Soulsick & Skindeep

14.10.2009 um 03:38 Uhr

Dar es Salaam

von: skindeep   Kategorie: On the road

 

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Es war früher Morgen, als ich in Dar es Salaam ankam. Ich saß im Taxi, mit vier mir unbekannten Menschen, von denen zwei bald schon zu meiner Familie gehören sollten. Ich starrte aus dem Fenster, sprachlos. Diesen ersten Eindruck der Stadt werde ich wohl nie vergessen. Die Straßen waren gut, asphaltiert und breit, doch die kleinen Hütten und Läden dahinter raubten mir alle Worte. Und die Menschen, so viele Menschen, und alle schienen sich am Straßenrand versammelt zu haben, saßen dort, oder verkauften unerkenntliche Dinge vom Boden. Immer mehr Autos waren auf der Straße, bis wir schließlich im mir unverständlichsten Stau standen und Busse an uns vorbeikrochen, in denen die Menschen eng aneinandergepfercht saßen und standen. Und alle schauten sie mich an, durch die Autoscheibe, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Es war dreckig, ich hatte das Gefühl die Leute dort am Straßenrand lebten im Müll. Und die ganze Zeit dachte ich, das wäre sicher nur außerhalb so und wir würden gleich in eine bessere Gegend fahren. Außerhalb waren wir tatsächlich, und nach zwei Tagen hatte ich auch begriffen, dass es hier beinahe überall so aussah und es noch nicht einmal besonders schlimm war, im Gegenteil recht geregelt und sauber. Ich glaube, ich habe die gesamte Fahrt keine drei Worte gesagt, sondern nur aus dem Fenster gestarrt und mich fortgewünscht. Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit irgendwo rechts abbogen, blickte ich erschrocken hoch und sagte mir, dass es hier doch noch nicht sein könnte. Ich sah ein kleines Geschäft und halbzerfallene Mauern und die Straße vor mir, die eigentlich mehr aus Löchern als aus Straße bestand. Bis ich dem Finger von Hawa folgte, der auf die andere Straßenseite deutete, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Das Haus war tatsächlich ein Haus. Aus schönem Stein mit einem surreal blauen Zaun davor. Der Eingang führte an der Garage vorbei zum Hof, wo auch schon die halbe Familie auf mich wartete und sich freudig vorstellte.

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Es dauerte mindestens eine Woche, bis ich all ihre Namen wusste und mir auch ganz sicher war, wer im Haus lebte und wer nur zu Besuch gekommen war. Dann kannte ich auch den netten Jungen, der im Geschäft gegenüber arbeitete und mir so ziemlich alles verkaufte von Handykarten über Zahnpasta bis Kaugummi und mich jeden Morgen begrüßte, wenn ich aus dem Haus kam und zur Arbeit ging. Die Busfahrt zur Arbeit war jeden Tag ein neuer Kampf, denn der Stau, den ich schon am ersten Morgen erlebte hatte, war keine Ausnahme, sondern wiederholte sich jeden Morgen. Und jeden Abend. Und an Feiertagen ganz besonders. Ich stand also an der Bushaltstelle inmitten, wie es mir schien, Hunderter anderer, gegen die ich um einen Platz im Bus kämpfen musste. Und kämpfen heisst auch wirklich kämpfen. Ich habe es bis zum Schluss nicht verstanden. Menschen, deren Zeitverständnis ein völlig anderes ist, als das des gehetzten Europäers und denen es nichts ausmacht eine halbe Stunde später da zu sein oder noch einen Tee zu trinken, wenn man doch eigentlich verabredet war, werden plötzlich hektisch, wenn sie einen Bus verpassen könnten, oder die Fähre. Und dann haben sie kein Problem, mit Ellenbogen und geballter Körperkraft alle anderen, die auch einsteigen wollen, wegzudrängen. Mal ganz davon abgesehen, dass jeder Weg durch eine größere oder auch kleinere Menschenmenge zum Spießrutenlauf wurde, bei dem ich mich so gar nicht wohl fühlte, wenn ich allein unterwegs war. Nicht weil ich Angst hatte, die meisten Leute waren zwar aufdringlich, aber freundlich. Sondern weil genau diese Art von Freundlichkeit wahnsinnig anstrengend ist. Weil ich es nicht gewohnt war, ununterbrochen angestarrt und angesprochen zu werden und aufzufallen, nicht wegen meiner Kleidung oder meines Benehmens, sondern schlicht und einfach um meiner Hautfarbe willen. Von aufdringlichen Männern, von neugierigen Kindern, von geldwitternden Verkäufern aller Art, die jeden der vorbeiläuft sofort als Schwester ansprechen und von Frauen, die mich ansahen, als würde ich ihnen etwas wegnehmen. Aber eine freundliche Begrüßung musste trotzdem immer drin sein, denn die meisten machten einfach nur Scherze und es wäre grob unhöflich, nicht, oder gar wütend zu reagieren. Ein gemurmeltes, jaja, leck mich am Arsch, konnte ich mir manchmal trotzdem nicht verkneifen. 

