Wolkensteine

07.01.2011 um 00:52 Uhr

Tage-Buch 1.2011

 

Endlich keine Minus-Temperaturen mehr! Regen - die sogenannte „Weiße Pracht" verschwindet langsam aber sicher. Ich werde dem Schnee sicher nicht nachtrauern.

 

„Es friert in meinen Gedanken." hat Reinhard Mey mal geschrieben. Ein Gefühl, das ich ohne weiteres nachvollziehen kann.

 

 

 

wie schneeflocken im wirbel 

kreisen meine gedanken träume wünsche 

werden gegen beleuchtete fensterscheiben geworfen

und

frieren fest

sie schauen hinein in das warme

fremde leben

in leuchtende augen 

dann gleiten sie ab

zerfließen

auf dem kalten fenster stein

 

13.11.2010 um 21:48 Uhr

Tage-Buch 1.2010

Fast vier Jahre habe ich jetzt meine „Wohnung“ hier verlassen. Und nun, ... ja, nun möchte ich wieder einziehen. Da hat sich allerdings viel Staub und sogar Müll angesammelt. 

 

Wer wohl hier in der Zwischenzeit gewohnt hat? - 

 

Wenig Post habe ich in meinem Briefkasten gefunden, aber an den Klingelknöpfen erkenne ich einige Namen wieder. Ich werde meine alten Nachbarn in den kommenden Tagen/Wochen besuchen; ob sie sich noch an mich erinnern?

Zu erzählen habe ich auch so einiges! Ja, wenn einer eine Reise tut ...  auch wenn es nur eine eingebildete ist ...

Das Leben zieht sich nun wieder in die Häuser zurück, da wo ich immer bin und war. Ich in meiner Burg, in meinem Schloss mit meinem Elfenbeinturm. Da wo doch eigentlich das Leben - fast möchte ich sagen: Gottseidank - nicht hin kommt.

Und trotzdem versuche ich immer wieder, ein Fenster zu öffnen, auch diesmal. Um es mit Hannes Wader zu sagen:

  

„Nun Freunde lasst es mich einmal sagen,

Gut wieder hier zu sein, gut euch zu sehn!“

04.01.2007 um 02:03 Uhr

Tage-Buch 55

Irgendwie komme ich mir ein wenig einsam vor hier. Viele sind einfach weg, andere schweigen hartnäckig (OK, ich auch ab und zu). Aber so muss das wohl sein, wenn man nach langer Zeit wieder nach Hause kommt, irgendwie ist alles bekannt und doch fremd. Ein eigenartiges Gefühl, der Reiz des komplett Neuen ist weg und die Wärme, die Geborgenheit eines heimeligen Zuhauses ist auch nicht mehr gegeben. Als ob man vor einem ausgegangenen Ofen stehen würde.  

(Ich schiebe hier eine ausgewachsene Depression, dabei sollte ich so was von zufrieden sein. Schließlich habe ich mich in den letzten Monaten wieder „in die Welt“ gewagt und bin – Oh Wunder! -  nicht gleich auf die Schnauze gefallen.) 

Und dann hat man auch noch meine vier Wände neu tapeziert, das gemütliche alte Ledersofa durch eine Plastikcouch, meinen Schiele durch einen Picasso ersetzt. Das ist nicht mehr meine Wohnung! – Aber umziehen mag ich auch nicht, schließlich bin ich ein ausgesprochenes Gewohnheitstier. „Traurig bin ich sowieso“ hat Bettina Wegner mal gesungen. Stimmt, die Grundstimmung ist Trauer! Auch wenn ich sie nicht haben will. …

Aber der Weg ist ja noch nicht zu ende, der linke Fuß heißt Trauer, der rechte Hoffnung, und die Abwechslung /links – rechts/ treibt mich voran

AE

31.12.2006 um 16:51 Uhr

Tage-Buch 54

Hallo Freunde!

Ich bin wieder da. Na ja, eigentlich war ich nie richtig weg. Festgeklebt im weitgehend grauen Alltag, im Kampf mit der subjektiven und objektiven Körperlichkeit. Dann stand mir der innere Schweinehund öfter als mir lieb war im Wege.

Hätte ich mein Fenster öfter geöffnet, wäre ich jetzt nicht so erschrocken über die vielen leeren Wohnungen. Wo seid ihr denn alle hingezogen? Ich komme mir ja richtig fremd vor hier in unserem Haus.

