Almond-eyed II
"Chesire Puss," she began rather timidly, as she did not know wether it would like the name: however it only grinned a little wider. 'Come, it's pleased so far', thought Alice, and she went on. "Would you tell me, please, which way I ought to go from here?"
"That depends a good deal on where you want to get to," said the Cat.
"I don't much care where-" said Alice.
"Then it doesn't matter which way you go," said the Cat.
"- as long as I get somewhere," Alice added as an explanation.
(Aus: Alice's adventures in wonderland von Lewis Carroll)
Ich hätte mir damals ein Bild von dir geben lassen sollen. Auch wenn nicht viel mehr als schwarz-weisses Gewitter um einen dunklen Punkt erkennbar war, es erscheint mir nun besser, als gar nichts in den Händen zu halten. Zwei verdammte Jahre. Im Herbst, wann auch sonst. November. Du wärst groß geworden, mit mir zusammen. Dein Haar hellbraun und lang und immer zerwuschelt. Die Augen irgendwie grün-bunt. Du würdest laufen an meiner Hand - du selbstsicherer, ich verantwortungsbewusster - und mich in größeres Chaos stürzen als ich es allein je schaffen würde. Oder mich vielleicht auch rausgeholt haben, in ein geregeltes Leben hinein. Die Fragen kommen nicht oft, aber regelmäßig, dann und wann im Jahr. Bonjour, tristesse.
Die Entscheidung war getroffen, eigentlich vom ersten Moment an. Das sagten mir die Worte einer Frau in einem roten Sessel, die mich lange ansah, damals. Verstehen tue ich es erst heute so richtig. Realisieren, dass sie recht hatte.
Du bestehst nun aus den ersten Eisblumen vor dem Fenster und zartrosa Blütenblättern, die mit dem Wind zu Boden schweben. Es gibt kaum Worte für dich. Aber es gibt die Dinge die ich tue, für dich und mich und das was kommt. Ein Versprechen, das niemand kennt, bündelt immer wieder Kraft, kurz bevor sie mich verlässt. Für eines Tages, ein Übermorgen, das niemals aufhört zu sein. Aufhört zu werden.
Stimmung: sick.
Musik: Disturbed - down with the sickness
This time what I want is you
There is no one else
who can take your place
(Lifehouse)
"Ich habe ein bißchen Angst..." - "Ich auch.", antwortete sie. Und man sah es in ihren Augen.
'Ein bißchen' ist noch stark untertrieben. Schon zweimal hatte ich nun diesen Traum, auch wenn das erste Mal sicher zwei Jahre her ist, kann ich das Gefühl nicht vergessen, und die Tränen nach dem Aufwachen. Dann vor ein paar Wochen wieder. Die Bilder verfolgen mich bis weit aus der Nacht hinaus. Wenn sie nur nicht so real wären.
Du bist so selten krank, eigentlich habe ich nur einmal erlebt, dass du etwas Ernstes hattest. Es war das Asthma, damals, bestimmt schon fünfzehn Jahre ist der schlimmste und auch letzte Anfall nun her. Ich glaube, es war eine der schrecklichsten Szenen, die ich mitangesehen habe in meinem bisherigen Leben. Dein Gesicht. Ihre Gesichter, und die aufgelösten Schreie, wie sie mich rausgeschickt haben, ich war zu klein und habe doch alles gesehen. Und nun wieder...
Als du das erste Mal ins Krankenhaus musstest, war ich gerade arbeiten und konnte mich nicht richtig konzentrieren, weil ich die ganze Zeit einen erlösenden Anruf erwartet habe. Der natürlich ausblieb. Es ist noch immer nicht besser geworden, auch die Ärzte konnten das Herz nicht wieder in den richtigen Takt bringen und die Blutverdünner haben nun nur dazu geführt, dass die kleinsten Wunden nicht zu bluten aufhören und du verdammt schwach geworden bist. Eigentlich habe ich dich den größten Teil der Zeit nur draußen erlebt, auf dem Fahrrad, früher bei langen Strandspaziergängen, oder zwischen den Rosen im Garten. Du brauchtest immer etwas zu tun, und wenn es nichts gab warst du unruhig, klimpertest mit dem Schlüssel, liefst hin und her wie ein Huhn im Käfig. Mama sagte mir gestern, du wärst zum ersten Mal einfach nur hier gewesen um in der Küche zu sitzen, Kaffee zu trinken und dich zu unterhalten. "Und dazu hat er nun fast achtzig Jahre gebraucht." Es hat sie gefreut, dass du nicht sofort begonnen hast zu diskutieren oder gar direkt wieder gegangen bist. Mir bereitet es Sorge.
