Jegliches braucht seine Zeit

29.07.2011 um 18:30 Uhr

Ein schwerer Weg. Teil 3: Begleitung bis zum Ende

Mein alter Kater war lange krank. Erst die Bauchspeicheldrüse und quasi gleich im Anschluss die Horrordiagnose: Chronische Niereninsuffizienz. Das bedeutet, dass die Nieren langsam aber sicher versagen. Wie schnell oder wie langsam kann niemand sagen - nur, dass es früher oder später zum Tode führt. Der Arzt gab ihm noch bis zum Herbst letzten Jahres. Der kleine Kater war jedoch zäh. Er kämpfte und gab sich putzmunter. Das Nierendiätfutter fraß er ohne zu murren und selbst die tägliche Tablettengabe gestaltete sich bald recht problemlos. Der Herbst kam - der Kater blieb. Das Jahr endete, das neue begann und der Kater war noch immer da. Selbst meinen runden Geburtstag mitte Februar erlebte er noch mit. Er, der nun bereits fast 17 Jahre alt war.

 Als mein Arzt damals die Diagnose traf, sagte er zu mir, ich würde erkennen, wann das Ende naht. Wann es besser ist einzugreifen. Wann der Kater nicht mehr kann. Ich weiß nicht, ob er mir die nötige Sensibilität meinem Tier gegenüber zutraute oder ob jeder gespürt hätte, wenn der Zeitpunkt des Abschiedes gekommen ist. Eine Woche nach meinem Geburtstag dann kam dieser Zeitpunkt. Der Kater hörte fast vollständig auf zu fressen, er wurde stiller und stiller. Katzen, die leiden, jammern nicht und sind nicht laut - sie werden ganz still. Diese eine besondere Art der Stille sollte immer ein Alarmzeichen sein. Ich war alarmiert - und tieftraurig. Ich spürte, wie ich versuchte mir einzureden, dass er nur eine Infektion hat oder irgendetwas anderes. Doch die Zeichen waren einfach zu eindeutig und die Symptome zu klar: seine Nieren begannen zu versagen ...

Es war Sonntag, ich weinte die ganze Zeit. Der Kater zitterte immer wieder zwischendrin und ich wusste, dass der Zeitpunkt zum Handeln gekommen war. Wahrhaben wollte ich es noch immer nicht, doch als ich am Montag zum Tierarzt fuhr, wusste ich, dass ich den Kater nicht mehr mit nach Hause nehmen würde. Ich nahm vorsorglich eine Decke mit, damit er mich würde riechen können, wenn er die Spritze bekam. 

Ich wies beim Tierarzt darauf hin, dass es dringlich sei, denn es war sehr voll und ich wollte dem Kater aber auch mir ein langes Warten ersparen. Die Situation war eh schon unerträglich. Mein Tierarzt reagierte zum Glück sofort und nahm uns früh dran. Auch er erkannte die Siatuion. Natürlich, denn er ist Arzt. Er machte den einzig richtigen Vorschlag: Nochmal die Blutwerte checken, um eine etwaige Inifektion auszuschließen und zu schauen, wie es um die Nieren stand.

Die Bluabnahme war die Hölle. Der Kater war so oft beim Tierarzt in seinem letzten Lebensjahr, man merkte ihm an, dass er nun nicht mehr wollte. Vielleicht wollte er auch einfach grundsätzlich nicht mehr, dass ihm geholfen wird, weil er spürte, dass ihm nicht mehr zu helfen war. Er wehrte sich aus Leibeskräften bzw. mit seinen letzten Reserven. Ich musste ihn festhalten, damit die Blutabnahme glücken konnte. Er deutete an mich zu beißen, doch legte seine Zähne nur auf meine Haut - ohne zuzubeißen. Mein Arzt warnte mich, doch ich wusste, dass der Kater niemals zubeißen würde. Nicht bei mir. Er biss nicht und beließ es bei seinem hilflosen Protest. Nach der Blutabnahme lobte mich mein Arzt. Ich hätte den Kater gut gehalten. Meine Beine zitterten; ich zitterte ...

