Soulsick & Skindeep

25.09.2008 um 22:58 Uhr

Nur Mut

von: skindeep   Kategorie: Daily

Stimmung: irgendwo unten

Alles fließt. Ich weiß nur noch nicht genau wohin.
Ich stecke fest, das Schreiben gelingt nicht, das Englisch stockt und die Wörterbücher helfen nicht mehr. Ich hoffe, ich tue das Richtige für mich. Ich hoffe, ich habe genug Kraft für all das. Der Herr Dozent sagt, ich würde mir zuviel vornehmen. Zweifel kommen auf, Zweifel an mir und meinen Fähigkeiten, meiner Belastbarkeit. Ich habe heute schon meine halbe Familie zur Sau gemacht, relativ grundlos, niemand darf mich ansprechen, weil meine Nerven zum Zerreissen gespannt sind und damit ich nicht laut losheulen muss. Tagsüber ist da zuviel Ablenkung. Und Abends bin ich dann totmüde, die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Ohne Druck kann ich nicht arbeiten. Und mit bin ich absolut überfordert. Na toll. Ich glaube ich muss platzen.
Dabei ist da doch soviel wodrauf ich mich freuen kann, danach. Bloß ein paar Tage noch. Dienstag. Dann ist alles überstanden. Der Schweinehund dreimal umgebracht, der Kloß, der sich mittlerweile nicht mehr nur über den Hals und die Brust erstreckt, fort und es liegen hoffentlich etwas mehr als 50 wunderschön schwarz bedruckte Seiten vor mir.
Kaffee geholt. Noch einmal tief durchatmen. Und an die Arbeit. Alles fließt.

24.09.2008 um 02:03 Uhr

Fail better

von: skindeep   Kategorie: Where the gods go

"A trompe l'oeil painting," Count Marcello went on, "is a painting that is so lifelike it doesn't look like a painting at all. It looks like real life, but of course it is not. It is reality once removed. What, then, is a trompe l'oeil painting when it is reflected in a mirror? Reality twice removed?"
(Aus: The City of Falling Angels von John Berendt)

Quelle:www.i.pbase.com/g6/42/41842/2/73675279.GbYmimUH.jpg
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Reality twice removed. Twisted. Gods go crazy.
Du fehlst. Herbststurmland, mal wieder.
'Hast du bemerkt wie wir gelaufen sind, wir gesessen haben, dort oben?' Drei Tage noch. Die große Eisenbahnbrücke, weit unten der Flusslauf. Und überall Herbstlaub, schleichende Kälte kommt mit der Dämmerung herangekrochen. 'Sieben mal flecht' ich dein Haar...'

Worte haben sich mehr als eingebrannt. Gleich neben die Scherbennarben, tief in die Handflächen. Ich kann sie nicht nur wiedergeben, sondern mich auch an den Klang deiner Stimme dabei erinnern. 'Halt mich, schrei nicht...' Es war wunderweltlich. Die Kinder im Wald und die Steine, unter denen Geschichten hervorsprangen. Die Brücke, wieder und wieder. Selbst die Kälte und die unmerkliche Feuchtigkeit. Wir waren Herbst. Durch und durch.
Handgeschriebener Buchstabenfluss ergießt sich, sanft geschwungen, schwarz. auf weiß an meinem Spiegel. Ich brauche...

Die Worte werden jeden Herbst wiederkehren. Jedes Mal, wenn ich eine Kastanie vom Boden aufhebe oder durch braune Blätterhaufen stapfe. Wenn ich den Mantel zuknöpfe und meine Nase in den Schal grabe. Wenn ich im Zug sitze und durch verregnete Scheiben blicke. Wenn ich den Herbst rieche, das erste Mal in einem Jahr. Immer wenn ich den Nebel aus dem Wald aufsteigen sehe oder die Bäume mit dem Abendhimmel rot um die Wette brennen. Immer wieder.

Reality twice removed.

Ever tried.
Ever failed.
No matter.
Try again.
Fail again.
Fail better.
(Aus: Worstward Ho von Samuel Beckett)
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10.09.2008 um 12:18 Uhr

Studentenleben

von: skindeep   Kategorie: Daily

Stimmung: herbst-lich
Musik: Grossstadtgeflüster - Ich muss gar nix

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Da hinter den Bäumen ist die Fakultät versteckt. Ein Jahr nun schon, der anfängliche Motivationsrausch ist verflogen, momentan dümpelt alles vor sich hin, die Begeisterung nicht.
Es ist das Leben wie ich es haben wollte.
Spätsommerlich. Es wird Herbst. Mit Kastaniensammeln und Blätterrascheln, mit Kapuzenpulli, Morgennebel und Himmelgrau und allem was dazugehört...

