Dar es Salaam
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Es war früher Morgen, als ich in Dar es Salaam ankam. Ich saß im Taxi, mit vier mir unbekannten Menschen, von denen zwei bald schon zu meiner Familie gehören sollten. Ich starrte aus dem Fenster, sprachlos. Diesen ersten Eindruck der Stadt werde ich wohl nie vergessen. Die Straßen waren gut, asphaltiert und breit, doch die kleinen Hütten und Läden dahinter raubten mir alle Worte. Und die Menschen, so viele Menschen, und alle schienen sich am Straßenrand versammelt zu haben, saßen dort, oder verkauften unerkenntliche Dinge vom Boden. Immer mehr Autos waren auf der Straße, bis wir schließlich im mir unverständlichsten Stau standen und Busse an uns vorbeikrochen, in denen die Menschen eng aneinandergepfercht saßen und standen. Und alle schauten sie mich an, durch die Autoscheibe, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Es war dreckig, ich hatte das Gefühl die Leute dort am Straßenrand lebten im Müll. Und die ganze Zeit dachte ich, das wäre sicher nur außerhalb so und wir würden gleich in eine bessere Gegend fahren. Außerhalb waren wir tatsächlich, und nach zwei Tagen hatte ich auch begriffen, dass es hier beinahe überall so aussah und es noch nicht einmal besonders schlimm war, im Gegenteil recht geregelt und sauber. Ich glaube, ich habe die gesamte Fahrt keine drei Worte gesagt, sondern nur aus dem Fenster gestarrt und mich fortgewünscht. Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit irgendwo rechts abbogen, blickte ich erschrocken hoch und sagte mir, dass es hier doch noch nicht sein könnte. Ich sah ein kleines Geschäft und halbzerfallene Mauern und die Straße vor mir, die eigentlich mehr aus Löchern als aus Straße bestand. Bis ich dem Finger von Hawa folgte, der auf die andere Straßenseite deutete, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Das Haus war tatsächlich ein Haus. Aus schönem Stein mit einem surreal blauen Zaun davor. Der Eingang führte an der Garage vorbei zum Hof, wo auch schon die halbe Familie auf mich wartete und sich freudig vorstellte.
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Es dauerte mindestens eine Woche, bis ich all ihre Namen wusste und mir auch ganz sicher war, wer im Haus lebte und wer nur zu Besuch gekommen war. Dann kannte ich auch den netten Jungen, der im Geschäft gegenüber arbeitete und mir so ziemlich alles verkaufte von Handykarten über Zahnpasta bis Kaugummi und mich jeden Morgen begrüßte, wenn ich aus dem Haus kam und zur Arbeit ging. Die Busfahrt zur Arbeit war jeden Tag ein neuer Kampf, denn der Stau, den ich schon am ersten Morgen erlebte hatte, war keine Ausnahme, sondern wiederholte sich jeden Morgen. Und jeden Abend. Und an Feiertagen ganz besonders. Ich stand also an der Bushaltstelle inmitten, wie es mir schien, Hunderter anderer, gegen die ich um einen Platz im Bus kämpfen musste. Und kämpfen heisst auch wirklich kämpfen. Ich habe es bis zum Schluss nicht verstanden. Menschen, deren Zeitverständnis ein völlig anderes ist, als das des gehetzten Europäers und denen es nichts ausmacht eine halbe Stunde später da zu sein oder noch einen Tee zu trinken, wenn man doch eigentlich verabredet war, werden plötzlich hektisch, wenn sie einen Bus verpassen könnten, oder die Fähre. Und dann haben sie kein Problem, mit Ellenbogen und geballter Körperkraft alle anderen, die auch einsteigen wollen, wegzudrängen. Mal ganz davon abgesehen, dass jeder Weg durch eine größere oder auch kleinere Menschenmenge zum Spießrutenlauf wurde, bei dem ich mich so gar nicht wohl fühlte, wenn ich allein unterwegs war. Nicht weil ich Angst hatte, die meisten