durchaus Abstand gewonnen, mache mir aber immer wieder bewusst, dass der Tag des Abschieds kommen wird. Bis dahin werde ich ihn pflegen, so gut es geht. Ich passe auf ihn auf, denn er erkältet sich nun schnell - hat durch die Erkrankung etwas Untertemperatur und ist insgesamt anfälliger. Aber noch erfreut er sich am Leben, spielt, schnurrt und kuschelt. Wenn er gehen muss, wird es weh tun aber es ist ok und ich werde an seiner Seite sein ...

21.09.2010 um 13:37 Uhr

Flüchtige Begegnungen

Keine Ahnung warum aber ältere Männer mögen mich. Dazu noch völlig fremde, mit denen ich eigentlich nie ein Wort gewechselt habe. Wenn ich Joggen gehe, begegne ich regelmäßig zwei älteren Herren – unabhängig voneinander. Beide freuen sich jedes Mal, wenn sie mich sehen – obwohl wir uns eigentlich gar nicht kennen.

Der eine Herr geht nachmittags regelmäßig mit seinem Hund im Park spazieren. Er hat so einen kleinen weißen keine-Ahnung-was-für-Terrier. Das ist so einer, der mal für „Cäsar“ Werbung machte. Ein paarmal registrierten wir uns und dachten wohl beide: „Ach der/die wieder“, begannen bald uns zuzulächeln und mittlerweile grüßen wir offen mit einem freundlichen „Hallo“, für das der Herr sogar sein Telefonat unterbricht, das er auch regelmäßig beim Spazieren-gehen führt. Einmal raste sogar sein Terrier hinter mir her – offensichtlich erfreut darüber, dass mal jemand ordentlich mit ihm Laufen geht.

Der andere Herr geht jeden Sonntagvormittag in dem Wald spazieren, in dem ich dann meine große Runde drehe. Zunächst nannte er mich freudig ein „fleißiges Mädchen“ (wie unüblich), rief mir bald ein erfreutes „Wen haben wir denn da?“ entgegen und begrüßte mich am letzten Sonntag sogar mit einem: „Da freut sich das Herz!“ Keine Ahnung, warum mich beide mögen, obwohl sie mich doch gar nicht kennen und wir nie ein Wort wechselten aber irgendwie mag ich diese unverbindliche Sympathie. Neulich dachte ich darüber nach, ob ich mit Ihnen überhaupt mal ein Gespräch führen wollte und kam zu dem Schluss, dass dem nicht so ist. Man sieht sich, freut sich, grüßt sich und das ist eigentlich schon alles und doch irgendwie so viel.

12.09.2010 um 17:50 Uhr

Begegnung beim Laufen

Als ich heute meine sonntägliche Laufrunde absolvierte, geriet ich in eine Horde Marathonläufer. Vielleicht war es auch nur ein Halbmarathon - keine Ahnung. Sicher war nur, dass es ein offizieller Lauf war, da alle mit Startnummern versehen waren. Ein Teil meiner Laufstrecke war auch die Strecke des offiziellen Laufs und so stieß ich also zu dem Strom Läufer, der sich durch den Wald kämpfte. Es passierte, was ich vorher bereits "befürchtet" hatte: alle zogen an mir vorbei. Wirklich alle! Und das, obwohl ich sogar beschleunigte! Die latente Frustration, die sich auch dadurch nicht bekämpfen ließ, dass ich mir immer und immer wieder selber sagte, dass die das bestimmt viel länger betrieben, als ich und trainierter sind und einfach viel schneller liefen, als eigentlich gut ist, stieg und stieg. Erst Recht, als auch deutlich ältere und korpulentere Läufer an mir vorbeimarschierten. Selbst ein Läufer, den ich prompt "Pinocchio" taufte, weil er merkwürdig stakste, als hätte er keine Kniegelenke. Trotz des Staksens aber *wusch* war er vorbei. Dann plötzlich hielt ein älterer Mann kurz auf meiner Höhe und lief mit mir mit. Ich drehte ihm den Kopf zu, er musterte mich von oben bis unten, machte mit der Faust eine anfeuernde Bewegung, sagte: "Klasse!" und zog an mir und allen anderen vorbei, nachdem ich kurz aufgelacht und ein "Danke" gestammelt hatte. Was bitte meinte der nur mit "Klasse"? Meinen Laufstil? Meine Oberweite? Meine Sportkleidung? Meinen Mut trotz meiner Schneckigkeit mich unter Profiläufer zu wagen? Ein Rätsel ... Zum Glück führte der Weg der Profiläufer bald in eine andere Richtung und ich konnte wieder meinen Rhythmus finden, ohne zu befürchten bemitleidet zu werden.

09.09.2010 um 16:41 Uhr

Frohe Weihnachten!

Anfang September ist es also wieder soweit: es gibt Weihnachtsartikel zu kaufen! Ganz ehrlich: ist irgendjemandem momentan nach Spekulatius oder Lebkuchen zumute? Nein? Mir auch nicht ... schon allein, weil ich mich noch in der recht trotzigen Phase befinde zu akzeptieren, dass der Sommer wieder mal vorbei ist und es ab jetzt immer nur noch düsterer, kälter und nasser wird da draußen. Da mag ich schon gar nicht an -20 Grad und Eis auf den Gehwegen denken, denn genau das verbinde ich mit dem Weihnachtskrams - von Weihnachten an sich mal ganz abgesehen. Weihnachtsleckereien Anfang September, nein danke!

05.09.2010 um 17:15 Uhr

Verstummt

Ich habe hier so lange nichts geschrieben. Dabei ist so viel passiert und mich bewegt so viel - im Positiven, wie im Negativen. Irgendwie hat es mir die Sprache geraubt - hier zumindest. Ich habe Texte im Kopf aber irgendwie kann ich sie nicht niederschreiben. Warum weiß ich nicht. Vielleicht an dieser Stelle bald mehr, wenn ich meine "Sprachlosigkeit" überwunden habe.

Bis dahin nur eine kleine Geschichte bzw. ein kleiner Aufreger: Offensichtlich hat jemand die Idee und das Konzept meines Buches geklaut. Ich war sprachlos und unglaublich wütend, als ich per Zufall über das Buch bei Amazon stolperte. Haben manche Menschen kein Gewissen?! Ich kann es immer noch nicht fassen und bin immer noch verärgert ...