10.09.2008 um 12:11 Uhr

Heimweh

von: skindeep   Kategorie: On the road

Zaubererbruder,
Wo bist du gewesen in all diesen finsteren Jahren?
Zaubererbruder,
Ich weiß nicht - wie lang haben wir uns schon nicht gesehn?
Zaubererbruder,
Hast du fremde Länder bereist, Ozeane befahren?
Zaubererbruder,
Die Welt in den Händen und haben mit Worten bezahlt

Wenn die Heimat so weit fort ist, soll eben die ganze Welt
mein Zuhause sein

Ich wollte mich auf die Suche nach ihr machen, wollte die Welt mir unterwerfen, bis ich sie finde. Wollte dem Wind hinterherjagen, ohne Rücksicht auf Verluste. Sehnsuchtsvoll heimatlos. Doch ich bin sie leid, die ewige und nicht enden wollende Suche nach etwas, das längst fort ist, oder schlimmer noch, das es nie gegeben hat. Es sind nur die alten Mythen, die noch davon erzählen. Und ich habe ihnen geglaubt.
Meine Heimat warst du, meine Zuflucht und mein Wort, nicht an einen Ort gebunden, weltenübergreifend. Es gibt sie nicht mehr, und so gibt es auch nichts, was mich noch hält. Heimweh habe ich manchmal noch, gleich wo ich bin, doch die Suche aufgegeben.

Ich bin wählerisch. Und, nüchtern betrachtet, nicht der einfachste Mensch. Aber ich verstehe schnell, und respektiere alles Fremde und auf den ersten Blick ungewöhnliche, vielleicht weil ich selbst ein wenig zwischen den Stühlen sitze.
Jetzt habe ich verstanden, dass es nicht nur ein Zuhause geben muss und kann, wenn jede Stadt und jedes Land, das ich besuche, noch ein wenig schöner ist als die vorherigen. Und wenn es dort überall Menschen gibt, die mir ebenbürtig sind und in mir Ihresgleichen sehen oder zumindest bereit sind, mich zu Ihresgleichen zu machen. Ich habe noch eine Menge vor, bin nie lang an einem Ort, ohne dass ich unruhig werde und es mich wieder fortzieht. Nun ist die haltlose Suche zum Ziel geworden. Denn nach Hause findet man immer.

Ich bin gern heimatlos, wenn ich dafür eine ganze Welt haben kann. Die Reise hat gerade erst begonnen.

Zaubererbruder,
Wo ich auch hinkam war's besser und schlechter als hier
(ASP - Zaubererbruder)

02.09.2008 um 13:59 Uhr

Azur

von: skindeep   Kategorie: On the road

Musik: Peter Fox - Alles Neu


Catch me, catch me I'm falling - falling in love with you
I've
only got my heart to loose
Should I
be scared of you

(Joss Stone - Proper Nice)

Ein Stein liegt zwischen meinen Fingern, weiß und glatt. Er passt ganz genau in meine Hand, als wäre er für nichts anderes geschaffen. Im glitzernden Wasser hat er geleuchtet, jetzt ist er eher matt und unscheinbar. Es hat lang gedauert wieder vollständig im Alltag anzukommen, das Herz hinkte hinterher, und die passenden Worte fehlen mir noch immer.
Ich kann nur erzählen wie grün die Kakteen vor dem blauen Himmel waren, wie wunderbar durchsichtig türkis das Meer mit seinen sanften Wellen. Ich saß auf dem Schiff im Fahrtwind und das Wasser peitschte in mein Gesicht, Salz auf meiner Haut. Stundenlang könnte ich die trockenen braun-grünen Hügel bestaunen und dem tosenden Meeresrauschen zuhören, ohne es leid zu werden. Lebendig, über-lebendig. Alles neu.
Die Blumen zwischen den Mauerritzen, grasende Ziegen, selbst die alten Männer mit skeptischem Blick und tiefen Falten. Kleine Eidechsen und der Granatapfelbaum vor dem Fenster. Ganz selbstverständlich. Alles ein wenig näher, purer und weniger durchdacht. Unbekümmert.


Die Sterne waren so nah und die Welt schien tausendfach vergrößert. Blau an blau, wo der Himmel ins Meer floß. Übergangslos. Uneingeschränkt greifbar. Einig, so unzerrüttet.
Sonnenaufgang, ganz scheu und sanft gelb.
Es war toll. Mit euch nach einem langen Tag am Strand, rot am ganzen Körper, mit zerzaustem Haar und in den furchtbarsten Kleidern, lachend durch das Einkaufszentrum zu gehen, einen quietschenden Einkaufswagen hinter uns her zerrend. Abends nebeneinander im Bett zu liegen und zu reden, bis wir einschlafen. Über enge, steile Schotterstraßen zu fahren, die hierzulande kaum als Wanderweg durchgehen würden. Mit kleinen bunten Fischen im seichten Wasser zu tauchen. Sich nachts betrunken im Sand zu wälzen, während Sternschnuppen eine nach der anderen vom Himmel fallen und die Wünsche uns zu rasch ausgehen. Mit ihm an der Hand durch den Wald zu rennen, italienische Vokabeln stammelnd und prustend vor Lachen, weil wir einander nicht verstehen und es doch so egal ist. Vom Wellenrauschen schläfrig langsam die Augen zu schließen, mit der Gewissheit, dass es nicht besser sein könnte, dass ich nirgends anders sein möchte.
Sonnenuntergang, rot brennend, alles vereinnahmend.

Es war nicht wie im Wundersommer damals, vor nun fast zehn Jahren. Der Ort, die Menschen, so anders. Die vorpubertären Glücksgefühle sind seit langem ausgegangen, alles ist weniger schwankend nun.
Aber die winzigen Schmetterlinge im Bauch waren da, in manchen wunderbaren Augenblicken. Wohl behütet vom fernen Horizon. Take a deep breath. And feel. Mit den Fingern Herzen in den Sand gemalt. Wasserumspült. Euphorisiert. Azur und Goldgelb.

Please let me know, if there is a better place to be. Thank you.