Jetzt sitze ich hier, warte auf das neue Jahr und Johnny Cash singt von St. Quentin. Ja, ja, Gefängnis! So fühle ich mich jetzt, und dabei hat John Fogerty vorhin (3sat – pop around the clock) für tolle Stimmung gesorgt. So schnell kann es gehen! – Aber wahrscheinlich bin ich selber schuld: kein Wunder, dass man verlassen wird, wenn man nie da ist!

Ich hoffe nur, dass meine Lieben noch ab und zu hier rein sehen, damit sie sehen und spüren, dass sie mir fehlen! In Gedanken bin ich immer bei euch gewesen. Ganz fest drück’ ich euch alle an mein Herz! Ich wünsche euch allen ein glückliches Neues Jahr, und dass eure Wünsche in Erfüllung gehen mögen!

AE

28.07.2006 um 00:54 Uhr

„sanft wie eine Radikale“ *

 

 

marx

steht hinter der

porta nigra

sie staunt und

hört die demonstranten

 

abgehauen

aus paris

fremde sprache

fremd

sie staunt und

sieht die demonstranten

 

sommerabend

auf einer bank vor der

stadt

sie staunt und

grüßt die demonstranten

im traum

mit ihrer linken

faust


(* Den Titel habe ich aus einem Gedicht von H. Greß.  AE)

 

09.07.2006 um 20:01 Uhr

Tage-Buch 53

Fast einen Monat war jetzt Funkstille! Dabei habe ich sogar den Geburtstag meines Blogs verpasst. –

 
Noch eine Woche, dann haben wir Ferien, endlich!

Endlich kein Unterricht mehr bei brütender Hitze in Containern! Endlich keine „quengelnden“ (alle über 16!) Schüler mehr! Endlich Zeit, meinen Roman von Candace Robb fertig zu lesen! – Und natürlich werde ich auch einige Zeit brauchen, bei allen meinen Favoriten die Einträge eines Monats nachzulesen. Aber darauf freue ich mich richtig. Ich habe sie alle unwahrscheinlich vermisst. Mein anderes Auge zur Welt hat mir im letzten Monat ein „anderes“ Ereignis stark getrübt. Gott sei Dank wird sich der Schleier ab morgen heben, dann ist die Welt auch wieder zu Gast bei mir und nicht nur bei Fußballfreunden.

 
Auch die Stahlrösser (eigentlich müsste es heißen die Leichtmetallrösser) sind wieder unterwegs. Man möchte meinen in Frankreich, schließlich heißt es ja „Tour de France“, aber nein, auch unser Land wurde wieder mit einer Etappe „beglückt“. Die Stadt Esch-sur-Alzette feiert ihren 100. Geburtstag und hat sich auch diese Etappenankunft so manches kosten lassen. Zu viel, wie einige meinen!

 
Wahrscheinlich komme ich hier als „Sportmuffel“ rüber, aber das stimmt so nicht ganz, Mich stört lediglich diese übertriebene Vermarktung des Sports. „panem et circenses“ – wie im Alten Rom! Der Staat weiß,

„Womit man einlullt, wenn es greint,

Das Volk, den großen Lümmel“

(Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen)

 
Heute ist wohl wirklich nur noch Sport Opium für das Volk. Und irgendwie kommt man gar nicht mehr dran vorbei – Werbung und Sport – Werbung mit Sport – Nachrichten mit/und Sport – nein, erst Sport, dann Nachrichten (aber bitte mit Sport) Hilfe! – Ich möchte wieder Tischtennis spielen, nur so aus Spaß, Geld will ich damit nicht verdienen, und schon gar nicht „kämpfen“, den Gegner „niederringen“, ihn „schlagen“. Ich möchte mich bloß müde spielen, meinen ganzen Körper wieder spüren, nicht nur den Kopf.

