ewige Baustelle im Kopf

19.03.2006 um 00:34 Uhr

Oma

von: Ynnette   Kategorie: Oma

Letzte Woche war ich mit Oma bei einer Bekannten Kuchen Essen. Ich hörte mir Geschichten über Geburten in Kriegszeiten und andere Krankheiten an. Vorteile des Landarztes wurden aufgezählt und die Stadtärzte wären ja nichts mehr. Die leberentzündung und die Schwangerschaftsvergiftung wurden genaustens unter die Lupe genommen. Der Kuchen war wirklich lecker und ich versuchte es mit Humor zu nehmen. War froh, das das Thema Geschlechtskrankheiten ausgespart wurde. Stellte mir vor , ich sei mitten in einer Sitcom im TV.

Vorhin versuchte ich anzurufen um für den morgigen Tag einen Besuch bei ihr auszumachen.


Freizeichen - der Hörer wird abgenommen.
"Hallo Omi, hier ist Ynnette."
"Ach gibt es dich auch noch" - Ja mich gibt es auch noch. Du hast6 zwar keine Ahnung, wie viel ich in der letzten Woche nach einer ebenso heftigen Vorwoche gearbeitet habe, aber mich gibt es noch.
"Ja mich gibt es auch noch" Pause
"Wie geht es dir?"
"Na wie es einer alten Frau so geht, die Hautkrebs hat und noch mal ins Krankenhaus muß." (Ich hätte sterben könnnen, du hättest es bis heute nicht gemerkt)
"Ach hast du die Hautstelle an der Schläfe nun untersuchen lassen? Wird es rausgeschnitten?
......
"Sag mal Ynnette, kennst du jmd in deinem Freundeskreis, der Interesse an meinen alten medizinischen Büchern hätte?"
"Hm, Oma, ich hab da schon mal nachgefragt, aber die haben alle gesagt, dass sie aktuelle Ausgaben bräuchten."
"Das kann ja gar nicht sein, ich hab früher auch nur gebrauchte Bücher bekommen. Die sind doch noch gut."
Sehr vorsichtig, ich weiß, ich begebe mich auf Glatteis: "Naja weißt du, seitdem haben sich ein paar Dinge im Stand der Medizin verändert"
"Ja aber die Therapien doch nicht."
Erklärungsversuch: "Sieh mal zum Beispiel Muskelkater. Früher hat man gedacht, das wäre eine Übersäuerung der Muskeln und da hat man so Therapiert. Heute weiß man , dass es minimale Muskelfaserrisse sind, und die Therapiert man Dann wieder anders. Da haben sich schon ein paar Dinge geändert."
"Ja das sind doch Ausnahmen. Du kennst also Niemanden der Daran Interesse hat?"
"Nein, wie gesagt, ich habe Nachgefragt und habe das zur Antwort bekommen"
"Na das ist ja ein Zeichen, das Diese Menschen noch nicht reif sind." (Nein ganz gewiß sind sie noch nicht reif. Sie sind auch nicht in de rLage Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen und leben noch nicht auf eigenen Füßen - Ich werde wütend.) "Aber eigentlich sollte ja Dein Bruder Diese Bücher abholen." (Mein Bruder ist Arzt und hat sein Jahren den Kontakt zu den Großeltern abgebrochen) "Aber dein Bruder ist ja eh Verhaltensauffällig." (Mir beginnt so langsam die Hutschnur zu platzen und ich spüre, dass ich sie SO morgen nicht besuchen kann.)
"Dazu sage ich jetzt nichts."
"Ja ja, der ist Verhalt3nsauffällig"
Pause
"Gibt es sonst was neues?"
Nein, ich bin ziemlich viel am Arbeiten. Seit 3 Tagen liegt ein Buch bei meinem Nachbar. Aber ich komme immer so spät heim, das ich nicht mehr klingeln möchte."
.....
"Gibt es sonst was neues"
"Nein."
"Na Dann...."
"Tschüs Omi ich wünsche dir ein schönes Wochenende."
Klack - Oma hat den Hörer aufgelegt.
Ich suche Absolution bei Paps. Rufe ihn an. Erzähle ihm von dem Telefonat und sage, dass ihn nicht die Energie habe morgen zu Oma zu gehen. Das ich versuchen muß, am Woe meinen Akku aufzuladen. Das sie mir so viel davon nimmt, ich hinterher einfach nur schlecht drauf bin. Er versteht mich. Erzählt mir ebenfalls von den Büchern. Das er bereits versucht hatte ihr zu erklären, dass Mediziner von heute auch Bücher von brauchen. Das sie viele Infos aus dem Netz holen.
Ich brauche Ruhe, möchte die Seele baumeln lassen. Und habe letztendlich und Halskratzen. Kein wunder. Aber zu Oma geh ich morgen nicht.

