Musik: Nick Cave
An manche Dinge wird man nicht gerne erinnert. Manche Dinge zeigen einem die Welt, wie sie wirklich ist, wie sie wirklich war. Manche Erinnerungen wollen nicht erinnert werden.
Für mich ist meine Erinnerung noch immer ein Buch mit sieben Siegeln, ein Faß ohne Boden, eine Fundgrube. Es ist alles da, es liegt nur nicht brach, es muss ausgegraben werden, ans Licht gezerrt und betrachtet werden. Meine Ängste haben ihren Grund. Meine Erinnerungen haben ihren Platz.
Die Geschichte, die ich euch erzählen will, spielt im Sommer 1991, ich hatte die sinnloseste Zeit meines Lebens hinter mir (bei Gelegenheit muss ich mal von den damaligen Kriegsdienstverweigerungsgepflogenheiten berichten), ich hatte mein erstes Semester an meiner Heimatuni hinter mir, war motiviert bis in die Haarspitzen, hatte mich für einen Studentenwohnheimsplatz in einer anderen Stadt beworben und also beschlossen, endlich von zu Hause auszuziehen. Da kam mir der Trip nach Portugal mit meinem Kumpel Jacco gerade recht. Sowas ging bei uns damals nie unter 4 Wochen durch, mit dem Passat-Kombi bei Nacht losfahren, der Weg ist das Ziel - dem ein oder anderen dürfte das bekannt vorkommen.
Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern. Unsere Familie zeichnete schon immer eine konsequente Kommunikationsverweigerung aus, Gefühle, Emotionen waren schon gar kein Thema, ich hatte gelernt, dass Rückzug an allen Fronten die beste Strategie war, ich machte mich unsichtbar, wo es nur ging. Mein Vater war diesen Weg schon Jahre vorher gegangen, ich sage nur: Modelleisenbahn. Von ihm hörte ich nur, und zwar lautstark, wenn die Zensuren schlecht waren oder ich ein Glas zerdeppert hatte.
Meine Mutter, eine Kämpferin bis heute, hatte diese Schlacht schon lange verloren. Angst war unser Untermieter. Das Haus war schief vom Dachboden bis zum Keller.
Ich entdeckte also im Süden die Geheimnisse pflanzlicher Produkte, als der Mietvertrag für meine Bude in der neuen Stadt eintrudelte. Der musste binnen Wochenfrist unterschrieben werden. Eine Sternstunde des Schicksals ausnutzend, fälschte meine Mutter meine Unterschrift und schickte das Teil fristgerecht zurück; somit war klar: Wenn ich aus Wunderland wieder zurück käme, würde ich zu Hause ausziehen und ein neues Leben beginnen.
Als ich wieder in meine Heimatstadt kam, mein zu Hause betrat, durfte ich auf der Couch schlafen. Der Herr des Hauses hatte in seiner pragmatischen Art und Weise die Gunst der Stunde genutzt und mein Zimmer zum elterlichen Schlafzimmer umgewidmet.
Ich glaube, er sagte noch sowas wie: "Ich hatte doch gerade Urlaub, wann sollte ich das denn sonst machen...?".
Ich war 21, meiner letzten Illusion beraubt und zog endlich von zu Hause aus.
cuZooN.