AE

10.06.2006 um 19:35 Uhr

irgendwo auf dem dachboden

draußen regnet es

du lächelst hinter dem vorhang


was hast du nur vor heute


vielleicht spielen wir etwas


weißt du


ich möchte dich fangen


irgendwo auf dem dachboden


dich dann ungesehen küssen


aber wie sollen wir dieses spiel nennen


deine augen glänzen


sei nur so wie du bist


du kannst mich nicht


verführen ich liebe dich

20.05.2006 um 15:31 Uhr

Tage-Buch 52


Ja, ja, ich habe ein schlechtes Gewissen! Meinen Blog habe ich sträflich vernachlässigt, aber … - natürlich könnte ich jetzt eine Unmenge an Gründen hier anführen. Ich will mich auf den einzig wahren Grund beschränken: der so genannte „graue Alltag“! Der graue Alltag in einer immer bunter werdenden Schule! - Kinder, lasst die Finger vom Lehrerberuf! Es bedeutet fast nur Stress und immer weniger Befriedigung. - Aber lassen wir das, ich will mich nicht hier auch noch ärgern.

 

In den letzten Wochen hatte ich viel nachzuholen. Wir stehen kurz vor dem Abitur, und meine Vertretung hat mir so manches an Stoff „übrig“ gelassen. (Mal sehen, wie meine Abschlussklasse abschneidet.) Und ich hätte mich doch so gerne in euren Blogs „herumgetrieben“, in unserer großen „kleinen Welt“, aber Geld will ja auch erst mal verdient werden (leider komme ich, wie so viele andere auch, nicht ganz ohne aus).

 

Eigentlich sollte ich jetzt Klausuren korrigieren, aber mir ist heute nicht danach. Ich werde anschließend nachlesen, was sich alles in meiner Parallelwelt ereignet hat. Mittlerweile hat der Sturm hier auch eine kleine Pause eingelegt, diese ständigen Wetterwechsel machen mir doch sehr zu schaffen: ständig müde und doch ausgesprochene Nachteule!

 

Ich hab’ zu früh gesprochen: wahrscheinlich erleben wir hier gerade den Weltuntergang, also Leute, wenn’s mal wieder still wird hier, schwimm’ ich wahrscheinlich irgendwo in den Fluten, oder die Welle „Alltag“ hat mich wieder verschluckt.

AE

04.04.2006 um 13:02 Uhr

Roermond


roermond

in erster sonne

tauben vor dem dom

fliegen auf kugelförmig

ziehen kreise um dr. cuipers

am platz kopfsteinpflaster

linien verfangen sich im kiosk

in fliehende schattenpunkte

weisen spitzbogenfenster

zu den dächern


21.03.2006 um 19:27 Uhr

Goldglieder

goldglieder

ich hatte dich

in alle ketten gelegt

neben dir dann gelegen

auf deinem atem

bin ich eingeschlafen

den regen möchte ich

vergessen saure jahre diese

zeitschatten

wo du nur stehst

in meinem hirn meinem gefängnis

mit armfesseln golden

still

ich träume nur

in unserem wald sind wir

kinder mit geld und gold

aufgewogen aufgehoben jetzt


18.03.2006 um 19:35 Uhr

Tage-Buch 51

„Sex ist nur ein Trost für Leute, deren Liebe nicht reicht.“ So lautete der Schlusssatz von Ulrich Mühe in „Der letzte Zeuge“ von gestern abend. Eine erstaunliche Aussage, wo doch heute (neben Geld) Sex die Welt regiert. Aber die Wahrheit ist doch, dass nichts, was die Welt regiert, wirklich wesentlich ist. Weder Geld noch Sex (als Selbstzweck) machen wirklich glücklich: Geld „beruhigt“ den materiellen Druck, Sex setzt wohl Glücksgefühle frei, die aber nur von kurzer Dauer sind, die man immer wieder haben will/muss – Entzug – woher nehmen – Beschaffungskr…

Sex als Ersatzdroge für Liebe?

Wie muss eigentlich Liebe beschaffen sein, damit sie reicht?

 Mit einer Antwort kann ich leider nicht dienen!

 

AE

17.03.2006 um 01:13 Uhr

nachts

wenn du nachts die straße
hinunter gehst
tönen die eigenen schritte
wie eiswürfel
die unter einem
wasserstrahl explodieren
schatten wachsen
aus allen ecken
verstecken sich in hellen
fensterflächen und lichtkegeln
sie erzählen der nacht
den tag
und du staunst über das
was du vergessen hast
du lauschst und gehst dir
dabei verloren
die stunden werden fremd
bröckeln aus der
zeit aus deinem
verstand
alles läuft
vor die ab
festhalten schritthalten
vielleicht ein weg
nachts auf diesen straßen

 

12.03.2006 um 02:10 Uhr

Tage – Buch 50

Your computer is infected!