20.02.2006 um 17:42 Uhr

Oma

von: Ynnette   Kategorie: Oma

„Ich muß hier raus“ schoß es durch meinen Kopf. In meinen Augen sammelten sich die Tränen und ich wollte nur noch weg, raus in den Wald alleine sein, weinen. Bei Oma durfte ich noch nie Gefühle zeigen, da sie damit nicht umgehen kann. Und so fühle ich mich reichlich deplaziert, wenn mir die Tränen in die Augen kommen. Ihr Hände zitterten, die Stimme auch.

Es war ein reiner Pflichtbesuch und ich musste mich zwingen hin zu fahren. Hatte eine Tüte Cappuchinopudding für uns beide mitgenommen. Sie scheint hin und her gerissen zu sein, von nicht mehr wollen und noch mal ins Leben zu kommen. Und trotzdem baut sie ab.
Immerhin hat sie die Begrüßungsumarmung erwiedert, nciht die Arme baumeln lassen.

Zig mal von anderen gehört, zig mal alte Menschen mit dem Rettungswagen besucht und ins Krankenhaus gebracht. Nun ist es meine Oma, die noch gezählte Monate hat.

Nein ich werde sie im Leben nicht festhalten, aber das Loslassen tut weh. Scheißweh. Ich gehe ans Fenster, schaue hinaus, versuche mich zu sammeln. Sehe die Sonnenberger Burg, Bilder fliegen durch meinen Kopf, wo Opa noch da war. Wo ich hier im Wohnzimmer gespielt habe, mit Oma etwas gepuzzelt habe, oder im Garten die Puppen verpflegt habe. Negerlein war zum Beispiel dabei. In den 70er und 80ern konnte man seine Puppe noch so nennen, ohne rassistisch zu sein.

Oder als ein Maulwurf sich in den 3 Terrassen des Rasens ausgebreitet hatte. Ich hatte Löcher ins das Tunnelsystem gebaut und habe Gläser reingebastelt. Mit Oma saß ich dann in der Abenddämmerung vor dem Rasen. Wir erzählten uns Geschichten und warteten , dass der Maulwurf ins Glas laufen würde.

Er kam nicht, aber das draußen sitzen war schön.

 Nun stelle cih mir vor, wie sie im Krankenhaus liegt. sich noch ans Leben klammert, oder doch sterben will und nciht kann. Ich an ihrem bett sitze und nciht weinen kann. Ich will den Gedanken verdrängen, gehe zum Balkon und schaue dort hinaus.

Auf dem Balkon noch die Weihnachtkerzen, die Geburtsagspoststapel liegen immer noch auf dem Sofa. Und Oma start die Wand an. Erzählt von Mane und dass nun alle weg wären. Mir fällt es schwer damit umzugehen. Traurigkeit wurde früher von Oma nun zugelassen. Nun ist sie fast nur noch traurig. "was machst du da?" - "Ich schaue aus dem Fenster." Sie reißt mich in die Realität zurück, die ich kaum aushalten kann.

Ich kann nicht damit umgehen und will gehen. Will alleine sein.

Ich verabschiede mich und fahre in den Wald. Ein kleines Stückchen nur muß ich ins Gebüsch laufen, dann bin ich an einer meiner Lieblingsstellen. Ich habe noch nicht mal einen Platz zum sitzen gefundne, da holt mich der schmerz wieder ein. Die Tränen laufen nur so runter und ich weine stumm. Und nun tut es gut endlich weinen zu können. Als ich den Blick hebe sehe ich in knapp 50 Meter Entfernung 2 Rehe. Sie haben durch das Knacken der Äste wohl wahrgenommen, dass ich da bin, aber keine Witterung bekommen. Sie fressen gemütlich weiter und laufen langsam nach oben in den Wald. Ich schaue ihnen zu und das beruhigt. Die Friedlichkeit der beiden tröstet mich. Ich tanke Zuversicht und Trost. Fröstelnd in der Dämmerung genieße ich die Atmosphäre des Waldes. Ich spüre Dankbarkeit, dass ich mit der Situation von Oma nicht mehr alleine bin und schreibe Paps eine SMS.