Kein gutes Zeichen. Ganz und gar nicht. Du bist antriebslos geworden, konntest nicht mehr Auto fahren, warst nicht auf dem Geburtstag deiner Schwester. Du bist leise geworden, schläfst viel, redest leise. Es tut weh dich so zu sehen. Keine kleinen Scherze nebenbei mehr, das schelmische Lächeln ist verschwunden. Mir ist übel.
Ich weiß, dass ihr nicht mehr die Jüngsten seid. Aber gerade du hast immer nur so vor Leben gestrotzt. Hattest das Glitzern des Lausbuben noch so präsent in deinen Augen. Verlier es nicht, noch nicht.
Bleib. Bitte.
Noch ganz lange.
Musik: Yann Tiersen - Comptine d'un autre été
Eigentlich möchte ich nicht schreiben. Schreiben heilt nicht nur. Es wirft mich auch in alte, ewig wiederkehrende Gedankengänge zurück. Jene, die sich wie eine Faust um das Herz legen, sodass sich die Enge bis in die Kehle zieht, spürbar beklemmend. Du bist meine oft verfluchte Muse und ein viel zu realer Phantomschmerz. And I think you know.
Natürlich vermisse ich dich, ich will es mir nur nicht eingestehen. Ich hasse es über dich zu reden und tue es doch. Du beherrschst meine Erinnerungen. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, seitdem du verschwunden bist, einfach so ins Nichts. Ich weiß weder wo du bist, noch was du tust oder ob es dir gut geht. Schon einmal bist du einfach so abgetaucht, nur damals hat es sich anders angefühlt. Zeit heilt vielleicht die meisten Wunden, aber sie macht noch lange nicht ungeschehen. Mein Stolz ist noch immer so wahnsinnig verletzt. Es war keine Absicht, du warst einfach der Einzige, der mich so verletzen konnte und du hast es getan. Wer wenn nicht du. Schöne Enden sind nunmal selten. Ich war im Gegenzug die Einzige, die dich je dazu gebracht hat, lauter zu werden, laut, gemein und stur, warst du doch sonst immer so ruhig, hast geschworen du könnest gar nicht wütend werden. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich auch diese Seite kennengelernt habe. Wie sonst kann man alles an einem Menschen lieben.
Noch immer habe ich eine Menge Wut auf mich selbst im Bauch und es kullern die Tränen, eine nach der anderen, wenn ich zu lange über all das nachdenke. Noch immer halte ich deine Scherben in den Händen, behutsam und wütend, und sie bohren sich ins Fleisch, sobald ich die Finger darum schließe. Ich weiß, dass niemand dich je wird ersetzen können. Weil du auch meine Scherben trägst, auch wenn ich das nie wollte. Du musstest sie nehmen, aus einer stillen Selbstverständlichkeit heraus, weil du der einzige warst, der sie und die Geschichten dahinter verstand. Weil du Dinge von mir weißt, die ich nicht einmal in Worte fassen kann. Weil du mich weit hinter meine Grenzen geführt und auch wieder zurückgeholt hast. Weil du einfach bist wer du bist. Mehr wusste ich nie zu sagen, wenn du fragstest, warum ich bei dir war. Mehr war nicht zu sagen. Ich hoffe, du gibst weiterhin gut auf sie acht, auf die Geschichte, die die Scherben bergen. Ich werde sie kein zweites Mal erzählen.
Eine Zeitlang dachte ich, ich könne nur bei dir frei sein, ich selbst sein. Nein, ich dachte nicht nur, dem war tatsächlich so. Jetzt geht es auch so, meistens. Ich habe mich gefunden und weiß mich zu verlieren. Nur der Stolz... der wird noch eine ganze Weile brauchen sich zu erholen.
'Der Himmel ist rot, so rot. Brennt. Wir leben lieber ungewöhnlich. Verschwenden nicht nur uns und unsere Jugend. Sondern direkt ein ganzes Leben. Denn Zeit bleibt keine. Wir stehen in Flammen. Kämpferherzen. Wir leben am Limit, sind vereint uneins. Wir rauschen durch den Tag, laut, lebendig. Mit dem Gefühl im Bauch, ewig zu leben und schon morgen zu sterben.
