Musik: Muse: Absolution
Im altehrwürdigen Fillmore hängen die Größen der Rockzunft hinter Glas an den Wänden. Als erstes fällt mir tatsächlich ein Bild von Bono ins Auge und es wird mir klar, dass man hier und heute mit zweierlei Maß messen muss. Also denn.
Um Alkohol an der Bar zu bekommen, holt man sich ein grünes Plastikarmband beim Türsteher und ich weiss, dass ohne ein, zwei Bierchen hier nichts geht. Die Bardame macht einen leicht hysterischen Eindruck, vielleicht sind zwei Tage T.H. hintereinander für Rocker nur schwer zu ertragen.
07:43 Die Bude ist voll. Voller Kinder. Am Rand und im hinteren Teil des Saals stehen gelangweilt, besorgt oder belustigt wir: die Elterngeneration.
07:52 Immer wieder wird die Konservenmucke von Kreischattacken übertönt, schrille "Tokio-tel" Eskapaden gehen in ohrenbetäubende, besinnungslose "Aaaaaahs" über.
07:59 Das Saallicht geht aus. 800 Handys werden hochgehalten. Bis zum Ende.
08:00 Gustav im Tank-Top entert gelangweilt sein Drum-Set und beginnt mit dem monotonen 4/4-Takt, der die folgende Stunde vorherrscht. Die Kids flippen aus.
08:12 Ich brauche frisches Bier. An der Theke versucht ein angetrunkener Mit-Dreißiger, der jedenfalls nichts mit dem Konzert am Hut hat, die Bardame anzumachen. Sie ist gelangweilt und spielt mit. Ich gehe wieder zu meiner Elternfraktion und beobachte.
08:19 Das Set erreicht seinen musikalischen Höhepunkt mit der englischen Version von "Monsun", einer recht eingängigen Nummer. Ich halte mit den Füssen den 4/4-Takt. Die ersten Väter nehmen ihre völlig derangierten Töchter in den Arm und führen sie raus.
08:23 Musikalisch hatte ich mehr erwartet, alles ein bisschen schmal, durchsichtig, gähn.
08:24 Bills Gesten wiederholen sich. Mir scheint, dass mit fortschreitendem Konzert der Mixer seine Hand im Spiel hat und Bills Mikro aufdreht.
08:41 T.H. verabschieden sich und bedanken sich für den geilen Abend. Ich rechne in Gedanken den Stundenlohn der Jungs aus.
08:45 Sie kommen zurück. Natürlich. Und spielen ein vermeintlichde unplugged Version von irgendeinem ihrer Songs, den sie eben schon mal gespielt haben. Ich stutze. Und hole mir noch ein Bier. Der Typ an der Theke kommt auch nicht so recht voran und quatscht stattdessen andere Gäste an.
08:58 Nach einer weiteren Wiederholung von "Monsun" verlassen T.H. endgültig die Bühne, nachdem sie alles, aber wirklich alles, was nicht teuer ist, in die völlig aufgelöste Menge geschmissen haben: Drumsticks, Pleks, Handtücher, Wasserflaschen, Setlists, gebrauchte Taschentücher und abgekaute Fingernägel.
08:59 Das Saallicht geht an. Ich fass es nicht. Das war's. Damit wollen sie also den amerikanischen Markt erobern. Aber es wird reichen. Die Kids sind eh alle. Und glücklich. "Did you seeee? He looked at meeee, aaaaaaah....!".
09:17 Am Hinterausgang stehen die Unentwegten. Ich schlage meinen Kragen hoch, um nicht erkannt zu werden. Auf zum Union Square. Der eisige Wind weht durch die Häuserschluchten. Ach Bob, ach Bono.
cuZooN.