Mehrere Jahre war ich die einzige der Familie die Kontakt hatten zu den Großeltern. Ich verstehe als Erwachsene erst warum. Bin dankbar, dass mein Vater versucht zu verzeihen und seine Ex-Schwiegermutter versucht gern zu haben. Und es ist nicht leicht.

08.02.2006 um 19:22 Uhr

Oma

von: Ynnette   Kategorie: Oma

Von 0 auf 100 in Millisekunden. Gerade eben bin ich geplatzt. Eigentlich bin erst seit 5 Minuten in der Tür. (War heute den ersten Tag wieder arbeiten. )

Dachte mir schon gleich , wenn ich zuhause bin Oma anzurufen, da ich mich die letzten Tage nicht gemeldet hatte, da ews mir ja selbst nicht so prickelnd ging.

Zusatz: Mein Anrufbeantworter ist zur Zeit besprochen mit: „Hallo Hit Radio FFH! Ich bedanke mich ganz herzlich für die 10 Tausend Euro aber auch sonst freue mich über eine Nachricht.

Das rote Licht blinkte und ich drückte die Abspieltaste. Eine klägliche Stimme meiner Oma tönte: „Na dann bist du ja vielleicht auch froh, dass deine Oma morgen ins Krankenhaus kommt. „

Der Puls begann sofort zu rasen, ich war kurz vorm Platzen. Ich rief Oma an und blökte (allem Verständnis des Alters und aller Krankheiten zum Trotz) in den Hörer, was denn der Mist solle, dass ich froh wäre, wenn sie ins Krankenhaus solle.
„Naja du freust dich
 da ja auch über irgendwelche 10.000 Euro, was ja auch nicht stimmt.“
– Luft holen bis 3 zählen. „das ist eine Sendung im Radio und die machen ein Gewinnspiel, wo man Geld gewinnen kann.“
„Von so was habe ich ja noch nie gehört“ (Unterton: dann gibt es so was auch nicht)
Ich pampig zurück (hätte bis 10 zählen sollen): „Du hörst ja auch kein Radio. Aber mal abgesehen davon, möchte ich so einen Humbug nicht, dass du dann so einen Spruch ablässt, wie ich würde mich freuen, wenn du ins Krankenhaus kommst.“
Eingeschnappter Ton mit Handbewegung zum Auflegen: „Na, is gut Ynnette.“

Kurze Überlegung, ob ich auf das „klack“ in der Leitung warten soll, dann besinne ich mich eines besseren.
Ich ändere meinen Tonfall und frage nach, was denn los sein. Wieso sie denn ins KH muß. Sie erzählt den Grund und ein bisschen mehr, bis ich dann nach 2 Minuten in abgekühlter Atmosphäre mich verabschiede und ich verspreche mich wieder zu melden.
Damit Paps vorgewarnt ist, was seiner Tochter denn einfallen würde, so mit ihrer Oma zu sprechen, rufe ich ihn an und erzähle ich davon.

In allem Respekt und sämtliche Reaktionen einer alternden Frau, das ging zu weit!

04.02.2006 um 11:42 Uhr

Oma: Bröckeln der Fassade und Faszination

von: Ynnette   Kategorie: Oma

Oma wurde typisch preußisch erzogen, verlor früh ihren Vater und bekam einen Stiefvater. Ich tippe mal darauf , dass einer der beiden sie missbraucht hat. Wissen tue ich es nicht, ich ahne es. Die musste auf Grund von Berufswechseln des Stiefvaters 6 mal die Schule und Wohnorte wechseln, woran sie viel zu knabbern hatte. Da natürlich jedes Mal auch die Freunde weg waren.

Recht bildhaft kann sie mir vom Krieg erzählen und ich muß sagen - ich höre ihr gerne zu- Mein Opa durfte nie erzählen und ich glaube er hat schlimmes erlebt. Kaum war er Tod, kam sie dran und begann zu erzählen. Sehr bildhaft und nah.
Ihre Mutter lebte lange Jahre mit in der Familie, was meinen Opa wohl manchmal zu Verzweiflung gebracht hat. Sie wird eine ähnliche Glucke gewesen sein, wie meine Oma dann später. Nie Verantwortung abgeben können und den anderen Menschen, als erwachsenen Anerkennen und Akzeptieren. Noch heute erzählt sie mir, was ich zu tun habe und wie ich auf mich aufzupassen habe. Ich denke mir dann nur: "Mein Gott, wie bin ich überhaupt fähig dazu mit meinen Kollegen auf 42 Kinder aufzupassen und Verantwortung für sie zu tragen?"