Die Musik wird leiser gedreht, Ruhe kehrt ein. Die Nächte sind lau, die Frösche quaken und ich beginne den Wind zu lieben, warm und sanft im Haar. Der Tag ist unser und die Nacht liegt uns zu Füßen.'
In solchen Momenten würde ich gern zum Telefonhörer greifen und deine Nummer wählen. Deine Stimme hören, die Tränen unterdrücken und ganz oft 'hallohallohallo' sagen. Dir erzählen, wie schön alles ist. Und wie sehr du dennoch fehlst.
Aber ich tue es nicht.
Hoffentlich schläfst du gut, ohne Gifträume und dergleichen. Mehr will ich doch gar nicht.
Erinnerungen sind. scheisse. Dann wenn sie wunderschön, verdammt nah und so unerreichbar sind. Lebendig und doch längst gestorben, verwest. Ein fader Nachgeschmack macht sich breit, unter der Zunge, über dem Herzen. Ich hasse. diese Erinnerungen. Rotiere um die eigene Achse. Sehe die selben Bilder in einer rot-schwarzen Endlosschleife. Alles wiederholt sich, Szene um Szene. Fortwischen wäre das einzig Sinnvolle. Fortwischen, auslöschen. Vergessen, vergessen, vergessen.
Die Musik ist laut und tief und lässt jedes Wort eindringen. Durch und durch und ein Strick um den großen pumpenden Muskel. Nimmt mir nicht nur Kraft sondern raubt auch Schlaf und Atemluft. Zu fest geschnürt. Eigentlich will ich nicht vergessen. Sondern es nur in etwas Gutes wandeln, etwas Emotionsloses. Sie trägt Schleier, die Erinnerung, und ist seltsam grell schwarz-weiss. Happy Birthday. Und fick dich. Es lässt sich nicht gut sehen durch zersplittertes Glas. Ich will die Augen schließen, ohne die Bilder sehen zu müssen, wie einen langen, schlechten Film. Verschwinde endlich.
Raus.aus.meinem.Kopf.
Musik: Beatsteaks - Cut off the top
Ich bin nicht mehr das kleine schüchterne Mädchen von damals. Ich brauche mich nicht mehr zu verstecken, weder meine Arme noch irgendetwas anderes. Ich bin noch immer ruhig, aber eher ruhend denn zurückhaltend. Natürlich bin ich auch immer noch schüchtern, innen, manchmal. Aber ich kämpfe, wenn es darauf ankommt und werde laut, wenn es nötig ist. Ich kann auf andere zugehen und mich wohlfühlen, ohne verloren zu sein. Ich habe Freunde, die mich auffangen und eine Familie die mir ein Zuhause ist. Und ich finde mich wunderbar zurecht in diesem Leben.
First I swallow then I throw up
Come and try me falling apart
Climb this mountain to cut off the top
Du hast mir damals vorgeworfen, ich hätte mich verändert. Ich wäre nicht mehr das leise Mädchen, das du kennengelernt hast, sondern erwachsen und selbstbewusst. Ich hatte gehofft, du wärst stolz auf das, was aus mir geworden ist. So stolz wie ich es war, das alles hinter mich gebracht zu haben. So stolz wie ich auf dich war. Und ich dachte, du würdest wissen, dass ich mich im Inneren nicht verändert habe, der verwundbare rotglänzende Kern ist geblieben, auch wenn die Hülle darum stärker und fester geworden ist. Es waren immer noch dieselben Tränen in den Augen, wenn du mich so angeschaut hast. Dieselbe Verletzlichkeit, wenn ich in dir versunken bin. Ich dachte du wüsstest es... Doch du warst nicht stolz, du hast es mir vorgeworfen, als wäre es etwas schlechtes. Ich hoffe du warst nur wütend, der Vorwürfe wegen die ich dir gemacht habe. Ich hoffe du wolltest mir einfach nur irgendetwas entgegensetzen. Es hat funktioniert. Wunder Punkt. Niemand hat mich je so verletzlich gemacht wie du.
Aber es ist vorbei. Und ich weiß, dass ich stolz sein kann. Das ich aufrecht gehen kann. Das ich groß bin und die Welt auf mich wartet. Ich kann umgehen mit Niederlagen, mit Herzschmerz. Ich darf hohe Ansprüche haben; und allein sein, wenn niemand diesen Ansprüchen entspricht. Ich darf zusammenbrechen, wenn das alles auf mich niederfällt. Weil ich wieder aufstehe. Phönix aus der Asche. Und ich darf auch verdammt noch mal glücklich sein mit dem was ich habe, was ich bin, was ich werde.