 

Diese Windows-Meldung verbreitet nicht gerade große Freude und Zuversicht. Und das gerade als ich einen Eintrag schreiben wollte.

Wo hab’ ich mir jetzt wieder das da eingefangen? Ich bin doch nun wirklich brav gewesen: meine Katze Nero darf nicht nach draußen; Marder schaue ich mir auch lieber aus der Ferne an, demnach kann es auch nicht H5N1 sein; und Web-Kekse esse ich schon gar nicht. Also?

 

Windows has detected spyware infection!

 

Spione also! Dabei gibt es bei mir doch gar nichts Weltbewegendes auszuspionieren. Wer interessiert sich schon für meine Gedanken und Gefühle! Mein Tagebuch kann nur jeden Leser zu Tode langweilen. Staatsgeheimnisse hat auch noch keiner mir anvertraut. Wieso zum Henker hat man mich also infiziert?

 

Das Kratzen des (zu harten) Bleistifts übers Papier fühlt sich eigenartig an. – Ich schreibe diese Zeilen mit der Hand, etwas, was ich schon recht lange nicht mehr gemacht habe. Ich sollte es jedoch wieder öfter tun: die Hand und der Bleistift als Verlängerung meines Geistes bannt die abstrakten Gedanken auf das sehr konkrete Papier. Viel „be“-greifbarer scheint alles zu werden, und keine digitale Tücke kann das Geschrieben in eine elektronische Parallel-, Neben- oder Unterwelt entreißen. Sogar die Veränderungen, das Suchen nach dem passenden Wort bleiben erhalten. Mir scheint, diese Art des Schreibens wird mir eher gerecht, ich kann mich hier stärker entfalten, auch freier, der Zwang von Form und Endgültigkeit ist nicht gegeben. (Mir fallen hierzu James Joyce und Arno Schmidt ein.) Leider geht vieles dieser Spontaneität wieder verloren, wenn ich das nachher – wenn meine „Wächter“ die Spione gefangen haben – eintippen werde (aber glücklicherweise habe ich ja noch das Manuskript!).

 

(Vier Stunden haben wir, ich und meine „Wächter“, an der Maschine rumgedoktort. Jetzt sind alle Spione und Viren vertrieben, wie ihr unschwer an diesem Eintrag sehen könnt.)


AE

02.03.2006 um 20:08 Uhr

Tage – Buch 49

Ja, ich bewege mich wieder in den Blogs. OK, noch nicht in meinem eigenen. Aber das hat so seine Gründe. Einen Monat nachlesen braucht nun mal Zeit. Und körperlich bin ich immer noch nicht ganz in Ordnung, zurzeit schlafe ich viel. Bis in die Nacht am PC sitzen kann ich noch nicht!

 

Meine OP ist gut verlaufen, Magen und Darm scheinen gut verheilt zu sein. Und trotzdem klappt es mit dem Essen immer noch nicht. Eigenartigerweise rutschen Knäckebrot und Tee ohne Probleme, Reis mit Ei dagegen überhaupt nicht. Heute haben sogar zwei Löffel Jogurt mich dreiviertel Stunde lang brechen lassen. Kein Wunder, dass ich mich ständig schlapp und müde fühle. Aber laut Ärztin soll das ja irgendwann besser werden. Ich bin wahrscheinlich mal wieder zu ungeduldig!

 

Meine Burg ist regelrecht eingeschneit! Und in der Nacht sollen wieder um die 15 cm dazu kommen, Hilfe! Ich habe das Schippen von heute früh noch nicht ganz weg gesteckt. Nein, morgen müssen etwaige Besucher sich den Weg selbst freischaufeln. Aber was soll’s, man scheint mich sowieso zu meiden: seit letzter Woche warte ich auch drei Pakete. – Glücklicherweise seid ihr noch alle da! Und, wenn Blogigo uns nicht aussperrt, winken wir uns ja regelmäßig zu. Mein Nachbar kann mir mal wieder direkt auf den Schreibtisch sehen: meine Gardine ist „abgestürzt“.

 

Mein Kopf lässt keinen klaren Gedanken zu, und bevor ich euch mit belanglosem Zeug langweile, höre ich lieber auf. Bis die Tage!

