Oma
Vorhin versuchte ich anzurufen um für den morgigen Tag einen Besuch bei ihr auszumachen.
„Ich muß hier raus“ schoß es durch meinen Kopf. In meinen Augen sammelten sich die Tränen und ich wollte nur noch weg, raus in den Wald alleine sein, weinen. Bei Oma durfte ich noch nie Gefühle zeigen, da sie damit nicht umgehen kann. Und so fühle ich mich reichlich deplaziert, wenn mir die Tränen in die Augen kommen. Ihr Hände zitterten, die Stimme auch.
Es war ein reiner Pflichtbesuch
und ich musste mich zwingen hin zu fahren. Hatte eine Tüte Cappuchinopudding
für uns beide mitgenommen. Sie scheint hin und her gerissen zu sein, von nicht mehr
wollen und noch mal ins Leben zu kommen. Und trotzdem baut sie ab.
Immerhin hat sie die Begrüßungsumarmung erwiedert, nciht die Arme baumeln lassen.
Zig mal von anderen gehört, zig mal alte Menschen mit dem Rettungswagen besucht und ins Krankenhaus gebracht. Nun ist es meine Oma, die noch gezählte Monate hat.
Nein ich werde sie im Leben nicht festhalten, aber das Loslassen tut weh. Scheißweh. Ich gehe ans Fenster, schaue hinaus, versuche mich zu sammeln. Sehe die Sonnenberger Burg, Bilder fliegen durch meinen Kopf, wo Opa noch da war. Wo ich hier im Wohnzimmer gespielt habe, mit Oma etwas gepuzzelt habe, oder im Garten die Puppen verpflegt habe. Negerlein war zum Beispiel dabei. In den 70er und 80ern konnte man seine Puppe noch so nennen, ohne rassistisch zu sein.
Oder als ein Maulwurf sich in den 3 Terrassen des Rasens ausgebreitet hatte. Ich hatte Löcher ins das Tunnelsystem gebaut und habe Gläser reingebastelt. Mit Oma saß ich dann in der Abenddämmerung vor dem Rasen. Wir erzählten uns Geschichten und warteten , dass der Maulwurf ins Glas laufen würde.
Er kam nicht, aber das draußen sitzen war schön.
Nun stelle
cih mir vor, wie sie im Krankenhaus liegt. sich noch ans Leben
klammert, oder doch sterben will und nciht kann. Ich an ihrem bett
sitze und nciht weinen kann. Ich will den Gedanken verdrängen, gehe zum
Balkon und schaue dort hinaus.
Auf dem Balkon
noch die
Weihnachtkerzen, die Geburtsagspoststapel liegen immer noch auf dem
Sofa. Und
Oma start die Wand an. Erzählt von Mane und dass nun alle weg wären.
Mir fällt
es schwer damit umzugehen. Traurigkeit wurde früher von Oma nun
zugelassen. Nun
ist sie fast nur noch traurig. "was machst du da?" - "Ich schaue aus
dem Fenster." Sie reißt mich in die Realität zurück, die ich kaum
aushalten kann.
Ich kann nicht damit umgehen und will gehen. Will alleine sein.
Ich verabschiede mich und fahre in den Wald. Ein kleines Stückchen nur muß ich ins Gebüsch laufen, dann bin ich an einer meiner Lieblingsstellen. Ich habe noch nicht mal einen Platz zum sitzen gefundne, da holt mich der schmerz wieder ein. Die Tränen laufen nur so runter und ich weine stumm. Und nun tut es gut endlich weinen zu können. Als ich den Blick hebe sehe ich in knapp 50 Meter Entfernung 2 Rehe. Sie haben durch das Knacken der Äste wohl wahrgenommen, dass ich da bin, aber keine Witterung bekommen. Sie fressen gemütlich weiter und laufen langsam nach oben in den Wald. Ich schaue ihnen zu und das beruhigt. Die Friedlichkeit der beiden tröstet mich. Ich tanke Zuversicht und Trost. Fröstelnd in der Dämmerung genieße ich die Atmosphäre des Waldes. Ich spüre Dankbarkeit, dass ich mit der Situation von Oma nicht mehr alleine bin und schreibe Paps eine SMS.
Mehrere Jahre war ich die einzige der Familie die Kontakt hatten zu den Großeltern. Ich verstehe als Erwachsene erst warum. Bin dankbar, dass mein Vater versucht zu verzeihen und seine Ex-Schwiegermutter versucht gern zu haben. Und es ist nicht leicht.
Von 0 auf 100 in Millisekunden. Gerade eben bin ich geplatzt. Eigentlich bin erst seit 5 Minuten in der Tür. (War heute den ersten Tag wieder arbeiten. )
Dachte mir schon gleich , wenn ich zuhause bin Oma anzurufen, da ich mich die letzten Tage nicht gemeldet hatte, da ews mir ja selbst nicht so prickelnd ging.
Zusatz: Mein Anrufbeantworter ist zur Zeit besprochen mit: „Hallo Hit Radio FFH! Ich bedanke mich ganz herzlich für die 10 Tausend Euro aber auch sonst freue mich über eine Nachricht.
Das rote Licht blinkte und ich drückte die Abspieltaste. Eine klägliche Stimme meiner Oma tönte: „Na dann bist du ja vielleicht auch froh, dass deine Oma morgen ins Krankenhaus kommt. „
Der Puls begann sofort zu rasen, ich
war kurz vorm Platzen. Ich rief Oma an und blökte (allem Verständnis des Alters
und aller Krankheiten zum Trotz) in den Hörer, was denn der Mist solle, dass ich
froh wäre, wenn sie ins Krankenhaus solle.
