Oma wurde typisch preußisch erzogen, verlor früh ihren Vater und bekam
einen Stiefvater. Ich tippe mal darauf , dass einer der beiden sie
missbraucht hat. Wissen tue ich es nicht, ich ahne es. Die musste auf
Grund von Berufswechseln des Stiefvaters 6 mal die Schule und Wohnorte
wechseln, woran sie viel zu knabbern hatte. Da natürlich jedes Mal auch
die Freunde weg waren.
Recht bildhaft kann sie mir vom Krieg erzählen und ich muß sagen - ich
höre ihr gerne zu- Mein Opa durfte nie erzählen und ich glaube er hat
schlimmes erlebt. Kaum war er Tod, kam sie dran und begann zu erzählen.
Sehr bildhaft und nah.
Ihre Mutter lebte lange Jahre mit in der Familie, was meinen Opa wohl
manchmal zu Verzweiflung gebracht hat. Sie wird eine ähnliche Glucke
gewesen sein, wie meine Oma dann später. Nie Verantwortung abgeben
können und den anderen Menschen, als erwachsenen Anerkennen und
Akzeptieren. Noch heute erzählt sie mir, was ich zu tun habe und wie
ich auf mich aufzupassen habe. Ich denke mir dann nur: "Mein Gott, wie
bin ich überhaupt fähig dazu mit meinen Kollegen auf 42 Kinder
aufzupassen und Verantwortung für sie zu tragen?"
Lange Zeit waren Oma und Opa für mich die Verkörperung des
psychologisch-Freudschen "Über-Ichs". Sie schlugen alles und immer in
dicken Büchern nach, schauten auf Karten wo Länder und Städte sind.
Vermittelten mir eine Menge Grundwissen.
Mein Opa hatte wohl immer ein doofes Gefühl, dass er kein Abitur machen
durfte und eine Ausbildung machen durfte. So war er sehr belesen, gab
Führungen hier von Wiesbaden und hielt Vorträge. Leider war ich damals
noch zu klein, um das zu verstehen und mitzumachen.
Ich glaube, bei meinem Opa steckte wirklich was dahinter.
Doch bei meiner Oma bröckelte diese Fassade in ein paar Situationen
ganz heftig. Sie ist ja Ärztin, hatte nie eine eigene Praxis sondern
arbeitete zur Vertretung bei Kollegen. Irgendwann war ich medizinisch
so versiert, dass ich mit ihr Fachsimpeln wollte.
Ich hatte unter anderem eine Lehrgangseinführung in die Interpretation
eines EKG`s gelernt. 8 Stunden intensive Einarbeitung in die Materie.
Ich wollte mit ihr darüber reden. Doch es kam nichts von ihr. Ihr war
das alles unbekannt.
Ich erschrak. Fragte sie, was sie denn machen würde, wenn jmd in der
Praxis, wohl einen Herzinfarkt hätte. Sie meinte, "Na dann hole ich die
Jungs vom DRK, oder ASB. Die haben doch dann immer so ein EKG dabei und
wissen , was zu tun sei.
Sie war x-mal in Barcelona bei ihrem heiß geliebten Cousin. Ich fragte
sie , ob sie dies und jenes Gebäude kennen würde. Nein, Mane hätte es
ihr nicht gezeigt. Ich fragte Mane, wieso er Oma denn das alles
vorenthalten würde. Er antwortete, Oma wolle das alles gar nicht sehen,
sie interessiere sich nicht dafür. Mane hatte meinem damaligen Freund
und mir die Stadt von einer Seite gezeigt die man in keinem Reiseführer
findet. So interessant und liebevoll macht er das alles.
Eine soo schöne Stadt, zu allen Jahreszeiten bereist und sie kannte nur
die Kathedrale, die Rambla, den Einkaufladen vor der Tür und den Hafen.
Traurig, einfach traurig.
Und mir betete sie immer vor, ich solle reisen, das Bildet!
Diese Fassade bröckeln zu sehen tat mir weh, da ich sie immer für etwas
anderes gehalten hatte. Auch beobachtete ich sie in Gesprächen mit
anderen Leuten. Ging es um ein Thema das Wetter oder andere
Oberflächigkeiten hinter sich lies, blieb sie oberflächig und vertrat
keine eigenen Meinung.
Fasziniert hatte sie mich in der Türkei. Wir hatten Freunde besucht,
die für sie, wie eine Familie geworden war. Wir wohnten 2 Wochen dort ,
ich hatte Heimweh ohne Ende , und das mit 15. Aber die Bilder und
Eindrücke, die ich dort erlebte waren sehr eindrucksvoll. Wir waren
keine Touris sondern lebten mitten unter den Menschen auf dem Dorf.
Irgendwann machten wir eine kleine Schiffstour. Es waren 2 oder 3
kleine Yachten, die zu den griechischen Inseln fuhren. Die Fahrt
dauerte wohl den ganzen Tag und wir grillten an einer Insel frischen
Fisch und konnten schnorcheln. Es war traumhaft.
Das Wasser war kristallklar, metertief konnte man schaue. Es war eiskalt , aber türkisblau wie im Urlaubskatalog.
Oma sprach von der Yacht in das Wasser. Ich schätze mal die Höhe auf 3
Meter. Sämtliche Passagiere klatschten und staunten über meine mutige
Oma. Ich fand es toll! Die war Mitte oder Ende 60 , als sie das machte.
Auf dem Rückweg verkrümelte ich mich nach ganz unten in den
Schiffsrumpf und lies meine Oma holen. Ich bin nicht bootstauglich,
hatte Angst und war froh, als wir wieder an Land waren.
Aber der Sprung hatte mir imponiert. Jahre später fragte ich sie, ob
sie das noch mal machen würde. Sie bejahte spontan, meinte aber, sie
würde es nicht mehr tun, da sie wohl die Schiffleiter nicht mehr
hochkommen würde.
Mir fallen viele Geschichten zu ihr ein, die sie mir so Bildhaft
erzählt hat, das ich sie in meinem Kopf habe. Ich werde sie wohl nach
und nach aufschreiben müssen, um sie niemals zu vergessen.