Musik: Yann Tiersen - Comptine d'un autre été
Eigentlich möchte ich nicht schreiben. Schreiben heilt nicht nur. Es wirft mich auch in alte, ewig wiederkehrende Gedankengänge zurück. Jene, die sich wie eine Faust um das Herz legen, sodass sich die Enge bis in die Kehle zieht, spürbar beklemmend. Du bist meine oft verfluchte Muse und ein viel zu realer Phantomschmerz. And I think you know.
Natürlich vermisse ich dich, ich will es mir nur nicht eingestehen. Ich hasse es über dich zu reden und tue es doch. Du beherrschst meine Erinnerungen. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, seitdem du verschwunden bist, einfach so ins Nichts. Ich weiß weder wo du bist, noch was du tust oder ob es dir gut geht. Schon einmal bist du einfach so abgetaucht, nur damals hat es sich anders angefühlt. Zeit heilt vielleicht die meisten Wunden, aber sie macht noch lange nicht ungeschehen. Mein Stolz ist noch immer so wahnsinnig verletzt. Es war keine Absicht, du warst einfach der Einzige, der mich so verletzen konnte und du hast es getan. Wer wenn nicht du. Schöne Enden sind nunmal selten. Ich war im Gegenzug die Einzige, die dich je dazu gebracht hat, lauter zu werden, laut, gemein und stur, warst du doch sonst immer so ruhig, hast geschworen du könnest gar nicht wütend werden. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich auch diese Seite kennengelernt habe. Wie sonst kann man alles an einem Menschen lieben.
Noch immer habe ich eine Menge Wut auf mich selbst im Bauch und es kullern die Tränen, eine nach der anderen, wenn ich zu lange über all das nachdenke. Noch immer halte ich deine Scherben in den Händen, behutsam und wütend, und sie bohren sich ins Fleisch, sobald ich die Finger darum schließe. Ich weiß, dass niemand dich je wird ersetzen können. Weil du auch meine Scherben trägst, auch wenn ich das nie wollte. Du musstest sie nehmen, aus einer stillen Selbstverständlichkeit heraus, weil du der einzige warst, der sie und die Geschichten dahinter verstand. Weil du Dinge von mir weißt, die ich nicht einmal in Worte fassen kann. Weil du mich weit hinter meine Grenzen geführt und auch wieder zurückgeholt hast. Weil du einfach bist wer du bist. Mehr wusste ich nie zu sagen, wenn du fragstest, warum ich bei dir war. Mehr war nicht zu sagen. Ich hoffe, du gibst weiterhin gut auf sie acht, auf die Geschichte, die die Scherben bergen. Ich werde sie kein zweites Mal erzählen.
Eine Zeitlang dachte ich, ich könne nur bei dir frei sein, ich selbst sein. Nein, ich dachte nicht nur, dem war tatsächlich so. Jetzt geht es auch so, meistens. Ich habe mich gefunden und weiß mich zu verlieren. Nur der Stolz... der wird noch eine ganze Weile brauchen sich zu erholen.
'Der Himmel ist rot, so rot. Brennt. Wir leben lieber ungewöhnlich. Verschwenden nicht nur uns und unsere Jugend. Sondern direkt ein ganzes Leben. Denn Zeit bleibt keine. Wir stehen in Flammen. Kämpferherzen. Wir leben am Limit, sind vereint uneins. Wir rauschen durch den Tag, laut, lebendig. Mit dem Gefühl im Bauch, ewig zu leben und schon morgen zu sterben.
Die Musik wird leiser gedreht, Ruhe kehrt ein. Die Nächte sind lau, die Frösche quaken und ich beginne den Wind zu lieben, warm und sanft im Haar. Der Tag ist unser und die Nacht liegt uns zu Füßen.'
In solchen Momenten würde ich gern zum Telefonhörer greifen und deine Nummer wählen. Deine Stimme hören, die Tränen unterdrücken und ganz oft 'hallohallohallo' sagen. Dir erzählen, wie schön alles ist. Und wie sehr du dennoch fehlst.
Aber ich tue es nicht.
Hoffentlich schläfst du gut, ohne Gifträume und dergleichen. Mehr will ich doch gar nicht.