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Sie begegnete mir direkt an einem meiner ersten Tage in der Psychiatrie. Ich saß in unserem Büro und wartete noch auf meine offizielle Erlaubnis vom Klinikleiter, mein Praktikum beginnen zu können. Sie kam ins Büro, mit einem breiten und herrlich offenen Lächeln. Ich stammelte eine Begrüßung in einem seltsamen Gemisch aus Swahili und Englisch, bis ich zwei Minuten später herausfand, dass sie aus der Schweiz kam, auch Psychologiestudentin war und an ihrer Masterarbeit schreibt. Ich habe sie an diesem Tag in eine der Schule begleitet, wo sie eine Fragebogenstudie mit den Kindern machte und war danach mit ihr am Strand. Ihre natürlich-euphorische Art riss mich sofort mit und in den Wochen danach trafen wir uns oft. Wir schliefen in Zanzibar in einem Zimmer, dass nach Schimmel und Keller roch; auf einer Matratze, bei deren Anblick ich spontan entschloss, meine Kleidung doch lieber anzubehalten und unter einem Moskitonetz, dass wir nicht aufspannten, weil Yolanda einen Lachanfall bekam, nachdem sie daran gerochen und mit angeekeltem Gesicht zurückgewichen war. Wir fuhren zusammen Bus, eingekeilt zwischen zu vielen Menschen und feilschten mit den Händlern, bis wir beide keine Lust mehr hatten und doch den vollen Preis bezahlten. Wir überlebten die Fähre trotz aufsteigender Übelkeit unbeschadet und sie bekam meine Tabletten gegen Reisekrankheit. Wir saßen am Strand und nachts in Bars, eigentlich fast nie allein, fanden Seesterne und schöne Schuhe, die größte und röteste Spinne der Welt und das beste Essen, was ich je gegessen habe.

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Es war am Abend bevor ich nach Arusha fuhr. Ich glaube, ich stand in der Küchentür, Aziza, meine kleine Gastschwester, kam zu mir, nahm meine Hand und fragte, warum ich sie verlassen würde, ich wäre doch ihre beste Freundin. Ich nahm sie in den Arm und hätte beinahe losgeweint und ich sagte ihr, ich würde doch wiederkommen, in ein paar Tagen schon. Aber ich wusste, was sie meinte und es fiel mir genauso schwer. Als ich wiederkam, ging ich mit ihr und einem Freund einkaufen. Also eigentlich kaufte ich ein und sie waren meine geduldige Begleitung. Wir aßen Pommes mit Ei danach, in einer kleinen Bude an der Straße, tranken Cola und sie war so glücklich an diesem Tag. Ich auch. Am Abend danach, es war mein vorletzter in Tanzania, war die Familie am feiern. Ich hatte Kuchen mitgebracht und alle freuten sich. Ich war eigentlich eher traurig und fand den Rummel ein wenig fehl am Platze. Aziza verschwand irgendwann im Haus und schaute sehr bedrückt, als sie wieder raus kam. Ich ging zu ihr und fragte sie, was los sei, alle wären doch so fröhlich. Da begann sie zu weinen, meinetwegen und wir saßen lange nebeneinander und ich hielt ihre Hand.

tbc.

