Programm
Ihr müsst weit werden, ohne Küsten!
Die Erde sei euch viel zu klein!
Tretet doch über die Ufer des Gestern,
die grüngelockten, eichenumreimten,
engen, vaterländischen Ufer!
Außer dem Neckar und Rheinfall
gibt es Golfstrom, Niagara und Nil,
gibt es das zärtliche Mittelmeer
und den granitenen Norden.
Außer Mimi, dem Spitz,
gibt es Zebras, Flamingos und Gnus
und den himmlischen Steinbock und Bär.
Schaut von der Kreuzstickerei
erstmalig auf den sternenbestickten
Abend!
Claire
Goll (*29.10.1890 - +30.5.1977)
Dieses Gedicht schaute mir heute Morgen
von meinem neuen Kalender in die Seele. Ein „Programm“, das mich nachdenklich
gemacht hat: Und wenn Claire Goll recht hat? Will sie mich für das neue Jahr
wachrütteln? Bin ich bereit, dieser Aufbruchstimmung mehr Raum zu gewähren?
Meine Welt ist ohne Zweifel zu klein,
nun, meine reale Welt zumindest! In der „Virtualität“ segle ich bis in die
dunkelsten Dschungel, auf die höchsten Berge und in tiefsten Abgründe (nicht
nur unserer Seelen).
Die „Ufer des Gestern“, an denen ich
gestrandet bin, sollte ich wirklich verlassen. Ich habe die Ströme dieser Welt
lange genug mit meinen Tränen gespeist. - Mein Vater ist tot und sein Land war
die Welt, warum sollte ich ihm nicht folgen! Der „granitene Norden“ ist schon
immer meine Wahlheimat gewesen, und die sternenklare Nacht! (Orion, himmlischer
Steinbock und Großer Bär werden meiner Nero trotzdem nicht den Rang ablaufen.)
Ja, ich will mein Kreuz nicht mehr in mein
eigenes Seelenfleisch sticken! Ein Vorsatz, vielleicht? Ein Programm, sicher!
Am 10. Januar wird der Startknopf gedrückt.
AE