Leute waren zwar aufdringlich, aber freundlich. Sondern weil genau diese Art von Freundlichkeit wahnsinnig anstrengend ist. Weil ich es nicht gewohnt war, ununterbrochen angestarrt und angesprochen zu werden und aufzufallen, nicht wegen meiner Kleidung oder meines Benehmens, sondern schlicht und einfach um meiner Hautfarbe willen. Von aufdringlichen Männern, von neugierigen Kindern, von geldwitternden Verkäufern aller Art, die jeden der vorbeiläuft sofort als Schwester ansprechen und von Frauen, die mich ansahen, als würde ich ihnen etwas wegnehmen. Aber eine freundliche Begrüßung musste trotzdem immer drin sein, denn die meisten machten einfach nur Scherze und es wäre grob unhöflich, nicht, oder gar wütend zu reagieren. Ein gemurmeltes, jaja, leck mich am Arsch, konnte ich mir manchmal trotzdem nicht verkneifen.Â
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Sie begegnete mir direkt an einem meiner ersten Tage in der Psychiatrie. Ich saß in unserem Büro und wartete noch auf meine offizielle Erlaubnis vom Klinikleiter, mein Praktikum beginnen zu können. Sie kam ins Büro, mit einem breiten und herrlich offenen Lächeln. Ich stammelte eine Begrüßung in einem seltsamen Gemisch aus Swahili und Englisch, bis ich zwei Minuten später herausfand, dass sie aus der Schweiz kam, auch Psychologiestudentin war und an ihrer Masterarbeit schreibt. Ich habe sie an diesem Tag in eine der Schule begleitet, wo sie eine Fragebogenstudie mit den Kindern machte und war danach mit ihr am Strand. Ihre natürlich-euphorische Art riss mich sofort mit und in den Wochen danach trafen wir uns oft. Wir schliefen in Zanzibar in einem Zimmer, dass nach Schimmel und Keller roch; auf einer Matratze, bei deren Anblick ich spontan entschloss, meine Kleidung doch lieber anzubehalten und unter einem Moskitonetz, dass wir nicht aufspannten, weil Yolanda einen Lachanfall bekam, nachdem sie daran gerochen und mit angeekeltem Gesicht zurückgewichen war. Wir fuhren zusammen Bus, eingekeilt zwischen zu vielen Menschen und feilschten mit den Händlern, bis wir beide keine Lust mehr hatten und doch den vollen Preis bezahlten. Wir überlebten die Fähre trotz aufsteigender Übelkeit unbeschadet und sie bekam meine Tabletten gegen Reisekrankheit. Wir saßen am Strand und nachts in Bars, eigentlich fast nie allein, fanden Seesterne und schöne Schuhe, die größte und röteste Spinne der Welt und das beste Essen, was ich je gegessen habe.
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Es war am Abend bevor ich nach Arusha fuhr. Ich glaube, ich stand in der Küchentür, Aziza, meine kleine Gastschwester, kam zu mir, nahm meine Hand und fragte, warum ich sie verlassen würde, ich wäre doch ihre beste Freundin. Ich nahm sie in den Arm und hätte beinahe losgeweint und ich sagte ihr, ich würde doch wiederkommen, in ein paar Tagen schon. Aber ich wusste, was sie meinte und es fiel mir genauso schwer. Als ich wiederkam, ging ich mit ihr und einem Freund einkaufen. Also eigentlich kaufte ich ein und sie waren meine geduldige Begleitung. Wir aßen Pommes mit Ei danach, in einer kleinen Bude an der Straße, tranken Cola und sie war so glücklich an diesem Tag. Ich auch. Am Abend danach, es war mein vorletzter in Tanzania, war die Familie am feiern. Ich hatte Kuchen mitgebracht und alle freuten sich. Ich war eigentlich eher traurig und fand den Rummel ein wenig fehl am Platze. Aziza verschwand irgendwann im Haus und schaute sehr bedrückt, als sie wieder raus kam. Ich ging zu ihr und fragte sie, was los sei, alle wären doch so fröhlich. Da begann sie zu weinen, meinetwegen und wir saßen lange nebeneinander und ich hielt ihre Hand.
tbc.