„Naja du freust dich da ja auch über irgendwelche 10.000 Euro, was
ja auch nicht stimmt.“
– Luft holen bis 3 zählen. „das ist eine Sendung im
Radio und die machen ein Gewinnspiel, wo man Geld gewinnen kann.“
„Von so was habe
ich ja noch nie gehört“ (Unterton: dann gibt es so was auch nicht)
Ich pampig
zurück (hätte bis 10 zählen sollen): „Du hörst ja auch kein Radio. Aber mal abgesehen
davon, möchte ich so einen Humbug nicht, dass du dann so einen Spruch ablässt,
wie ich würde mich freuen, wenn du ins Krankenhaus kommst.“
Eingeschnappter Ton
mit Handbewegung zum Auflegen: „Na, is gut Ynnette.“
Kurze Überlegung, ob ich auf das „klack“
in der Leitung warten soll, dann besinne ich mich eines besseren.
Ich ändere
meinen Tonfall und frage nach, was denn los sein. Wieso sie denn ins KH muß.
Sie erzählt den Grund und ein bisschen mehr, bis ich dann nach 2 Minuten in
abgekühlter Atmosphäre mich verabschiede und ich verspreche mich wieder zu melden.
Damit Paps vorgewarnt ist, was seiner Tochter denn einfallen würde, so mit
ihrer Oma zu sprechen, rufe ich ihn an und erzähle ich davon.
In allem Respekt und sämtliche Reaktionen einer alternden Frau, das ging zu weit!
Hätte ich gestern nach Oma Besuch nicht die Möglichkeit zu einem langen Spaziergang gehabt, ich wäre mit ner Kettensäge Amok gelaufen. Schon nach einer halben Stunde bei ihr war ich Todmüde, da sie mir sämtliche Energie entzog. Eine Schallplatte nach der anderen wurde aufgelegt und ich dachte ich platzte gleich. Gleichzeitig machte es mich aber auch traurig sie so zu sehen. Ich fühle mich einerseits mit ihrer Depression überfordert , andererseits möchte ich mich da auch gar nicht so reinziehen lassen.
Es klingt verdammt hart, was ich sage, und vielleicht sollte ich auch mehr Respekt vor ihren 88 Jahren durchscheinen lassen, aber nach kurzer Zeit war ich soweit, dass ich ihr – wenn ich eine Tablette gehabt hätte- eine Cyancalikapsel oder ähnliches gereicht hätte.
Sie will definitiv nicht mehr leben. Aber andererseits wird das nicht so funktionieren, dass sie sich einfach ins bett legt und sterben wird. Ich glaube sie wird einen langsamen Tod haben. Sie kann nicht loslassen, klammert an bestimmten Dingen und Personen fest.
Ich kann es nachvollziehen, erahne, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat, aber es wäre nicht mein Weg. Ob man mich versteht kann, wenn man die alte Dame nicht kennt, weiß ich nicht. Wer sie kennt, versteht mich!
Ich habe noch nie zuvor so lieblos Mitbringsel übergeben bekommen und mir tut es jedes Mal aufs neue weh, wenn ich sie zur Begrüßung und Abschied Umarme und sie steht unbeweglich da und reagiert kaum darauf. Sie ist so verhärtet, dass sie keine Liebe in dem Moment zeigen kann.
Besuche bei Oma sind energieraubend. Sie hängt seit dem Tod von Mane in einer fetten Depression drin. Sie sagt definitiv, das sie nicht mehr leben möchte und es Zeit ist für sie zu gehen. Es ist schwierig sich dann mit ihr zu unterhalten, da es einfach nur kraftzehrend ist. Sie war noch nie eine besonders einfache Frau. Sehr leistungsorientiert. Ich habe nach vielen vielen Jahren gelernt sie so einigermaßen zu nehmen. Und dennoch ist es mir am liebsten, wenn ich sie gemeinsam mit Paps besuche.
Ich kann mir erklären, warum sie ist, wie sie ist,. Das macht es aber nur manchmal und für Momente einfacher. Psychologisch war sie bis vor wenigen Jahren mein Freudsches Über-Ich. Diese Maske viel jedoch nach einigen Erlebnissen.
Wenn ich selber schlecht drauf bin, darf cih mich nicht bei ihr melden, das zieht mich nur umso mehr runter. Nach den besuchen bin ich platt, ausgezerrt, durste nach Leben und Aktivität oder einfach nur Ruhe. Freunde die sie nicht kennen, sagen „Ist halt ne Alte Frau. Akzeptier sie wie sie ist“. Freunde die die Ehre hatten die alte Dame kennen zu lernen können mich nur allzu gut verstehen und reden ganz anders.
Ich habe Respekt vor ihr. Respekt, das sie – immerhin geht sie auf die 90 zu- noch Auto fährt, ihren Haushalt fast noch alleine schafft und in der Weltgeschichte herumreist. Das meine ich wörtlich. Türkei, Barcelona, Florida und ganz zu schweigen von diversen Besuchen in ganz Deutschland. Ich habe Respekt, das sie bis zum 66 Lebensjahr noch als Ärztin praktiziert hat. Ich habe Respekt vor ihrer Person, die – wenn man sie nicht näher kennt – sehr viel Selbstbewusstsein ausstrahlt und ein gewisses stilvolles Auftreten hat. Sie ist keine einfache Frau – in allen Lebenslagen.
Und dennoch muß ich mich immer wieder motivieren sie zu besuchen und anzurufen. Und ich ahne ihr Sterbeweg wird nicht leicht sein. Für sie nicht und für uns als Angehörige auch nicht. Sie verabschiedet sich so langsam. Und ich setzte mich seit langen damit auseinander.
Mußte das mal loswerden.