Lange Zeit waren Oma und Opa für mich die Verkörperung des psychologisch-Freudschen "Über-Ichs". Sie schlugen alles und immer in dicken Büchern nach, schauten auf Karten wo Länder und Städte sind. Vermittelten mir eine Menge Grundwissen.
Mein Opa hatte wohl immer ein doofes Gefühl, dass er kein Abitur machen durfte und eine Ausbildung machen durfte. So war er sehr belesen, gab Führungen hier von Wiesbaden und hielt Vorträge. Leider war ich damals noch zu klein, um das zu verstehen und mitzumachen.

Ich glaube, bei meinem Opa steckte wirklich was dahinter.
Doch bei meiner Oma bröckelte diese Fassade in ein paar Situationen ganz heftig. Sie ist ja Ärztin, hatte nie eine eigene Praxis sondern arbeitete zur Vertretung bei Kollegen. Irgendwann war ich medizinisch so versiert, dass ich mit ihr Fachsimpeln wollte.
Ich hatte unter anderem eine Lehrgangseinführung in die Interpretation eines EKG`s gelernt. 8 Stunden intensive Einarbeitung in die Materie. Ich wollte mit ihr darüber reden. Doch es kam nichts von ihr. Ihr war das alles unbekannt.
Ich erschrak. Fragte sie, was sie denn machen würde, wenn jmd in der Praxis, wohl einen Herzinfarkt hätte. Sie meinte, "Na dann hole ich die Jungs vom DRK, oder ASB. Die haben doch dann immer so ein EKG dabei und wissen , was zu tun sei.


Sie war x-mal in Barcelona bei ihrem heiß geliebten Cousin. Ich fragte sie , ob sie dies und jenes Gebäude kennen würde. Nein, Mane hätte es ihr nicht gezeigt. Ich fragte Mane, wieso er Oma denn das alles vorenthalten würde. Er antwortete, Oma wolle das alles gar nicht sehen, sie interessiere sich nicht dafür. Mane hatte meinem damaligen Freund und mir die Stadt von einer Seite gezeigt die man in keinem Reiseführer findet. So interessant und liebevoll macht er das alles.
Eine soo schöne Stadt, zu allen Jahreszeiten bereist und sie kannte nur die Kathedrale, die Rambla, den Einkaufladen vor der Tür und den Hafen. Traurig, einfach traurig.
Und mir betete sie immer vor, ich solle reisen, das Bildet!

Diese Fassade bröckeln zu sehen tat mir weh, da ich sie immer für etwas anderes gehalten hatte. Auch beobachtete ich sie in Gesprächen mit anderen Leuten. Ging es um ein Thema das Wetter oder andere Oberflächigkeiten hinter sich lies, blieb sie oberflächig und vertrat keine eigenen Meinung.

Fasziniert hatte sie mich in der Türkei. Wir hatten Freunde besucht, die für sie, wie eine Familie geworden war. Wir wohnten 2 Wochen dort , ich hatte Heimweh ohne Ende , und das mit 15. Aber die Bilder und Eindrücke, die ich dort erlebte waren sehr eindrucksvoll. Wir waren keine Touris sondern lebten mitten unter den Menschen auf dem Dorf.

Irgendwann machten wir eine kleine Schiffstour. Es waren 2 oder 3 kleine Yachten, die zu den griechischen Inseln fuhren. Die Fahrt dauerte wohl den ganzen Tag und wir grillten an einer Insel frischen Fisch und konnten schnorcheln. Es war traumhaft.
Das Wasser war kristallklar, metertief konnte man schaue. Es war eiskalt , aber türkisblau wie im Urlaubskatalog.

Oma sprach von der Yacht in das Wasser. Ich schätze mal die Höhe auf 3 Meter. Sämtliche Passagiere klatschten und staunten über meine mutige Oma. Ich fand es toll! Die war Mitte oder Ende 60 , als sie das machte.
Auf dem Rückweg verkrümelte ich mich nach ganz unten in den Schiffsrumpf und lies meine Oma holen. Ich bin nicht bootstauglich, hatte Angst und war froh, als wir wieder an Land waren.
Aber der Sprung hatte mir imponiert. Jahre später fragte ich sie, ob sie das noch mal machen würde. Sie bejahte spontan, meinte aber, sie würde es nicht mehr tun, da sie wohl die Schiffleiter nicht mehr hochkommen würde.

Mir fallen viele Geschichten zu ihr ein, die sie mir so Bildhaft erzählt hat, das ich sie in meinem Kopf habe. Ich werde sie wohl nach und nach aufschreiben müssen, um sie niemals zu vergessen.