 

13.10.2009 um 17:38 Uhr

Arusha

von: skindeep   Kategorie: On the road

"It could be wrong
Could be wrong
This is out of control"

Wo bin ich denn nun schon wieder gelandet?
Fucking großartig³
So this is actually one of those great places. Those places that seem to be bewitched and
strange and once you arrived you don't quite remember how you got there.

Manchmal habe ich Angst allein im Dunkeln, dann sehe ich Männer in schwarzen Masken hinter regennassen Fensterscheiben und im Spiegel hinter mir bewegen sich Schemen, die mir sekundenlange Herzstillstände bescheren. Dort ist nichts, nichts außer meiner allzu lebhaften Fantasie. Dann werde ich schreckhaft wie ein kleines Mädchen, möchte die Vorhänge schließen, ohne dem Fenster zu nahe zu kommen, das Licht nicht löschen und jemanden haben, der Nachts neben mir im Bett liegt, nur um des Daseins willen.

So war es dort, Abends in Arusha, in diesem kleinen Zimmer mit den nackten Steinwänden, ein fremdes Bett in einer fremden Stadt, mit einer hölzernen Tür halb versteckt hinter einer Wäscheleine. Ich fühlte mich so ungewohnt unbewohnt. Und doch war ich wahrscheinlich besser aufgehoben, als jemals zuvor. Ich ging mit Elly etwas essen, das Mädchen in der Küche freute sich und lachte fröhlich, als ich auf Swahili nach der Toilette fragte, und als ich zurückkam traf ich ihn, mit seinem umwerfenden Lächeln und dem unkonventionellsten Lebensstil, den ich je erlebt habe. Er setzte sich neben uns an den Tisch, sein Bier in der Hand, grinste. Und wie sich herausstellte war sein Zimmer direkt neben meinem in dem kleinen Gasthaus. Unsere Pläne kreuzten sich in diesen Tagen, auch wenn unsere Leben unterschiedlicher kaum sein konnten.

Als ich nach fünf aufregenden Tagen zurückkehrte in die mittlerweile doch heimelige Stadt, war er auch wieder da. Oder noch. Beides vielleicht. Ich war müde, wollte eigentlich nur mein Busticket kaufen und schlafen. Nunja, Pläne ändern sich. Aus seiner offenen Tür tönte Placebo auf den Hof während ich duschte und es war wunderbar. Elly holte mich ab, wir gingen wieder in die Bar, in der wir fünf Tage zuvor auch waren und unterhielt mich mit Leuten, die ich nicht wirklich kannte, die Musik war laut und er saß plötzlich wieder neben mir. Irgendjemand schlug vor, wir könnten noch grillen. Taten wir auch. Auf einmal saßen wir an einem großen Tisch mit vielen Leute, manche Gesichter waren mir sogar bekannt und alle lachten, waren zufrieden. Das Fleisch schmeckte eigentlich nicht nach Fleisch, aber das machte nichts, ich trank ein Bier zuviel und war dann angenehm müde. Wir gingen später gemeinsam zurück zu unserem Gasthaus. Er umarmte mich, bevor ich in meinem Zimmer verschwand, sagte mit verschmitztem Grinsen, ich solle nicht zu laut schnarchen und ich wusste, ich würde ihn nie wiedersehen. Als ich mich am nächsten Morgen auf den Weg zum Bus machte, stand sein Zimmer schon leer. Er wollte nach Kenia, um dort sein Glück zu versuchen. Sein Gesicht könnte ich schon kaum mehr beschreiben, aber ich würde ihn wiedererkennen, aus Tausenden heraus, da bin ich mir sicher.

Strange feeling to wake up in a room, that is not yours, alone in a strange city with no common face around you and a weird dream still on your mind.
And then you just do as usually, pack your bag, which contains all you need for living, leave the key, walk down an empty and half rotten street, sit down in a bus with or without destination together with a bunch of people you don't know and will never see again.

