Musik: Fish: Misplaced Childhood live
Manche Dinge hauen so brutal rein, wenn sie einem bewusst werden. Besonders, wenn die Schutzmauern, die man damals mühsam errichtet hat, jetzt nichts mehr wert sind. Dies ist nicht der Ort, um sehr persönlich zu werden, aber ein klein wenig schon.
Mein Vater hat sich zu Anfang des Jahres neu verliebt. Das ist eine schöne Sache. Er hat mir das auf seine charmante Art am Karnevalssamstag mitgeteilt, früh am Morgen des Karnevalssamstag, als ich bei ihm zu Besuch war, an dem Tag nach dem gloriosen 1:0 Sieg der Alemannia gegen die blöden Bayern, ich lag relativ verkatert im Bett und er stürmte rein - wie er das schon immer tat, ohne anzuklopfen - und er hörte gar nicht mehr auf, über seine Gefühle zu reden und wie toll das alles sei und wie sehr verliebt er sei und das hätte er noch nicht erlebet usw..
Ich tat mein Bestes, mir gelang es, meine Augen offen zu halten und gelegentlich vorsichtig zu nicken und vielleicht entrang sich meiner trockenen Kehle ein dumpfes "h-hmm".
Ich habe mich wirklich für ihn gefreut und wünsche ihm auch heute noch das Beste, er soll mal ordentlich auf die Kacke hauen!
Dass wir in der Folgezeit wenig Kontakt hatten war relativ normal, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass zumindest sein Enkelkind ein wenig Interesse bei ihm wecken würde. Aber vielleicht war mein Blick da ja noch verschleiert.
Anyway, vor wenigen Wochen, um nicht zu sagen vor 10 Tagen, erhielt ich eine Mail von ihm, die üblicherweise mehr "?" und andere Satzzeichen als Buchstaben enthielt. Ich war schon ordentlich sauer, weil ich sozusagen die Aufforderung erwartete, am 2. Weihnachtstag zum Essen aufzutauchen. Ich las die ersten wirren Zeilen, sprang ans Ende, und tatsächlich: dort entdeckte ich das entsprechende Datum: 26.12. (mit vielen Fragezeichen dahinter...).
Dann wollte ich weiter lesen. Aber als ich den Satz las, in dem er sich nach dem beruflichen Weiterkommen meiner Frau "Gabi" erkundigte, platzte mir der Kragen. Meine Frau heisst "Sonja".
Mir fiel es wie Schuppen aus den Haaren, all diese Jahre, ich wollte es einfach nicht wahr haben, er war nie auf dem Fußballplatz gewesen, nicht einmal, das Autofahren brachte mir mein Patenonkel bei, mein Vater war nie da, es ging immer nur um ihn und ich habe das in meiner Jugend verstanden und dann wollte ich es nicht mehr wissen und dann dachte ich, ich nähere mich ihm und wir können etwas neues aufbauen und vielleicht so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung aufbauen...., mein Gott, wir leben seit einem Jahr in der neuen Bude, und er hat es nicht geschafft, er hat die verdammten 100 km nicht überwinden können, dieses alte Arschloch, und dann schreibt er mir so eine Mail und ich könnte kotzen.......
Ich habe ihm eine zweiseitige Mail zurück geschrieben, in der ich kein Blatt vor den Mund genommen habe. Seit dem hat er sich nicht mehr gemeldet.
cuZooN.