Wir mussten auf die Blutergebnisse warten. Als sie feststanden war klar, was los war: Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Die Nieren des Katers waren nun zu über 90% zerstört. Mein Arzt sagte mir klar und deutlich, wie die Lage zu bewerten ist: Man könne ihm nun noch appetitanregende Mittel geben, damit er wieder frisst und Infusionen, um die Nieren zu spülen. Das würde vielleicht eine oder zwei Wochen bringen. Mein Arzt sagte auch - dafür bin ich ihm bis heute dankbar - dass er davon jedoch abraten würde. Man würde das Tier damit im Grunde nur leiden lassen und er selbst würde ein Tier immer lieber früher erlösen - also bevor es wirklich leide, als zu spät. Wenn es sein Kater wäre, würde er es sofort tun. Ich sagte ihm, dass für mich von Anfang an klar gewesen sei, dass ich den Kater nicht leiden lassen würde - das hätte ich ihm versprochen (also dem Kater). Ich wollte keine unnötigen verlängernden Maßnahmen, weil ich das so sehe wie er: es quält das Tier nur unnötig und die Motivation dabei ist egoistisch. Mein Arzt fragte, ob ich es sofort tun möchte oder aber am nächsten Morgen wiederkommen wolle. Nein, wenn dann sofort. Noch einen Tag den Kater leiden lassen - das wollte ich nicht. 

Ich bat darum noch eine Weile für mich und das Tier zu haben. Noch einmal Abschied nehmen. Wir konnten in ein ruhiges Zimmer und ich nahm still Abschied. Ja und der Kater - das war so erstaunlich ... er rollte sich in seinem Katenkorb zusammen und schlief ein. Das hat er beim Tierarzt noch nie gemacht! Dieses ruhige Bild von ihm konnte ich mitnehmen und das war auch gut so. Es gab mir das beruhigende Gefühl, dass er in seinen letzten Minuten entspannt und friedlich war. 

Es hat etwas absolut Unwirkliches und Beklemmendes, wenn man auf den Tierarzt wartet, der das eigene Tier töten wird. Das Gefühl kann man wohl niemandem wirklich beschreiben. Als er kam, ging es dann sehr schnell. Der Kater wurde auf die Decke gelegt und bekam eine Spritze, nach der er schnell einschlief. Worauf ich nicht vorbereitet war: es dauert Minuten, bis der Tod eintritt. Der Arzt ließ uns wieder alleine. Ich streichelte den Kater und drückte ihm meine Nase in sein Kopffell. Ich weinte leise. Ich wollte nicht, dass er mein Schluchzen irgendwie mitbekommt und beunruhigt ist. Ich redete beruhigend auf ihn ein. Nach einigen Minuten sah ich, dass er noch immer atmete. Ich flüsterte ihm ins Ohr. Bedankte mich für die schöne Zeit und sagte ihm, dass er nun gehen könne - das sei ok. Kurz darauf hörte er auf zu atmen.

Der Arzt kam und stellte offiziell den Tod fest. Ich zitterte am ganzen Körper und fühlte mich wie unter Schock. Anschließend haben wir den kleinen Kerl gleich begraben. Es war ein kalter Abend, doch zwischen den Bäumen, wo er nun liegt, war der Boden nicht gefroren. Es kostete mich Überwindung ihn in dem Erdloch zurück zu lassen. Ihn darin liegen zu sehen war unerträglich. Was, wenn er wach wurde? Wenn er nicht raus kam? Irrational - natürlich ...

Er liegt nun dicht bei seiner Schwester. Im Dunkeln konnte ich nicht genau sehen, wo ich mich befand, doch tagsüber stellte ich fest, dass sie nur zwei Bäume weiter liegt.

Zum Glück war ich nicht alleine bei diesem schweren Gang. Ich weiß nicht, wie ich das sonst hätte durchstehen sollen. Meine Begleitung war eine so große Stütze. Ich bin bis heute Dankbar, dass ich selbst in dem Moment, in dem der Arzt die Spritze verabreichte, nicht alleine war ...

Die Wohnung war so leer; so still ... Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, doch manchmal vermisse ich ihn noch immer so sehr den kleinen Kerl. Er ist mir noch so vetraut mit allen seinen Eigenarten ...