(Kursivtexte: Tagebucheinträge vom 20. & 26.09.09)

"It could be wrong
Could be wrong
But it should've been right"
(Muse - Resistance) 

07.10.2009 um 23:39 Uhr

At the edge of the world.

von: skindeep   Kategorie: On the road

 

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Hier sind die Ränder der Welt. Hier ist nur der Horizont und rote Erde, meilenweit. Hier kannst du manchmal spüren, dass Gott vor langer Zeit einmal dagewesen sein muss und mit bloßen Händen ein Wunderwerk errichten wollte. Dann hat er diesem Ort den Rücken zugewandt und ihn sich selbst und den Menschen überlassen, die keine Zeit hatten auf ihn acht zu geben. Sie waren damit beschäftigt zu kämpfen, zu leben, zu beten, zu über-leben. Und mit der Zeit vergaß auch der Rest der Menschheit sie, vergaß, dass dort im Süden noch jemand war.

Hier ist die Welt noch eine Scheibe, wenn man genau hinsieht und dann verschließt man nicht mehr die Augen, denn was vielleicht wie Elend aussieht, ist doch nur Leben und die Menschen sind genauso glücklich oder unglücklich wie überall auf der Erde. Die alten Frauen in den Hauseingängen und die jungen Männer, die in die Städte ziehen und auf kleinen Karren Obst verkaufen und ihre Rufe gehen unter im Lärm des Straßenverkehrs. Das Ende der Welt war nie so nah.

Und doch ist genau hier der Ort, an dem alles neu beginnt. Die Wiege der Menschheit, seit Jahrtausenden endet alles an diesem einen Punkt und beginnt von vorn, ist so lebendig. Reboot.

Du kommst an, aus einem anderen Land, einem anderen Leben, das du dir selbst nach ein paar Wochen nicht mehr vorstellen kannst und bringt Ideale mit, Vorstellungen und Prinzipien und möchtest am liebsten allein die ganze Welt retten und läufst damit gegen eine Mauer. Deine naiven Ideale bröckeln langsam nieder, denn auf die Art und Weise, wie du es gewohnt bist, funktioniert hier nichts, deine Möglichkeiten sinken gegen Null und du nimmst das, was zur Verfügung steht und möglich ist und versuchst nicht zu resignieren, wie so viele vor dir schon. Hier musst du kämpfen und dir Zeit nehmen und warten und weiterkämpfen. Mehr Akzeptieren als Veränderungen schaffen wollen, die Jahre, vielleicht Jahrhunderte brauchen werden. Du allein kannst keine Welt verändern, die seit Ewigkeiten und länger ohne dich bestand, aber du kannst vielleicht die Sichtweise Einzelner umkrempeln und, noch viel wichtiger, deine eigene.

All your tomorrows start here.

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04.10.2009 um 11:38 Uhr

Franchipani

von: skindeep   Kategorie: On the road

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So this is love. Where will you be when the phone rings? Will you be waiting, sitting in front of the phone for hours, for however long a time you can remember? Or will you be outside, roaming in the streets, catching eyes and hiding smiles, making dreams - attempting to forget. Either you miss that one call or you miss life. Ever try. Ever fail. So wrap me up in dreams and death.
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Das Scheitern riecht nach Wellenschlagen und Franchipaniblüten. Halte durch, oder halte ein. In meinem Haar weht ein gelbes Band, vielleicht ist es auch weiß und auf den Seiten meines Herzens schlagen die Kinder der großen Städte ihre Trommeln. Es ist kaum noch Scheitern, es ist mehr ein Tanzen, mit am Himmel explodierenden Sternen.

04.10.2009 um 11:31 Uhr

Strange little girl

von: skindeep   Kategorie: Self-portrait

New Age.
She seems so cool, so focused, so quiet, yet her eyes remain fixed upon the horizon. You think you know all there is to know about her immediately upon meeting her, but everything you think is wrong. Passion flows through her like a river of blood.
She only looked away for a moment, and the mask slipped, and you fell. All your tomorrows start here.

Strange.
Whenever it rains you will think of her.

Time.
She is not waiting. Not quite. It is more that the years mean nothing to her any more, that the dreams and the street cannot touch her. She remains at the edges of time, implaceable, unhurt, beyond, and one day you will see her and after that, the dark.
It is not a reaping.
Instead, she will pluck you, gently, like a feather, or a flower for her hair.

Happiness.
Nobody will ever hurt her. She'll just smile her faint vague wonderful smile and walk away.

(Auszüge aus Neil Gaimans "Strange little girls")