 

AE

22.01.2006 um 01:49 Uhr

Tage – Buch 48

Heute (nein, gestern Samstag) haben wir den Vater eines Freundes beerdigt. Ein Herzinfarkt hat ihn ohne Vorwarnung getroffen. Eigentlich ein schöner, vor allem schneller Tod, wenn man das überhaupt sagen darf, denn ich bin mir sicher, dass er nicht gerne gegangen ist. Wenigstens ist ihm ein langer Leidensweg erspart geblieben. Wesentlich schmerzhafter ist es für die Familie, die mit dieser Lücke in ihrer Welt klar kommen muss. - Mir ist das Herz schwer!

 

Ab jetzt werde ich wohl für mindestens eine Woche an keinen Computer mehr kommen, so gut ausgestattet wird wohl auch hier nicht mal die erste Klasse im Krankenhaus sein. Ihr werdet mir alle fehlen!

 

Bis bald (hoffentlich)!

AE

10.01.2006 um 23:55 Uhr

traum in öl

wie ein wind sprichst du

plötzlich aus diesem nebel dort

meine antworten

sind einige jahre alt

meine enttäuschungen

auch

diese blumen dieser duft

kratzen an alten wunden

längst nicht verheilt

(3. 5. 1981)

08.01.2006 um 21:11 Uhr

nebel

sich freuen
wenn man einen
von zwei unzertrennlichen
sieht
auch wenn man den anderen lieber mag


(14. 2. 1980)

05.01.2006 um 22:16 Uhr

ich cerberus

die wirklichkeit
ist mir abhanden gekommen

wie cerberus
bewache ich meine toten
und spiele mit ihnen
ein ungelebtes leben
im nebel

vor dem erwachen

freunde wurden zu
fremden    dann zu
figuren

01.01.2006 um 20:04 Uhr

Tage – Buch 47

Programm

 

Ihr müsst weit werden, ohne Küsten!

Die Erde sei euch viel zu klein!

Tretet doch über die Ufer des Gestern,

die grüngelockten, eichenumreimten,

engen, vaterländischen Ufer!

Außer dem Neckar und Rheinfall

gibt es Golfstrom, Niagara und Nil,

gibt es das zärtliche Mittelmeer

und den granitenen Norden.

Außer Mimi, dem Spitz,

gibt es Zebras, Flamingos und Gnus

und den himmlischen Steinbock und Bär.

Schaut von der Kreuzstickerei

erstmalig auf den sternenbestickten Abend!

 
Claire Goll (*29.10.1890 - +30.5.1977)

 

Dieses Gedicht schaute mir heute Morgen von meinem neuen Kalender in die Seele. Ein „Programm“, das mich nachdenklich gemacht hat: Und wenn Claire Goll recht hat? Will sie mich für das neue Jahr wachrütteln? Bin ich bereit, dieser Aufbruchstimmung mehr Raum zu gewähren?

Meine Welt ist ohne Zweifel zu klein, nun, meine reale Welt zumindest! In der „Virtualität“ segle ich bis in die dunkelsten Dschungel, auf die höchsten Berge und in tiefsten Abgründe (nicht nur unserer Seelen).

Die „Ufer des Gestern“, an denen ich gestrandet bin, sollte ich wirklich verlassen. Ich habe die Ströme dieser Welt lange genug mit meinen Tränen gespeist. - Mein Vater ist tot und sein Land war die Welt, warum sollte ich ihm nicht folgen! Der „granitene Norden“ ist schon immer meine Wahlheimat gewesen, und die sternenklare Nacht! (Orion, himmlischer Steinbock und Großer Bär werden meiner Nero trotzdem nicht den Rang ablaufen.)

 

Ja, ich will mein Kreuz nicht mehr in mein eigenes Seelenfleisch sticken! Ein Vorsatz, vielleicht? Ein Programm, sicher! Am 10. Januar wird der Startknopf gedrückt.

AE

31.12.2005 um 00:41 Uhr

Spuren zu uns

am horizont

die nebelwolke

läßt die sonne früher

untergehn

nicht nur schmutz sagst du

eine glocke luftfeuchtigkeit

über der stadt

 

wir folgen der spur nasse

tupfer auf dem asphalt

der hund vor uns

springt wieder ins schneefeld

ein bär mit

spuren zu uns

 

in den mistelbäumen

nistet die große bärin

orion flieht vor mir skorpion