30.01.2006 um 08:09 Uhr

Oma

von: Ynnette   Kategorie: Oma

Hätte ich gestern nach Oma Besuch nicht die Möglichkeit zu einem langen Spaziergang gehabt, ich wäre mit ner Kettensäge Amok gelaufen. Schon nach einer halben Stunde bei ihr war ich Todmüde, da sie mir sämtliche Energie entzog. Eine Schallplatte nach der anderen wurde aufgelegt und ich dachte ich platzte gleich. Gleichzeitig machte es mich aber auch traurig sie so zu sehen. Ich fühle mich einerseits mit ihrer Depression überfordert , andererseits möchte ich mich da auch gar nicht so reinziehen lassen.

Es klingt verdammt hart, was ich sage, und vielleicht sollte ich auch mehr Respekt vor ihren 88 Jahren durchscheinen lassen, aber nach kurzer Zeit war ich soweit, dass ich ihr – wenn ich eine Tablette gehabt hätte- eine Cyancalikapsel oder ähnliches gereicht hätte.

Sie will definitiv nicht mehr leben. Aber andererseits wird das nicht so funktionieren, dass sie sich einfach ins bett legt und sterben wird. Ich glaube sie wird einen langsamen Tod haben. Sie kann nicht loslassen, klammert an bestimmten Dingen und Personen fest.

Ich kann es nachvollziehen, erahne, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat, aber es wäre nicht mein Weg. Ob man mich versteht kann, wenn man die alte Dame nicht kennt, weiß ich nicht. Wer sie kennt, versteht mich!

Ich habe noch nie zuvor so lieblos Mitbringsel übergeben bekommen und mir tut es jedes Mal aufs neue weh, wenn ich sie zur Begrüßung und Abschied Umarme und sie steht unbeweglich da und reagiert kaum darauf. Sie ist so verhärtet, dass sie keine Liebe in dem Moment zeigen kann.

10.10.2005 um 20:27 Uhr

Oma

von: Ynnette   Kategorie: Oma

Besuche bei Oma sind energieraubend. Sie hängt seit dem Tod von Mane in einer fetten Depression drin. Sie sagt definitiv, das sie nicht mehr leben möchte und es Zeit ist für sie zu gehen. Es ist schwierig sich dann mit ihr zu unterhalten, da es einfach nur kraftzehrend ist. Sie war noch nie eine besonders einfache Frau. Sehr leistungsorientiert. Ich habe nach vielen vielen Jahren gelernt sie so einigermaßen zu nehmen. Und dennoch ist es mir am liebsten, wenn ich sie gemeinsam mit Paps besuche.

Ich kann mir erklären, warum sie ist, wie sie ist,. Das macht es aber nur manchmal und für Momente einfacher. Psychologisch war sie bis vor wenigen Jahren mein Freudsches Über-Ich. Diese Maske viel jedoch nach einigen Erlebnissen.

Wenn ich selber schlecht drauf bin, darf cih mich nicht bei ihr melden, das zieht mich nur umso mehr runter. Nach den besuchen bin ich platt, ausgezerrt, durste nach Leben und Aktivität oder einfach nur Ruhe. Freunde die sie nicht kennen, sagen „Ist halt ne Alte Frau. Akzeptier sie wie sie ist“. Freunde die die Ehre hatten die alte Dame kennen zu lernen können mich nur allzu gut verstehen und reden ganz anders.  

Ich habe Respekt vor ihr. Respekt, das sie – immerhin geht sie auf die 90 zu- noch Auto fährt, ihren Haushalt fast noch alleine schafft und in der Weltgeschichte herumreist. Das meine ich wörtlich. Türkei, Barcelona, Florida und ganz zu schweigen von diversen Besuchen in ganz Deutschland. Ich habe Respekt, das sie bis zum 66 Lebensjahr noch als Ärztin praktiziert hat. Ich habe Respekt vor ihrer Person, die – wenn man sie nicht näher kennt – sehr viel Selbstbewusstsein ausstrahlt und ein gewisses stilvolles Auftreten hat. Sie ist keine einfache Frau – in allen Lebenslagen.

Und dennoch muß ich mich immer wieder motivieren sie zu besuchen und anzurufen. Und ich ahne ihr Sterbeweg wird nicht leicht sein. Für sie nicht und für uns als Angehörige auch nicht. Sie verabschiedet sich so langsam. Und ich setzte mich seit langen damit auseinander.

Mußte das mal loswerden.